Gustav

Ich habe ein geregeltes Leben. Arbeiten auf dem Boot, gelegentlich im Tierheim oder bei den Eseln. Jeden Mittwoch fahre ich nach Oranjestad in das Jazz Café, dann gibt es Music Bingo und ich treffe ein paar andere Leute als in der Marina. Letzten Mittwoch fand eine der seltenen Änderungen der Routine statt. Ich warte auf den Beginn der ersten Bingo-Runde, als mein Telefon klingelt und der Name Gustav angezeigt wird. Gustav war Teil einer dänischen Crew, die mit 16 Personen auf einem Boot zwischen Aruba, Curacao und Bonaire hin und her gesegelt sind, wenn sie nicht gerade in Covid-Quarantäne waren. Gustav ist in Curacao und möchte über Aruba in die USA fliegen. Er möchte bei mir an Bord schlafen. Das geht für mich in Ordnung, er muss allerdings mit der Bank im Cockpit vorlieb nehmen. Mein Gästezimmer ist unbewohnbar.

Gästezimmer

Das macht ihm nichts aus. Er freut sich auf das Wiedersehen und meint noch, dass er in der Marina suchen wird, ob er nicht ein gemütlicheres Bett bekommt. Das ist für mich vollkommen in Ordnung. Als ich nach dem Music Bingo zurück zu Sissi komme, treffe ich auf dem Parkplatz Gustav und er hat tatsächlich ein anderes Boot für die Übernachtung gefunden. Sehr schön. Es sieht bei mir schlimm genug aus, da kann ich eigentlich gar keinen Gast gebrauchen.

Stromverteilung entkernt

Meine Stromverteilung ist inzwischen entkernt. Die Kabel hängen geordnet und beschriftet von der Salondecke herunter bzw. etwas ungeordnet in den Ecken. Die meisten davon wollen in den kommenden Wochen ersetzt werden. Meine inzwischen eingebaute und voll funktionstüchtige neue automatische elektrische Bilgepumpe ist ein Komfortgewinn ohne Gleichen. Ich kann nach Herzenslust duschen und noch während des Duschvorgangs kann ich mich an dem Pumpengeräusch im Keller unter mir erfreuen.

Halbwegs geordnet aber durchweg beschriftet

Ich muss nur noch dem Kühlschrank eine dickere Stromleitung verpassen, die Zuleitungen in die Achterkoje ersetzen, die Deckenlampen im Salon anschließen und darf nicht vergessen, zuletzt alles wieder zu verkabeln, was für den Betrieb des Schiffes erforderlich ist. Bei der letzten größeren Stromaktion vor mehr als drei Jahren hatte ich tatsächlich vergessen, den Kühlschrank wieder anzuschließen.

Es gibt noch viel zu tun

Am Donnerstag bin ich wie immer im Tierheim und kümmere mich um die Katzen. Dort erreicht mich eine ziemlich frustrierte Nachricht von Gustav. Sie lassen ihn nicht in die USA einreisen, weil er das falsche Visum hat. Deswegen muss er in Aruba bleiben, wo sie ihn nicht wieder reinlassen wollen, wenn er kein Flugticket für den Rückflug vorweisen kann. Er kauft ein Ticket nach Curacao und fragt mich, ob er in dieser Nacht in meinem Cockpit schlafen darf. Darf er. Am Abend unterhalten wir uns, ich will mehr über seine Pläne wissen. Eigentlich will er in die USA, um dort in New York auf einem Großsegler zu arbeiten und Geld zu verdienen. Das kann er jetzt aber vergessen nach seinem Versuch, mit dem falschen Visum einzureisen. Nun sucht er eine günstige Möglichkeit, seine Zeit in Aruba zu verbringen und eine Passage nach Kolumbien oder Panama auf einem Segelboot zu erwischen.

Esel im Starkregen

In solchen Fällen denke ich immer “Esel”. Ich sehe nach, ob in einem der beiden Apartments Platz ist. Sie sind beide frei. Ich erkläre Gustav den Deal, dass er für 20 Stunden Arbeit in der Woche bei den Eseln ein Apartment und ein Auto bekommen kann. Diese Idee findet er total gut, ich schicke ihm Desriees Telefonnummer. Am Freitag fahre ich ihn ins Donkey Sanctuary. Er bekommt den Job, das Apartment und das Auto, jetzt ist er ein sehr glücklicher Mensch. Nun kann er sich weiter um ein neues Visum für die USA bemühen, eine Passage suchen und hat kein Problem mit drohender Obdachlosigkeit mehr.

Kamino in der großen Gruppe

Im Donkey Sanctuary gibt es auch gute Nachrichten. Kaminos Stumpf ist soweit in Ordnung, dass er in die große Gruppe gelassen wurde. Nun muss er mit den dicken Eseln um das Futter kämpfen. Zur Fütterungszeit stelle ich fest, dass es für ihn kein Problem ist, genug Heu zu bekommen. Er hat die Technik perfektioniert, seinen Körper auf dem vorderen Bein zu drehen und dann mit den hinteren Hufen zu kicken. Keiner mag neben ihm am Heu stehen. Das gefällt mir sehr gut.

Schlank und sehr schön – Kamino

Weitere Ausbrüche aus meiner Routine sind die teilweise schon sehr häufigen Besuche im Animal Shelter, um Videos von den Überwachungskameras zu sichern. Die Aufzeichnungen werden nach vier Tagen überschrieben, mehr passt nicht auf die Festplatte. Interessanterweise werden die Tiere vor allem an Tagen mit viel Regen ausgesetzt. Die fünf Tiere, die an einem Tag ausgesetzt wurden, habe ich schon einmal gezeigt. Jetzt ist es etwas kompakter. Zuerst werden drei Kätzchen gebracht. Dann kommt der erste Hund. Eine Stunde später informiert sich ein Mann über die Öffnungszeiten, fährt wieder davon und bindet eine halbe Stunde später einen Hund an den Baum. Auch das Pärchen im nächsten Schnipsel informiert sich über die Öffnungszeiten, dann werden eine hochschwangere Hündin und eine sehr junge Hündin aus dem Wagen gezerrt. Bei der Abfahrt des Wagens ist gut zu sehen, wie die werdende Mutter hinterher läuft und zu ihren Menschen möchte. Die beiden Hunde können wir durch Zufall retten, sie sind am nächsten Tag noch in der Nachbarschaft. Bei der Sichtung der Videos finde ich später dann den einzigen einigermaßen verantwortungsbewussten Tierhalter, der seine Welpen wieder mitnimmt. Ein wenig Slapstick, wie die Welpen immer wieder aus ihrer Box herauskommen wollen. Der letzte Hund wurde morgens um viertel vor Acht angebunden. Um acht Uhr öffnet das Tierheim.

In den meisten Fällen haben wir das Autokennzeichen. Diese Fälle werden zu einem tierlieben Polizist gebracht, der wiederum die Anzeige fertigt, welche zu einem Bußgeld führt. Der Polizist arbeitet übrigens bei der Hundestaffel. Nach der Sicherung der Videos fahre ich dann wieder zu Sissi und kümmere mich ums Strippen ziehen.

Tiger

Heute ist einer dieser Tage. Anneke sendete mir gestern eine Nachricht, dass sie nicht am Nachmittag sondern am Vormittag im Donkey Sanctuary sein würde. Ich war schon lange nicht mehr am Morgen dort, also habe ich mich gefreut.

Morgens um kurz vor Neun im Donkey Sanctuary

Die Morgenstunde hat ihren ganz eigenen Zauber. Bevor die Besucher kommen, stehen die Esel alle in erwartungsfroher Haltung da und begrüßen die Menschen. Sie wissen, dass in Kürze die Fütterung beginnen wird. Es ist geradezu gespenstig ruhig. Die Morgensonne streichelt weich über die Landschaft. Pünktlich um 9 Uhr ist alles aufgebaut und wir sind bereit, Besucher zu empfangen. Anneke will das Spezialfutter für die Alten fertig machen, als sie plötzlich darauf aufmerksam wird, dass Tiger merkwürdigerweise auf dem Boden liegt.

Keine Lebenszeichen mehr feststellbar, der Körper ist noch warm.

Der Körper des Babyesels ist noch war, aber Anneke kann keine Lebenszeichen mehr feststellen. Tiger war in der letzten Zeit wegen Eisenmangels in Behandlung. Deswegen trägt sie auch noch das Halfter. Ohne kann man einem Esel schlecht eine Spritze geben. Wegen ihrer schlechten Blutwerte vermutet Anneke, dass Tiger einen Herzinfarkt hatte.

Tiger ist eingeschlafen

Rund um das Baby finden sich keine Spuren, dass sie im Todeskampf lange gezappelt hätte oder sich gequält hätte. Anneke lässt ihren Mann Dirk die Videoaufzeichnungen sichten, denn dieser Stall wird von einer Kamera überwacht. Als Todeszeitpunkt wurde 6:10 Uhr festgestellt, Tiger hat sich einfach hingelegt, ist eingeschlafen und nie wieder aufgewacht.

Die Esel nehmen Abschied

Es stellt sich die Frage, was wir mit der Leiche machen. Liegenbleiben kann sie nicht lange, denn in der Hitze wird der Kadaver schnell anfangen zu stinken. Allerdings hat niemand von uns dreien ein geeignetes Auto für den Transport eines toten Esels, sei der Esel noch so klein. Wir müssen auf einen der beiden Pickup-Trucks warten, die zum Donkey Sanctuary gehören.

Es ist merkwürdig. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als Tiger mit ihrer Mutter Woods auf dem Parkplatz des Golfplatzes in San Nicolas gefangen worden sind. Damals war ich zufällig im Donkey Sanctuary, es wäre gar nicht meine Schicht gewesen. Auch der Tag, an dem Tiger das erste Mal den kleinen Stall verlassen und mit anderen Eseln herumtoben durfte, ist mir noch sehr gut in Erinnerung geblieben. Das Video habe ich noch einmal ausgegraben.

Wir wissen alle, dass die kleinen Esel in Aruba keine großen Chancen haben. Da alle derzeit auf der Insel lebenden Esel von lediglich 20 Eseln abstammen, ist der Genpool schlecht. Wenn sie nicht gerade tot geboren werden, werden die kleinen Esel oft nicht alt. Daran kann auch die gute medizinische Betreuung im Donkey Sanctuary nicht viel helfen. Wir lassen die Esel Abschied nehmen.

Als ich das Donkey Sanctuary gegen Mittag verlasse, kann man schon etwas riechen. Es wird Zeit, dass Tiger abtransportiert wird. Traurig fahre ich zurück zu Sissi. Es ist heute einer dieser Tage.

Katzen und Esel

Am siebten Tage sollst du ruhen. So oder so ähnlich steht es irgendwo geschrieben. Ruhen können wir ausgezeichnet und so legen wir die Arbeit nieder und gehen zur Bushaltestelle. Dort bestechen wir am Sonntag einen Busfahrer der San Nicolas Buslinie, damit er uns ins Donkey Sanctuary fährt – das wird normalerweise von der Santa Cruz Buslinie bedient, die aber am Sonntag nicht fährt.

Shrimp

Ich freue mich darüber, Nella und Anneke wieder zu sehen. Mit ein wenig Katzenfutter im Gepäck freuen sich auch die Katzen, dass wir wieder da sind. Jens rappelt mit der Tupperdose und plötzlich stehen wir im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Nein, nicht wir, die Tupperdose. Dafür gibt Shrimp sogar ihren Schönheitsschlaf auf.

Sweety

Sweety lässt sich immer noch von mir auf den Arm nehmen. Es wird zwar nicht seine Lieblingsdisziplin, er kann es jedoch genießen, wenn ich ihm den Bauch kraule. Nach zwei oder drei Minuten ist es dann genug für ihn, ich muss ihn absetzen.

Swa und Socks kommen nicht von ihrer erhobenen Aussichtsposition herunter. Das liegt wie immer an Sweety und nicht an der Qualität unserer Leckerlies.

Swa und Socks

Ach ja, und Esel gibt es auch noch. Wir haben eine Tüte mit Karotten dabei, die hat auf die Esel natürlich dieselbe Wirkung wie das Katzenfutter auf die Katzen. Und die Esel erkennen mich wieder. Ich will Kamino eine Karotte geben, er weicht zunächst zurück, weil er Medizin in der orangen Leckerei vermutet. Da habe ich ihn wohl einmal zu oft aufs Kreuz gelegt. Nach kurzem Zögern greift er dann doch zu, die anderen Esel folgen schnell.

Diva und Gipsy erkennen mich auch wieder und fordern ihre Karotten ein. Selbstverständlich werden sie von mir bedient. Nach und nach bekommen alle alten Bekannten ihre Möhrchen. Wahrscheinlich würden sie mich in einem Jahr auch noch wiedererkennen. Die Esel sind doch sehr, sehr schlau.

Bettelnde Esel

Damit komme ich zum Schluss dieses vermutlich letzten Beitrags zum Thema Esel – es sei denn uns läuft ein Esel aufs Boot. Im vergangenen Jahr gab es genug Eselblogs.

Letzter Besuch bei den Eseln

Schluss. Aus. Ende. So ist es, wenn man plant, die Insel zu verlassen. Ich kann das nicht einfach grußlos, ich möchte auf Wiedersehen sagen. Zum Beispiel möchte ich mich von Peter, Paul, Oliver, Lulu und den Eseln verabschieden, der Besatzung am Samstagvormittag. So entscheiden wir, dass der 5. Dezember der beste Tag ist, um noch einmal zu den Eseln zu fahren. Mangels Auto nehmen wir den Bus.

Bus 119

Es ist Samstag, also müssen wir ziemlich lange warten, bis ein Bus der Santa Cruz Linie an der Haltestelle ankommt. Dass es Bus 119 ist, bereitet mir eine besondere Freude. Mit Soraida bin ich mindestens ein Dutzend Mal zu den Eseln gefahren. Wir haben immer gute Gespräche geführt, die Fahrten waren kurzweilig. Außerdem habe ich viel über die Straßen in Aruba von ihr gelernt, zum Beispiel wie man die an verschiedenen Stellen häufig auftretenden Staus lässig umfährt. Sie fährt uns mit gewohnter Ruhe zum Donkey Sanctuary. Ich mache ein blödes Selfie zum Abschied.

Blödes Selfie mit Soraida auf dem Parkplatz des Donkey Sanctuary

Wir beeilen uns, das Besucherzentrum zu erreichen. Regen setzt ein, schon auf dem Selfie sind die ersten Regentropfen zu sehen. In letzter Sekunde erreichen wir das schützende Dach, dann dreht der Regen richtig auf. Glück gehabt. Die Esel ziehen die übliche Show durch, mit denen sie bei den Besuchern um Futter betteln.

Grinseesel

Jens braucht erst einmal ein Frühstück. Er hat sich ein Salamibrötchen geschmiert und mitgenommen. Der intensive Geruch weckt sofort das Interesse von Shrimp und Sunchi. Die beiden Katzen drehen regelrecht durch. Leicht fällt Jens der Genuss nicht.

Sunchi und Shrimp auf der Suche nach der Salami

Nebenbei schneide ich die Karotten klein. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Sweety sich nicht um das Salamibrötchen sondern um die Karotten kümmert. Er knabbert sogar daran. Diese Katzen haben ihr Verhalten anscheinend bei den Eseln abgeschaut. Einerseits der unfassbare Drang zum Futter, andererseits das Faible für die Karotten.

Sweety mit Karotten

Kommen wir also zum Höhepunkt des Tages, die Karotten müssen verfüttert werden. Ich besuche meine Freunde Diva, Gipsy, Kamino, Queenie, Tiger und Woods, Amadeus, Sonic und die anderen, die sich in den Ställen bzw. innerhalb des Zauns befinden. Als ich angefangen habe, die Esel zu füttern, war Diva zwar ein wenig frech, sonst aber ein sehr freundlicher Esel. Sie hat sich in den letzten Monaten immer mehr zu einem bockigen Teenager entwickelt und kickt aggressiv nach den anderen Eseln. Also mache ich Schluss, jeder hatte seine Karotte und Diva bekommt nicht den Rest.

Lecker Möhrchen

Die übrigen Karotten verfüttern wir so, wie es jeder andere Besucher auch macht. Wir erfreuen uns am Futterneid der Esel. Ich erlaube mir manchmal den Spaß und gebe die Karotte einem Esel aus der zweiten Reihe. Dann werden die in der ersten Reihe richtig böse.

Wir sind so süß. Gib’ uns die Karotte

Der eseltypische Niedlichkeitswettbewerb läuft auf höchsten Touren, immerhin gilt es die Karotten zu bekommen. Bei den Futterpellets drehen sie nicht ganz so sehr durch. Ein Eimer Karotten ist schnell verfüttert. Ich verabschiede mich von den Menschen, dann fährt uns Lukas mit dem Eselskarren nach Oranjestad. Ohne die Esel wäre ich in den langen Monaten durchgedreht.

Noch süßer?

Es war nicht nur eine sinnvolle Tätigkeit, der Job gab mir immer wieder die Gelegenheit, Kontakt zu Meschen zu bekommen. Natürlich lernt man sich näher kennen, wenn man Woche für Woche eine gemeinsame Schicht macht. Doch auch der Kontakt zu den Besuchern war gut. In beinahe 100% der Fälle, in denen ich nach meiner Geschichte in Aruba gefragt wurde, entwickelten sich tolle Gespräche. Ob es nun mit einem amerikanischen Segler war, der auf einem See ein kleines Boot liegen hat oder mit einer holländischen Krankenschwester, die einen Dreijahresvertrag für Aruba abgeschlossen hat und diesen mit Sightseeing beginnt. Danke.

Energiebündel

Seit Tiger ins Donkey Sanctuary gekommen ist, bin ich ein paar Mal als Besucher hingefahren. Das Eselchen ist einfach zu süß. Außerdem darf ich Tiger in ein größeres Gehege lassen, wenn ich ein paar Randbedingungen beachte. Das Eingangstor zum Gehege ist leider so hoch angebracht, dass Tiger darunter durchrollen könnte. Deswegen muss man sie immer davon abhalten, zu nah an das Tor zu gehen. Ansonsten kann sie mit den anderen Eseln toben, hat viel mehr Auslauf als in ihrem kleinen Stall und offensichtlich viel Freude. Ihre Mutter hat es jedenfalls nicht leicht. Ich habe ein kleines Video zusammen geschnitten. Unfassbar, wie viel Energie in dem kleinen Esel steckt.

Ansonsten freue ich mich darauf, dass Jens in einer Woche nach Aruba kommt. Es ist noch viel Arbeit zu erledigen, bis wir weitersegeln können. Ich muss Sissi noch aufräumen. So viel Arbeit.

Am Montag fange ich an. Ganz bestimmt. Nein, am Montag bin ich bei den Eseln. Ich habe den Montag gegen den Dienstag getauscht. Also fange ich am Dienstag an. Sicher. Ganz bestimmt. Ich fahre auch nicht mehr zum Spaß ins Donkey Sanctuary.

Der übliche Zirkus, wenn es Karotten gibt.

Im vergangenen Jahr haben wir auf Lanzarote das Deck gestrichen. Gleich nach dem Ende der Malerarbeiten kam es zu einem starken Regenschauer. Ein großer Teil der teuren Decksfarbe ist so im Atlantik gelandet. Jetzt sieht es nicht mehr schön aus, die neue Farbe ist schon gekauft und wartet auf Jens. Außerdem haben wir Regenzeit. Manchmal regnet es von einer Sekunde auf die andere.

Triefnasser Esel

Die Esel funktionieren übrigens prima als Windzeiger, wenn es stark regnet. Der Hintern wird immer in die Richtung gedreht, aus der der Wind kommt. Eine Art Beifallsbekundung an den Wettergott.

Der Gewinner des hiesigen Wet-T-Shirt-Contests ist selbstverständlich Kamino.

Wet-T-Shirt-Contest

Ich fürchte im Moment wirklich am meisten, dass mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung mit dem Anstrich macht. Eigentlich sollten zwei Wochen für die Arbeiten ausreichen, andererseits regnet es inzwischen fast täglich.

Voll in die Fresse

Vor eineinhalb Wochen ist Fire Ball als Neuzugang ins Donkey Sanctuary gekommen. Er sollte in seinem Stall bleiben, bis er sich an die anderen Esel gewöhnt hat. Als einzigem echten Mann unter den Eseln wollte ihm das nicht so leicht fallen. Die anderen männlichen Esel sind alle kastriert, die Eselinnen jedoch nicht. Irgendeine Dame ist immer heiß, das spornt einen echten Mann an. Nach drei Tagen im Donkey Sanctuary ist Fire Ball aus seinem Stall ausgebrochen und hat sich mit Sicherheit bei bzw. mit den Damen vergnügt. Also ist damit zu rechnen, dass in 2022 der eine oder andere Babyesel dazu kommt. Wenn die jungen Esel nicht eingeschläfert werden müssen, weil sie aufgrund des schlechten Genpools zu gravierende Krankheiten haben. Oder weil die Babys gar nicht lebend zur Welt kommen.

Fireball am 12. Oktober, dem Tag seiner Ankunft. Das Gesicht ist vollkommen unverletzt.

Dass der Genpool der Esel in Aruba nicht besonders gut ist, liegt an jahrzehntelanger Inzucht. Nachdem das Auto auf die Insel kam, ließen die Arubaner die Esel frei. Damals tummelten sich auf der kleinen Insel ca. 1400 Esel. Die meisten wurden erschossen oder durch Autounfälle getötet. So ergab es sich, dass in den 1980er Jahren nur noch 20 Esel übriggeblieben sind. Inzwischen leben wieder ca. 180 Esel auf der Insel, dementsprechend schlecht ist der Genpool. Neue Esel sollten aus Bonaire oder Curacao kommen, Covid-19 hat diesem Bestreben erst einmal ein Ende gesetzt, hat mir Desiree erzählt.

Fire Ball hat sich äußerlich seit dem ersten Tag sehr verändert. Mein Hauptverdächtiger ist Kamino. Schon nach einer Nacht konnte man die Spuren in Fire Balls Gesicht sehen, ein Hufabdruck zierte die Fläche zwischen seinen Augen. Das habe ich leider nicht dokumentiert, dafür aber sein Gesicht, wie es am 20. Oktober aussah.

Hufspuren nach gut einer Woche im Donkey Sanctuary

Peter hat mir erzählt, dass Fire Ball am nächsten Morgen vor dem Tor zu seinem Stall stand und hineingelassen werden wollte. Er hatte nämlich Hunger und die übrigen Esel haben ihn nicht zum Futter gelassen.

Esel sind ziemlich schlau. Deswegen kann Fire Ball Kamino nicht kicken. Kamino würde niemals seinen Hals durch das Gitter von Fire Balls Stall schieben. Fire Ball wiederum bekommt offenbar immer noch nicht genug von den Tritten. Er schiebt seinen Kopf fleißig zwischen den Stäben durch. Deswegen ist er ein Opfer für Kamino.

Am 22. Oktober sind noch mehr Schrammen dazu gekommen.

In nur zwei Tagen kamen weitere Schrammen dazu. Ich denke, wenn der Esel zu seinen “Besitzern” zurückkehrt, werden sie ihn kaum wiedererkennen.

Tiger und Woods am Ankunftstag

Am Ankunftstag sind Tiger und Woods erschöpft. Nach dem Stress des Einfangens, des Transports zum Donkey Sanctuary und den ganzen neuen Eindrücken ist das gut nachzuvollziehen. Am ersten Tag hat sie ihr Baby immer vor uns beschützt. Das hat sich aber schnell geändert, Woods konnte Vertrauen aufbauen. Es ist gar kein Problem, zum Baby zu gelangen und die Wunde zu versorgen.

Tiger nach einer Woche. Mit versorgter Wunde.

Dass sich Mutter und Baby wirklich entspannen können, zeigt das nächste Foto. Es ist aus derselben Perspektive aufgenommen wie das erste Bild. Auf dem betrachten Mutter und Kind aufmerksam, was sich auf der anderen Seite ihrer Gitterstäbe tut. Nun kann ich an das Gitter treten und das Tiger bleibt sogar vollkommen entspannt auf dem Boden liegen. Das ist nicht selbstverständlich.

Tiger entspannt.

Am Dienstag macht sich Desiree Sorgen, dass Woods nicht fressen würde. Ich bekomme deswegen den dankbaren Auftrag, der Mama mit ein paar Karotten Freude zu machen. Außerdem soll ich ihr noch einige Äpfel geben.

Zuschauer, während ich Woods mit Karotten füttere.

Woods nimmt die Karotten und Äpfel gerne. Nebenan im Altersheim kommt es derweil zu Tumulten. Wie kann dieser Mensch einem einzigen Esel so viele Karotten geben, ohne dass wir etwas davon abbekommen?

Mir fällt jedoch auf, dass Woods die Karotten sehr zögerlich kaut. Die dicken Karotten kann sie gar nicht durchbeißen, wenn ich sie in der Hand halte. Das können alle Esel, die mir bekannt sind. Jeder Esel versucht, mit den Lippen so viel von der Karotte wie möglich in sein Maul zu schieben, bevor die Karotte dann geknackt wird. Woods verhält sich anders. Sie versucht, nur ein kleines Stück von der Kante abzubeißen und kaut es dann sehr langsam.

Wir versuchen alles. Wir geben alles. Warum gibst du uns nichts?

Der Niedlichkeitswettbewerb nebenan nimmt immer mehr an Fahrt auf. Es ist laut. Es ist unruhig. Ich lasse die Nachbarn natürlich nicht vollkommen leer ausgehen, einige von ihnen dürfen jedoch keine Karotten essen, weil sie nicht kauen können. Ich bedaure es sehr, diesen Eseln gegenüber bleibe ich hart.

Der Tierarzt bekommt eine Nachricht, dass er sich das Gebiss von Woods ansehen soll. Auf jeden Fall hat der Auftrag sehr viel Spaß gemacht.

Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte gib’ uns endlich auch eine Karotte

Immer wieder erreichen mich aus Deutschland Fragen, wie es um die hiesige Situation mit Covid-19 bestellt ist. Angesichts der Zahlen aus Deutschland, ist es hier geradezu paradiesisch. In den letzten sieben Tagen pendelt der Wert immer um ca. 20 Neuinfektionen am Tag. Der Höchstwert war bei 21, der niedrigste Wert bei 12. Seit dem Inkrafttreten der Ausgangssperre in der Nacht gingen die Zahlen immer weiter zurück. Gestern hat die Regierung bekanntgegeben, dass die Ausgangssperre aufgehoben ist. Statt dessen sind in der Nacht einige Zonen an den Stränden gesperrt.

Die zweite Welle hat Aruba ziemlich erwischt, zeitweise gab es täglich knapp 200 Neuinfektionen. Die Kontaktbeschränkungen durch die Ausgangssperre und deren konsequenter Durchsetzung haben meines Erachtens nach den Durchbruch gebracht.

Vorher gab es den Versuch der Sperrstunde, es gab Kontaktbeschränkungen im Alltag und die Größe von Feiern wurde begrenzt. Diese Maßnahmen alleine haben nach meiner Beobachtung keine Verbesserung gebracht. Damals sind die Zahlen immer noch gestiegen. Soweit ich es in verschiedenen Medien nachlesen konnte, steckten sich die meisten Menschen bei privaten Feiern an.

Ein Tisch voll entspannter Katzen

Ich versuche es zu machen wie die beiden Katzen, damit ich so entspannt wie möglich durch die Situation komme. Das gesunkene Infektionsrisiko trägt nicht wenig zu meiner Entspannung bei. Ich habe einen ordentlichen Vorrat an FFP2-Masken an Bord geschafft. Wer weiß, ob wir die auf den anderen Inseln bekommen können, wenn wir wieder unterwegs sind.

Bislang hat Jamaika allerdings die Insel noch nicht wieder für die Einreise kleiner Boote geöffnet. Bedauerlich.

Niedlich

Letzten Freitag war Tag des Kühlschranks. Ausmisten, abtauen, reinigen. Der Kühlschrank von Sissi hat unten leider keinen Ablauf, so dass sich im Laufe der Zeit immer mehr Wasser in der Bilge des Kühlschranks sammelt. Das will alle paar Wochen entsorgt werden, dabei darf gleichzeitig das Kühlaggregat abtauen. Es verwandelt sich innerhalb weniger Tage in einen Eisblock, der Kühlschrank funktioniert dann nicht mehr richtig. Nach nur drei Stunden ist die Arbeit getan. Zur Selbstbelohnung nehme ich einen Bus zu den Eseln, vorher lege ich noch ein paar Dosen Bier in die Kühlung.

Wir sind so niedlich.

Wenn ein Mensch mit Futter in der Hand auf die Esel zugeht, beginnt sofort der Tanz hinter dem Zaun. Die Esel drücken sich mit ihren Körpern hin und her, dabei versuchen sie aber im Gesicht so niedlich wie möglich auszusehen. Das haben sie im Laufe der Jahre gelernt. Ich finde es sehr lustig, wenn ich einen dicken, fetten Esel da stehen sehe, der mir schöne Augen macht und sagt “füttere mich, ich habe doch nichts zum Fressen”.

Niedlichkeitswettbewerb

Ich kann dazu nur sagen, dass es wirklich funktioniert. Die Besucher sehen, wie die Esel den Kopf verdrehen und dabei mit der Stellung ihrer Ohren spielen. Meist rufen sie dann “oh wie niedlich” und belohnen die Langohren dann mit den geliebten Pellets.

Grinsen

Eine weitere Stufe im Niedlichkeitswettbewerb ist das Grinsen. Ja, die Esel grinsen tatsächlich. Sie haben sich das bei uns abgeschaut. Manch ein Esel grinst immer dann, wenn ihm eine Kamera vor das Gesicht gehalten wird. Das ist ein erfolgreicher Trick, um mehr Futter zu erbetteln.

Ursache und Wirkung

Am Abend will ich ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen. Dabei klemmt die Dose an einer scharfen Kante des Kühlaggregats fest. Echt unglücklich. Die Dose platzt, das Bier ergießt sich in die Bilge des Kühlschranks, welcher am nächsten Tag wie eine Brauerei riecht. Ich säubere den Kühlschrank noch einmal. Toll.


Von Natur aus niedlich sind natürlich Tierbabys. Tiger macht da keine Ausnahme. Ich hoffe sehr, dass sich die Anwesenheit des Babys auch in bare Münze umwandeln lassen wird. Die Besucher bleiben jedenfalls lange vor dem Stall stehen.

Tiger ist die Attraktion. Für Mensch und Esel.

Auch ich kann mich dem Zauber nicht entziehen. Immer wieder muss ich in diesen Stall, mich mit der Mutter anfreunden und dann auch mit dem Baby. Die Wunde sieht inzwischen viel besser aus, außerdem hat die Mutter ein gewisses Vertrauen zu uns gefunden. Sie lässt uns an ihr Baby, ohne es vor uns zu schützen. Das ist toll. Die Karotten, die ich ihr immer wieder mitbringe, sind sicher nicht schädlich.

Wir füttern Woods, Woods füttert Tiger.

Was hat sich in dieser Seifenoper noch getan? Fire Ball wird seinen Besitzern nach der Kastration zurückgegeben und bekommt außerdem eine Begleiterin. Dann wird es ihm in seinem neuen alten Zuhause viel besser gehen als ganz alleine. Es ist einerseits ein schöner Zug von Desiree, andererseits spart sie damit 400 US$ im Jahr für die Futterkosten ein.

Magerer Esel

Nach der morgendlichen Fütterung fällt mir am Sonntag ein Esel auf, der sich gar nicht für das Futter zu interessieren scheint. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. Nella und ich versuchen, den Chip des Esels zu lesen, der hat aber keine Lust dazu. Also versuchen wir, ihn einzufangen. Der Esel hat aber keine Lust. Statt dessen steht er die ganze Zeit vor dem Gehege, in dem die alten Esel leben. Optisch passt er prima in die Gruppe. Erst am Nachmittag gelingt es Anneke, den Chip zu lesen. Dabei wird klar, dass die Dame in dem Gehege fehlt. Kurz vor der zweiten Fütterung gelingt es Anneke, mit dem Esel in das Gehege zu laufen. Der Esel ist übrigens eine Dame, ihr Name ist Orchid.

Morgen ist wieder Eseltag. Heute ist wieder Putztag. Die Insel ist mal wieder sehr staubig, der Staub setzt sich überall im Boot ab.

Ein Babyesel!!!

Einen Tag nach der Ankunft von Fire Ball komme ich zu meiner üblichen Schicht am Dienstagnachmittag. Ich bin früh dran, denn ich will noch ein paar Videos von Fire Ball aufnehmen. Dabei erfahre ich, dass Desiree schon wieder unterwegs ist, um einen verletzten Esel einzusammeln. Derweil kümmere ich mich um Fire Ball, der mit Kamino wohl noch die eine oder andere offene Rechnung hat. Einerseits sind die beiden so ähnlich, als seien sie Brüder. Diva ist heiß, Kamino kann sie nicht befriedigen und Fire Ball kann sie nicht erreichen. Spannend.

Telefonisch erfahren wir, dass nicht der verletzte Esel, sondern eine Eselmama mit ihrem Baby an Bord sind. Da die Esel im Donkey Sanctuary alle kastriert sind, gibt es dort nur Babys, wenn sie aus San Nicolas von der dortigen “frei” lebenden Eselpopulation kommen. Wir warten gespannt.

Stimmen am Eingangstor machen dem Warten ein Ende. Anneke, Jutta und ich öffnen das Tor zum inneren Stall, Desiree lenkt das Gespann ans Ziel. Es wird spannend. Was erwartet uns im Inneren?

Die Esel sind nun am Ziel.

Während Anneke, Jutta und Desiree den Anhänger öffnen, filme ich das Geschehen mit der Kamera. Vicky und Finn sind gemeinsam mit den beiden Eseln mitgefahren.

Der erste Blick auf die beiden Neuen

Es ist ja nicht so, dass das Gaffen den Menschen vorbehalten ist. Ob es sich um einen Unfall auf der Autobahn oder einen Brand im Haus des Nachbarn handelt, immer werden sich neugierige Augen finden. Wenn ein neuer Esel mit dem roten Anhänger kommt, findet sich auch eine neugierige, gaffende Meute. Der einzige Unterschied ist, dass Esel keine Smartphones besitzen. Sonst würden sie filmen.

Gaffende Meute vor dem Tor

Mit viel Gefühl motiviert Vicky die Mutter, den Anhänger zu verlassen. Dabei schubst die Mutter wiederum ihre kleine Tochter vor sich her. Alles geschieht ohne Hast. Die Mutter will ihr Baby beschützen und hat gleichzeitig eine gehörige Portion Angst.

Vicky mit den Damen

Während die erwachsenen Esel bei der Fütterung versuchen, den Besuchern ein möglichst süßes Gesicht zu zeigen, hat das ca. zwei Monate alte Eselbaby das noch nicht gelernt. Sie ist von Natur aus süß, wie kleine Kätzchen oder niedliche Hundewelpen.

Mein Name ist Tiger

Ich muss noch mehr über die Umstände herausfinden, unter denen die beiden eingefangen wurden. Ich tippe auf einen Bezug zu einem Golfplatz. Der Esel von der Feuerwache heißt schließlich Fire Ball. Kamino wurde auf der Straße gefunden, Kamino bedeutet Straße auf Spanisch. Die Namen werden nach den Umständen des Funds ausgewählt. Mit den Namen Tiger und Woods für die beiden Esel kann ich mir nichts anderes vorstellen.

Tiger und Woods und die gaffende Meute

Wir haben einen auch für kleine Esel ausbruchssicheren Stall frei gemacht und nach kurzer Motivation mit einer Mohrrübe laufen Tiger und Woods in ihr vorläufiges Heim.

Tiger und Woods an ihrem Ziel

Zwei Wochen wird es wohl dauern, bis das Kennenlernen mit den anderen Eseln abgeschlossen ist. So wurde es mir für Fire Ball erklärt, das wird wohl mit Woods nicht anders sein. Die kleine Tiger hat eine Verletzung, die eigentlich behandelt werden müsste. Wir können aber nicht an sie heran kommen, die Mutter vertraut uns verständlicherweise noch nicht. Da können wir noch so viele Karotten haben.

Verletzung von Tiger, die gereinigt werden müsste

Am späten Nachmittag konnte ich noch ein kleines Video aufnehmen, wie Tiger von ihrer Mutter gesäugt wird. Schreibt man das eigentlich so? Zusammen mit den anderen Videoschnipseln der Ankunft habe ich das auch in bewegten Bildern zusammengeschnitten.

Nach der Aufregung um die Ankunft kommt noch eine weitere Aufregung. Ein paar Arubaner sind gekommen, um sich aufzuregen. Der gestern eingesammelte Fire Ball und Kontrahent von Kamino ist ein Esel aus Privatbesitz. Die Eigentümer wollen ihn wieder haben. Damit hat Desiree überhaupt kein Problem. Sie werden ihn in etwa vier Wochen zurück bekommen. In zwei Wochen wird er kastriert, danach besteht keine Gefahr mehr, dass er von seinen Eigentümern zu Zuchtzwecken benutzt wird.

Wehmut

Heute ist vermutlich der vorerst letzte Tag, an dem ich meine Eselskarre zur Verfügung habe. Deswegen fahre ich zum Geschäft für Bootszubehör und informiere mich über das vorhandene Antifouling. Das ist die Farbe, mit der Boote von unten gestrichen wird, damit kein Bewuchs auftritt. Diese Aufgabe steht Jens und mir nächsten Monat noch bevor, denn der letzte Anstrich war vor zwei Jahren. Es sieht von unten nicht mehr schön aus. Ich muss die Farbe nicht sofort kaufen, die ist immer vorrätig. Ich kann abwarten, ob einfaches Überstreichen oder eine komplette Erneuerung mitsamt Grundierung notwendig sein wird.

Meine Zeit auf Aruba geht absehbar dem Ende zu. Damit auch die Zeit im Donkey Sanctuary. Am vergangenen Wochenende war ich zum letzten Mal als Urlaubsvertretung im Einsatz.

Morgenstunde

Die Morgenstunde hat ihren ganz eigenen Zauber. Vor der morgendlichen Fütterung ist es ganz still. Nur die Pfaue machen ihre eigenartigen Geräusche. Ich bin etwas zu früh dran und warte mit dem Start der Fütterung auf Paul. Paul will mich am Morgen unterstützen, weil er bislang immer nur am Nachmittag im Einsatz war. Die Fütterung am Morgen unterscheidet sich in Nuancen von der am Nachmittag. Zusätzlich zum Heu gibt es noch die bei den Eseln so beliebten Pellets.

Die Uhr tickt. Je näher die magische Zeit 9 Uhr kommt, desto unruhiger werden die Esel. Warum fängt dieser Mensch nicht endlich mit der Fütterung an?

Wasserhäuschen

Mir fällt auf, dass einige Esel unmotiviert um das Wasserhäuschen herumstehen. Der Frankfurt assoziiert wahrscheinlich jedes Getränk außer Wasser mit dem Begriff, hier ist er aber wörtlich zu nehmen. Der Trinkbrunnen ist komplett trocken, als hätten die Esel ihn ausgeleckt. Haben sie wahrscheinlich auch. Ich öffne den Wasserhahn und obwohl die Esel das spritzende Wasser überhaupt nicht mögen, fangen die ersten an zu trinken.

Prost!

Paul ist pünktlich und wir starten die Vorbereitungen. Wie immer wird der Vorgang von den drei- bis vierbeinigen Protagonisten mit Lauten untermalt. Zum normalen Blöken kommt ein Knurren, wie man es sich bei hungrigen Hunden vorstellen könnte. Wir füllen Proteinwürfel in Eimer und weichen diese in Wasser ein. Das ist das Futter für die zahnlosen, alten oder mageren Esel, die zusammen das Altersheim bewohnen. Dazu kommen am Morgen noch die Pellets. In dem Augenblick, in dem ich die Tonne mit den Pellets öffne, ist die Unruhe unter den Eseln am größten, ihr Lärm am lautesten. Ich liebe es, die Pellets vor ihren Augen in die Eimer rieseln zu lassen. Anschließend bekommen die inzwischen randalierenden Zuschauer ihre eigenen Pellets. In Sekundenschnelle kehrt Ruhe ein, immer nur kurz unterbrochen von knurrenden Geräuschen und dem dumpfen Einschlag von Hufen in den Bauch des fressenden Nachbarn. Anschließend holen wir das Heu.

Mittagsruhe

Es kommen über den Vormittag nur wenige Besucher. Die Insel ist ganz und gar nicht ausgelastet. Das merkt das Donkey Sanctuary natürlich auch. Paul und ich unterhalten uns. Die Besucher können sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der immer hungrigen Langohren sicher sein. Ich bin immer etwas traurig, wenn die Besucher wieder gehen, ohne vorher die Esel gefüttert zu haben. Damit haben sie das Beste verpasst.

Ninja und der Hufschmied

Ninja bekommt Besuch vom Hufschmied. Dafür habe ich ihn am Vorabend schon von seiner Gruppe getrennt. Der Schmied muss alle vier Hufe bearbeiten. Das mag Ninja überhaupt nicht. Er kickt sogar in meine Richtung, als ich ihm das Halfter anlege, streift mich jedoch nur. Ich bin nicht so blöd, direkt hinter dem Esel zu stehen. Dann gebe ich ihm noch ein Stück Karotte, was die Esel draußen unglaublich eifersüchtig macht. Esel sind in etwa so neugierig wie die Nachbarn in einer Reihenhaussiedlung. Mit Ninja tauschen würden sie sicher nicht wollen, die Karotte würden sie aber niemals ablehnen.

Pediküre

Das alles wird mir fehlen, wenn Jens und ich Sissi in Richtung unseres nächsten Ziels steuern bzw. die Windfahne bei dieser Tätigkeit überwachen. Die Esel, die Katzen, die Menschen und dieser unglaublich entspannende Ort. Ohne das alles hätte ich die vergangenen Monate wahrscheinlich nur mit einem Dachschaden überlebt. Mit Hilfe der Esel konnte ich mir meine geistige Gesundheit erhalten. Im Souvenirshop gibt es übrigens Kacheln zu kaufen, auf denen die Worte “My therapist eats hay” zu lesen sind. Mein Therapeut isst Heu.

Die Geschichte der Esel auf Aruba kenne ich inzwischen in- und auswendig. Nicht alle Besucher wollen sie hören. Wenn ich sie komplett erzählen darf, kann ich anschließend meist auch höherpreisige Souvenirs verkaufen, etwa die Delfter Kacheln.

Wahrscheinlich kann ich diese Geschichte in 20 Jahren noch erzählen. Faszinierend ist die Aufmerksamkeitsspanne, die sich bei US-Amerikanern und Europäern stark unterscheidet. Für die Amerikaner breche ich die Geschichte in kleinere, leichter verdauliche Häppchen auf. Die brauchen immer ein paar Minuten, bis ich dann weitermachen kann. Neulich war ein Franzose zu Besuch, ich war entsetzt wie eingerostet mein Französisch inzwischen ist. Es hat aber funktioniert, mit Französisch und Deutsch für den Besucher aus Straßburg.

Spezialisten in Sachen Entspannung und immer streichelbar

Es wird wohl eine Weile dauern, bis der Geruch von Esel aus dem Boot verschwunden sein wird. Ein Besucher meinte neulich zu mir, dass es bei mir nach Esel riecht. Das finde ich gar nicht schlimm. Ich kann Esel nicht mehr riechen. Für mich riechen sie neutral. Mal abwarten, was Jens dazu sagen wird.

Wenn ich die Zahl der Beiträge betrachte, die ich in den letzten Tagen geschrieben habe, merke ich, dass ich nicht mehr ausgelastet bin. Mit etwas Glück glaubt Desiree noch ein paar Wochen lang, dass der Chinese ihr helfen möchte. Dann kann ich das Auto vielleicht behalten. Dann muss ich nämlich täglich ins Donkey Sanctuary und Software, Firmware oder irgendwelche Stellungen von winzigen Potentiometern verstellen. Herrlich aussichtslos.

Mein Name ist Fire Ball

Eigentlich wollte ich nur kurz im Donkey Sanctuary vorbeischauen, weil Desiree ein Problem mit ihrem Computer und einer Laser-Graviermaschine aus China hat. Über diese Maschine werde ich demnächst auch noch ein paar Worte fallen lassen.

Seit ein paar Wochen versuchen wir dieses Gerät in Betrieb zu nehmen. Vergebens. Es ist ein Hardwaredefekt, der Hersteller meint jedoch, es läge an der Software. Die Maschine hat drei Schrittmotoren. Einer davon ist defekt, zwei funktionieren hervorragend. Wenn ich einen der funktionierenden Motoren gegen den defekten Motor tausche, wandert der Defekt mit.

Meine Vermutung ist, dass Desiree mit einem chinesischen Kundenvertröstungs-WhatsApp-Account chattet. Von dort bekomme ich jeden Tag vollkommen aussichtslose Anweisungen, die ich ausführe, die aber wirkungslos bleiben. Doch zum Thema. Wir haben einen neuen Esel.

Fire Ball. Ankunft im Donkey Sanctuary am 12. Oktober 2020

Desiree erhielt gestern früh einen Anruf, dass ein Esel in der Nähe einer vielbefahrenen Straße sei. Mit Hilfe der Feuerwehr und der Polizei von gelang es, den Esel einzufangen. Vorschläge für den Namen waren somit Sheriff und Fire Ball, eine Umfrage unter drei zufällig anwesenden Volunteers ergab dann Fire Ball als Namen. Eine solche Gelegenheit ist natürlich toll.

Bis der neue Esel kastriert ist, muss er in seinem kleinen Stall alleine ausharren. Deswegen kommt der Kontakt zu den anderen Eseln nicht zu kurz. Die sind nämlich ziemlich neugierig, wer da angekommen ist. Eine lange Prozession von Eseln führt am Stall vorbei.

Man beschnuppert sich.

Die neue Situation ist für Fire Ball noch ziemlich ungemütlich. Nach einem Leben in Freiheit ist er plötzlich ein einem winzigen Stall untergebracht. Auch wenn er eine riesige Menge Heu zur Verfügung hat, er knabbert immer nur ein paar Halme. Als wäre es ein Verbrechen, ein Esel zu sein. Dabei war es nur zu seinem Schutz. Es wird ihm sicher besser gehen, wenn er gemeinsam mit den anderen Eseln über das ganze Gelände toben kann.

Immerhin gibt es genug Nachbarn, die man kennenlernen kann. Und alle stecken ihre Nase rein, um den Neuen zu beschnuppern.

Es scheint allerdings, dass Fire Ball schon einen alten Bekannten getroffen hat. Vielleicht haben die beiden früher den einen oder anderen Streit ausgefochten. Vielleicht sind sie Geschwister. Der letzte Neuzugang vor Fire Ball war Kamino im August 2019. Damals ist der Aufenthalt an der Straße nicht so glimpflich abgegangen.

Anneke hat mir erzählt, dass Fireball sofort zu Kamino gelaufen ist, als sie ihn abgeladen haben. Die beiden haben sich auch einiges zu erzählen.

Überhaupt ist es an diesem Morgen sehr laut im Donkey Sanctuary. Jeder Esel der stolz auf seine Identität als Esel ist, beteiligt sich an dieser Unterhaltung.