Sissiphusarbeit

Ich möchte nicht klagen, ich bin es ja selbst schuld, dass ich auf einem Boot im Süden der Karibik sitze. Nach der Lektüre unzähliger von Weltumseglern verfassten Büchern wusste ich vorher, dass der Langfahrer einen nicht unerheblichen Teil seiner Zeit damit verbringt, sein schwimmendes Domizil und gelegentliches Transportmittel zu reparieren. Als unerfahrener Bootsbesitzer habe ich praktisch das ganze Jahr 2020 verschenkt. Ich hätte nicht gar so viele Tage bei den Eseln, sondern mehr Tage im Baumarkt verbringen sollen, dann wäre das Innere von Sissi auf dem Rückweg von Kuba nicht zu einer Tropfsteinhöhle geworden. Hätte, hätte, Fahrradkette. Wahrscheinlich hätte ich es gar nicht sehen können. Die echten Problemstellen habe ich erst gefunden, nachdem die Deckenverkleidung unten war.

Erste Aufgabe ist, die Deckenverkleidung zu entfernen und an den Pütting kommen. Ich will wissen, ob nach dem Abdichten noch Wasser eindringt. Außerdem liegen unter der Deckenverkleidung Stromkabel, die ich ersetzen möchte. Der regelmäßige Kontakt mit Salzwasser hat ihnen nicht gut getan.

Meine Vorbereitungen zum Abnehmen der Holzdecke. Die Schrauben werden in den kleinen Kasten einsortiert. Wie wichtig das inzwischen nach mehreren Monaten Wartezeit ist, finde ich heraus, als ich die Holzteile wieder anbringen will. Auf dem Kasten findet sich die Information über die Reihenfolge der Demontage. Das war nicht geplant, hilft jetzt aber bei der Montage.
Pütting mit undichter Decksdurchführung
Die Schrauben, nicht nur die aus der Vorschiffskoje.
Platz zum Arbeiten wird geschafft. Gemütlich ist anders. Mein Leben auf der Baustelle fängt an.

Es gibt Arbeiten, die ich zu Hause oder auf dem Boot gerne mache. Dazu gehört fast alles, was mit Holz zu tun hat oder die Elektrik. Da gehe ich dann sehr gerne dran, die Tätigkeiten gehen mir leicht von der Hand und ich muss kaum darüber nachdenken, was ich zu tun habe. Ich weiß es einfach.

Es gibt Arbeiten, die ich immer wieder vor mir herschiebe. Dazu gehören alle die Tätigkeiten, bei denen man sich so richtig schmutzig machen kann. Also Arbeiten am Motor oder mit Farbe. Vor Monaten schon hatte ich alle Teile für die Motorinspektion zusammengeklaubt. Das Motorenöl war über ein paar Wochen nicht verfügbar, so kenne ich es von Aruba. Irgendwann stand es wieder im Regal und ich hätte die Inspektion längst machen können. Das muss ich streng nach Werkstatthandbuch erledigen, denn mein Motorenwissen ist nicht sehr tiefgehend. Beim letzten Mal hat es nur eine größere Sauerei gegeben, Ölfilter zu tauschen ist eine helle Freude. Auch der Dieselfilter macht Laune, nach den Arbeiten stinkt es im Boot nach Diesel. Der Motor hat es dennoch prima weggesteckt. Noch ist die Inspektion nicht erledigt, doch die Zeit läuft. In weniger als drei Wochen kommt mein Neffe Eike, dann muss Sissi komplett fertig sein. Das ist für mich die bestmögliche Motivation.

Während der Monate ohne Deckenverkleidung regnet es hin und wieder heftig. Manchmal bin ich während der Starkregenereignisse sogar an Bord. Dann kann ich sehen, dass es an verschiedenen Stellen von der Decke tropft. Es gibt nicht nur Bedarf bei den Püttingen. Bei diesen ist es mir gelungen, sie abzudichten. Zum Glück ist das Wasser hier in der Marina kostenlos, ich habe ziemlich viel darüber laufen lassen. Doch es tropft ebenfalls an zwei Stellen aus der Badewanne. Das wäre mir wahrscheinlich nicht aufgefallen, wenn ich die Holzdecke nach dem Abdichten direkt wieder angebracht hätte.

Vor dem Mast befindet sich unsere Badewanne. Die Pfeile geben nicht ganz genau an, wo das Wasser durch das Deck kommt. Tatsächlich sind die Abflüsse undicht. Immer wenn Wasser in der Badewanne steht und langsam abläuft, tropft es in der Vorschiffskoje durch die Decke.

Nach mehrwöchiger Suche finde ich endlich eine Dose weißes Gelcoat in einem der vier Fachgeschäfte. Über Wochen war lediglich die schwarze Alternative im Regal. Ich will Sissi aber weder schwarz streichen, noch will ich, dass sie mit schwarzen Sprenkeln aussieht wie ein schwimmender Dalmatiner. Also kann ich das Streichen unserer “Badewanne” in Angriff nehmen. Ich habe genug Farbe für drei Anstriche. Damit sollte die Badewanne dicht sein. Nach dem Trocknen nehme ich den Schlauch und lasse eine halbe Stunde lang Wasser in die Wanne ein. Mit jeder Minute steigt meine Stimmung. Die Wanne ist dicht!

Die Wanne ist frisch gestrichen und wieder zu 100% wasserdicht. Außerdem ist sie nun so unverschämt weiß, dass der Rest des Bootes total vergammelt aussieht.

Mit eingesauten Malerklamotten und mit Farbspritzern im Gesicht und auf den Händen ist es mir dann auch egal, wenn ich mich mit noch mehr Farbe bekleckere. Also entscheide ich, dass es der richtige Zeitpunkt ist, die Wände im Salon weiß zu streichen. Die Farbe ist an Bord, seit ich vor ein paar Monaten die Stromverteilung gebaut habe. Ich mag diesen Job eben nicht.

Die dunklen Wände des Salons sehen zwar sehr schiffig aus, machen ihn aber auch zu einem sehr dunklen Ort.

Unter Deck ist die Arbeit nicht ganz so schlimm wie oben. Während ich beim Anstreichen der Badewanne von der Sonne gegrillt worden bin, brummt mir unten wenigstens der Ventilator warme Luft zu. Hier reicht die Farbe für zwei Anstriche. Danach sieht es wunderschön aus und der Salon ist heller.

Mir gefällt das Ergebnis meiner ungeliebten Arbeit.
Auch das Bild von Sissi sieht vor dem weißen Hintergrund noch einmal wesentlich besser aus.

In nur wenigen Tagen habe ich einen der von mir am wenigsten geliebten Jobs erfolgreich erledigt. Das macht mich innerlich zufrieden und glücklich. Jetzt kann ich endlich die Deckenverkleidung in der Vorschiffskoje wieder anbringen. Dann kann ich sie wieder normal einräumen. Dann kann ich alle Sachen, die sich normalerweise nicht über das ganze Boot verteilen, wieder an ihren Platz zurück bringen. Herrliche Gedanken, es dauert nicht mehr lange, bis es zum Probesegeln geht. Ich klemme mich in ergonomischer Arbeitshaltung in die vordere Koje und beginne, die Verkleidungsteile anzubringen. Für Teil Nummer 26 habe ich fünf Schrauben in meinem Kasten, das System bewährt sich. Ein dicker Regenschauer geht über Sissi nieder. Die nächsten Teile sind die großen Platten, die an die Decke gehören. Ich lege sie schon einmal in der richtigen Reihenfolge auf die obere Koje, anschließend hole ich einen passenden Schraubendreher. Das Geräusch eines Wassertropfens schreckt mich auf. Ist die Badewanne doch nicht dicht?

Der Auslass der Badewanne. Nicht ganz dicht.

Dieser Regenschauer rettet mich. Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre die Holzverkleidung an Ort und Stelle, die kleine Undichtigkeit wäre unsichtbar. Und der Schauer frustriert mich. Ich fühle mich wie Sissiphos. Kaum habe ich das Boot an einer Stelle wasserdicht, finde ich die nächste Stelle. Ich darf wieder anstreichen. Toll. Am Bordcomputer suche ich nach Heavy Metal, um mir etwas auf die Ohren zu geben.

In der Navigationsecke. Es tropft in den USB-Verteiler.

Warum ist mir das noch nicht aufgefallen? Die Decksdurchführung einer der Relingstützen ist undicht. Ich liebe diese Dichtmasse, sie ist so wunderschön klebrig und lässt sich nur schwer von den Fingern schrubben. Auf in den Kampf, der olle Sissiphos soll stolz auf mich sein. Ich fahre schnell zu Budget Marine, um die Dichtmasse zu holen. Alles was man braucht, muss man in Aruba rechtzeitig kaufen. Sonst könnte der Platz im Regal leer sein.

An der Eingangstür treffe ich die beiden Deutschen Uli und seine Frau. Sie haben einen dicken Katamaran in Aruba erworben. Wir hatten nicht viel miteinander zu tun, sind einmal gemeinsam mit der Pamina zum Essen ausgegangen. Dass sie mich aber gar nicht wiedererkennen, kann allerhöchstens der Gesichtsmaske geschuldet sein. Meine Stimme hat sich sicher nicht verändert, auch die Verwendung der deutschen Sprache gibt deutliche Hinweise. Es gibt aber auch Menschen, die sich nicht für ihre Umgebung interessieren. Bei mir persönlich komplett unten durch ist Gerd von der Off Piste. Er lebt seit vielen Jahren in den USA und hat nun einen Katamaran erworben. Als er nach Aruba kam, fragte er mich nach einem günstigen Auto zur Miete. Ich habe ihn mit Edward bekannt gemacht und er hat Edwards Auto für einen Monat gemietet. Gestern Abend vor dem Music Bingo hat Gerd das Auto wieder zurückgegeben.

Schaden. Ohne Ersatz.

Der Wagen hat an hinten rechts einen ordentlichen Blechschaden, den Gerd verursacht hat. Edward meinte zu mir, dass Gerd sehr frech geworden sei, als er ihn um Schadensersatz gebeten hat. Meiner Meinung nach wäre eine Entschädigung von 50 bis 100 Florin angemessen. Beim Music Bingo waren außerdem noch die beiden Deutschen dabei, die mit ihrem Katamaran auf 200 Quadratmeter Wohnfläche ankern. Leider hat der Katamaran-Tisch die ganzen Preise abgeräumt. In einer Bingo-Pause unterhalten wir uns über die Pamina, die noch in Varadero am Steg liegt und auf einen neuen Dieselgenerator wartet. Die Crew befindet sich auf einer Rundreise durch Kolumbien. Schon das affektierte Gehabe dieser Menschen könnte ich auf die Palme bringen. “Ohne Generator kann man doch gar nicht segeln!” Das ist die einhellige Meinung des Tisches. Ohne funktioniert die Klimaanlage in der Ankerbucht nicht.

Bilder niedlicher Hundewelpen helfen beim Abbauen von Zorn und Stress, der beim Autor gerade beim Schreiben über Katamarane und andere Boote mit Generator entstanden ist. Ich rege mich wirklich nur noch sehr selten auf, seit ich mit dem Segelboot unterwegs bin. Manchmal muss es eben so sein.

Die Dichtmasse konnte ich kaufen, bislang habe ich die Relingstütze allerdings noch nicht in Angriff genommen. Das kommt in den nächsten Tagen noch auf mich zu. In der kommenden Woche ist der Motor dran. Dann ist es bald soweit, die Segel wieder anzuschlagen. Ich freue mich auf diesen Tag. Ich brauche noch ein Katzenvideo, damit mein Zorn verraucht. Mein Nachbar Michael von der Samai kann auch einige Geschichten über die Katamaran-Menschen erzählen, das sind aber seine Storys. Wir sind uns einig, dass das Vorhandensein eines Generators an Bord einiges über die Crew erzählt. An dieser Stelle möchte ich explizit die Chapo als Ausnahme anführen.

Ich schreibe und schreibe und schreibe und schreibe. Dabei sollte ich jetzt eigentlich an Deck sitzen und die Stellen abschleifen, die ich noch anmalen muss. Ich will aber nicht wieder an dieser Farbe riechen. Ich mag mich nicht wieder damit bekleckern. Der olle Sissiphus wird mir jedenfalls nicht helfen. Die Autoren der Segelbücher hatten recht. Man repariert sein Boot an den schönsten Plätzen. Zumindest kann ich nun behaupten, dass der Reparaturstau aufgearbeitet ist. Sind Sissi und ich im nächsten Jahr wieder in Holland, kann ich sicher wieder viele Dinge reparieren.

Fliegen, Katzen, Hunde, Esel

Ständig brummen die Stubenfliegen durch den Salon. Sie schwirren durchs Cockpit und krabbeln über die nackte Haut. Ein paar glitzernd grüne Schmeißfliegen sind auch darunter, um so mehr je stärker der Wind von der Müllkippe in Richtung Hafen weht. Es sind Maßnahmen fällig, so viele Fliegen hatte ich noch nie im Laufe dieses Jahres um mich herum. Ich kaufe mir ein paar Blatt Fliegenpapier in einem der vielen chinesischen Supermärkte.

Fliegenpapier aus dem chinesischen Supermarkt. Ein Blatt kostet 50 Florin-Cent. Zuerst versuche ich, es einfach an die Wand zu kleben. Das Klebeband hält aber nicht auf diesem Papier, deswegen nagele ich es schlussendlich auf ein Brett, das ich in den Salon lege.

Meine Zeit im Tierheim und bei den Eseln neigt sich dem Ende zu. In weniger als vier Wochen kommt mein Neffe Eike nach Aruba. Das sehe ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ich hatte das Glück, die ersten Lebenswochen eines neugeborenen Esels zu beobachten. Ich hatte Pech, als ich versuchte, ein paar Katzenbabys aufzuziehen. Ich teile die Wut auf gleichgültige Menschen, die ihre Tiere einfach irgendwo in die Gegend kippen. Die Regierung von Aruba ist meiner Meinung nach auf diesem Gebiet viel zu untätig. Die Kastration von Haustieren ist für viele Einheimische unerschwinglich. Einem aus Spenden finanzierten Programm für Kastrationen und Sterilisationen ist schlichtweg das Geld ausgegangen.

Der schwarze Kater begrüßt mich am Morgen. Es ist erstaunlich, was gute Fütterung ausmachen kann. Hinten ist sein Fell noch braun und struppig, vorne ist es schwarz und glatt. Mit jeder Woche wird das Fell schöner und der Kater schwärzer.

Für Tiere ist das Tierheim recht attraktiv. Als ich vor ein paar Monaten angefangen habe, die Katzenkäfige zu reinigen, lebte eine rot getigerte Katze vor dem Tierheim. Inzwischen sind es vier Katzen, die hier ihre Zeit verbringen. Sie haben als “externe Bewohner” ein wesentlich besseres Leben als die meisten anderen Straßenkatzen, denn sie bekommen von uns immer Futter und Wasser hingestellt. Die meisten sind sehr scheu, doch dieser schwarze Kater ist zutraulich und lässt sich gerne streicheln. Er würde sich am liebsten selbst aufnehmen. Eva will ihn ebenfalls aufnehmen, doch der Katzenkäfig platzt aus allen Nähten.

Hier noch einmal die struppige Rückseite. Ich werde kurz vor meiner Abreise noch ein Foto von diesem Prachtkerl machen. Vielleicht ist er bis dahin komplett schwarz geworden.

An diesem Morgen bin ich der Erste und verkürze mir die Wartezeit mit ein paar Aufnahmen von dem schwarzen, noch namenlosen Kater. Dabei höre ich plötzlich das Fiepen von kleinen Hunden. Mein Blick fällt auf einen Stapel Kartons und siehe da, ein Karton mit fünf sehr mageren Welpen befindet sich vor der Tür. Mein Blick schweift über die anderen vier Kisten. Ich befürchte, sie sind voller Kätzchen. Das ist zum Glück nicht der Fall, sie enthalten lediglich alte Zeitungen. Es ist eine Mischung von Wut und Traurigkeit. Die Situation lässt sich einfach nicht ändern. Und Platz für diesen Wurf haben wir auch nicht. Wenn wir kein anderes Tierheim finden, werden sie von der Regierung eingeschläfert werden.

Fundsache. Ich bin morgens der Erste am Tierheim und finde diesen Karton mit fünf Welpen. Sie sind alle nicht im besten Zustand.

Sandra, Maila und Samuel begleiten mich einmal in der Woche und helfen beim Reinigen der Katzenkäfige sowie beim Streicheln der Katzen. Dabei gelingt mir eine wunderschöne Aufnahme von Elvis, der gerade in Streichellaune ist und Zärtlichkeiten von Samuel entgegen nimmt. Elvis, der sich sonst immer vor den Menschen versteckt. Das sind die schönen Momente.

Elvis genießt sichtlich. Im Hintergrund ist Max zu sehen, Elvis’ bester Freund.

Nach ein paar Tagen ist das Fliegenpapier schon etwas voller geworden. Es ist nun möglich an Bord zu arbeiten, ohne dass dabei ständig Fliegen auf der Haut krabbeln. Ich vermute, dass das Papier einen Duftstoff abgibt, der die Fliegen anzieht. Ich kenne mich in der Natur von Stubenfliegen nicht so aus. Vielleicht ist es verlockend, sich neben einen Artgenossen zu setzen. Von mir aus gerne, ich habe noch viel Papier.

Das Fliegenpapier nach drei oder vier Tagen, so genau weiß ich das nicht mehr.

Von den Eseln gibt es nicht gar so viele Neuigkeiten. Sir Lancelot ist weiterhin isoliert, denn der Tierarzt hatte noch keine Zeit für die fällige Kastration. Immerhin muss er die Zeit nicht mehr ganz alleine verbringen, man hat ihm einen Gesellschafter auf die Koppel gestellt. Der kleine Chamito entwickelt sich prächtig. Das Zufüttern von etwas Ziegenmilch genügt offenbar, den Milchmangel seiner Mutter Woods auszugleichen.

Chamito am ersten Tag seiner fünften Lebenswoche. Er ist wortwörtlich springlebendig.

Wie kurz der Weg von einem Babyesel zu einem Kätzchen sein kann, durfte ich auch im Donkey Sanctuary sehen. Nicht nur am Tierheim werden Katzen ausgesetzt. Zu den vier großen Katzen ist jetzt die kleine Sticker hinzugekommen. Sie wurde beim Donkey Sanctuary ausgesetzt.

Irgendwas hat sie mit ihrem linken Auge. Sticker soll mich in Kürze mal im Tierheim besuchen, dann werden wir nachsehen, was ihrem Auge fehlt.
Kleine Kätzchen brauchen viel Schlaf. Fast hätten wir Sticker nicht gefunden, sie hat sich im Blumentopf ihr Bettchen gemacht.

Bei Sticker mache ich mir keine Sorgen um ihre Zukunft. Sie wird Shrimp und Sunchi ein wenig Kontra geben müssen, wenn es um die besten Plätze auf dem Tresen geht. Futter wird sie immer genug haben und die Volunteers, die oben in den Apartments wohnen, haben sie in ihr Herz geschlossen. Es dauert nicht mehr lange, dann kann das Donkey Sanctuary sich auch Cat Sanctuary nennen. Den Besuchern gefällt es.

Samuel macht, wovon wir den Besuchern immer abraten. Er ist mit der Karotte vor dem Zaun und lässt sich von den Eseln umzingeln und schubsen.

Anneke schickte mir diesen Link zu einem Youtube-Video. Sie hat es von der Überwachungskamera heruntergeladen. Es ist immer wieder schön anzusehen, wie die Großen draußen fasziniert auf das Geschehen drinnen schauen.

Nach einer Woche nehme ich das Fliegenpapier ab und nagele ein neues Blatt auf das Brett. Der beste Fliegenfänger, den ich je gehabt habe. Mein Salon ist fast schon eine Flugverbotszone für Stubenfliegen. Sie brummen hier nur noch selten.

Etwas freier Platz ist noch da. Möchte noch jemand landen, bevor ich das Papier in den Müll werfe?

Inseltour

Krrtsch. Quietsch. Knarz. Diese Geräusche kenne ich von meinem Wagen nicht. Immer wieder schleifen Teile der Karosserie über den Boden, am kleinsten Kieselstein bleiben wir hängen. Der Wagen hat eine solche Tour noch nie mit so viel Beladung absolviert. Die nicht asphaltierte Straße hinter dem Haustierfriedhof geht an die Belastungsgrenze.

Friedhof der Kuscheltiere (Archiv, Foto von Jens)

Wieder einmal bin ich auf Inseltour, diesmal mit der Crew der Samai. Es handelt sich ausnahmslos um sehr große Menschen und es sind vier Mitfahrer, die sich in meinen für vier Personen zugelassenen Wagen hineingefaltet haben. Ich fange die Inseltour immer in San Nicolas an, wenn es noch nicht so heiß ist. So spaziert es sich leichter von einem Kunstwerk zum nächsten. Anschließend geht es nach Baby Beach und zum Haustierfriedhof.

Iguana in San Nicolas als Stellvertreter für mehrere Dutzend Kunstwerke (Archiv)

Während ich versuche, möglichst ohne Bodenkontakt über die Sandpiste zwischen den riesigen Kakteen zu steuern, machen meine Mitfahrer Foto um Foto. Ich selbst werde am Abend feststellen müssen, dass ich über den ganzen Tag lediglich sechs Aufnahmen geschossen habe. Geschafft, wir sind wieder auf der asphaltierten Straße. Der Wagen rollt noch und es scheinen auch keine Flüssigkeiten auszulaufen. Eigentlich müsste ich mir mal anschauen, wie tief das Auto jetzt auf der Fahrbahn liegt. Ich verdränge den Gedanken.

Lourdes-Grotte. Eine von knapp 300 Lourdes-Grotten weltweit.

Immer wieder gerne fahre ich zur Lourdes-Grotte. Sie erinnert mich daran, wie für mich in Aruba alles angefangen hat. Damals im März 2020, als Jens und ich von Bonaire kommend Aruba erreichten. Unser erster Ausflug führte uns nach San Nicolas und wir haben es doch tatsächlich geschafft, durch den Ort zu laufen, ohne auch nur ein einziges der Kunstwerke an den Hauswänden zu bemerken. Statt dessen fanden Jens und ich die Lourdes Grotte.

Die Krippe ist fast fertig aufgebaut. Ochs und Esel sind schon da. Man muss aufpassen, dass Desiree den Esel nicht einfängt. Das Jesuskind kommt natürlich erst nächsten Monat zur Welt.

Nach der eingehenden Besichtigung der Grotte sind wir wieder auf der Straße. Ohne weiteren Bodenkontakt und nach kurzem Zwischenstopp an Desirees Haus mit den sechs Eseln im Garten gelangen wir zur Balashi Gold Mine Ruine bzw. Spanish Lagoon, der einzigen Mangrovenbucht in Aruba. Ich kann mich auch heute noch nicht an diesem Ausblick satt sehen. Nur wenige Touristen finden diesen Ort, denn er ist nicht auf allen Straßenkarten verzeichnet, die in die Mietwagen gelegt werden.

Blick von der Goldmine über die Mangroven. Hier steht das Salzwasser im Landesinneren (Archiv)

Der nächste natürliche Zwischenstopp wäre das Donkey Sanctuary. Von der Goldmine bis zu den Eseln fährt man keine zwei Minuten. Das überspringen wir, denn schließlich kommen Maila, Samuel, Sandra und Michael regelmäßig am Sonntagnachmittag mit mir mit. Wir fahren direkt zur Casibari Rock Formation. Hier kommen wir zum ersten Mal in Kontakt mit dem, was so ein Kreuzfahrtschiff um sich wirft: Jede Menge Menschen. Leider sind die Kreuzfahrtschiffe wieder unterwegs. Leider kommen sie auch wieder regelmäßig nach Aruba. Es sind nicht mehr zwei Kreuzfahrer pro Tag, sondern eher vier bis fünf in der Woche. Das macht es nicht besser. Ich mache die Inseltour am liebsten an Samstagen, weil dann die Amerikaner ihren Bettenwechseltag haben und vor allen Dingen die Straße vor dem Flughafen blockieren. Ein Kreuzfahrer kann einem diese Planung vollkommen zunichte machen. Andererseits kenne ich die Inseltouren der Profis fast so gut wie die Profis selbst.

Blick von Casibari aus auf die Kreuzfahrtschiffe in Oranjestad (Archiv)

Trotz eines gewissen Hüngerchens kutschiere ich meine Gruppe (Fremdenführer-Sprache) unverzüglich weiter nach Ayo Rock. Ich fühle mich von Reisebussen verfolgt, die ich noch gar nicht sehen kann. Wir spazieren den Rundweg, sehen keine anderen Touristen und Maila fürchtet sich etwas vor den Wespen, die an den Felsen ihre kleinen Nester bauen, sie ist in der Vergangenheit schon einmal gestochen worden.

Das beste Bild, das ich je von diesen Tierchen schießen konnte. Die Nester sind alle so winzig und kleben überall an den Felsen. Dass eine von diesen Wespen irgendwann irgendjemanden gestochen hätte, habe ich noch nicht erlebt. Es sind friedfertige Tiere.

Ein Blick auf die Uhr verheißt Gutes. Es ist etwa 13 Uhr. Das ist zu spät für die Busse, die die Natural Bridge und den Natural Pool am Vormittag anfahren. Es ist zu früh für die Busse, die die Runde anders herum machen. Also ist es unsere Zeit im Pool. Bei unserer Ankunft ist der Parkplatz leer, der Wagen schleift mit furchtbaren Geräuschen über den Boden aus versteinerten Korallen. Die See ist heute sehr rau.

Raue See und Hochwasser sind Garanten für das ultimative Strömungserlebnis im Pool.

Kaum zu glauben. Wir sind wirklich die einzigen Besucher. Für fast eine halbe Stunde haben wir den Pool komplett für uns. Selbst die beiden Mitglieder einer geführten Tour, die der Fremdenführer über die Steine klettern lässt, verschwinden nach gefühlt 30 Sekunden Badezeit. Die Strömung ist heute gigantisch. Krasse Wellen hämmern von Außen an die Felsen, der tiefe Bass des Echos in der Kammer wummert im Bauch und in den Ohren.

Viel Spaß in der Strömung. Ich glaube, Michael sieht begeistert wieder eine Welle heran rauschen.

Ich liebe diese Inseltouren. Alleine fahre ich doch nicht in den Natural Pool. Da fehlt mir echt die Motivation. Ich fahre alleine auch nicht nach Casibari oder Ayo Rock. Ich fahre alleine nur selten nach San Nicolas und wenn, dann um ein Restaurant zu besuchen. Die Naturdenkmäler besucht man als normaler Tourist schließlich nur einmal und dann nie wieder. Ich war inzwischen mit vielen Gruppen hier und kann mich immer wieder mal erfreuen.

Aufgrund der rauen See lohnt sich dieses Bild von der Natural Bridge. Ich habe wesentlich schlechtere Aufnahmen im Archiv.

Wir nehmen uns wie immer Zeit. Ich mag meine Gruppe nicht hetzen, sie sollen schließlich die Insel in ihrem Tempo erleben. Gehetzte Touristengruppen gibt es genug, eine solche erscheint gerade in einem großen Bus von Fofoti-Tours. Alle Teilnehmer haben Bordkarten um den Hals gehängt, der Bus ist mit “Best of Aruba Bus 1” beschriftet. Jetzt kommt die Samai-Crew freiwillig zurück zum Auto und wir verlassen den schönen Ort.

Samuel, Maila, Sandra und Michael auf der Natural Bridge. Das Überqueren der Brücke ist verboten. Ich erinnere mich noch gut an den Spruch “darum kümmern wir uns doch sonst auch nicht”. Ob sie über die Brücke gelaufen sind oder nicht, darüber decke ich den Mantel des Schweigens.

Mir ist klar, dass wir uns nun in einer Wettbewerbs-Situation mit den Bussen befinden. Mein Magen knurrt ein wenig, die Nahrungsaufnahme wird uns zurück werfen. Andererseits sind die großen Gruppen schwerfällig und langsam. Da wir heute Samstag haben, ist der Lionfish-Imbiss geöffnet. Es schmeckt wie immer gut.

Lionfish Kibbeling (Archiv)

Am Morgen haben wir unsere Rundfahrt im Süden der Insel begonnen, nun arbeiten wir uns immer weiter in den Norden vor. Auf dem Weg zur Altovista-Chapel bete ich fast, dass wir von den Kreuzfahrern verschont bleiben. Die kleine Kapelle ist der letzte mögliche Konfliktpunkt, den wir mit den Bussen haben können.

Andächtig im Inneren des sakralen Gebäudes

Eine gewisse Müdigkeit macht sich bei uns breit. Wir sind nun schon seit fast sechs Stunden unterwegs. Ein wesentlicher Punkt fehlt uns aber noch, das California Lighthouse an der Nordspitze von Aruba. Gleich hinter einem der Tourbusse erreichen wir den Parkplatz. Meine Gruppe ist beinahe enttäuscht, so viele Menschen auf einem Fleck. Ich kann sie beruhigen, denn ich weiß genau, dass kein einziger Kreuzfahrer es auf den Leuchtturm schaffen wird. Ich war schon einmal oben, spare mir das Eintrittsgeld und bleibe unten. Dabei beobachte ich das Treiben rund um die Busse.

Bus 4 und Bus 1 der “Best of Aruba” Rundfahrt. Die Crew der Samai ist gerade auf der Aussichtsplattform.

Im Abstand von etwa 10 oder 15 Minuten kommt einer dieser Busse angefahren. Die Tür öffnet sich und mehrere Dutzend einigermaßen Gehbehinderter rollen sich die Treppenstufen herunter. Ein Schiff von Carnival Cruises bringt garantiert adipöse Amerikaner nach Aruba. Je nach Möglichkeiten schaffen es diese Kreuzfahrer dann noch zum Getränkestand oder nur für ein Foto auf den Parkplatz. Mindestens ein Dutzend Menschen der Gewichtsklasse 150kg oder mehr. Im Leuchtturm ist kein Aufzug.

Wir sind erschöpft von der langen Tour, seit sechseinhalb Stunden sind wir unterwegs. Nach einem kleinen Abstecher in die Hotelzone mit den ganz großen Hotels, den Einkaufspalästen und den teuren Restaurants, in denen sich nur US-Amerikaner wohlfühlen können, fahren wir auf dem schnellsten Weg zurück zu unseren Booten. Ich bin selbst nicht mehr ganz da, denn ich vergesse sogar den sonst obligatorischen Zwischenstopp bei den Instagram-Bäumen. Michael und ich lassen den Abend mit ein paar Bier auf der Samai ausklingen.

Instagram Baum an Eagle Beach (Archiv)

Update zu Gustav: Ich freue mich für ihn, denn er hat ein Boot gefunden, das ihn in der kommenden Woche zu den San Blas Inseln mitnimmt.