Planänderung. Abflug.

Vor ein paar Tagen schickte mir die Honorarkonsulin die Nachricht, dass ein Sonderflug von Aruba nach Amsterdam angesetzt ist. Es ist ein Flug der Niederlande nach Amsterdam, der auch Angehörige anderer EU-Mitgliedsländer mitnimmt. Jens und ich diskutierten das ausgiebig. In der Folge haben wir unsere Pläne etwas geändert.

Immer nur auf das Meer schauen können ist doof.

In wenigen Wochen besteht die Möglichkeit zum Start in Richtung Europa. Ende April öffnet sich das typische Zeitfenster. Auf unserer Route liegen Jamaika (geschlossen), Kuba (geschlossen), Bermuda (geschlossen), die Azoren (geschlossen), Portugal (geschlossen), Spanien (geschlossen), Frankreich (geschlossen und Segeln verboten) und England (noch offen). Ob England in zwei Monaten noch offen ist, kann heute noch keiner wissen. Das Zeitfenster schießt sich irgendwann Ende Juni mit dem Beginn der Hurrikansaison, die üblicherwese bis Ende November dauert.

Der direkte Weg nonstop nach Deutschland ist uns selbstverständlich nicht verbaut. Wir haben ein Segelboot mit unbegrenzter Reichweite, wir haben für Monate Proviant an Bord und wir müssen nicht tanken. Es handelt sich lediglich um schlappe 5500 Seemeilen (10175 Kilometer), die von uns in ca. 55 Tagen gesegelt werden können. Dazu kommen noch 14 Tage Selbstquarantäne vor der Abfahrt, damit wir sicherstellen können, dass wir die Seuche nicht schon an Bord haben. Also zwei Monate das Boot nicht verlassen. Irgendwie steht uns der Sinn gerade nicht danach.

Jens fliegt zurück nach Frankfurt, ich bleibe an Bord und auf Aruba. So sieht die Entscheidung aus. Nach der Hurrikansaison kommt Jens wieder zurück und wir fahren die Route, die ich oben beschrieben habe. Irgendwann machen die Länder ihre Grenzen wieder auf. Irgendwann können wir uns wieder so frei durch den Ozean bewegen, wie wir es lieben.

Der Abflug ist am 3. April um 16:30 Uhr angesetzt. Am 3. April hat aber auch Jutta Geburtstag. Wir sind zur Chapo eingeladen. Wir erklären Jutta, dass sie in ihrem Geburtstag hineinfeiern muss, wenn sie mit uns feiern möchte. Für den Abend des 2. April besorge ich die Zutaten für eine feine Abschiedslasagne. Die tragen wir zur Chapo. Dann feiern wir den letzten Abend. Dann feiern wir den Geburtstag von Jutta. Dann ist das Bier alle.

Sandalen haben ausgedient.

Am Morgen des Abflugtags werden mit leichtem Kater erst einmal die Sandalen beerdigt, die Jens schon mindestens seit einem Jahrzehnt durch Europa und nun durch die ganze Welt getragen haben. Zumindest bei mir kommt keine Sentimentalität auf. Berühren hätte ich die nicht mehr wollen.

Heute ist Abflugtag

Wir werden sentimental. Jens hat seine Sachen gepackt und kommt mit dem Gewicht gerade noch unter die Freigrenze. Ein letztes Foto gemeinsam mit Sissi. Ein letzter Schwatz mit den Chapos. Wir stehen an der Hauptstraße und warten auf Lel, einen Arubaner, den wir vor ein paar Wochen kennengelernt haben. Er hatte uns damals angeboten, dass er uns mit dem Auto fährt, wenn wir mal ein Problem haben. Das Problem liegt auf der Hand. Wir müssen zum Flughafen, es fahren aber keine Busse und keine Taxis. Lel fährt und bietet mir an, dass er mich auch wieder zurück bringt. Danke!

Gespenstisch einsam – Flughafen von Oranjestad

Am Flughafen ist erst einmal nichts los. Wir sind viel zu früh da. Natürlich haben sämtliche Grill- und Imbissbuden, Kaffeeläden und Minimärkte geschlossen. Der Flughafen ist geschlossen. Das ganze Land ist geschlossen. Wir waren so blöd, dass wir nicht daran gedacht haben. Zum Glück haben wir genug Wasser mitgenommen.

Warten, dass das Terminal öffnet

Zweieinhalb Stunden vor der geplanten Abflugzeit öffnet das Terminal. Wir haben zu diesem Zeitpunkt schon von Sicherheitsleuten erfahren, dass der Flug sich aufgrund von technischen Problemen eine Stunde verspäten wird. Jens organisiert über diesen Sicherheitsmann eine Pizza beim Lieferdienst.

Nur ein einziger Flug wird heute abgehen

Das Terminal öffnet und der Sicherheitsabstand zu den anderen Menschen ist leicht einzuhalten. Es gibt heute nur einen einzigen Flug.

Am Schalter erfährt Jens, dass er nicht auf der Passagierliste steht. Er kommt wieder nach draußen. Ich schicke der Konsulin eine Nachricht. Sie verspricht, dass sie sich sofort darum kümmert. Eine Viertelstunde später erscheint bei uns ein Mitarbeiter des Flughafens. Jens sei doch auf der Passagierliste. Er könne jetzt einchecken.

Vorne in der Schlange

Jens kommt wieder mit seinem Gepäck zurück. Er steht zwar auf der Passagierliste, es können aber derzeit nur Holländer abgefertigt werden. Der Mann, der die beiden deutschen Passagiere abfertigt, ist noch nicht eingetroffen. Also ist wieder Warten angesagt. Ich habe zwar Hunger – Jens hat vergessen, mich zu fragen, ob ich auch eine Pizza möchte – will aber nicht zurück zu Sissi, bevor Jens eingecheckt hat. Ich habe schließlich die kurze Leitung zur Konsulin.

Bescheuertes Selfie vor dem Flughafen

Es kommt wieder ein Mitarbeiter des Flughafen zu uns. Jens kann jetzt einchecken. Der dritte Versuch ist erfolgreich. Gut. Ich rufe Lel an, damit er mich abholt. Dann verabschiede ich mich von Jens. Kurz. Ich hasse Bahnhofsabschiede. Lel bringt mich zurück zu Sissi.

Den Nachmittag verbringe ich mit Telefonaten mit Freunden und der Familie. Donald Trump schickt Kriegsschiffe nach Venezuela. Wir können von Aruba aus nach Venezuela rüberschauen. Militärflugzeuge sind am Himmel zu sehen. Ich unterhalte mich noch etwas mit den Chapos.

Die Verspätung von Jens Flieger wird größer und größer. Er ist immer noch nicht in Paramaribo gestartet. Irgendwann erfährt Jens, dass der Flug auf den folgenden Tag verschoben wurde. Nach einer längeren Wartezeit kommt ein Bus und bringt die meisten verhinderten Passagiere in ein Hotel, das extra für diesen Flug wieder geöffnet wurde. Jens kommt zu Sissi zurück.

Wir feiern in kleinem Kreis den letzten Abend auf Aruba, nur Jens und ich. Im Radio hören wir, dass Deutschland erwägt, die Grenze zu Holland zu schließen. Das wäre blöd für Jens, denn er muss ja noch von Amsterdam nach Frankfurt kommen. Über die geschlossene Grenze fährt der ICE sicher nicht.

Am 4. April bekommt Jens regelmäßig Updates. Es wurde ein Ersatzteil für den Flieger nach Surinam geflogen. Der Flieger wird repariert. Es gibt eine Abflugzeit. Die Abflugzeit wird verschoben. Der Flug wird letztendlich wieder abgesagt und auf den 5. April verschoben. Ein Ersatzflugzeug kommt. Wir feiern noch einmal auf der Chapo. Wir können jetzt auf die Chapo, die Quarantänezeit ist vorbei.

Am Morgen des 5. April steckt mir der vorherige Abend in den Knochen. Die große Zahl der “letzten Abende” zieht sich hin. Ich habe keine Lust mehr auf den letzten Abend. Wir beobachten auf flightradar24 den Flug Ersatzmaschine auf dem Weg nach Paramaribo. Es sieht alles gut aus. Die Maschine landet. Jens bekommt die Nachricht, dass sein Flug verspätet sein wird. Verspätet ist besser als verschoben.

Jens steigt in den Bus

Die Ankunft der Busse an der Marina verzögert sich auch, es wurden nicht alle Fluggäste im Hotel gefunden. Das Hotel soll sehr gut gewesen sein. Hört man. Dann kommen sie doch, ich nehme kurz Abschied von Jens und das war es dann. Für die nächsten Monate.

Der Flug nimmt eine spannende Route nach Aruba. So viel Abstand zu Venezuela, wie es möglich ist. Herr Trump hat seinen Spaß in Venezuela.

Kurz vor der Ankunft.

Jens ist derweil im Terminal und wartet auf den Abflug. Wir tauschen Nachrichten aus. Ich bin traurig und gleichzeitig glücklich. Ich freue mich für Jens, dass er die nächsten Monate in Frankfurt verbringen kann. Ich bin gespannt, wie es mir jetzt ergehen wird. Ich bin traurig, welche Richtung der Segeltörn ohne unser Verschulden genommen hat.

Warten.

Während wir noch Nachrichten tauschen, geht plötzlich alles ganz schnell. Der Flieger schwebt über dem Hafen ein, ich kann ihn von Sissi aus sehen. Ich wechsle noch zwei kurze Nachrichten mit Jens, dann muss er sein Telefon ausschalten. Dafür dauert es wieder ewig, bis ich den Start des Fliegers im Internet beobachten kann. Wir sehen uns im Spätherbst wieder.

Auf dem Weg nach Hause

Kommentare zum Blog

Wir freuen uns über Kommentare. Ich mache es mir mit dem heutigen Beitrag einfach. So manche E-Mail erreicht mich, in der ich nach der Kommentarfunktion gefragt werde. Die Frage ist leicht zu beantworten.

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Deswegen hier auch ein Dankeschön an euch, die Leser. Wir bekommen Rückmeldung per Email, in Telefonaten mit unseren Verwandten und Freunden. Es macht uns Freuden, zu eurer Unterhaltung beitragen zu können.

Damit habe ich es mir heute sehr leicht gemacht. Hier gibt es sonst auch nichts neues. Vor dem Gerichtsgebäude kann man Hühner beobachten.

Im wilden Westen

Nachdem mich der Kreuzfahrer am Morgen so rüde geweckt hat, sind Jens und ich früh auf den Beinen und früh unterwegs. Bis zum Abend haben wir die Motorroller noch, wir bezahlen nicht für die Dinger, damit sie auf der Kaimauer geparkt sind.

Jens möchte eine ausgedehnte Wanderung im Naturpark machen. Ich habe ziemlich genau das Gegenteil vor, nämlich mich gar nicht vom Zweirad weg zu bewegen. So habe ich es in vielen Motorradurlauben meines Lebens gehalten, so halte ich es auch heute. Wir machen einen Treffpunkt aus und wollen uns am Nachmittag beim tollen Supermarkt treffen, bis dahin rollern wir unserer eigenen Wege.

Ich fahre in den wilden Westen. Das weiß ich aber vorher noch gar nicht. Das merke ich später. Zunächst geht es die Küstenstraße an der Westküste entlang. Hier tummeln sich hunderte Kreuzfahrer, die meist in Rudeln unterwegs sind. Sie schleppen Tauchflaschen über die Straße, radeln in Großgruppen mit Helmen oder fahren selbst in Golf-Karts auf der Insel herum. Auf jeden Fall brauchen sie viel Platz, der mir fehlt. Ich komme nicht dazu, von der wirklich schönen Aussicht an der Westküste Fotos zu machen. Das ist andererseits auch nicht so schlimm, denn Fotos von beeindruckenden Küstenlinien habe ich im Dutzend.

Gotomeer

Die Küstenstraße geht bis zum Ölterminal, dann biege ich rechts ab und lande direkt am Gotomeer. Im Gegensatz zu den holländischen Meeren ist dieses hier salzig und enthält Flamingos. Sogar ziemlich viele Flamingos sollen es sein, zunächst sehe ich nicht einen einzigen. Während sich das Rollerchen bergauf quält, erinnere ich mich daran, dass hier auf Bonaire die höchsten Berge der Niederlande stehen.

Flamingos im Gotomeer

Und dann sehe ich sie doch. Das Gotomeer ist ganz flach, Flamingos können dort mit ihren langen Beinen drin stehen. Auch an den tieferen Stellen.

Weiter führt mich die Straße bergauf und bergab, dabei stehen links und rechts der Fahrbahn imposante Kakteen. Ich bekomme bei jedem Auto im Gegenverkehr Schiss, dass ich mit dem rechten Ellenbogen an einem Kaktus hängenbleiben könnte, denn die Straße ist eng. Sie führt mich nach Rincon. Das alles sieht sehr ansprechend aus.

Rincon

Hinter Rincon führt der Weg dann weiter an die Westküste. Auf meiner Touristenkarte sind hier Offroad-Trails markiert, die man mit motorisierten Fahrzeugen befahren darf. Bevorzugt sind das wohl Quads, die man praktischerweise dort auch mieten kann. Ich habe aber schon ein Mietfahrzeug, meinen 50er Roller.

Offroad

Definitiv könnte man auf Bonaire einen Western drehen. Als Transportmittel würden die Esel dienen, Kakteen gibt es mehr als in Mexiko. In Rincon ist sogar eine Destille, die Schnaps aus Kakteen herstellt. Nennt man das Zeug nicht Tequila? Leider konnte ich es nicht probieren – einerseits musste ich noch fahren, andererseits standen zwei große Busse vor der Destille und innen war geschlossene (Kreuzfahrer-)Gesellschaft.

Kakteen

Wenn man ohne Schutzkleidung in kurzen Hosen und Sandalen mit dem Motorroller über unbefestigte Wege fährt, fährt man vorsichtig. Richtig offroad ist es nicht, auch mit meiner fetten BMW wäre ich da locker durchgekommen. Es macht aber Spaß und man kann sogar mit einem 50er Roller driften. Und ich habe die Kaution für den Roller nicht verspielt.

Kakteen mit Meerblick

Zuletzt lande ich wieder auf der Hauptstraße zwischen Rincon und Kralendijk. Später treffe ich mich mit Jens, wir geben die Roller vollgetankt wieder beim Vermieter ab. Ich erkläre der Vermieterin bei der Rückgabe, dass die Roller im selben Zustand sind wie am Tag zuvor. Und ich lobe meinen Roller und dass es sich auf den Offroad-Trails super fährt. Daraufhin sagt sie mir, dass das laut Mietvertrag nicht erlaubt ist. Sie nimmt es aber mit Humor, denn der Mietvertrag ist auf Holländisch und sie wäre seit Wochen mit der deutschen Übersetzung beschäftigt.

Wir bekommen dann noch einen Lift zu Sissi. Das ist spitzenmäßiger Service. Deswegen mache ich jetzt Werbung – unbezahlt. Damit ist es eine Empfehlung.

Empfehlung

Wenn du hier auf Bonaire mal einen Roller mieten möchtest, die Bude an der Pier will von 9 bis 17 Uhr 35$ haben und hat am Sonntag geschlossen. Wir haben für 24 Stunden 30$ bezahlt, dazu gab es noch fünf Extrastunden, weil wir am Sonntag um 12 dort waren. Und den Gratistransport zurück zu Sissi. Der Laden ist zwar einen knappen Kilometer vom Zentrum weg, liegt aber direkt neben dem besten Supermarkt.

An unserem letzten Abend auf Bonaire sehen wir noch einmal eine wunderbar kitschige Abendstimmung. Morgen fahren wir weiter.

Kitsch über Kralendijk

Spaziergang in der Dampfsauna

Auf Barbados hatte ich das schon probiert. Durch den Dschungel zu wandern. Nur gibt es dort leider nicht soviel davon. In St. Lucia war der Wasserfall mit einer Horde von Touristen verstopft. Jörg Bauer will endlich einen schönen Wasserfall sehen und ich will in den Dschungel. Also steigen wir ins Mietauto und fahren los. Ganz in den Norden zur Cascade Couleuvre. Da soll es sehr dschungelig sein. Neue Insel – neues Glück. Wir sollten beide nicht enttäuscht werden.

Dschungelpfad und Lianen.

Wie in Frankreich so üblich, gibt es am Ausgangspunkt einen Parkplatz. Ein Wegweiser sagt uns, dass die Strecke bis zum Wasserfall nur etwa 1,5 Kilometer lang ist. Kommt mir fast etwas zu wenig vor. Ich wollte doch wandern. Nach den ersten paar Metern merken wir allerdings schon, dass die Strecke nicht so leicht wird. Wir müssen gleich zu Beginn durch den Fluss. Brücken gibt es nicht. Was soll’s, ich hab ja wasserfeste Schuhe. Jörg stapft in seinen Sandalen voraus.

Flussdurchquerung

Nur langsam kommen wir auf dem schmalen und sehr rutschigen Pfad vorwärts. Der Weg geht stets bergauf, entlang des kleinen Flusses. Wir sind zwar erst 10 Minuten unterwegs, aber mein T-Shirt ist nass. Wir sind zwar unter den riesigen Bäumen im Schatten, aber es ist trotzdem heiß. Die Luftfeuchtigkeit schätze ich auf knapp über 100 Prozent.

Liane

Der Dschungel zeigt sich von seiner wunderschönen Seite. Farne, Palmen, riesige Bäume, mit Moos bewachsen, und hier und dort eine bunte Blume. Ich bleibe immer wieder stehen, um ein Foto zu schießen oder den Geräuschen des Dschungels zu lauschen. Zu lange darf man aber auch nicht stehen bleiben. Der Schweiß beginnt bei jeder Pause, vom Gesicht zu tropfen. Also weiter und wieder durch den Fluss.

Fluss im Dschungel

Ein gutes Stück weiter halten wir an, um einen Schluck Wasser zu trinken. Die T-Shirts kleben uns am Körper. Da sieht Jörg einen anderen Wanderer winken. Er zeigt auf einen Strauch und ruft irgendwas auf französisch. Da ist wohl irgendwas Cooles, also gehe ich hin und krame meine Kamera aus dem Rucksack. Als ich sehe, was da langsam über einen Ast krabbelt, fange ich breit an zu grinsen. Eine bunte Vogelspinne! – Badesalz Fans dürfen jetzt schmunzeln – Die hätte ich da niemals gesehen. Ich bin begeistert und mache etwa 5000 Fotos. Jörg ist längst weiter gelaufen.

Eine bunte Vogelspinne!

Ich muss richtig Gas geben, um Jörg wieder einzuholen. Die Spinne hat mich zu sehr fasziniert und er hat so vielleicht 5 Minuten Vorsprung. Gut, dass mein T-Shirt nicht mehr nasser werden kann. Eine Flussdurchquerung weiter und ich sehe ihn wieder. Im Hintergrund hören wir leise den Wasserfall rauschen. Es kann also nicht mehr weit sein.

Cascade Couleuvre

Am Wasserfall bietet sich uns ein ähnlicher Anblick wie auf St. Lucia. Kleine Grüppchen von Leuten tummeln sich in Badesachen unter dem Wasserfall und machen Fotos. Nur eben keine zwanzig Busladungen sondern höchstens zwanzig Menschen. Es gibt also kein großes Gedränge und jeder kommt mal unter den Wasserfall.

Schönheiten unter dem Wasserfall.
Schönheit unter dem Wasserfall.

Miles and More (Teil 3)

Seit Tagen schiebe ich es vor mir her, heute schreibe ich die Zeilen herunter. Unseren letzten Statistik-Beitrag habe ich auf Lanzarote verfasst. Seit dem haben wir viele Segeltage und viele Meilen im Kielwasser. Wir haben beispielsweise die zurückgelegte Strecke mehr als verdoppelt.

Unsere Reise dauert nun schon 242 Tage. Von den neu hinzu gekommenen 64 Tagen waren wir 31 Tage auf See, also einen ganzen Monat. In dieser Zeit sind wir von Lanzarote über Teneriffa, Mindelo und Barbados nach St. Lucia gesegelt und haben nun 6324 Meilen im Kielwasser. Also in 31 Segeltagen 3265 Meilen bzw. 105 Meilen pro gesegeltem Tag.

Der Motorstundenzähler steht nun bei 301 Motorstunden. Von den 70 hinzu gekommenen Motorstunden sind 20 alleine für die Stromproduktion genutzt worden, und 50 für den Antrieb. Das liegt daran, dass Wind und Sonne unstete Gesellen sind und es gerade in der Ankerbucht bei bewölktem Himmel schwer ist, genug Strom aus regenerativen Energiequellen zu erzeugen. Das geht allen so, wir haben bei jedem Boot in der Ankerbucht die Maschine laufen sehen.

Auf der Fahrt von Lanzarote bis Barbados haben wir 1500 Liter Wasser erzeugt, das sind im Schnitt 30 Liter Wasser pro Tag bzw. 10 Liter Wasser pro Tag pro Person. Das Wasser ist zum Trinken, Abwaschen, Duschen und Putzen benutzt worden, so wie das Wasser zu Hause aus der Wasserleitung. Seit wir in der Karibik sind haben wir 560 Liter Wasser gemacht, das sind 60 Liter am Tag bzw. 15 Liter pro Person und pro Tag. In der Hitze haben wir wesentlich öfter geduscht.

Sicherlich könnte man mit weniger Wasser auskommen. Man muss aber nicht. Wozu haben wir den Watermaker eingebaut? Genau, für den Komfort! Jetzt in der Marina auf St. Lucia wird der Verbrauch wieder sinken, wir gehen schließlich an Land duschen.

Der größte Defekt auf unserer Überfahrt ist beim Parasailor, der uns auf fünf Metern eingerissen ist. Morgen hat der Segelmacher wieder geöffnet, dann können wir ihn endlich zur Reparatur bringen. Außerdem ist ein Teil der Windfahnensteuerung kaputt gegangen, für das uns Peter Foerthmann einen kostenlosen Ersatz nach Martinique schicken wird. Toller Service!!!

Bislang haben wir einen Fisch gefangen. Da ist noch Luft nach oben.

Dschungelwanderung auf Barbados

Es ist Freitag der 24. Januar. Wir – Burti, Jörg Bauer, Jörg und ich haben uns heute vorgenommen, eine Busfahrt in Richtung Norden zu unternehmen. Dort soll es noch einen Teil des alten Urwaldes geben. Der passende Bus ist die Linie in Richtung St. Andrews Church. Der soll einmal pro Stunde fahren, nur wann genau wissen wir nicht. Also setzen wir uns an den Busbahnhof und warten.

Hier haben wir viel Zeit verbracht.

Und wir warten, warten und warten. Irgendwann spricht uns einer der Busfahrer an und fragt, wo wir hin möchten. Wir erklären ihm, dass wir in den Turner Hall Wood möchten, um den Urwald zu sehen. Er schüttelt ungläubig den Kopf: “Da ist doch nichts. Das ist langweilig. Wieso wieso wollt ihr denn da hin? Fahrt doch lieber zur alten Windmühle oder einer anderen Sehenswürdigkeit.” Die Frage, wann denn unser Bus eigentlich kommt, kann er dann aber auch nicht beantworten. Wir vertreiben uns die Wartezeit mit den Ständen rund um den Busbahnhof. Hier gibt es kalte Getränke, gegrillte Hähnchen und WLAN.

Ein weißer Reiher posiert vor meiner Wartebank.

Nach etwa zwei Stunden kommt unser Bus. Wir fahren los und landen im dicksten Freitagnachmittags-Feierabendstau. Außerdem ist gerade Schulschluss und überall stehen Kinder in Schuluniformen, die in den Bus wollen. Der Bus ist voll und es ist heiß. Die Kühlung der offenen Fenster funktioniert im Stau nicht. Langsam macht sich Unmut und Gejammer unter meinen Mitfahrern breit. “Mein Wasser ist alle.”, “Ich will ein kaltes Bier.”, “Ich will eine kalte Cola.”, “Mir ist so heiß!”, “Wie lange noch?”, “Ich hab keine Lust mehr.”, “Sind wir bald da?”… Und so fahren wir durch den Dschungel durch bis an den nächsten Ort an der Küste. Dort bekommen wir etwas Kaltes zu trinken und warten zwei Stunden auf den Bus, der uns zurück fährt. Das hat sich voll gelohnt.

Burti, Jörg B. und Jörg klagen ihr Leid im Bus.

Es ist Samstag der 25. Januar. Mein Geburtstag. (Ok, jetzt wo ich diesen Beitrag schreibe, ist es schon viel später und wir sind mittlerweile auf St. Lucia. Ich möchte mich an dieser Stelle trotzdem nochmal für die zahlreichen Glückwünsche bedanken. Ich habe mich sehr gefreut.) Mein Wunsch für diesen Tag ist es, nochmals in den Dschungel zu fahren, früher auszusteigen und ein paar Kilometer zu wandern. Und zwar alleine. Ich will kein Gejammer hören und außerdem fällt mir die Decke von Sissi nach den Wochen auf See auf den Kopf.

Ich mache mich also wieder auf den Weg zum Busbahnhof. Der Bus kommt nach einer knappen Viertelstunde, der Verkehr in der Stadt ist moderat und nach etwa 30 Minuten steige ich in Porey Spring aus.

Porey Spring

Dem Anschein nach ist hier eine kleine Rasta Community zu Hause. An Palmen, Wänden und auf Schildern wird verkündet, dass Jah Liebe bringt und die Rastas den Krieg ohne Waffen gewinnen werden.

Rasta Palme

Ein Brunnen wird gemeinschaftlich zum Wäsche waschen und zur Körperpflege genutzt.

Rasta Brunnen

Mein Weg führt mich weiter an der Straße entlang. Kleine Kuhweiden und dichter Dschungel wechseln sich ab. Ich laufe durch kleine Dörfer mit Häusern umsäumt von Palmen und alten Bäumen.

Haus im Urwald

So richtig viel ist vom Urwald nicht mehr übrig. Aber es finden sich immer wieder kleine Oasen mit dichtem Wald.

Grüne Vorgärten

Nach etwa zwei Stunden Fußmarsch finde ich eine kleine Bar und kehre ein. Mein Magen knurrt. Auf dem Speiseplan steht Reis mit Hähnchen und Krautsalat. Die Portion ist riesig und das Hähnchen sehr lecker gewürzt. In einer Ecke der Bar steht ein kleines DJ Pult und laute Reggae Musik dröhnt aus dem Lautsprecher. Der DJ sieht aus, als könnte er der kleine Bruder von Snoop Dogg sein. Wie aus dem Gesicht geschnitten. Immer wieder wird er von der Barfrau ermahnt, die Musik leiser zu drehen. Sobald sie kurz nach hinten verschwindet, dreht Snoop Dogg die Lautstärke wieder hoch. Dazu tanzt er mit seinen Kumpels quer durch die Bar. Ob das an dem Rum liegt?

Nach dem Essen mache ich mich wieder auf den Weg. Ich finde einen gelben Bus auf einem Grundstück geparkt. Da wohnt wohl einer der Busfahrer.

Busparkplatz

An der nächsten Ecke biege ich von der Hauptstraße ab und gehe einen Pfad steil nach unten. Hier wollte ich gestern schon hin. In den Turner Hall Wood. So richtiges Dschungelfeeling kommt leider nicht auf, denn ich darf nur am Rand entlang laufen. Der eigentliche Urwald steht unter Naturschutz und ist für Wanderer gesperrt. Ich habe trotzdem meinen Spaß. Fotografiere Blumen und Gestrüpp. Kurz bevor mich der Pfad wieder auf die Straße führt, sehe ich ein paar Affen auf dem Weg sitzen. Die sollen ja eigentlich total frech und neugierig sein. Diese nicht. Als ich die Kamera aus dem Rucksack wurschtele, bemerken sie mich und verschwinden im Unterholz. Schade, aber ich habe zum ersten Mal Affen in freier Natur gesehen. Das war eine schönes Geburtstagsgeschenk.

Gelbe Blümchen
Dschungel von außen
Dschungel von innen

Verfolgungswahn und Weihnachtsessen

Wir werden verfolgt. Das wissen wir ja schon. Wir verfolgen auch andere Boote. Virtuell, im Internet – falls wir Internet haben. Zwei unserer Verfolger sind Lena und Martin von der SY Fairytale. Es hat Martin nicht gefallen, dass wir nur über Marinetraffic tracken und derwegen unsichtbar sind, wenn wir weit draußen auf dem Meer fahren. Deswegen hat er uns ein Tracking gebaut, das wir auch über unser Satellitentelefon nutzen können. Das ist natürlich schon auf der Stalking-Seite integriert, ich möchte an dieser Stelle deswegen nur auf das Update hinweisen.

Ab sofort, also wenn wir hier in Mindelo abfahren, könnt ihr alle das neue Tracking betrachten und Sissi auf ihrem Weg über den Atlantik begleiten.

Unsere Reparaturen schreiten voran. Der Parasailor ist von Salzwasser befreit und wieder verpackt. Er hat einen kleinen Riss bekommen bei der Aktion, diesen haben wir mit Segelklebeband geflickt. Auch ein neues Spifall konnten wir kaufen, hier auf den Kapverden lassen sie sich die Seile mit Gold aufwiegen. Es ist aber der einzige Händler weit und breit, deswegen können wir das Seil dort kaufen oder es lassen. Wir kaufen lieber.

Das Wetter sieht so aus, als könnten wir an Silvester starten, möglicherweise schon einen Tag früher. Das sehen wir in den nächsten Tagen, wenn sich die Vorhersage stabilisiert. Noch ist es zu früh, eine Aussage zu treffen.

Rummelplatz mit Hüpfburg

Gestern, am 25.12., war hier auf den Kapverden ein Feiertag. Und wenn hier ein Feiertag ist, dann wird auch gefeiert. Alle Geschäfte hatten zu, das kennen wir so aus Spanien und Portugal gar nicht mehr. Auch die meisten Restaurants waren geschlossen. Ich machte mich trotzdem auf den Weg, um für uns und die Crew der SY Salty, die wir schon mehrfach getroffen haben, einen Tisch zu reservieren. Auf der Suche nach einem Restaurant ist mir laute Musik aufgefallen, die sogar bis in die Marina schallte. Die Quelle der Musik war schnell gefunden. Für die Kinder hatte man einen Rummelplatz aufgebaut. Dazu gehörte neben der Hüpfburg noch ein Autoscooter. Die Schlange am Einlass war lang.

Autoscooter – CO2-frei

Alle Kinder hatten einen Riesenspaß! Es muss nicht immer knattern und stinken, manchmal reichen auch flotte Musik und Muskelkraft.

Am Abend sind wir dann in das einzige geöffnete Restaurant gegangen, das ich gefunden habe. Wir wurden sofort an unseren Tisch gebracht und bekamen die Speisekarte ausgehändigt. Dann passierte erst einmal eine Stunde gar nichts. Nach einer Stunde kam der Kellner und hat die Bestellungen aufgenommen. Dann passierte wieder eine Stunde gar nichts. Dann kam unser Essen. Eine halbe Stunde später kamen die bestellten Getränke. Wir konnten endlich auf Weihnachten und die Überfahrt anstoßen. Eine Stunde nach Ende der Mahlzeit kam dann der Kellner wieder und räumte den Tisch ab, wir haben dann zur Rechnung noch ein zweites Getränk bestellt. Das kam dann auch schnell – gemeinsam mit der Rechnung nach nur einer halben Stunde. Zum Glück hatten wir genug Bargeld dabei, sonst hätten wir noch eine oder zwei Stunden auf den Kerl mit dem Kreditkartenlesegerät warten müssen. Es war trotzdem ein schöner Abend. Warnung: Wenn du ins Restaurant Nautilus gehen möchtest, solltest du nicht zu hungrig sein und musst viel Zeit mitbringen. Das Essen hat allerdings sehr gut geschmeckt.

Weihnachtsessen der SY Salty und SY Sissi

Atlantik Tag 8 – Hauptantrieb defekt, Lasagne auf dem Teller

Jens holt einen Schraubendreher aus dem Werkzeugkasten und beginnt, den “Defekt des Tages” zu reparieren. Vom Deckel der Bratpfanne hat sich die Schraube abvibriert, die den Griff mit dem Deckel verbindet. Eine Kleinigkeit, aber doch lebensnotwendig für Jens. Schließlich möchte unser Pastafari, dass das letzte schöne Stück Rindfleisch durch den Wolf läuft und in einer Lasagne endet. Meinen Vorschlag, auch diese Schraube mit Schraubenkleber zu sichern, hat er abgetan. Nicht dass davon noch was in die Pastasauce tropft. Bis es so weit ist, haben wir noch einiges zu tun. Wir machen 100 Liter Wasser, fahren den Staubsauger durch den Salon und wienern das Cockpit. Es soll schließlich alles schön sein für den morgigen Landfall.

Die Nähe des Landes zeigt sich auch dadurch, dass das Funkgerät sporadisch wieder anfängt, unverständliches Knarzen von sich zu geben. Noch sind wir theoretisch außer Reichweite, aber das AIS zeigt, dass es auch heute wieder zu Überreichweiten kommt. Wir sehen Schiffe, die über 100 Meilen von uns entfernt sind. Ein paar Delphine schwimmen kurzzeitig neben Sissi, verbergen sich aber gekonnt vor den Kameraobjektiven. Lediglich Jakob hat das Glück, ein paar Sekunden Video eines getauchten Dephins aufnehmen zu können. Fliegende Fische sind zum Glück keine mehr auf unserem Deck gelandet.

Leider hält sich der Wind einigermaßen an die Vorhersage. In den Nachmittagsstunden wird er schwächer und schwächer. Die Genua beginnt wieder zu schlagen, wenn Sissi in den Wellen torkelt. Wir fahren nur noch mit zwei bis drei Knoten. Da wir es sowieso nicht mehr am Nachmittag bis Mindelo schaffen können, ist uns das aber ziemlich egal. Nach dem Pastagenuss rollen wir die Genua ein, starten den Motor und fahren mit Krach und Gestank die letzten 60 Meilen. An Segeln ist inzwischen nicht mehr zu denken, der Windmesser zeigt nur noch drei bis vier Knoten Wind. Nach dem Motorstart bildet sich eine Diesel-Abgaswolke über dem Cockpit. Der letzte Windrest pustet unsere eigenen Abgase mit Bootsgeschwindigkeit vor sich her. Segeln ist so viel schöner.

Unsere Wacheinteilung bleibt, ich habe die erste Wache. Der Sternenhimmel ist immer noch so traumhaft schön. Nach den letzten ruhigen Nächten mit vielen Sternen macht es mir aber heute gar keinen richtigen Spaß mehr, im Cockpit den Kopf in den Nacken zu legen. Das Grollen aus dem Untergrund ist zu penetrant, zu nervig. Dennoch ist es schön zu wissen, dass wir am heiligen Vormittag unsere Füße wieder an Land setzen können. Ein fliegender Fisch landet neben mir im Cockpit. Ich hole ein Kehrblech und befördere das zappelnde Viech wieder ins Wasser. Dann wecke ich Jakob und lege mich ins Bett.

Als ich am Morgen aufwache, sind wir nur noch wenige Meilen weg von Mindelo. Der Morgen graut und langsam können Jens und ich die Schemen der Berge erkennen.

Kurz vor Mindelo, kurz vor dem Sonnenaufgang

Es ist bald geschafft. In einer Stunde spätestens werden wir am Steg liegen. Im Hafen herrscht schon mächtiger Verkehr, eine Fähre und viele Fischerboote fahren umher, wir müssen uns mit Sissi irgendwie da durchmogeln.

Die Sonne geht gleich auf über Mindelo

Nach einem übermüdeten Anlegemanöver liegt Sissi nun wieder fest am Steg vertäut. Ich spaziere mit Björn von der SY Salty zur Immigration, wir holen uns Stempel in den Pässen ab und zahlen pro Schiff eine Gebühr von 25€. Lokales Geld konnte ich leider noch nicht ziehen, der eine Geldautomat war defekt und der andere akzeptiert nur Visa und keine MasterCard.

Weihnachtsmann vor dem Büro der Immigration

Am achten Reisetag zurückgelegte Strecke: 89 nm
Wir haben um 8:30 Uhr in der Marina Mindelo festgemacht.
Position um 12 Uhr: Marina Mindelo
Noch 1999 Seemeilen bis nach Barbados. Die gesamte zurückgelegte Strecke sind 916 Meilen.

Schöne Weihnachten!!!

Weihnachtsbaum auf der Sissi