Aufbruchsstimmung

Ich finde Aufbruchsstimmung toll. Wenn ich sie selbst habe oder wenn ich sie bei anderen sehen kann. Im Augenblick sehe ich sie bei anderen, bei meinen Stegnachbarn von der Pamina. Die machen sich nämlich fertig, die Marina und in Kürze auch Aruba zu verlassen. Sie sind hier nun seit Anfang August und wollten den ursprünglichen Planungen nach innerhalb von vier Wochen neue Batterien ins Boot einbauen lassen, das Antifouling streichen lassen, eine Klimaanlage einbauen lassen und noch so einiges mehr erledigen. Ich wollte schon eine Kiste Bier wetten, dass sie im September immer noch hier sind. Jetzt schreiben wir Oktober und sie sind immer noch hier. Aber nicht mehr lange. Ich helfe ihnen gerne bei ihren Einkäufen, doch es ist Donnerstag. Zuerst kommen die Katzen dran.

Die Hausbesitzer beobachten mich bei meiner Arbeit

Zuerst sammle ich alles ein, was auf dem Boden herumliegt. Das kommt dann auf die Tische und Kratzbäume bzw. in die Küche zum Reinigen. Also Katzenspielzeug auf den Tisch bzw. Kratzbaum, Futter- und Wassernäpfe werden gespült. Die Katzenklos, im großen Käfig sind es immerhin fünf Stück, reinigen wir mit einer Mischung aus Scheuermilch und Bleiche.

Reinigung eines Katzenklos

Später werden die Katzenklos mit dem Wasserschlauch gereinigt. Die Vorgehensweise ist jeden Tag gleich, die Bewohner mit ihren spitzen Ohren kennen das genau. Sie kennen es viel besser als wir Dosenöffner, denn sie erleben es jeden Tag.

Gereinigte Katzenklos, fertig zum ausspülen mit dem Schlauch

Einige freuen sich. Ich kehre den Käfig zunächst trocken mit dem Besen, dabei machen sich zwei Kätzchen einen Spaß daraus, immer wieder den Besen zu fangen. Es ist schwer, spielende Kätzchen zu ignorieren. Ich kehre trotzdem zu Ende und die Katzen haben dennoch ihre Freude. Eigentlich stellen wir den Katzen Futter in die Küche, damit sie uns beim Putzen nicht im Weg sind. Ein paar bleiben immer übrig.

Der Käfig wird mit dem Schlauch gereinigt

Die meisten von uns wissen, dass Katzen wasserfest sind, dass sie sogar schwimmen können und dass sie wasserscheu sind. Und – wie gesagt – die Reinigung des Käfigs findet jeden Tag statt. Doch Katzen sind außerdem neugierig wie ein Esel. Am liebsten sind sie ganz nah dabei. Meine Katze Sissi etwa mochte den Platz auf der Computertastatur immer dann am liebsten, wenn ich den Computer benutzt habe. Im Animal Shelter haben wir ein paar Exemplare, die bei der Reinigung immer dabei sein müssen. Bei einigen siegt die Neugier über die Abneigung gegen das Wasser. Bei anderen ist es umgekehrt, wenn sie auf dem klatschnassen Boden dann die Flucht ergreifen, rutschen sie lustig durch die Gegen. Erinnert mich immer an das alte Album von Bon Jovi – Slippery When Wet.

Let it rock. Nein, ich spritze nicht direkt auf die Katzen. Die bekommen nur ein paar Tropfen ab.

Zuletzt wird das Wasser in den Abfluss geschoben, der Boden trocknet bei den hiesigen Temperaturen innerhalb weniger Minuten gründlich ab. Anschließend legen wir das Katzenspielzeug wieder auf dem Boden. Die Katzen werden es dann über Nacht wieder gründlich im Käfig verteilen. Die frisch gereinigten und gefüllten Fress- und Trinknäpfe ergänzen das Angebot. Auch die meisten Bewohner kehren nun freiwillig wieder in ihr Domizil zurück, nur ein paar wollen von den Käfigwänden gepflückt werden.

Nach den Fressen müssen sie sich erst einmal ausruhen

Die meisten müssen sich jetzt erst einmal ausruhen und entspannen sich. Ein paar sind noch hungrig und machen sich über das Trockenfutter her. Sie verschmähen das Dosenfutter. Katzen sind schon ganz schöne Feinschmecker. Wenn es möglich ist, geben wir ihnen immer verschiedene Sorten Trockenfutter, denn es hat schließlich nicht jeder denselben Geschmack.

Miau

Nach den Katzen kommen die Menschen. Ich fahre Sönke von der Pamina zu Price Smart, dem hiesigen Großmarkt. Schon im vergangenen Jahr habe ich mir hier eine Mitgliedskarte besorgt. Wenn es die benötigten Dinge hier zu kaufen gibt, haben sie zumeist den besten Preis auf der Insel. Der Einkaufsvorgang ist dann lustig zu beobachten, denn Sönke möchte keine Fehler machen. Immer wieder schickt er Fotos der einzelnen Produkte (etwa Reinigungsmittel) zu Rebecca und möchte wissen, ob das das richtige Produkt ist. Bei den Putzmitteln ist er noch sehr unsicher, bei den Süßigkeiten wird er immer sicherer. Nur die Lieblings-Fruchtgummis sind leider nicht da. Ärgerlich. Mein Auto ist voll bis unter das Dach. Ich selbst habe nur zwei Pakete Karotten gekauft, die am Wochenende unter die Esel gebracht werden sollen.

Auch Rebecca und Charly bekommen eine Tour im Auto spendiert. Wir fahren in die Tierklinik, Charly braucht ein Gesundheitszeugnis. Außerdem braucht er eine Wurmkur. Ich bin mir sicher, er freut sich sehr darüber.

Konkrete Erwartungshaltung. Gib’ mir jetzt sofort diese Karotte!

Am Samstag nehme ich die Pamina Crew noch einmal mit ins Donkey Sanctuary. Die wahrscheinlich letzte Gelegenheit für einen Besuch, denn die Abreise ist für Dienstag angedacht. Während schlussendlich Lea die meisten Karotten an die Esel verteilt, diskutieren Sönke, Rebecca und ich über die Windvorhersage. In den kommenden Tagen erwarten wir eine sehr schwach windige Phase, etwa für eine Woche. Das würde für die Pamina reichen, mit Hilfe der Maschine nach Grenada zu kommen. Auch dort ist man sicher vor tropischen Wirbelstürmen. Wir haben schließlich immer noch Hurrikansaison. Außerdem steht dem Segler in Grenada die gesamte Karibik offen, von dort aus passt der Wind für fast alle Ziele fast immer.

Die Alternative wäre, Richtung Kolumbien oder Panama weiter zu ziehen, schließlich möchte die Pamina noch in diesem Jahr in den Pazifik fahren. Die schwach windige Phase würde helfen, denn auf dem Weg nach Santa Marta in Kolumbien ist die Wassertiefe recht gering und dadurch die See immer sehr rau. Weniger Wind bedeutet weniger Wellen. Auch das wäre in der kommenden Woche gut möglich.

Entspannter Sonntagnachmittag bei den Eseln

Am Montag kümmert sich Sönke um die Einreisebestimmungen der verschiedenen Länder. Dabei kommt es zu Ernüchterung. Die Aufbruchsstimmung hat einen mächtigen Dämpfer bekommen. Aus Gründen wie “Dauer der Quarantäne für den Hund” oder “Boot ist in diesem Land nicht versichert” fällt gerade ein Ziel nach dem anderen von der Liste. Damit ist klar, die Pamina bleibt noch ein paar Tage in Aruba. Da die Crew keinen Bock mehr auf den Hafen hat, wird sie demnächst vor Anker gehen und das Problem mit der Versicherung in Angriff nehmen. Ich hätte es ihnen vorher sagen können, Aruba ist klebrig. Es ist sehr, sehr schwer, diese Insel zu verlassen. Ich weiß wovon ich spreche, denn ich habe es oft genug versucht.

Der neue Wandschmuck, betrieben über das neue 120V Stromnetz

Wenn man über ein Jahr in einem Land mit einem 120V Stromnetz lebt, beginnen manche Probleme. Sissi hat eine 230V Verkabelung und Steckdosen nach deutschem Standard. Als ich mir im vergangenen Jahr die Eiswürfelmaschine gekauft habe, kam ein dicker 120V Inverter an Bord, der für die Eiswürfelmaschine auch genug Leistung bereitstellen kann. Später kaufte ich noch einen Standventilator. Später kaufte ich einen Mixer für die Küche. Irgendwann brauchte ich einen neuen Staubsauger. Eine Kaffeemühle und den Vakumierer für das Essen konnte ich aus Deutschland einfliegen lassen. Letzte Woche war ich es leid, immer das Verlängerungskabel vom Inverter in die Küche zu ziehen. Ich kaufte ein paar Meter Kabel und Steckdosen. So lange die Deckenverkleidung offen ist, ist die Installation ganz leicht. Jetzt hat Sissi neben der 230V Installation noch eine 120V Installation. Die dämliche Schiffsglocke mutierte zu einem großen Ventilator an der Wand. Herrlich. Gerade rechtzeitig zur windstillen Woche.

Schrauben für Wand- und Deckenverkleidung

Ein denkwürdiger Moment. Ich räume die komplette Backbord-Hundekoje aus. Dann kann ich reinkriechen und die Verkleidungsteile an der Decke wieder anschrauben. Jetzt sind die neuen Stromkabel nicht mehr zu sehen. Mein System mit nummerierten Teilen und den passenden Schrauben in der Kiste bewährt sich. Alle Teile finden schnell wieder an ihren Platz zurück. Erstmals seit mehreren Monaten ist die Zahl der demontierten Verkleidungsteile im Boot am Abend geringer als am Morgen. Yess!

Es ist allerdings so unglaublich heiß, dass ich die Inspektion des Motors vor mir herschiebe. Ich hätte dafür gerne wieder den Passat vor der Tür. Bei 35°C im Salon möchte ich den Motor gerade nicht laufen lassen. Da kommt mir Sönke gerade recht, der ein IT Problem und eine Klimaanlage an Bord hat.

Das Leben ist schön

In der vergangenen Nacht lag ich noch um 3 Uhr morgens in meinem eigenen Schweiß gebadet. Auch danach war ich noch ein paar Mal wach. Immer wieder höre ich Moskitos, die um meine Ohrmuscheln Kunstflüge üben. Obwohl ich mich regelmäßig mit Mückenschutzmittel einsprühe, ist kein Entkommen möglich. Windstille ist ideal für Moskitos.

Um 6 Uhr stehe ich auf, es hat keinen Zweck mehr. Wenn bei knapp 30°C und einer Luftfeuchtigkeit von etwa 70% der Wind einschläft, fällt mir das Einschlafen schwer. Auch dass ich zum Schlafen ins Cockpit umgezogen bin, hat die Situation nur wenig verbessert. Ich kann nicht liegenbleiben, denn es ist Donnerstag. Kätzchen-Tag im Tierheim. Und ich muss mich weiterhin um die privaten Pflegekatzen kümmern. Das letzte Frühstück, heute kommen Gail und Paul aus Boston zurück. Nach dem Morgenkaffee schleppe ich mich in die schwimmende Wohnung.

Schwimmende Wohnung, kein Segelboot mehr.

Ein Segelboot ist das nicht mehr. Die Masten sind beide abgesägt worden. Auch der Motor funktioniert nicht mehr. Das Boot ist eine schwimmende Hülle aus Stahl und darauf wohnen drei süße Katzen und Sydney. Bevor man Sydney sehen kann, kann man zumeist das dumpfe Grollen hören, das er immer dann von sich gibt, wenn ihm eine Person zu nahe kommt. Zu nahe kommt man ihm normalerweise schon, wenn man das Boot betritt. Vom Gewicht her bringt er mehr auf die Waage, als die anderen drei Katzen zusammen.

Sydney ist wie immer launisch

Das komplette Gegenteil sind Bali und Elsa. Ich nenne sie immer Elsa, weil das ihr Name aus dem Tierheim war. Der neue Name ist aus einer Fernsehserie, die ich nie gesehen habe. Ich kann ihn mir nicht merken. Elsa ist schon einige Wochen an Bord, Bali noch nicht einmal zwei Wochen. Sie hat unter dem Hafenbüro in einer Abwasserröhre gewohnt, wurde von Gail in die Tierklinik zum Sterilisieren gebracht und anstatt sie wieder zurück an ihren alten Wohnort zu bringen, hat Gail sie auch noch in ihr schwimmendes Haus aufgenommen. Die beiden Mädels schnurren sofort, wenn man sie auf den Arm nimmt und streichelt. Das Genießen haben sie beide schon gelernt. Bali war anfangs sehr reserviert und ängstlich, inzwischen ist sie frech wie ihre Spielkameradin.

Elsa (links) und Bali haben sich lieb

Mikey hat gute und schlechte Tage. Mal vermisst er seine Dosenöffner mehr, mal vermisst er sie weniger. An manchen Tagen muss ich ihn regelrecht zu seinem Spaziergang tragen, an anderen Tagen sprintet er mir davon, bevor ich die Leine an seinem Geschirr festmachen kann.

Mikey entspannt sich

Nach der ersten Raubtierfütterung kommt die nächste. Ich setze mich ins Auto und fahre zum Tierheim. Richtig gut geht es mir nicht, ich fühle mich, als würde ich gleich einschlafen. Doch die Pflicht ruft. Ich bin erleichtert als ich feststelle, dass ich heute nicht alleine für die Katzen zuständig bin. Meine Partnerin war in der letzten Woche krank, jetzt ist sie wieder gesund. Wir brauchen für den ersten Käfig nur eine halbe Stunde. Dann entscheide ich, dass ich nach Hause fahren und noch etwas schlafen muss.

Ganz in der Nähe der Marina – Mangroven

In der Nähe der Marina ist die Küste von Mangroven gesäumt. Es besteht für mich kein Zweifel daran, dass dort die vielen Moskitos ausgebrütet werden. Auch ausgebrütet sind ein paar Hühnereier im Donkey Sanctuary. Eine Henne scheucht und beschützt ihre Küken. Die können nur ein paar Tage alt sein. Ich bin gespannt, wie viele davon durchkommen. Eine gute Henne kann die meisten durchbringen, schlechte Hennen verlieren viele Küken.

Chicken Nuggets

Als ich letzten Sonntag bei den Eseln eintreffe, begrüßt mich Gustav mit den Worten, dass es Stromausfall gibt. Ein Stromausfall ist ja gar nicht so selten in Aruba, zunächst denke ich nicht weiter darüber nach. Dann fange ich doch an zu denken. Mein Telefon zeigt mir nämlich, dass es auf dem Parkplatz WiFi gibt. Dann muss es dort doch Strom geben. Eigentlich brauchen wir den Strom nicht, außer für das Kreditkarten-Lesegerät. Die Gefriertruhe ist schon vor ein paar Wochen zusammengebrochen.

Es ist viel los im Donkey Sanctuary

Der Kreditkartenleser ist natürlich das wichtigste Gerät, denn damit kommen die fetten Spenden und die kleinen Einnahmen aus dem Verkauf der Futterpellets auf das Konto. Einen Tag nur mit Barzahlung arbeiten wäre wahrscheinlich ein großer Verlust. Auf dem Parkplatz ist WiFi und der Sicherungskasten im Futtercontainer ist absolut in Ordnung. Hier ist keine Sicherung herausgeflogen. Annekes Mann Dirk erscheint, er ist so etwas wie der Elektro-Hausmeister im Donkey Sanctuary. Wir prüfen noch die Vorsicherung am Zählerkasten, vielleicht ist nur eine der drei Phasen durchgebrannt. Nein, die Sicherungen sind alle in Ordnung. Dirk und ich gehen das Kabel entlang, dass wider Erwarten nicht vom Parkplatz zum Besucherzentrum führt, sondern einen Umweg über die Ställe macht. Ich wäre da nie drauf gekommen, doch die Sicherung im dortigen Sicherungskasten spricht eine deutliche Sprache. Schon können wir wieder Kreditkarten belasten. Das Kabel vom Parkplatz über die Ställe zum Besucherzentrum zu verlegen ist in etwa so kreativ wie der Stromkreis zu meinem Autopiloten gewesen ist.

Anneke und das Federvieh

Ich liege in meinem Bett und dämmere ein wenig vor mich hin. An Schlafen ist nicht zu denken, doch ich kann etwas entspannen. Mit zwei Ventilatoren schaffe ich mir einen Luftzug und etwas Erleichterung.

Mein Anker rumpelt. Das ist ein Geräusch, das durch das ganze Boot geht. Es ist nicht zu überhören und kommt einer Türglocke sicher am nächsten. Ich schiebe mich aus dem Bett und an den Ventilatoren vorbei. Vor meinem Boot stehen der Skipper des Katamarans und seine Tochter. Als ihnen klar wird, dass ich geschlafen habe, kündigen sie einen weiteren Besuch für einen späteren Zeitpunkt an.

Ein paar Stunden später rumpelt mein Anker wieder. Ich sitze gerade am Computer und schreibe für mein Blog. Da steht er wieder vor meinem Boot, unter dem Arm ein 12er-Pack Bier. Ich bekomme meinen USB-Stick zurück, auf den ich verschiedene Seekarten gespielt habe. Navigationszeug, das unter Langfahrern herumgereicht wird. Das meiste habe ich in Portugal von einem Amerikaner bekommen.

Katamaran

Das Bier drückt er mir mit den Worten in die Hand, dass er dafür sein Portemonnaie geöffnet hätte. Sieh an, ein neuer Leser. Ich habe die Worte vor ein paar Wochen in Zusammenhang mit seiner Person verwendet. Er gibt vor, mit mir über mein Blog sprechen zu wollen. Ein Dialog möchte sich jedoch nicht entwickeln. Wenn ich meinen Standpunkt zu dem einen oder anderen Vorwurf äußern will, fährt er mir über den Mund und setzt seine Tirade fort. Dann ist das halt so. Dann reden wir nicht miteinander. Er verlangt, dass ich den Blog nachträglich zensiere. Letztendlich halte ich meinen Mund. Einen Freund fürs Leben habe ich mir sowieso nicht gemacht, ob ich meinen Standpunkt äußere oder nicht.

Doch das Leben ist viel zu schön, um sich aufzuregen. Ich freue mich darüber, dass ich heute eine Einladung zum Abendessen habe. Hoffentlich bin ich nicht zu müde. Jetzt gehe ich erst einmal zu Gail und Paul rüber, ich habe gerade gesehen, dass sie wieder nach Hause gekommen sind. Der Wind hat auch wieder ein wenig aufgefrischt.

Ellie

Einige Male war ich bei den Katzen, seit dem ich den letzten Beitrag geschrieben habe. Auch bei den Eseln konnte ich mich an den Sonntagnachmittagen entspannen. Das Leben geht hier seinen geruhsamen Gang und normalerweise passiert nicht viel. Die großen Ereignisse in der Welt finden nicht in Aruba statt. Kleine Anekdoten kann ich natürlich erzählen und etwa die Geschichte von Ellie hat das Zeug zu einem ganz großen Drama.

Ellie, eine von vielen streunenden Hündinnen in Aruba

Vor knapp zwei Wochen ist die Segeljacht Pamina hier in Varadero angekommen. Am Heck weht die deutsche Flagge und an Bord sind Lea, Rebecca, Sönke und Charly. Eine ganz normale Familie, die sich auf der Barfußroute eine Auszeit gönnt. Während ich meinen Morgenkaffee trinke ruft mich Paul zu sich. Ein deutsches Boot würde hineinkommen und ich könnte doch bei Sprachproblemen aushelfen. Natürlich mache ich das gerne, außerdem ist mir jede Abwechslung im normalen Alltag willkommen. Beeindruckend ist nicht nur die Größe des Boots, beeindruckend ist auch die Größe von Charly, dem Bordhund. Er ist nun 12 Jahre alt.

Die Pamina

Auf der Pamina ist in Aruba ganz großes Programm geplant. Das Boot soll aus dem Wasser geholt und von unten gestrichen werden. Außerdem hat Sönke neue Batterien bestellt, die hier eingebaut werden sollen. Eine Klimaanlage für die Pamina steht auch noch auf der Todo-Liste. Also werden wir hier eine gewisse Zeit gemeinsam verbringen. Sönke ist zwar der Meinung, dass alles Ende August fertig sein wird, er glaubt aber auch noch an erfolgreiches Projektmanagement in Aruba. Die erste Ernüchterung war, dass von den 24 bestellten Batteriezellen nur 12 geliefert worden sind. Ich bin gespannt, wie lange die Nachlieferung brauchen wird, die erste Ladung war sechs Wochen unterwegs.

Callas, Caruso und Pavarotti. Drei Kätzchen, die sich durch eine außergewöhnliche Stimmgewalt auszeichnen, sind in der vergangenen Woche im Tierheim eingezogen. Wir sind gespannt, ob das weiße Katerchen taub ist. Noch konnten wir es nicht herausfinden.

Um mir den Abschied von diesen süßen Spitzohren leichter zu machen, versuche ich, mir das Schicksal der anderen nicht mehr so zu Herzen zu führen. Auch die Namen lerne ich normalerweise nicht mehr. Die Opernsänger allerdings sind auf meinem Mist gewachsen, ich hatte die Aufgabe der Namensfindung.

Und da wäre dann Ellie. Lea (7) hat sie im Fischrestaurant kennengelernt, die beiden haben viel miteinander gespielt. Ellie ist eine mehrere Monate alte Streunerin, die neben einigen anderen Hunden im Hafenbereich lebt. Das ist nicht außergewöhnlich, die Angestellten der Marina, die Fischer, die Segler und die Leute vom Restaurant stellen Wasser und gelegentlich Nahrung bereit. Man kann den Hund ja nicht verkommen lassen. Ellie zeichnet gegenüber anderen Straßenhunden aus, dass sie ein Halsband trägt. Und Rebecca findet Ellie auch süß, sie hat ihr ihren Namen gegeben. Sie hat sie von Dutzenden Zecken befreit und mit Flohmittel behandelt. Ich ziehe die Familie nun immer damit auf, dass sie nun ein zweites Hundekörbchen unter Deck brauchen. Auch Charly ist begeistert von Ellie, denn sie war in den letzten Tagen heiß und er hatte seinen zweiten Frühling. Hoffentlich ist da nichts angebrannt…

Verkabeln eines von zwei der neuen Sicherungskästen

Mein Ellenbogen behindert mich immer noch an der Arbeit. In den letzten Tagen hat sich glücklicherweise eine stetige Verbesserung abgezeichnet, so dass ich hoffen kann, in ein bis zwei Wochen wieder ordentlich zupacken zu können. Derweil robbe ich mich arbeitsmäßig langsam an mein Ziel heran. Der alte Sicherungskasten ist mit Sicherungsautomaten ausgestattet, die wahrscheinlich so alt sind wie Sissi. Diese sind inzwischen so herunter, dass sie unter anderem bei unterschiedlichen Stromstärken auslösen.

Der alte Sicherungskasten

Einige der Automaten sind gar nicht mehr zu gebrauchen. Das Zeug fliegt komplett raus. Ich ersetze es durch zwei Sicherungskästen mit Schmelzsicherungen und einfachen Schaltern. Auch diese wollen verkabelt werden, Sicherungen, Schalter, Kabel und die Grundplatte müssen besorgt werden.

Den Sicherungskasten und die Stromkabel bekomme ich bei Budget Marine. Sauteuer, dafür aber für den Gebrauch auf Booten ausgelegt. Insofern sicherlich eine gute Investition. Bei den Schaltern werde ich aber nicht fündig, meinen Bedarf kann Budget Marine hier nicht befriedigen. Auch bei den Schmelzsicherungen herrscht hier gerade Knappheit. So fahre ich anschließend zu Boat & Fishing Aruba. Die haben 10 der von mir benötigten Schalter, von denen ich 24 brauche. Die anderen 14 bestelle ich, sie sollen in der ersten Augustwoche eintreffen. Dafür gibt es hier aber die Montagehalterungen nicht, sie sind auch nicht bestellbar. Hä? Diese Halterungen habe ich aber bei Budget Marine gesehen. Allerdings hat Budget nur eine einzige im Laden vorrätig, also bestelle ich die restlichen. Auch die sollen in der ersten Augustwoche kommen.

Derweil kann ich die beiden Sicherungskästen schon verkabeln. Sicherungen und Kabelschuhe gibt es im Baumarkt. Der Baumarkt hat aber kein Holz, das ich als Trägerplatte benutzen kann. Die verfügbaren Bretter sind alle in 2,4 m Länge und 1,2 m Breite und passen damit nicht in mein Auto. Außerdem wollen sie mir nicht das kleine 36 cm auf 40 cm Brettchen verkaufen, ich müsste das ganze Brett nehmen. Das geht besser.

Ich frage Soraida. Sie gibt mir den Tipp, es bei einer Schreinerei zu versuchen. Eine Viertelstunde und zwei Heinecken später habe ich ein auf Maß zugesägtes Stück Holz. Ein schönes Erfolgserlebnis.

Voll verkabelter Sicherungskasten

Derweil sehe ich Ellie immer wieder auf der Pamina an Bord. Nachdem sie an einem der ersten Tage ins Wasser gefallen ist und von Rebecca gerettet wurde, kann sie inzwischen selbständig an und von Bord gehen. Das freut Charly sicherlich sehr, wenn die Familie einen Ausflug macht und er alleine das Boot bewachen muss. Nur Sönke ist bislang standhaft und verkündet seine Meinung, dass er keinen zweiten Hund an Bord braucht. Er verscheucht Ellie regelmäßig. Einem echten Straßenhund macht das gar nichts aus. Außerdem haben alle anderen Ellie lieb.

Sind sie nicht niedlich? Die muss man doch adoptieren.

Meine Beziehung zu den Katzen und Kätzchen im Tierheim lasse ich jedenfalls gar nicht mehr so tief werden. Nur Elvis wird von mir regelmäßig gestreichelt und gekrault. Das kann ich machen, weil er in seinem Leben das Tierheim wohl nicht mehr verlassen wird. Er war vor ein oder zwei Jahren an eine Familie vermittelt worden und wurde total unglücklich. Er hat nicht mehr gefressen und sich in Ecken verkrochen. Als er zurück ins Tierheim kam, blühte er wieder auf und war glücklich.

Shrimp chillt

Also halte ich mich für die festen Beziehungen an Shrimp, Sunchi, Swa und Socks im Donkey Sanctuary sowie an Mikey im Hafen. Wobei der bildhübsche Kerl derzeit Ausgangssperre hat. Er hat sich an einer der Hinterpfoten verletzt, muss eine Halskrause tragen und darf nicht mehr in der Marina spazieren gehen. Ich freue mich darauf, wenn er wieder zu mir zum Frühstücken kommt.

Auch zu den Eseln eine Beziehung aufzubauen ist vollkommen risikolos. Esel passen nicht auf Segelboote. Außerdem geht es diesen Eseln ausgezeichnet, man könnte ihnen keine bessere Umgebung bieten.

Relax

Ich bin gespannt, wie die Geschichte mit Ellie weitergeht und ob sie ein Straßenköter auf Aruba bleibt. Rebecca versucht gerade, über Facebook jemanden zu finden, der den zugegebenermaßen niedlichen Hund bei sich aufnimmt. Lea versucht, den Hund so oft wie möglich zu knuddeln und zu umarmen. Charly versucht, was die Natur ihm vorgibt. Sönke versucht, die Kontrolle nicht zu verlieren. Ich versuche, meinen blöden Ellenbogen wieder fit zu bekommen. Ellie jedenfalls hat morgen gemeinsam mit Charly einen Termin beim Tierarzt. Entflohen, entwurmen, impfen (?). Das wird noch spannend.

Ellie entspannt vor der Pamina

Chapo ist abgefahren

Dinge verändern sich, andere Dinge bleiben gleich. Nach unserer Rückkehr nach Aruba fanden wir die Chapo an der Stelle im Hafen, an der sie die letzten zehn Monate gelegen hat. Es scheint alles wie immer zu sein, doch die Chapos sind in Aufbruchsstimmung. Sie wollen in die Dominikanische Republik fahren, in das einzige Land in der Umgebung, das geöffnet hat, gut erreichbar ist und keinen PCR-Test von den Einreisenden verlangt. Zum Glück reicht die Zeit noch, dass Charly uns mit dem Propeller helfen kann.

Ankunft der Chapo im März 2020

Lange ist es her, dass die Chapo angekommen ist. Das war in den unruhigen Tagen im März 2020, als die meisten Länder ihre Grenzen geschlossen hatten und Segler auf dem offenen Wasser das Problem hatten, dass ihre vor langer Zeit geplanten Ziele nicht mehr anlaufbar waren. Damals war die Freude über die gelungene Atlantiküberquerung und den sicheren Hafen groß. Auch Jutta und Charly hätten sich vergangenen März nicht vorstellen können, im kommenden Januar noch in Oranjestad zu liegen.

Nun sind sie nach vier Tagen Überfahrt in der Dominikanischen Republik angekommen. Auf ihrer Überfahrt mussten sie Wind bis 56 kn verarbeiten. So viel haben wir auf dem Weg von Kuba zurück nicht auf die Mütze bekommen.

Die Chapo fährt ab

Jetzt kommen wir mehrmals täglich am leeren Liegeplatz vorbei und fragen uns, wann dort wieder ein Boot liegen wird. Spätestens im Juni wird die Chapo hier wieder liegen, denn Jutta und Charly wollen die Hurrikansaison auf Aruba verbringen.

Leerer Liegeplatz

Wir sind vollzählig

Im Donkey Sanctuary gibt es mehrere Esel, die in einer Art “Altersheim” von den anderen getrennt sind und spezielles Futter bekommen. Diese Esel sind über 30 Jahre alt. Gepresste Strohwürfel werden mit Wasser zusammen angemischt und dann an diese Esel verfüttert. Weil sich am Lagerplatz für das Eselfutter auch Vogelfutter befindet, hängt dort immer ein aufdringlicher Pfau herum.

Pfau von hinten

Zumeist zeigt er mir seine Rückseite, wenn ich ihn fotografieren möchte. Diesmal habe ich ihm aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. In der Hoffnung, dass er sein Gefieder nicht wieder zusammen klappt, scheuche ich ihn etwas durch das Gehege und vom Futter weg. Der Trick hat funktioniert. Kaum lasse ich ihn wieder in Ruhe, dreht er sich um und will wieder zum Futter laufen. Sehr schön, diesmal bin ich der Gewinner.

Pfau von vorne

So schön diese Pfaue sind, so nervig ist ihr Geschrei. Sie machen einen Höllenlärm. Jetzt komme ich zu etwas ganz anderem. Einen freien Platz für ein Segelboot gab es bis gestern noch in der Marina. Ich wusste schon seit ein paar Tagen, wer diesen Platz bekommen wird. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, als mir der Iguana verraten hat, dass ein Segelboot Kurs auf die Hafeneinfahrt genommen hat.

Iguana schaut nach einem Segelboot

Jeder Segler freut sich über Bilder des eigenen Boots. Solche Bilder kann man selbst praktisch nicht anfertigen. Also schnappe ich mir die Kamera und feuere ein paar Schüsse auf die Lady Charlyette ab.

Ricarda

Das wird natürlich dem zunehmenden Babylon in meinem Kopf nicht gut tun. Seit ein paar Tagen merke ich, dass in meinem Kopf mehr und mehr die deutschen Worte von englischen verdrängt werden, selbst meine Träume laufen auf Englisch. Nebenbei deutsches Fernsehen schauen geht nicht mehr, ich muss mich darauf konzentrieren. Mit Ricarda und Stefan kann es mir passieren, dass das wieder zurück kippt. Ich werde es merken.

Lady Charlyette erreicht Oranjestad

Marinachef Hans hilft selbst beim Anlegemanöver, danach kann ich die beiden endlich begrüßen. Nun ist unsere kleine Gemeinschaft komplett.

Zuletzt muss ich einen schweren Diebstahl verkünden. Wer sagt denn, dass nur die Chinesen unsere gute deutsche Ingenieurskunst kopieren. Die Amerikaner tun es auch. Wahrscheinlich war die CIA in der Nacht unterwegs und hat mein Boot ausspioniert. An der Aria befindet sich jetzt eine schlechte Kopie meiner Türglocke.

US amerikanische Kopie meiner Ingenieurskunst

Hello, Goodbye

Manchmal gibt es sogar Neuigkeiten in Oranjestad. Vor einigen Tagen erwähnte ich die Ankunft dreier neuer Segelboote, jetzt möchte ich deren Bewohner vorstellen.

Der Anlass für diese Vorstellungsrunde ist die Abschiedsfeier für Vanita, die mit der Grenzöffnung zu den USA am 11. Juli die Möglichkeit hat, für ein paar Monate nach Hause zu fliegen. Sie plant ihre Rückkehr nach Aruba für Anfang September.

Von links nach rechts: Island Lady, Aria, Toes in the Water und Sissi

Auf der Island Lady ist Vanita mit ihrem Skipper Johnny unterwegs, auf der Aria leben Shelly, Brian und Moses (Riesenschnauzer), auf der Toes in the Water wohnen Karen und Dennis. Aus Platzgründen findet die Abschiedsfeier auf dem Katamaran statt. Wow! Mein erster Besuch auf einem Katamaran. Ein unglaubliches Platzangebot.

Alle drei Boote sind von den US Virgin Islands gekommen, wo sie die Zeit der Grenzschließungen verbracht haben. Nun bleiben sie für die Hurrikansaison in Aruba.

Shelly, Vanita und Johnny hinter Moses

Angesagt war ein italienischer Abend. Brian hat eine unglaubliche Menge Nudeln mitgebracht, dazu gab es verschiedene Saucen von Dennis und echten Parmesan in beliebigen Mengen, vorher noch Appetizer. Ich habe unser Bordbrot gebacken. Moses kann den klassischen Bettel-Hundeblick sehr gut. Doch er muss sich mit etwas Eiswasser zufrieden geben.

Karen, Brian und Johnny, darunter Moses

Es war mir eine große Freude, dass die meisten aus der Gruppe das Donkey Sanctuary besucht haben. Dort hat sich Johnny in einen dreibeinigen Esel verliebt. Johnny hat bei einem Autounfall die Gebrauchsfähigkeit seines rechten Arms verloren, Kamino hat bei einem Autounfall sein rechtes Vorderbein verloren. Daraufhin hat Johnny Kamino gleich mal adoptiert. Das sollte in ein paar Tagen auch auf der Webseite zu sehen sein.

Kamino

Ich schweife ab. Nach dem Essen kommt bei dieser Gruppe Segler die Musik. Brian spielt zumeist Banjo, Vanita Gitarre und von Zeit zu Zeit werden sie von Johnny auf der Mundharmonika begleitet.

Brian und Johnny

Wer kein Instrument spielt, hat immer noch seine Stimme zur Verfügung. Auch ich beteilige mich dabei gerne. Zu Hause bin ich begeisterter Sänger im 51500 Kehlen starken Frankfurter Waldstadionchor. Laut singen kann ich übrigens besser als schön singen.

Neben mir sitzen Vanita, Shelly und Dennis

In den vergangenen Tagen saßen wir schon ein paar Mal zum Singen zusammen. Meist waren die Veranstaltungen recht früh beendet, diese Menschen gehen eher früher ins Bett und stehen auch früher auf. Diesmal dauert es länger, noch möchte niemand Schluss machen.

Vanita, Shelly und Dennis

In dieser Besetzung war es bis September der letzte Auftritt, ich glaube aber nicht, dass es der letzte Auftritt überhaupt war. Dafür macht es uns allen zu viel Spaß. Eine echte alternative Abendgestaltung. Die Kehle lässt sich dabei natürlich auch gut befeuchten.

Brian meinte irgendwann am Abend, dass das hier auf Aruba die kleinste Cruiser-Community sei, die er jemals in seinem Leben gesehen hat. Ich persönlich empfinde die Gemeinschaft inzwischen schon als sehr groß, immerhin hat sich in kurzer Zeit die Zahl der von Langfahrtseglern bewohnten Boote von zwei auf sechs verdreifacht. Außerdem erwarte ich noch die Lady Charlyette, die wir in der Vor-Corona-Zeit auf Martinique getroffen haben.

Moses entspannt

Unter vielfachen Umarmungen verabschieden wir uns voneinander. Vanita hat die eine oder andere Träne in ihren Augen. Hauptsache, sie verliert ihren Humor nicht. Gute Heimreise!

Vanita auf der Schaukel

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass seit langer Zeit wieder zwei Kreuzfahrtschiffe vor Oranjestad liegen. DIe Freewinds hat lediglich umgeparkt, die Seven Seas Splendor reiste aus Los Angeles an. Natürlich ohne Passagiere.

Freewinds und Seven Seas Splendor

Ich freue mich ungemein, dass hier neue Gesichter zu sehen sind, neue Geschichten zu hören sind und darüber, dass wir uns richtig gut verstehen. Wir werde gemeinsam eine schöne Zeit haben.

Planänderung. Abflug.

Vor ein paar Tagen schickte mir die Honorarkonsulin die Nachricht, dass ein Sonderflug von Aruba nach Amsterdam angesetzt ist. Es ist ein Flug der Niederlande nach Amsterdam, der auch Angehörige anderer EU-Mitgliedsländer mitnimmt. Jens und ich diskutierten das ausgiebig. In der Folge haben wir unsere Pläne etwas geändert.

Immer nur auf das Meer schauen können ist doof.

In wenigen Wochen besteht die Möglichkeit zum Start in Richtung Europa. Ende April öffnet sich das typische Zeitfenster. Auf unserer Route liegen Jamaika (geschlossen), Kuba (geschlossen), Bermuda (geschlossen), die Azoren (geschlossen), Portugal (geschlossen), Spanien (geschlossen), Frankreich (geschlossen und Segeln verboten) und England (noch offen). Ob England in zwei Monaten noch offen ist, kann heute noch keiner wissen. Das Zeitfenster schießt sich irgendwann Ende Juni mit dem Beginn der Hurrikansaison, die üblicherwese bis Ende November dauert.

Der direkte Weg nonstop nach Deutschland ist uns selbstverständlich nicht verbaut. Wir haben ein Segelboot mit unbegrenzter Reichweite, wir haben für Monate Proviant an Bord und wir müssen nicht tanken. Es handelt sich lediglich um schlappe 5500 Seemeilen (10175 Kilometer), die von uns in ca. 55 Tagen gesegelt werden können. Dazu kommen noch 14 Tage Selbstquarantäne vor der Abfahrt, damit wir sicherstellen können, dass wir die Seuche nicht schon an Bord haben. Also zwei Monate das Boot nicht verlassen. Irgendwie steht uns der Sinn gerade nicht danach.

Jens fliegt zurück nach Frankfurt, ich bleibe an Bord und auf Aruba. So sieht die Entscheidung aus. Nach der Hurrikansaison kommt Jens wieder zurück und wir fahren die Route, die ich oben beschrieben habe. Irgendwann machen die Länder ihre Grenzen wieder auf. Irgendwann können wir uns wieder so frei durch den Ozean bewegen, wie wir es lieben.

Der Abflug ist am 3. April um 16:30 Uhr angesetzt. Am 3. April hat aber auch Jutta Geburtstag. Wir sind zur Chapo eingeladen. Wir erklären Jutta, dass sie in ihrem Geburtstag hineinfeiern muss, wenn sie mit uns feiern möchte. Für den Abend des 2. April besorge ich die Zutaten für eine feine Abschiedslasagne. Die tragen wir zur Chapo. Dann feiern wir den letzten Abend. Dann feiern wir den Geburtstag von Jutta. Dann ist das Bier alle.

Sandalen haben ausgedient.

Am Morgen des Abflugtags werden mit leichtem Kater erst einmal die Sandalen beerdigt, die Jens schon mindestens seit einem Jahrzehnt durch Europa und nun durch die ganze Welt getragen haben. Zumindest bei mir kommt keine Sentimentalität auf. Berühren hätte ich die nicht mehr wollen.

Heute ist Abflugtag

Wir werden sentimental. Jens hat seine Sachen gepackt und kommt mit dem Gewicht gerade noch unter die Freigrenze. Ein letztes Foto gemeinsam mit Sissi. Ein letzter Schwatz mit den Chapos. Wir stehen an der Hauptstraße und warten auf Lel, einen Arubaner, den wir vor ein paar Wochen kennengelernt haben. Er hatte uns damals angeboten, dass er uns mit dem Auto fährt, wenn wir mal ein Problem haben. Das Problem liegt auf der Hand. Wir müssen zum Flughafen, es fahren aber keine Busse und keine Taxis. Lel fährt und bietet mir an, dass er mich auch wieder zurück bringt. Danke!

Gespenstisch einsam – Flughafen von Oranjestad

Am Flughafen ist erst einmal nichts los. Wir sind viel zu früh da. Natürlich haben sämtliche Grill- und Imbissbuden, Kaffeeläden und Minimärkte geschlossen. Der Flughafen ist geschlossen. Das ganze Land ist geschlossen. Wir waren so blöd, dass wir nicht daran gedacht haben. Zum Glück haben wir genug Wasser mitgenommen.

Warten, dass das Terminal öffnet

Zweieinhalb Stunden vor der geplanten Abflugzeit öffnet das Terminal. Wir haben zu diesem Zeitpunkt schon von Sicherheitsleuten erfahren, dass der Flug sich aufgrund von technischen Problemen eine Stunde verspäten wird. Jens organisiert über diesen Sicherheitsmann eine Pizza beim Lieferdienst.

Nur ein einziger Flug wird heute abgehen

Das Terminal öffnet und der Sicherheitsabstand zu den anderen Menschen ist leicht einzuhalten. Es gibt heute nur einen einzigen Flug.

Am Schalter erfährt Jens, dass er nicht auf der Passagierliste steht. Er kommt wieder nach draußen. Ich schicke der Konsulin eine Nachricht. Sie verspricht, dass sie sich sofort darum kümmert. Eine Viertelstunde später erscheint bei uns ein Mitarbeiter des Flughafens. Jens sei doch auf der Passagierliste. Er könne jetzt einchecken.

Vorne in der Schlange

Jens kommt wieder mit seinem Gepäck zurück. Er steht zwar auf der Passagierliste, es können aber derzeit nur Holländer abgefertigt werden. Der Mann, der die beiden deutschen Passagiere abfertigt, ist noch nicht eingetroffen. Also ist wieder Warten angesagt. Ich habe zwar Hunger – Jens hat vergessen, mich zu fragen, ob ich auch eine Pizza möchte – will aber nicht zurück zu Sissi, bevor Jens eingecheckt hat. Ich habe schließlich die kurze Leitung zur Konsulin.

Bescheuertes Selfie vor dem Flughafen

Es kommt wieder ein Mitarbeiter des Flughafen zu uns. Jens kann jetzt einchecken. Der dritte Versuch ist erfolgreich. Gut. Ich rufe Lel an, damit er mich abholt. Dann verabschiede ich mich von Jens. Kurz. Ich hasse Bahnhofsabschiede. Lel bringt mich zurück zu Sissi.

Den Nachmittag verbringe ich mit Telefonaten mit Freunden und der Familie. Donald Trump schickt Kriegsschiffe nach Venezuela. Wir können von Aruba aus nach Venezuela rüberschauen. Militärflugzeuge sind am Himmel zu sehen. Ich unterhalte mich noch etwas mit den Chapos.

Die Verspätung von Jens Flieger wird größer und größer. Er ist immer noch nicht in Paramaribo gestartet. Irgendwann erfährt Jens, dass der Flug auf den folgenden Tag verschoben wurde. Nach einer längeren Wartezeit kommt ein Bus und bringt die meisten verhinderten Passagiere in ein Hotel, das extra für diesen Flug wieder geöffnet wurde. Jens kommt zu Sissi zurück.

Wir feiern in kleinem Kreis den letzten Abend auf Aruba, nur Jens und ich. Im Radio hören wir, dass Deutschland erwägt, die Grenze zu Holland zu schließen. Das wäre blöd für Jens, denn er muss ja noch von Amsterdam nach Frankfurt kommen. Über die geschlossene Grenze fährt der ICE sicher nicht.

Am 4. April bekommt Jens regelmäßig Updates. Es wurde ein Ersatzteil für den Flieger nach Surinam geflogen. Der Flieger wird repariert. Es gibt eine Abflugzeit. Die Abflugzeit wird verschoben. Der Flug wird letztendlich wieder abgesagt und auf den 5. April verschoben. Ein Ersatzflugzeug kommt. Wir feiern noch einmal auf der Chapo. Wir können jetzt auf die Chapo, die Quarantänezeit ist vorbei.

Am Morgen des 5. April steckt mir der vorherige Abend in den Knochen. Die große Zahl der “letzten Abende” zieht sich hin. Ich habe keine Lust mehr auf den letzten Abend. Wir beobachten auf flightradar24 den Flug Ersatzmaschine auf dem Weg nach Paramaribo. Es sieht alles gut aus. Die Maschine landet. Jens bekommt die Nachricht, dass sein Flug verspätet sein wird. Verspätet ist besser als verschoben.

Jens steigt in den Bus

Die Ankunft der Busse an der Marina verzögert sich auch, es wurden nicht alle Fluggäste im Hotel gefunden. Das Hotel soll sehr gut gewesen sein. Hört man. Dann kommen sie doch, ich nehme kurz Abschied von Jens und das war es dann. Für die nächsten Monate.

Der Flug nimmt eine spannende Route nach Aruba. So viel Abstand zu Venezuela, wie es möglich ist. Herr Trump hat seinen Spaß in Venezuela.

Kurz vor der Ankunft.

Jens ist derweil im Terminal und wartet auf den Abflug. Wir tauschen Nachrichten aus. Ich bin traurig und gleichzeitig glücklich. Ich freue mich für Jens, dass er die nächsten Monate in Frankfurt verbringen kann. Ich bin gespannt, wie es mir jetzt ergehen wird. Ich bin traurig, welche Richtung der Segeltörn ohne unser Verschulden genommen hat.

Warten.

Während wir noch Nachrichten tauschen, geht plötzlich alles ganz schnell. Der Flieger schwebt über dem Hafen ein, ich kann ihn von Sissi aus sehen. Ich wechsle noch zwei kurze Nachrichten mit Jens, dann muss er sein Telefon ausschalten. Dafür dauert es wieder ewig, bis ich den Start des Fliegers im Internet beobachten kann. Wir sehen uns im Spätherbst wieder.

Auf dem Weg nach Hause

Hochseilakrobatik im Hafen

Heute hatten wir das Vergnügen, einer seltenen Abwechslung zusehen zu können. Charly wollte seine WLAN-Antenne wieder in die Mastspitze bringen, wo sie hingehört. Deswegen wurde zunächst die Mastleiter installiert. Wir haben es beim Morgenkaffee bemerkt und dachten zunächst, die Show sei schon vorbei. Nach dem Kaffee spaziere ich rüber zu Chapo und sehe, wie Charly sich gerade an den Aufstieg macht. Ute und Jutta sichern unten am Mast. Im Hafen passiert im Augenblick nicht viel, deswegen schaut auch der Nachbar vom Motorboot interessiert zu.

Charly steigt auf.

Charly ist gebürtiger Bayer und die Bayern haben hohe Berge, sind das Klettern und das Arbeiten in einer Seilschaft gewöhnt. Das merkt man sofort. Bayern kennen auch keine Höhenangst. Ich gehe nicht auf den Mast, dafür habe ich Jens. Der klettert in Kletterhallen und ist damit fast so qualifiziert wie ein Bayer.

Mit ruhiger, entspannter und klarer Stimme gibt Charly eindeutige Anweisungen an das Sicherungsteam, während er beim Aufstieg die letzten Handgriffe zur Montage der Mastleiter durchführt. In regelmäßigem Abstand werden Haltegurte um den Mast gelegt, damit die Leiter nicht wegrutschen kann.

Haltegurte

Jutta und Ute führen die Anweisungen von oben zügig aber ohne Hast durch. Die Kommunikation im Team ist eingespielt. Charly kommt schnell bis an die Mastspitze und bringt die WLAN-Antenne innerhalb weniger Minuten an ihren Platz. Dabei arbeitet er sorgfältig, denn ein erneuter Aufstieg in der Hitze wäre anstrengend. Der Zeitpunkt an und für sich ist perfekt gewählt, denn den ganzen Vormittag schon ist es bewölkt, die Sonne brät nicht so wie sonst.

Am Gipfelkreuz. Die Sehnsucht eines jeden Bergsteigers.

Nach wenigen Minuten ist die Montage erledigt. Während ich mich noch mit Jutta unterhalte und wir über die Vorzüge der neuen Mastleiter sprechen, gibt Charly schon von oben die freundliche Anweisung, ihn langsam wieder abzuseilen. So schnell hätte ich die Antenne nicht auf dem Cockpitdach montieren können, geschweige denn in so großer Höhe. Chapeau.

Eine Kleinigkeit vergessen.

Nach dem Rückweg zur Sissi fällt mir bei der Sichtung der Fotos auf, dass wirklich alles gut gelaufen ist. Charly geht rauf, Charly geht runter, die Antenne sitzt an ihrem Platz und abeitet. Nur die Mastleiter kann nicht mehr herunter genommen werden. Trotz aller Sorgfalt und Umsicht ist der oberste Haltegurt am Mast geblieben.

Das freut mich sehr, ich habe die Gelegenheit noch einer zweiten Hochseilshow beiwohnen zu können. Charly möchte nicht den ganzen Kletterspaß für sich alleine haben. Deswegen darf Jutta auch einmal nach oben und Charly sichert gemeinsam mit Ute.

Charly und Ute sichern

Es dauert nur ein paar Minuten, dann erreicht Jutta die Mastspitze. Sie entfernt den letzten Haltegurt, anschließend geht es wieder abwärts.

Es ist schön, wenn nicht immer nur der Alltag stattfindet.

Jutta auf dem Weg nach oben.

Dem kleinen, grünen Iguana ist das alles gleich. Er schaut mich auf meinem zweiten Weg zurück zu Sissi mit seinen Reptilienaugen an und bettelt um ein Foto. Die Sonne hat sich wieder einmal gegen die Wolken durchgesetzt.

Grüner Iguana

Tortuga sticht in See

Holger haben wir vor zwei Wochen kennengelernt. Damals lag er mit seiner Tortuga hinter der Landebahn des Flughafens vor Anker. Dort hatte er kein Internet und so sind der Corona-Ausbruch und die Folgen für alle Segler zunächst an ihm vorbeigegangen. Er bemerkte zwar, dass der Verkehr auf der Uferstraße in der Nacht komplett zum erliegen gekommen ist, wusste aber nicht warum. Holger wartete alleine an Bord auf seine Crew. Die vorherige Crew konnte noch regulär nach Hause fliegen, die neue Crew aber nicht mehr in Aruba einreisen. Ein echtes Problem.

Tortuga an der Tankstelle

Ein Freund von Holger sitzt auf Martinique und würde ihm bei der Überführung nach Deutschland helfen. Der darf aber auch nicht nach Aruba. Also will Holger nach Martinique. Er hat sich schlau gemacht, weiß von den 14 Tagen Quarantäne, die ihn nach der Einreise erwarten. Dennoch fährt er nach Martinique.

Die Leinen sind los, die Fender werden noch verstaut.

Wir wünschen Holger eine gute Reise, perfekten Wind und dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. Entscheidungen treffen ist heutzutage nicht einfach, weil sich die Rahmenbedingungen so schnell ändern und Segelboote so langsam sind.

Tortuga verlässt Oranjestad

Wenn wir mit dem Segelboot unterwegs sind, müssen andauernd Entscheidungen getroffen werden. Meist sind Wetter und Wettervorhersage Grund dafür, dass diese Entscheidungen notwendig sind. Damit können wir umgehen.

Vernagelte Schaufenster

Auch wenn wir in Oranjestad im Augenblick alles haben, was wir brauchen, machen mir bestimmte Anzeichen Sorge. Im Hafen liegt eine große Motorjacht eines alten Holländers, der schon vor 15 Jahren nach Aruba gezogen ist. Gestern hat er sich vom Supermarkt große Mengen Nahrungsmittel auf sein Boot liefern lassen. Er meint, dass die Leute im Augenblick noch entspannt seien, weil sie noch Geld haben. Das wäre in ein bis zwei Monaten anders. In der Innenstadt gibt es praktisch kein Geschäft mehr, das nicht die Schaufenster mit Brettern vernagelt hätte.

Vielleicht verlegen wir Sissi in die zweite Marina auf Aruba. Dort ist die Liegegebühr günstiger und sie liegt ziemlich abseits von allem. Das Einkaufen wäre zwar beschwerlicher, dafür wären wir aber weit weg von jedem für Randalierer oder Plünderer interessanten Fleck. Vielleicht passiert aber auch gar nichts. Auf welcher Grundlage sollen wir eine solche Entscheidung treffen?

Sonnenuntergang, immer wieder schön.

Auf keinen Fall sollte man Entscheidungen mit leerem Magen treffen. Wir haben Leiterchen beim Metzger eingekauft und diese über Nacht in einer leckeren Jerk-Tomaten-Marinade eingelegt. Unser großer Topf ist voll, es ist eine Portion für fünf hungrige Personen. Diese Leiterchen habe ich dann dreieinhalb Stunden auf kleinster Flamme schmoren lassen. Jutta hat bergeweise Pommes frittiert und für Gemüse gesorgt. Jens hat einen Schoko-Nuss-Pudding gerührt. Gemeinsam gab es dann eine große Völlerei. Das Fleisch war perfekt mürbe und löste sich problemlos von den Knochen. Der Wachmann von der Marina ist uns fast in den Topf mit den Leiterchen gesprungen. Eidechsen mögen auch Schoko-Nuss-Pudding. Die Entscheidung wird vertagt, der Magen ist viel zu voll dafür. Außerdem kann sie noch ein paar Wochen warten. Dann wissen wir mehr.

Eins wissen wir jetzt allerdings mit Sicherheit: Corona macht dick und rund.


Nachtrag: Die Tortuga ist wieder auf Aruba. Holger musste aufgrund von Problemen umdrehen.

Segler in der Karibik

Jens und ich leben gut auf unserem kleinen Planeten. Sissi liegt sicher im Hafen, die Supermärkte um uns herum haben geöffnet und die Regale sind voll. Wir sind gesund. Wir haben Freunde im Hafen, können Gespräche führen. Ein guter Metzger ist bequem zu Fuß erreichbar und den Hotelstrand haben wir für uns alleine.

DIe Metzgerei. Jeder Kunde darf eine Nummer ziehen und muss dann draußen warten, bis die Nummer aufgerufen wird. So wird vermieden, dass zu viele Menschen gleichzeitig im Laden stehen.

Am Hotelstrand werden wir auch nicht weggejagt. Inzwischen kennen wir alle Sicherheitsleute und die Sicherheitsleute kennen uns. Sogar ein nächtlicher Spaziergang am Wasser entlang ist während der Ausgangssperre möglich, denn der Weg wird durch mehrere Stockwerke Luxusbeton von den Blicken eventuell vorbeifahrender Polizisten abgeschirmt.

Das Ferienhotel macht Ferien. Ganz besonders bei Dunkelheit, wenn auf der ganzen Insel Ausgangssperre ist. Wir haben es gut.

Auf anderen Inseln sieht es anders aus. Wir sind in Kontakt mit Seglern auf verschiedenen Inseln. Auf Martinique liegt noch die Joint Venture II. Dort gibt es eine strenge Ausgangssperre, die Segler dort können ihre Boote nur aus wichtigem Grund verlassen. Da gehört ein Spaziergang nicht dazu. Die Supermärkte sind nur noch am Vormittag geöffnet und in den Regalen klaffen schon Lücken. Dennoch scheint Martinique noch attraktiv zu sein.

Attraktiv für Segler, die sich derzeit auf Grenada befinden, wie die Lucky Star. Dinge des täglichen Bedarfs gibt es dort zu kaufen, sonst ist aber nicht viel im Supermarkt zu finden. Das Boot für eine Atlantiküberquerung auf Grenada zu bevorraten erscheint unmöglich. Deswegen versuchen sie, die Erlaubnis zur Einreise nach Martinique zu bekommen, um dort ihre Vorräte zu ergänzen.

So geht es rundherum um die gesamte Karibik bis nach Kolumbien und Panama. Die einzelnen Segler haben einen mehr oder weniger günstigen Platz gefunden, um die nächsten Wochen zu überstehen. Die meisten sind durch Zufall an ihrem Ort gestrandet. Eine Rückfahrt nach Europa ist etwa ab Mitte April möglich. Bis dahin müssen die Boote vorbereitet werden.

Oft fehlt auch Crew. Es gibt einige Boote, deren Crewmitglieder nach Hause geflogen sind. Es hätten neue Crewmitglieder einfliegen sollen, was aber im Augenblick bekanntermaßen nicht geht. Da sitzt oft nur noch der Skipper an Bord und harrt der Dinge. Vor dem Flughafen von Aruba liegt noch ein deutsches Boot, die Tortuga. Deren Skipper ist ohne seine Crew einigermaßen aufgeschmissen, er muss aber trotzdem seine Rückfahrt planen.

Die Rückfahrt könnte beschwerlicher werden als üblich. Normalerweise machen Segelboote, die den Atlantik von West nach Ost überqueren, auf Bermuda, den Azoren und manchmal Madeira einen Zwischenstopp. Einerseits will man die schönen Landschaften nicht auslassen, andererseits ist es gut für die gesamte Crew, wenn man mal ein paar Nächte richtig ausschlafen kann.

Um es kurz zu machen: Bermuda hat die Grenzen geschlossen. Madeira ebenso. Auf den Azoren ist mit besonderer Erlaubnis ein Tankstopp und Bevorratung möglich. Das Boot darf dabei nicht verlassen werden. Es wird unangenehm.

Schlimmstenfalls müssen wir alle die 5500 Meilen nach Deutschland ohne Zwischenstopp segeln. Das wären dann ca. 50 Tage auf See. Unangenehm.

Innerhalb weniger Tage hat sich unter den gestrandeten Seglern eine WhatsApp-Gruppe gebildet. Über 100 Teilnehmer schaffen es dort im Augenblick noch, eine einigermaßen konstruktive Diskussion zu führen. Immerhin war es auf diesem Weg möglich, einige Daten zu Schiff und Crew an deutsche Behörden zu schicken. Die deutschen Außenpolitiker sollen sich darum kümmern, dass die Jachten auf der Heimreise auch in Bermuda und Madeira einlaufen kann. Immerhin ist ein Vertreter des diplomatischen Korps mit in der Gruppe. So viel zu einer einigermaßen brauchbaren Aktion. Wie ich zu der Online Petition stehe, weiß ich noch nicht. Verproviantieren muss man sowieso für den Fall der Fälle – also bis Deutschland. Ein Boot in Seenot werden sie sicher nicht abweisen.

Segler in der Presse
Focus zur Problematik gestrandeter Segler
Floatmagazin: Fluch der Karibik
Spiegel: Gefangen im Paradies
FAZ: Geleitzug aus der Karibik?

Unsere Sissi hat genug Vorräte, wir können zur Not die 5500 Meilen segeln. Dieses Wissen ist sehr, sehr beruhigend. Deswegen können wir uns entspannen und manchmal noch eine der wenigen Attraktionen, die noch geöffnet haben, besuchen.

Der Flamingo ist sehr zutraulich. Er muss nicht einmal gefüttert werden, sondern kommt auf den ausgestreckten Finger geflogen.

Attraktion. Die Latte hängt niedrig. Ein Hotelresort hätte ich vor der Seuche niemals als Attraktion bezeichnet. Noch vor ein paar Tagen war hier mehr los. Die hoteleigene Insel mit vielen Flamingos und Pelikanen war noch geöffnet, wenn auch nur für ein Dutzend Gäste. Leider ist sie inzwischen geschlossen. Wir hatten viel Spaß mit den Vögeln.

Für einen Vierteldollar bekommt man an einer Art Kaugummiautomaten Pellets, mit denen man die Vögel füttern kann. Das wissen die Vögel natürlich auch. Kaum dreht man einen Vierteldollar in den Automaten, stürzen sich unzählige Antillenkrakel und Tauben auf den ahnungslosen Menschen. Wir haben uns für einen Dreivierteldollar Spaß gekauft und ein kleines Video gedreht. Viel Spaß dabei.

Außerdem gibt es auf der Insel eine hervorragende Dusche. Sie schlägt die Personaldusche des Hotels, die wir mitbenutzen, um mehrere Flamingohalslängen. Ein paar Unbequemlichkeiten müssen wir doch erleiden.

Bescheuertes Selfie mit einem Pinguin.