Schrödingers Segel

Heute früh standen wir pünktlich um 9 Uhr vor der Tür der Segelmacherei. Zu behaupten, wir hätten dem Segelmacher höchstselbst die Tür aufgehalten, wäre eine Lüge. Er hatte den Laden schon kurz zuvor geöffnet.

Nach der Demonstration des Schadens kam die Bemerkung “c’est très compliqué”. Er erklärte uns, was er alles mit dem Segel anstellen muss. Natürlich haben wir uns die beste Stelle für die ausgerissene Öse ausgesucht. Ob er das Segel noch am selben Tag fertig bekommt, konnte er uns nicht sagen. Es klang eher so, als ob wir uns auf den Folgetag einstellen müssten.

Wir nahmen im Anschluss ein Touristenboot auf die Île de Batz und spazierten über die wirklich sehenswerte Insel. Es gibt dort zwar ein paar Autos, aber die Einheimischen fahren eher mit Motorrollern über die Insel. Die Landschaft ist wunderschön.

Auf dem Rückweg diskutierten wir über die Chancen, ob wir das Segel noch am selben Tag wieder bekommen oder nicht. Da sich die Chancen über den Tag nicht verändert haben und wir erst wissen konnten, ob das Segel repariert ist, wenn wir beim Segelmacher nachgefragt haben, nannten wir das Problem “Schrödingers Segel“.

Schrödingers Segel

Gegen ein paar Euros bekamen wir das reparierte Segel wieder zurück und haben es auch gleich angeschlagen. Nur für eine Abfahrt am Abend waren wir nach unserem Wandertag zu müde. So gibt es noch einmal leckeres, dreigängiges Abendessen mit Fischsuppe, faux-filet de boeuf und Kleinigkeiten aus der Pâtisserie.

Sehr optimistisch stimmt uns die Wettervorhersage für die nächsten Tage. Es sieht so aus, also könnten wir die Biskaya mit perfektem Wind überqueren. Ab Mittwoch oder Donnerstag soll er mehrere Tage konstant aus nördlichen Richtungen wehen. Genau das, was wir brauchen.

Auf dem Sprung

Bienvenue en France. Wir sind wieder auf der anderen Seite des Englischen Kanals angekommen. Wir sind im Land des guten Essens, der zivilisierten Sprache und des leckeren Weins. Wir sind in Frankreich.

Unser heutiger Segeltag von Roscoff nach Roscoff

Das habe ich doch schon einmal geschrieben, ich habe gerade ein Déjà-écrit. Wir sind doch heute losgefahren. Und wir sind heute wieder in Roscoff.

Das alles fing ganz prima an. Gestern haben wir mit der Wettervorhersage und den Stromkarten gearbeitet. Wir haben uns die optimale Abfahrtszeit ausgerechnet, um von Roscoff aus die Küste der Bretagne nach Westen abzusegeln, Kap Finistère zu umrunden und dann in den Hafen von Camaret-sur-Mer einzulaufen. Das wäre ein großer Schritt auf dem Weg nach Spanien gewesen, denn die hier meist westlichen Winde hindern uns am Vorankommen.

Noch in der Marina haben wir das zweite Reff in unser Großsegel eingebunden, denn es war starker Wind von 25 Knoten vorhergesagt. Der sollte dann im Laufe des Tages etwas stärker werden (bis 30 Knoten) – deswegen brauchten wir das zweite Reff. Frohen Mutes legten wir ab, genossen auf See zunächst einmal frisches Baguette mit einer Pâté de Lapin und erfreuten uns an acht bis neun Knoten Geschwindigkeit über Grund.

Die Freude hielt jedoch nicht lange an. Der Wind wurde viel schneller stärker, als wir das erwartet haben. Der Wind drehte auch zu unseren Ungunsten, was die Wetterfrösche für den Abend vorhergesagt haben. Am Abend hätten wir das für die Kursänderung nach Süden hin gebrauchen können, am Mittag war es nur lästig. Fünf bis sechs Meter hohe Wellen gestalteten die Reise anstrengend. Plötzlich rief Jens “das Groß ist am Arsch!!!”

Wir haben einen ca. 20 Zentimeter langen Riss im Großsegel, ein Reffbändsel hat seine Öse aus dem Segel gerissen. Nnngrrrmgrrrrn.

Die Entscheidung war einfach. Entweder weiter segeln bis Brest und irgendwie hoffen, dass wir dort einen Segelmacher finden. Während dessen würde der Riss im Groß sicher nicht wieder kleiner werden. Also wendeten wir und fuhren zurück nach Roscoff. Dort gibt es direkt am Hafen einen Segelmacher. Bei der Einfahrt nach Roscoff blies uns der Wind dann mit 45 Knoten entgegen. Da hat sich der Wind mal wieder nicht an die Vorhersage gehalten.

Wenn morgen der Wind wieder nachlässt, werden wir das Segel herunter nehmen und am Montag nähen lassen. Ich habe schon mit dem Segelmacher gesprochen, das ist eine Kleinigkeit und wird schnell gemacht. Nach vier Stunden Segeln haben wir heute also genau keine Meile in Richtung Spanien gut gemacht.

Willkommen an Bord, Christoph!

Seit Vorgestern haben wir ein neues Crewmitglied. Diesmal ist es weder ein Teddybär noch eine Küchenmaschine, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Christoph ist auf Guernsey zu uns gestoßen, um mit uns gemeinsam die Biskaya zu überqueren.

Christoph – hier mit seinem Smartphone beschäftigt

Wir kennen uns schon seit knapp zwei Jahrzehnten, das hat alles mit dem Motorrad fahren angefangen und sich beim Segeln fortgesetzt. Gerade bei den Nachtfahrten wird ein dritter Mann an Bord eine große Hilfe sein, denn dann können wir alle mehr schlafen.

Leider sitzen wir alle gemeinsam noch auf Guernsey fest. Es gab für die letzten beiden Tage eine Starkwindvorhersage. Sogar die meisten Fährverbindungen wurden annulliert.

Windvorhersage mit über 30 Knoten Wind

Wenn die Fähren nicht fahren, bleiben wir auch im Hafen. Noch haben wir die Möglichkeit. Gestern Nachmittag wurde der Hafen voller und voller, es haben viele Segler Unterschlupf gesucht. Entsprechend unangenehm wurde auch die Nacht. Sissi hat an den Leinen gezerrt, die geknarzt und gequietscht haben.

Heute war das Wetter wieder besser, doch konnten wir weiterhin nicht heraus fahren. Wir werden wohl bis am Montag warten müssen. Zwar wäre das Wetter morgen einigermaßen und wir können raus, doch hat die Tankstelle am Sonntag Nachmittag geschlossen. Uns fehlen noch 200 Liter Diesel, mit denen wir über die Biskaya fahren wollen. Der Diesel ist hier so günstig, dass es sich lohnt, eine weitere Übernachtung in der Marina zu bezahlen.

Unfall in Arklow

Jens hatte einen bösen Unfall mit der Schiffschraube. Oder so ähnlich… Jetzt erkenne ich ihn kaum wieder. Zuerst dachte ich, wir hätten einen blinden Passagier an Bord. Das Gesicht unter dem Bart habe ich zuletzt vor Jahren gesehen.

Zu nah an der Schraube getaucht – der Bart ist ab.

Derzeit warten wir noch in Arklow auf den passenden Wind, um nach Wales rüber zu fahren. Der soll morgen kommen, wie uns verschiedene Wetterdienste voraussagen. Also werden wir die Zeit nutzen, gestern haben wir beim Metzger leckere Leiterchen eingekauft und mariniert. Die werden heute gegrillt, da freuen wir uns drauf.

Auf jeden Fall sind wir glücklich, dass wir den weiten Weg über Schottland genommen haben und nicht durch den englischen Kanal gefahren sind. Aus Deutschland hören wir ständig von Temperaturen um die 40°C, genau so ist es in Frankreich. Hier in Irland stöhnen die Leute über die Hitzewelle, es sind aber nur 22°C.

Hitze in ganz Europa – außer in Irland

Außerdem beginnt heute die neue Fußball-Saison, unsere Eintracht hat ihr erstes Qualifikationsspiel für die Europaleague. Also werden wir das Abonnement von Eintracht-TV in Anspruch nehmen und uns das Spiel reinziehen. Da wir das erst nach dem Abpfiff tun können, werden wir die Telefone ausschalten, damit uns niemand das Ergebnis im Vorhinein mitteilen kann. Ich hoffe, das Ergebnis wird auch nicht auf der Homepage von Eintracht-TV angezeigt. Forza SGE!!!

Action

Fahrtensegler sind faules Pack. Sie liegen meist im Hafen herum und entspannen sich. Fahren sie dann doch einmal los, wollen sie möglichst wenig dabei arbeiten. Die entspannendsten Kurse sind Vorwindkurse bei moderater Welle. Da kommen die Segel am Morgen hoch und werden am übernächsten Tag an einem völlig anderen Ort wieder herunter genommen.

Sieben Wenden auf dem Weg nach Wicklow

Das Gegenteil sind Amwindkurse. Der Wind kracht von vorne auf das Boot, es muss sich in die Wellen stürzen und alle paar Minuten müssen die Segler arbeiten, weil der Kurs eine Wende will. Anstrengend.

Am Wind fahren ist anstrengend.

Nach nur sechs Stunden am Wind waren wir fertig und mussten uns in Wicklow aufs Ohr hauen. Wir sind das nicht (mehr) gewöhnt. Wir sind so schnell ins Bett gefallen, dass wir nicht einmal mehr großartig vom Anlegerbier wollten.

Nacht

Es ist Mitternacht. Wir sind auf dem Weg von Douglas nach Dublin. Jens hat mich vor ein paar Minuten geweckt, ich habe die zweite Wache. Der Wind bläst mit vier bis fünf Windstärken und Sissi läuft unter Vollzeug, es sind also beide Segel in voller Größe gesetzt. Wie so oft beim Segeln kommt der Wind aus der Richtung, in die wir fahren wollen, also müssen wir aufkreuzen. Das verlängert den Weg, ist aber um viele Größenordnungen besser als Motorfahrt.

Douglas haben wir gegen Mittag verlassen, damit sind wir schon zwölf Stunden unterwegs und haben etwa die Hälfte der Strecke hinter uns. Der Mond ist vor kurzem aufgegangen und taucht die irische See in sein blasses Licht. Das Tauwerk knarzt, hin und wieder flattern die Segel. Sonst höre ich nur das Zischen des Rumpfs durch das dunkle Wasser. Die Wellen sind sehr angenehm und Sissi schaukelt leicht. Alleine sind wir nicht, in der Ferne kann ich Lichter von Frachtschiffen und Fischerbooten sehen. Trotzdem sind wir am einsamsten Ort der Welt – 30 Meilen von Irland und 30 Meilen von der Isle of Man entfernt, zwar mitten in Europa, doch unser Kosmos ist auf die 12 Meter Schiffslänge von Sissi begrenzt.

Ich schalte das Radio ein. Wir sind zu weit von der Küste entfernt, um einen Sender empfangen zu können. Aus unserer Musikbibliothek wähle ich ein paar Platten von Udo Lindenberg aus, die mir die Nacht verkürzen sollen. Zwischendurch schaue ich immer wieder nach anderen Schiffen, der Segelstellung und dem Wind. Wir machen eine gute Fahrt von knapp sechs Knoten über Grund, dabei hilft der Tidestrom ein wenig mit. Trotz der frühen Stunde fühle ich mich frisch und ausgeruht, dabei habe ich kaum geschlafen.

Meine Gedanken schweifen wild in der Weltgeschichte herum. Wie wird die Fahrt über die Biskaya sein, wie wird die Überquerung des Atlantik? Was erwartet uns in den nächsten Tagen und Wochen? Kurz darauf lande ich wieder in der Gegenwart, das AIS vermeldet einen Fischer auf Kollisionskurs. Kurz überlege ich, ihn über Funk anzusprechen, dann ändert er wieder seinen Kurs. Seit Schottland haben wir keinen Fisch mehr gegessen, ich bekomme Lust auf Fisch. Um die Angel auszuwerfen, sind wir viel zu schnell. Bei unserer Geschwindigkeit beißt kein Fisch mehr an.

Udo Lindenberg singt über den Horizont, hinter dem es weiter geht. Dort wollen wir hin! Schon um drei Uhr zeigt sich die erste Morgendämmerung, kurze Zeit später schläft der Wind ein. Ich rolle die Genua ein, ziehe das Großsegel dicht und wir treiben nur noch in den Wellen. Der Wind hält sich ausnahmsweise an die Wettervorhersage, es regnet nicht und das Mondlicht ist noch über dem Meer zu erahnen. Ich koche eine Kanne Kaffee, warte auf den vorhergesagten Winddreher. In der Flaute herumdümpeln geht aufs Gemüt. Die Fallen schlagen, Sissi macht unangenehme Bewegungen, es fühlt sich einfach nicht gut an. Ich will der Versuchung widerstehen, wie auf einem Chartertörn den Motor anzuwerfen. Das können wir auf dem weiten Atlantik auch nicht.

Nach einer Dreiviertelstunde setzt der Wind wieder ein, diesmal aus einer günstigen Richtung. Wir können direkt auf Dublin zuhalten. Ich rolle die Genua wieder aus, wir gewinnen an Geschwindigkeit. Das Kielwasser gluckert wieder, der Rumpf zischt durch die Wellen. Wir sind auf Halbwindkurs, schneller kann man mit einem Segelboot nicht unterwegs sein. Auf dem Kartenplotter kann ich sehen, wie die Meilen zum Ziel zusammen schnurren. Wir fahren inzwischen mit über sieben Knoten auf Dublin zu.

Gegen halb Acht am Morgen wecke ich Jens, inzwischen bin ich müde und möchte auch ein paar Stunden schlafen. Jens freut sich über den Kaffee und dass ich ihm genug davon übrig gelassen habe. Zwei Möwen lieferten sich in unserem Cockpit einen kleinen Kampf und haben auf unsere Solarzellen geschissen und gekotzt. Das sieht ein wenig eklig aus, wir müssen es unbedingt wegmachen. Leichter Regen hat eingesetzt. Wir haben nur noch ein paar Meilen bis zur Einfahrt in die Dublin Bay vor uns.

Ich liebe diese Nachtfahrten, sie haben einen ganz besonderen Zauber. Besonders dann, wenn der Motor nicht läuft und das Wetter so schön ist. Es gibt keine schönere Art der Fortbewegung, als auf einem Segelboot bei Nacht.

Islay klebt. Aber richtig.

Irgendwie kommen wir hier nicht weg. Die Insel Islay hat einen enormen Klebeeffekt. Es fühlt sich an, als müsste man jeden Tag noch einen Tag länger bleiben. Heute haben wir uns aufgrund des weiterhin fehlenden Windes für einen Spaziergang zum Leuchtturm entschieden. Das Wetter war fantastisch, der komische gelbe Stern am Himmel war zu sehen.

Leithammel mit Untergebenen

Morgen fahren wir bestimmt ab. Der Wind kommt in der richtigen Stärke aus der richtigen Richtung. Da können wir ganz bestimmt nicht bleiben.

Die Wiederkäuer mit ihrem Leithammel kauten recht entspannt vor unseren Kameras herum, auch sonst konnten wir viel Natur sehen. Die ganze Insel ist voll Natur und ich würde am liebsten in jede Ecke laufen.

Hier klebt man jedenfalls nicht nur im Pub fest, sondern an der ganzen Insel. Wow! Ist mir bei den vorherigen Besuchen mit Charterbooten nie so aufgefallen. Damals hatten wir nie genug Zeit.

Jetzt sitzen wir fest. Auf Islay.

Irgendwo muss in einer Bibliothek das Buch “Zen oder die Kunst ohne Wind zu segeln” stehen. Leider nicht in meiner. Ein anderes deutsches Boot ist heute in Port Ellen reingekommen, wo wir seit gestern liegen. Die konnten segeln, so haben sie jedenfalls erzählt.

Das Wetter hier auf Islay ist toll. Die Sonne lacht vom Himmel, es weht kaum ein Lüftchen und nach Regen sieht es auch nicht aus. Genial daran ist, dass die Wetterlage sich wohl die ganze kommende Woche nicht ändern wird. Deswegen sitzen wir fest, denn wir wollen keinen Diesel verfeuern, nur weil der Wind ein wenig schwächelt.

Port Ellen Marina

Zugegebenermaßen gibt es schlimmere Schicksale, als auf Islay fest zu sitzen. Wir haben heute einen Spaziergang in die Laphroaig-Distillery gemacht und uns durch die Räumlichkeiten führen lassen. Wegen mir hätten wir die Führung auslassen und gleich den Whisky probieren können. Ich habe die Tour schon zweimal gemacht. Für Jens war es das erste Mal. Da man bei Laphroaig alles fotografieren darf (bis auf den Tourguide), hatte ich aber das Vergnügen, die eine oder andere schöne Impression mitnehmen zu können.

In den nächsten Tagen soll es vielleicht regnen, vielleicht auch nicht. Das ist eine klassische schottische Wettervorhersage. Und wenn es regnet, dann ist der Zustand nicht von Dauer.

Sehen wir die Sache positiv: Wir haben noch sieben Destillerien nicht besucht. Wenn wir jeden Tag ein bis zwei besuchen, haben wir den Rest der Woche zu tun. Der Busfahrplan ist einigermaßen übersichtlich. Außerdem gibt es eine Brauerei hier, die ich noch nicht kenne. Ich gebe das Geld lieber für Marinagebühren als für Diesel aus. Die Duschen hier sind hervorragend.

Wer uns also auf dem AIS nicht oder noch in Port Ellen findet, der hat keinen Fehler gemacht. Wir warten hier, bis der Wind passt. In einem Internetforum konnte ich mal folgende weise Worte lesen:

Der Segler mit Zeit hat immer den richtigen Wind.

Geschüttelt, nicht gerührt

Dieser Bericht entsteht gerade live auf der Überfahrt von Peterhead nach Inverness. Es ist Dienstag, der 25. Juni und kurz vor 13 Uhr Ortszeit.

Wir sind seemännisch die letzten Vollspackos. Also in echt. Nach dem gestrigen Studium der Wetterkarten und Tideströmungen wollten wir unter Motor von Peterhead bis Fraserburgh fahren, um dann dort bei passender Windrichtung und -Stärke den Parasailer herauszuziehen. Aus diesem Grund haben wir es auch nicht für nötig befunden, die Genua betriebsfähig zu machen oder das Groß klar zum Setzen zu halten.

Jetzt haben wir den Salat. Selbstverständlich wäre der Wind in Richtung und Menge mit dem Parasailor machbar, dann wäre auch Ruhe im Schiff. Auch mit der Genua könnten wir den Wind nutzen und Ruhe in den Kahn bringen. Der Wind aus nördlichen Richtungen sorgt aber dafür, dass hier eine perverse Welle steht – die Mitfahrer vom letztjährigen Schottlandtörn werden das noch kennen. Wir können nicht vor zum Bug kriechen und die Genua gangbar machen, die Gefahr ist zu groß, dass einer über Bord geht. Also arbeitet Onkel Benz weiterhin unter großer Lärmentwicklung.

Befreit vom Frühstück

Wenn man (wie ich) gerade unter Deck sitzt, ist das so ein wenig wie das Gefühl, ein Würfel in einem Knobelbecher zu sein. Wir werden geschüttelt. Jens hat die letzten Stunden mit einem flauen Gefühl im Cockpit verbracht, dann war es nach einer Kursänderung plötzlich so weit. Sein Frühstück und er gehen fortan getrennte Wege. Hoffentlich bringt ihn der Schlaf in seiner Koje wieder hoch.

Und die Moral von der Geschichte? Ganz einfach: In Zukunft haben wir immer mindestens ein Segel klar, so dass wir Ruhe in den Kahn bringen können. Die Unterwegs-Häfen Fraserburgh, Whitehills u. A. können wir bei dieser Windrichtung und Welle wahrscheinlich nicht sicher anlaufen, der Reeds rät davon ab. Also Augen auf und durch! In spätestens 10 Stunden ist der Spuk vorbei.

Ende des Live-Berichts von unserer Überfahrt.

Nachtrag: Wir konnten Whitehills doch anlaufen. Ein Telefonat mit dem Hafenmeister hat Klarheit gebracht. Für alle, die an Jens’ Problemen teilhaben möchten, habe ich hier ein kleines Filmchen von der Situation. Hätten wir wenigstens einen Fetzen Segel setzen können, wäre alles halb so wild geworden.

Geschüttelt

Wir sind bereit.

Alle Arbeiten sind getan. Der Motor brummt wieder und verliert keinen Diesel mehr. Einige Kraftstoffleitungen waren marode, es war gar keine Undichtigkeit im Hochdruckbereich. Falls noch weitere Leitungen marode werden, hat uns der Mechaniker einen Meter Ersatz dagelassen.

Wind von heute, 15:00 Uhr MESZ

Leider herrscht auf der ganzen Nordsee Flaute. Wenn wir jetzt losfahren, brauchen wir 300 Liter Wind aus dem Tank und haben die Nordsee gerade einmal halb überquert. Die Situation ist nicht gut.

Morgen schaut es auch nicht besser aus.

24 Stunden später

Am Mittwoch gibt es wenig Wind in unserer Richtung, wir wollen fast nach Norden, um bei Peterhead in Schottland zu landen.

So wird es am Donnerstag sein

Auch am Donnerstag ist auf der Nordsee nicht mit Wind zu rechnen. Es läuft da ziemlich weit im Norden eine Störung durch, an der Rückseite herrscht aber Flaute.

Könnte segelbarer Wind werden am Freitag

Erst am Freitag zeigt sich vor den Niederlanden einigermaßen segelbarer Wind. Wir werden es beobachten, schauen, prüfen, überlegen und irgendwann starten. Der Kühlschrank ist immer noch voll. Einer Wettervorhersage traue ich höchstens drei Tage weit.

Also: Wir sind bereit.