Hochhausbau in Oranjestad

Bei den dicken Brummern sind die Plätze gestern neu verteilt worden. Die Freewinds ist wieder an ihren ehemaligen Liegeplatz zurückgekehrt. Dafür ist die Carnival Pride am Kreuzfahrerterminal festgemacht. Möglicherweise sind die Einnahmen von Aruba aus den Liegegebühren für Kreuzfahrtschiffe jetzt höher als in der Vor-Corona-Zeit. Vermutlich gibt es einen satten Rabatt.

Hochhausbau vor meiner Nase

Für mich persönlich ändert das alles. Bisher konnte ich in meinem Cockpit sitzen und der Sonne zusehen, wie sie im Meer versinkt. Das geht jetzt nicht mehr, jetzt fällt sie hinter der Carnival Pride ins Wasser. Bei genauem Hinsehen kann man die schwarzen Rußfahnen aus den Schornsteinen erkennen. Zum Glück liege ich in Luv, der Dreck weht auf das Meer hinaus.

Vor ein paar Tagen ist mir ein Artikel auf Spiegel-Online in die Augen gesprungen. Im Zuge der Black Lives Matter Bewegung wollen Twitter und andere Unternehmen Begriffe wie “Master”, “Slave”, “Blacklist”, “Whitelist” und mehr aus ihren Entwicklungsabteilungen streichen, weil sie rassistisch sind. Das hat mich nachdenklich gemacht. Immerhin habe ich diese Begriffe über Jahrzehnte selbst verwendet.

Ich habe diese Gedanken dann niedergekämpft und mich wieder meinem Luxusleben im Hotelresort gewidmet. Die Dusche auf der Flamingo-Insel ist immer noch die beste Dusche und so bekommen die Flamingos hin und wieder Besuch von mir. Es ist immer wieder befremdlich, wenn sich auf der für mehrere hundert Besucher geeigneten Insel nur ein paar Dutzend Menschen aufhalten.

Flamingos

Ein paar Tage nach dem Artikel im Spiegel nutzte Caren Miosga in den Tagesthemen die Worte “Schwarzarbeit” und “Dunkelziffer”. Dazu ein Zitat von Bertolt Brecht “die im Dunkeln sieht man nicht”. Irgendwie hat es dabei wieder Klick in meinem Kopf gemacht. Schwarzarbeit, Schwarzfahrer, Schwarzgeld, Schwarzmalerei, Schwarzsehen, Dunkelziffer, Schattenwirtschaft, schwarze Kasse, anschwärzen, Schwarzmarkt, Schwarzer Peter.

Aufgrund einer Frage in einem Quiz, das ich auf meinem Telefon gegen ein paar Freunde in Deutschland spiele, bin ich auf den schwarzen Popelmann gestoßen. Martin Luther höchstselbst riet damals Eltern, ihre Kinder mit dem schwarzen Popelmann zu erschrecken, falls sie nicht artig sind. Als ob es nicht ein paar mehrköpfige Aliens getan hätten. Die Zuordnung von Hell und Dunkel in der Bibel ist ziemlich eindeutig geregelt.

Ich liebe Schwarzwurzeln, schwarzen Kaffee, Schwarzbier, schwarze Schokolade und das leckere Fleisch der spanischen schwarzen Schweine. Es ist nicht alles negativ konnotiert und erst hier in der Karibik habe ich mir die geliebten schwarzen T-Shirts weitestgehend abgewöhnt.

Streetart aus Oranjestad

Auch in Oranjestad gibt es einige Graffiti. Dieses Exemplar ist mir zufällig vor die Kamera gelaufen. Es gibt sie, sie finden sich aber über die ganze Stadt verstreut. Nicht so konzentriert wie in San Nicolas.

Inzwischen arbeite ich schon mehrere Tage an diesem Beitrag. Die Kreuzfahrtschiffe sind verschwunden und nichts stört mehr den Genuss des Sonnenuntergangs. Aruba hat wieder keine Einnahmen aus dem Kreuzfahrtbetrieb. Ich ziehe gedanklich ein paar Konsequenzen und werde in Zukunft noch mehr auf meine Wortwahl achten. Einen Beförderungserschleicher würde ich einen Schwarzfahrer aber nicht nennen wollen. Das ist mir zu sperrig. Vielleicht einen Betrüger.

Stand heute sind 13 aktive Covid-19 Fälle auf der Insel bekannt. Ich darf im Donkey Sanctuary einen Tisch schreinern. Die Stichsäge habe ich schon hingebracht. Dabei bin ich beinahe über Shrimp in komplett entspannter Pose gestolpert.

So können nur Katzen entspannen

Tortuga sticht in See

Holger haben wir vor zwei Wochen kennengelernt. Damals lag er mit seiner Tortuga hinter der Landebahn des Flughafens vor Anker. Dort hatte er kein Internet und so sind der Corona-Ausbruch und die Folgen für alle Segler zunächst an ihm vorbeigegangen. Er bemerkte zwar, dass der Verkehr auf der Uferstraße in der Nacht komplett zum erliegen gekommen ist, wusste aber nicht warum. Holger wartete alleine an Bord auf seine Crew. Die vorherige Crew konnte noch regulär nach Hause fliegen, die neue Crew aber nicht mehr in Aruba einreisen. Ein echtes Problem.

Tortuga an der Tankstelle

Ein Freund von Holger sitzt auf Martinique und würde ihm bei der Überführung nach Deutschland helfen. Der darf aber auch nicht nach Aruba. Also will Holger nach Martinique. Er hat sich schlau gemacht, weiß von den 14 Tagen Quarantäne, die ihn nach der Einreise erwarten. Dennoch fährt er nach Martinique.

Die Leinen sind los, die Fender werden noch verstaut.

Wir wünschen Holger eine gute Reise, perfekten Wind und dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. Entscheidungen treffen ist heutzutage nicht einfach, weil sich die Rahmenbedingungen so schnell ändern und Segelboote so langsam sind.

Tortuga verlässt Oranjestad

Wenn wir mit dem Segelboot unterwegs sind, müssen andauernd Entscheidungen getroffen werden. Meist sind Wetter und Wettervorhersage Grund dafür, dass diese Entscheidungen notwendig sind. Damit können wir umgehen.

Vernagelte Schaufenster

Auch wenn wir in Oranjestad im Augenblick alles haben, was wir brauchen, machen mir bestimmte Anzeichen Sorge. Im Hafen liegt eine große Motorjacht eines alten Holländers, der schon vor 15 Jahren nach Aruba gezogen ist. Gestern hat er sich vom Supermarkt große Mengen Nahrungsmittel auf sein Boot liefern lassen. Er meint, dass die Leute im Augenblick noch entspannt seien, weil sie noch Geld haben. Das wäre in ein bis zwei Monaten anders. In der Innenstadt gibt es praktisch kein Geschäft mehr, das nicht die Schaufenster mit Brettern vernagelt hätte.

Vielleicht verlegen wir Sissi in die zweite Marina auf Aruba. Dort ist die Liegegebühr günstiger und sie liegt ziemlich abseits von allem. Das Einkaufen wäre zwar beschwerlicher, dafür wären wir aber weit weg von jedem für Randalierer oder Plünderer interessanten Fleck. Vielleicht passiert aber auch gar nichts. Auf welcher Grundlage sollen wir eine solche Entscheidung treffen?

Sonnenuntergang, immer wieder schön.

Auf keinen Fall sollte man Entscheidungen mit leerem Magen treffen. Wir haben Leiterchen beim Metzger eingekauft und diese über Nacht in einer leckeren Jerk-Tomaten-Marinade eingelegt. Unser großer Topf ist voll, es ist eine Portion für fünf hungrige Personen. Diese Leiterchen habe ich dann dreieinhalb Stunden auf kleinster Flamme schmoren lassen. Jutta hat bergeweise Pommes frittiert und für Gemüse gesorgt. Jens hat einen Schoko-Nuss-Pudding gerührt. Gemeinsam gab es dann eine große Völlerei. Das Fleisch war perfekt mürbe und löste sich problemlos von den Knochen. Der Wachmann von der Marina ist uns fast in den Topf mit den Leiterchen gesprungen. Eidechsen mögen auch Schoko-Nuss-Pudding. Die Entscheidung wird vertagt, der Magen ist viel zu voll dafür. Außerdem kann sie noch ein paar Wochen warten. Dann wissen wir mehr.

Eins wissen wir jetzt allerdings mit Sicherheit: Corona macht dick und rund.


Nachtrag: Die Tortuga ist wieder auf Aruba. Holger musste aufgrund von Problemen umdrehen.

Abgeschiedenheit

Ich telefoniere in den letzten Tagen sehr oft mit unserer Schwester. Sie ist im Home Office, wie so viele andere Menschen in diesen Tagen auch. Die Abgeschiedenheit macht ihr zu schaffen. Mich erreichen Emails von Freunden zum gleichen Thema. Auch in der Presse gibt es viele Lebenshilfe-Artikel zum Thema “Leben in der Isolation”.

Als Herdentier macht vielen Menschen die Isolation zu Hause zu schaffen. Oft fahren allerdings die gleichen Menschen auf eine Hallig in den Urlaub oder buchen eine einsame Hütte in Schweden. Sie suchen die Abgeschiedenheit und meiden für Wochen den Kontakt zu anderen Menschen.

Geparktes Auto. Wir laufen da auf dem Weg zum Supermarkt regelmäßig dran vorbei.

Wir kennen das sehr gut. Auf dem Segelboot befinden wir uns tagelang oder wochenlang in der perfekten Isolation. Wir haben dann die härteste Ausgangssperre, die man sich vorstellen kann. Wer das Boot unterwegs verlässt, ist mit größter Sicherheit innerhalb kurzer Zeit tot. Darüber wacht der Atlantik. Während der Isolation sehen wir nur uns, haben wir nur uns gegenseitig als Gesprächspartner. Wir sitzen in unserem kleinen Boot aufeinander.

Soziale Isolation

“Hamsterkäufe” sind für uns allerdings vollkommen normal. Wir kaufen nicht ein, wir bunkern. Wir laden Unmengen von Lebensmitteln auf unsere Sissi, denn wir können nicht einmal zum Supermarkt an der Ecke gehen. So streng ist unsere Ausgangssperre.

Sinnvolle Tätigkeiten in der Freizeit

Wir teilen unsere Zeit ein in Arbeitszeit und Freizeit. Während der Arbeitszeit wird Sissi geputzt, gewienert und gepflegt. Es wird repariert, was kaputt gegangen ist. Es wird gekocht und gespült. Und es wird natürlich darauf geachtet, dass der Kurs stimmt und dass wir nicht gegen ein anderes Schiff fahren. In der Freizeit wird entspannt, gelesen oder ein Film gesehen. Wir warten nicht darauf, dass etwas passiert. Wir sorgen dafür, dass etwas passiert. Im Internet surfen ist über das Satellitentelefon nur sehr begrenzt möglich, telefonieren können wir auch nicht so richtig.

Am Ende des Tages

Wir führen unser Leben so, dass wir das Gefühl haben, den Tag sinnvoll verbracht zu haben. Am Ende jeden Tages kommen dann der Sonnenuntergang und das Abendessen als kulinarischer Höhepunkt. Das Leben ist schön auf See. Das Leben ist einsam auf See.

Im sicheren Hafen

Irgendwann und meist viel später als veranschlagt kommen wir in einen sicheren Hafen und die Ausgangssperre ist aufgehoben. Das feiern wir, dann sind wir glücklich. Das ist immer so. Das ist gut so.


Wie jeder Vergleich hinkt auch dieser. Der Urlaub auf der Hallig hat ein festgelegtes Ende. Am Ende des größten Ozeans befindet sich wieder Land, wir können uns recht gut ausrechnen, wann wir dort ankommen. Das ist der Unterschied.

Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass wir alle dafür sorgen müssen, dass uns der Himmel nicht auf den Kopf fällt. Dass wir alle dafür sorgen müssen, dass der bzw. die anderen sicher sind. Ich kümmere mich um Jens, Jens kümmert sich um mich. Wir vertrauen uns gegenseitig blind. Wir achten aufeinander. Wir helfen uns gegenseitig.

Steuere deine Wohnung durch die Untiefen in der Coronasee. Achte darauf, keinen Schiffbruch zu erleiden. Führe deine Crew. Du wirst sehen, am Ende des Meeres ist wieder Land. Es gibt immer Land auf der anderen Seite des Ozeans.

Anne Frank auf Aruba

Ich übersetze das mal nicht, ihr habt alle Zeit genug, euch das selbst aus dem Niederländischen zu übersetzen. Im Internet gibt es Mittel und Wege.

Hilfsmittel: Wir schauen nur einmal am Tag, wie weit wir gekommen sind. Wir könnten öfter schauen, aber das wäre frustrierend, denn bei mehreren tausend Meilen Reststrecke sind die lediglich hundert Meilen, die wir am Tag zurück legen, immer nur kleine Schritte. Schau’ nicht so oft im Internet, was um dich herum passiert. So schnell dreht sich der Planet auch nicht.

Mach’ es Dir bequem. Halte Dich vom Fernseher fern. Schau’ lieber den einen oder anderen Film auf Youtube, das ist eine nachrichtenfreie Zone. Lies’ ein Buch. Lerne Brot backen – das ist toll! Betrachte den Begriff “Coronaferien” als Ferien von der Corona-Berichterstattung. Das hilft. Sicher.

Auf hoher See

Rippche mit Kraut

Gestern Abend gab es bei uns Rippche mit Kraut zum Essen. Das hatten wir zuletzt, als wir unsere Eltern anlässlich ihrer goldenen Hochzeit im November besucht haben. Eine Dose Sauerkraut lagerte schon eine Weile in unseren Schapps, beim Metzger in Oranjestad haben wir wunderschöne Rippchen gefunden. Damit war das Abendessen gesetzt.

Rippche mit Kraut

Die Welt um uns herum dreht aufgrund der Corona-Krise hohl. Die meisten Länder haben ihre Grenzen geschlossen. Wir trauen uns derzeit nicht, Aruba zu verlassen, denn die Gefahr ist groß, dass man uns im nächsten Land nicht hinein lässt. Was tun?


Jens: Es ging mir in der letzten Zeit nicht besonders gut. Irgendetwas hat mir psychisch Probleme bereitet, aber ich konnte nicht so richtig deuten, was es war. Als wir von Martinique nach Bonaire gefahren sind, saß ich während meiner Wache grübelnd im Cockpit. Da viel es mir wie Schuppen von den Augen. Es ist die Einsamkeit auf dieser langen Reise. Wir haben unterwegs viele nette Menschen kennengelernt und neue Freunde gewonnen. Diese Freundschaften sind jedoch meist nur von kurzer Dauer, denn entweder begeben wir uns auf die Weiterfahrt, oder eben die anderen. Am Ende sind wir unter uns. Ich vermisse es, unter anderen Menschen zu sein und meine Freunde zu sehen. Diese Erkenntnis musste ich selbst erst verdauen und saß dort eine Weile mit Tränen in den Augen. Nachdem Jörg aufgestanden war erzählte ich ihm, was mir so schwer auf dem Seele lag. Er hatte dafür vollstes Verständnis und mir fiel an diesem Tag ein großer Stein vom Herzen. Ich bin trotz allem froh das ich mich auf diese Reise begeben habe. Unsere Erlebnisse und das Abenteuer waren es wert.


Ich habe mir das alles noch ein paar Tage schön geredet. Ich hatte immer die Hoffnung, Jens noch einmal umstimmen zu können, konnte aber auch sehen, wie groß seine Erleichterung ist, dass wir zurück fahren werden.

Wir haben beschlossen, zum richtigen Zeitpunkt, also etwa Anfang Mai, den Atlantik von West nach Ost zu überqueren, einen Zwischenstopp auf den Azoren einzulegen und dann den Sommer in Schottland zu verbringen. Hier in der Karibik wollten wir mindestens noch Jamaika und Kuba besuchen, vielleicht auch noch einen Kurztrip nach Haiti machen. Die Ankunft in Frankfurt planten wir für den September.


Dann kam Corona, die Sperrung des Panamakanals für Sportboote, Grenzschließungen an den meisten Landesgrenzen und damit Schließungen der meisten Inseln für uns. Die Unmöglichkeit, weiter nach Westen reisen zu können, macht mir die ganze Geschichte sehr viel leichter. Es fühlt sich für mich nicht besser an, wenn ich alle paar Tage neue Nachrichten über die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit der Kanaldurchfahrt lesen darf. Das ändert sich täglich.

Wir warten jetzt auf Aruba, bis wir die Situation besser einschätzen können. Da wir schon die Vorräte für den Pazifik eingekauft haben, könnten wir notfalls auch nonstop über den Atlantik fahren. Das wäre aber unschön, denn dabei sieht man nichts von der Welt.

Jeden Tag gibt es Neuigkeiten, neue Entwicklungen und damit auch neue Pläne für uns. Die übriggebliebene Zeit unseres Törns werden wir nutzen, um noch so viel wie möglich zu sehen.

Daheim in Frankfurt gibt es dann wieder Rippche mit Kraut.

Geisterstadt Oranjestad

Geisterzug – nur mit Fahrer und Schaffner besetzt. Normalerweise sitzen da noch viele Kreuzfahrer drin.

Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung. Manchmal werden Träume wahr. Wenn du regelmäßig in diesem Blog liest, ist dir sicher nicht entgangen, dass ich bei vielen Begegnungen mit Kreuzfahrtschiffen etwas zu meckern habe. Sie stinken, sie fluten die Ziele mit Menschen, sie halten sich nicht an die Verkehrsregeln auf See, sie sehen scheiße aus und verbauen auch noch oft den Blick auf die Landschaft oder den Horizont. Ich habe mir immer eine Welt ohne Kreuzfahrer gewünscht.

Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Im Augenblick haben wir unsere Ruhe vor den Kreuzfahrtschiffen.

Kreuzfahrerterminal in Oranjestad – hier liegen normalerweise jeden Tag zwei Schiffe

Der Grund dafür, dass in den nächsten vier Wochen keine Kreuzfahrer nach Aruba kommen, ist natürlich inzwischen jedem bekannt. Es liegt am Coronavirus. Auch Flüge nach Europa sind abgesagt.

Plakat mit Verhaltensregeln

In den umliegenden Ländern wurden die Grenzen geschlossen. Wir Segler fahren normalerweise dort hin, wo uns der Wind hinbläst. Dann gehen wir zu den Behörden, füllen einen riesigen Berg Formulare aus und bekommen Stempel in unsere Pässe. Anschließend sind wir im Land und können tun und lassen, wozu wir Lust haben.

Wir lesen im Internet, dass in Europa ein Land nach dem anderen seine Schlagbäume herunter lässt. Das ist auf den Inseln in der Karibik nicht anders. Deswegen bleiben wir erst einmal hier und harren der Dinge, die uns in den nächsten Wochen erwarten. Mir ist klar, dass das Jammern auf einem recht hohen Niveau ist, denn wir sind an einem sehr schönen Ort, haben Zugang zu guter Versorgung in Infrastruktur und hätten im Fall der Fälle auch eine ordentlich ausgestattete Klinik zur Hand. Es bereitet uns aber keine Freude. Wir sind auch mit unseren Gedanken bei Familie und Freunden in Deutschland.

Leere Fußgängerzone in Oranjestad

Viel ist in Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, dass sich das Virus auf die Wirtschaft auswirken wird. Dass es irgendwann die meisten Menschen bekommen werden. Über die Gefährlichkeit wird viel spekuliert und die Entwicklung eines Impfstoffs wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Es wird viel Panik geschürt, Halbwissen beherrscht den virtuellen Raum im Netz, blöde Witze werden gerissen.

In Oranjestad sehen wir überdeutlich, dass ein Schaden für die lokale Wirtschaft sofort eintreten kann. Die Fußgängerzone ist leer, die Geschäfte sind es auch.

Leeres Geschäft, sie sehen jetzt alle so aus.

Die Welt hat sich innerhalb weniger Tage verändert. Wir haben nun einen anderen Planeten. Teilweise drehen verrückte Politiker am Rad, setzen krude Theorien in Umlauf und zeigen mit ihren Fingern auf andere Länder, anstatt sich um die Eindämmung der Seuche zu kümmern.

Die verunsicherten Menschen reagieren mit Handlungen, die sie unter normalen Umständen niemals ausführen würden. Wer (außer uns Seglern) braucht für mehrere Monate Toilettenpapier im Haus? Unser Vorrat würde bis Australien reichen. Wer isst eigentlich gerne Dinkelnudeln? Und wer ist so bekloppt, sich die Nase mit Essig auszuwaschen?

Die Kassiererin im Supermarkt gleich um die Ecke unserer Marina trug gestern eine OP-Maske und Gummihandschuhe. Vor der Kasse stand ein Teller mit aufgeschnittenen rohen Zwiebeln. Vernunft und Wahnsinn direkt nebeneinander.

Ich will hoffen, dass der Planet in den nächsten Wochen wieder zur Normalität zurück findet. Wir hängen fest, wir können nicht weiter. Die Lage kann sich jeden Tag, jede Stunde ändern. Wenn wir weiter fahren, können wir uns nicht sicher sein, dass wir am Ziel auch in den Hafen gelassen werden. Dazu haben wir zu viele Berichte aus erster Hand von anderen Seglern bekommen, die es am eigenen Leib erfahren haben.

Für meine persönliche Stimmung ist das Gift. Für unsere Pläne ist es sehr, sehr unglücklich. Für die Menschen hier in Oranjestad ist es eine Katastrophe.

Der Zug ist abgefahren.

Für ein Leben ohne das neue Coronavirus ist der Zug jedenfalls abgefahren.

Pan Pan

Über unsere Fahrt von Lanzarote nach Teneriffa habe ich geschrieben, dass nichts Besonderes passiert ist. Das stimmt nicht ganz.

Im Funk wurde alle paar Stunden ein Pan-Pan Ruf wiederholt. Das ist der zweitschlimmste Ruf, den man über Funk bekommen kann. Der schlimmste Ruf ist ein Mayday. Es war nicht unser erster Pan-Pan, den wir empfangen haben, aber dieser hat in mir ein ungutes Gefühl ausgelöst. Zum Glück waren wir weit weg.

Ich fühlte mich an den Film Styx erinnert, der im vergangenen Jahr bei uns in den Kinos war. Zwischen der afrikanischen Küste und den Kanaren wurde ein Flüchtlingsboot vermisst bzw. gesucht, ein Boot mit einer unbekannten Zahl von Menschen an Bord. Alle Schiffe wurden aufgefordert, besonders gut Ausschau zu halten.

Seit jenem Film hatte ich irgendwie immer gründlich Angst davor, dass uns ein solches Boot vor den Bug fahren könnte. Was sollten wir denn in einer solchen Situation tun? Besonders dann, wenn das Boot gar in konkreter Seenot ist. Zum Glück waren wir weit weg.

Wenn solche Vorfälle im Mittelmeer passieren, besteht eine gewisse Chance, dass man in Deutschland in der Presse darüber liest. Hier auf dem Atlantik gehen diese Boote auch verloren, Menschen sterben und man liest nichts darüber. Jedenfalls nicht bei uns. Es fahren allerdings auch keine Rettungsschiffe herum, die diesen Menschen das Leben retten könnten.

Wenn ich mir etwas zu Weihnachten wünschen könnte, wäre das zum Beispiel die Möglichkeit für diese verzweifelten Menschen, einfach an den Schalter zu gehen und ein Ticket für die Fähre zu buchen.

Vollmond über Puerto Calero

Mitternacht ist längst durch, Jens liegt schon eine Weile im Bett. Da gehöre ich auch hin, unser Programm für morgen ist ziemlich voll gepackt.

Eigentlich bin ich sehr müde und doch kann ich mich nicht losreißen. Ich kann mich nicht losreißen von der Stille, von der Nacht, von dem Licht, das der Mond über die Marina wirft. Wir sind auf den Kanaren angelangt. Es ist zu spät, um diese Uhrzeit noch die Meilen zu addieren, die wir zurückgelegt haben. Es waren verdammt viele Meilen. Ich bin in diesem Jahr mehr Meilen gesegelt, als ich bisher in meiner Seglerkarriere zurückgelegt habe. Jens geht es in dieser Hinsicht nicht anders.

Vollmond über der Marina

Wieder einmal ist es mitten in der Nacht. Ich habe heute keine Wache, sondern kann mich ganz auf diesen Beitrag konzentrieren, ohne regelmäßig nach anderen Schiffen Ausguck zu halten.

Der DSV verlangt für den Sportküstenschifferschein (SKS) einen Nachweis über 300 Seemeilen auf einem Segelboot. Dieser Führerschein ist nicht einmal vorgeschrieben, sondern freiwillig. Es ist der “höchste” Führerschein, den ich besitze, und er gilt nur bis zu 12 Seemeilen von der Küste entfernt. Da war ich aber schon wesentlich weiter weg.

Es gibt noch weitere, noch höhere Führerscheine, für die ein paar Meilen mehr verlangt werden. Die habe ich nicht. Ich habe die Meilen. Jens auch. Die Meilen sind unser Bonus auf der kommenden Überquerung des Atlantik, nicht das bedruckte Papier. Dennoch stellt sich mir immer wieder die Frage, ob wir qualifiziert genug sind, den Sprung über den Atlantik zu wagen. Am Papier wird es sicherlich nicht scheitern.

Marinagebäude in Puerto Calero

Ich nehme mir ein Bier aus dem Kühlschrank und mache einen kleinen Spaziergang durch die Marina. Auf den Booten ist schon lange Stille eingekehrt, nur aus dem Marinagebäude kommt noch Lärm. Eine oder zwei Bars sind noch in Betrieb. Seit zwei Tagen hat der Wind merklich nachgelassen und das hatte zur Folge, dass einige Boote heute hereingekommen sind. Die Crews sind noch am feiern.

Andere Boote haben die Marina heute verlassen. Zwei hatten eine ARC-Flagge draußen hängen, die sind für ihre Regatta schon recht spät dran. Dass sie hier auf das Nachlassen des starken Windes gewartet haben, war ziemlich vernünftig. Die meisten Segler gehen keine unnötigen Risiken ein, sie haben Respekt vor dem Wasser.

Palmen vor dem Marinagebäude

Ich suche die Marinakatze. Sie wohnt im hiesigen Schuhgeschäft, ist aber gerade nicht zu Hause. Wahrscheinlich hat sie noch eine zweite und eine dritte Heimat. Katzen sind sehr flexibel. Sind wir Menschen das auch? Sind wir flexibel genug, drei bis vier Wochen auf dem engen, sich ständig bewegenden Raum zu leben, ohne uns zwischenzeitlich an den Hals zu gehen? Die Chancen sind gut, haben wir doch inzwischen fünf längere, mehrtägige Passagen hinter uns. Aber es ergeben alle fünf Passagen zusammen nicht die Länge, die jetzt vor uns liegt. Sind wir Traumtänzer, Heuchler, Idioten?

Eisenbahn-Kinderkarussell

Mein Spaziergang führt mich an der Kaimauer entlang. Viele Segelboote liegen hier im Hafen, die allermeisten sind ähnlich ausgerüstet wie wir. Die haben alle ähnliche Ziele, alle wollen über den Atlantik. Nur wenige Dauerlieger haben ihre Boote hier in der Marina. Man erkennt sie an der Calima-Patina und daran, dass sie nicht dauerhaft bewohnt sind. Diejenigen, die den Ozean überqueren wollen, haben oft Jahrzehnte mehr Erfahrung als Jens und ich zusammen. Kann das gut gehen?

Boote in Puerto Calero

Unsere Ausrüstung ist toll, unsere Vorräte sind gigantisch. Wir haben Navigationskram bis zum Erbrechen, Seekarten von der ganzen Welt. Wir haben Wind- und Sonnenenergie, einen Watermaker und einen guten Kühlschrank. Unser Anker gehört zu den besten, die man auf dem Markt kaufen kann. Wir haben heute vollgetankt und zusätzlich 100 Liter Diesel in Reservekanistern an Bord geschafft. Unsere Genua wurde professionell repariert, unser Großsegel ist ebenfalls topfit. Seit Roscoff haben wir es kaum noch gebraucht. Die Vorratslasten biegen sich vor lauter Konservendosen. Alle unsere Gasflaschen sind frisch nachgefüllt, damit können wir mindestens ein halbes Jahr kochen und backen.

Unsere Ausrüstung ist suboptimal. Wenn ich in Seglerblogs lese, was die Protagonisten alles an Bord installiert haben, bekomme ich gelegentlich Minderwertigkeitskomplexe. Das alles haben wir nicht. Andererseits hatte Kolumbus nicht einmal eine Seekarte, Moitissier, Erdmann, Cornell und Schenk hätten sich nach unserem Zeug die Finger abgeleckt. Wie weit muss man mit der Ausrüstung gehen? Wann ist es gut? Woher weiß man, dass man genug hat?

Steg J in Puerto Calero

Meine Schritte wenden sich wieder unserem Steg zu. Das Bier ist leer, die Dose im Müll. Wir haben ein gutes Schiff. Sissi ist zwar über 40 Jahre alt, sie ist aber stabil und schwimmt nun schon so viele Jahre. Andere Segler beneiden uns um den Komfort, den sie uns bietet.

Wir können mit unserer Ausrüstung umgehen. Wir kennen Sissi. Unsere Navigation war bislang ohne Fehl und Tadel. Wir haben uns nur wenige Fehler bei der Interpretation der Wettervorhersage geleistet. Wir ergänzen uns gegenseitig sehr gut. Was soll da noch schief gehen?

Unsere Literatur ist aktuell. Die Bordapotheke prall gefüllt und die Medizin ist noch nicht abgelaufen. Die Lebensmittel sind lecker. Wir können mit Süßwasser umgehen, als wäre es keine begrenzte Ressource.

Nach der Fahrt auf die Kanaren war ich froh, wieder im Hafen zu sein und nicht mehr den Lärm der knarzenden Verbände des Schiffs zu hören, nicht mehr auf der schwankenden Plattform durch die Gegend zu stolpern und endlich wieder ausschlafen zu können. Jetzt habe ich schon wieder die Nase voll vom Hafen.

Sissi am Steg in Puerto Calero

Es sind lediglich 2800 Meilen von hier bis nach St. Lucia oder Barbados. Das sind etwa 23 Tage bei einem 120-Meilen-Etmal. Und zwischendrin liegt noch Teneriffa, wo wir noch einmal anhalten wollen. Ich freue mich auf die Weite, auf den schier unendlich großen Ozean. Ich kann es kaum erwarten. Zweifel sind wohl normal, ich habe noch keinen Segler getroffen, der nicht an seinen Fähigkeiten gezweifelt hätte.

Unser Raumschiff ist eigentlich startklar. Nur noch ein paar Wochen, dann können wir los.

Durst und Heimweh

Warnung! Beitrag enthält Heimweh. Oder wie Friedrich Stoltze damals geschrieben hat:

Es is kaa Stadt uff der weite Welt,
Die so merr wie mei Frankfort gefällt,
Un es will merr net in mein Kopp enei:
Wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!

Man sagt ja, dass Durst schlimmer sei als Heimweh. Das gilt insbesondere bei schönem Wetter vor einem Biergarten. Ich behaupte jetzt, dass der Spruch falsch ist. Ein leckeres Getränk lässt sich überall auftreiben, unser Frankfurt gibt es jedoch nur am Main.

Frankfurter Römer während der Luminale am 12. Oktober 2017 (Foto: Manfred Jonas)

Noch leide ich keinen richtigen Durst. Noch haben wir Apfelwein an Bord und können uns jederzeit einen Frankfurter Schluck genehmigen. Doch waren wir in unserem Leben noch nie so lange nicht in Frankfurt. Ich merke das.

Unsere Kommunikation läuft vollkommen problemlos. Wir haben zumeist gutes Internet an Bord und können nach Hause telefonieren. Das machen wir auch regelmäßig. Gelegentlich nutzen wir sogar Skype, damit wir unsere mal wieder Eltern sehen und nicht nur mit ihnen reden können.

Wir haben in den letzten Monaten so viele Menschen kennen gelernt, wie das zu Hause niemals der Fall sein könnte. Die meisten Segler sind sehr offene Menschen. Wenn wir uns zwei Stunden mit neuen Bekannten im Cockpit unterhalten haben, ist meist aus der Bekanntschaft fast schon eine Freundschaft geworden. Um dieses Niveau zu erreichen, brauche ich in der Heimat meist Monate. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Segler, die wir treffen, einen ähnliches Ziel verfolgen. Gelegentlich gewinne ich den Eindruck, dass es auf dem Atlantik eng wird, weil so viele Boote in die Karibik wollen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die meisten Segler sich entweder eine berufliche Auszeit genommen haben oder schon in Rente sind. Ohne den täglichen Druck, zur Arbeit gehen zu müssen, lebt es sich durchaus entspannt. Oder es ist die Gewissheit, dass man sich nur für ein paar Tage gegenseitig auf den Geist geht. Irgendwann stimmt die Windrichtung wieder, die Steggemeinschaft löst sich auf und jeder fährt zu seinem nächsten Ziel. Also ist man gezwungen, sich schnell auf eine sehr persönliche Ebene zu bewegen, sonst bleiben wichtige Themen unausgesprochen. Ich schätze diesen Aspekt des Langfahrtsegelns sehr.

Ich vermisse Treffpunkte, Freunde und Gewohnheiten aus Frankfurt. Eine jahrelange Freundschaft ist nicht durch eine Stegbekanntschaft zu ersetzen. Statt zu den Heimspielen ins Waldstadion gehen, müssen wir mit der Übertragung im Radio vorlieb nehmen und die Tore alleine bejubeln. So schön es unterwegs ist, wir können uns nirgendwo ans Mainufer setzen. Dieser Aspekt des Langfahrtsegelns war mir vorher zwar klar, ich konnte jedoch nicht ahnen, mit welcher Intensität das in mir bohren würde.

Ich spüre das Heimweh nicht immer. Wenn die Segel oben sind und Sissi durch das Wasser zischt, ist nichts so fern wie das Heimweh. Es fühlt sich am besten an, wenn wir so weit draußen sind, dass wir nur noch mit dem Satellitentelefon kommunizieren können, ohne Handynetz und ohne das Plärren aus dem Funkgerät. Dann bin ich tief im Jetzt. Dann ist das Universum begrenzt auf die wenigen Quadratmeter Segelboot. Dann ist die Aufgabe, sicher zum nächsten Ziel zu kommen. Vor dem Bug liegt die Aussicht auf so viel Neues, für das ich das Altbekannte gerne loslasse. In der Nacht schalte ich dann gerne mal für ein paar Minuten die Schiffsbeleuchtung aus und genieße die Freiheit, unter einem ungetrübten Sternenhimmel ins dunkle Nichts zu segeln.

Liegen wir aber fest, schweben meine Gedanken am Abend im Cockpit oft in die Heimat. Möglicherweise ist es sogar so, dass die Möglichkeit, jederzeit zum Telefon zu greifen, das Heimweh verstärkt. Gerne würde ich unsere Eintracht mal wieder live sehen oder einen Bembel in einer Apfelweinwirtschaft leeren. Dieser Zug ist jedoch abgefahren. Anfang Juni.

Frankfurt Hauptbahnhof, Gleis 20, ICE nach Amsterdam

In ein paar Jahren gehe ich wieder ans Mainufer und ins Waldstation. Vorher werde ich auf die Kaneren, in die Karibik und die Südsee fahren, Australien sehen und noch viel mehr. Das wird spannend!

Dieser Beitrag erscheint während unserer Überfahrt nach Lanzarote. Bis nach Frankfurt sind es nur noch ca. 25000 Seemeilen.

Rasen oder reisen?

Gestern kam hier in Leixoes eine deutsche Segeljacht in den Hafen, darauf der Skipper und fünf Chartergäste. Sie sind heute wieder abgefahren und auf dem Weg nach Mallorca und zu den Kanaren. Zumindest das Boot wird auf die Kanaren fahren. Gestartet ist der Törn vor eineinhalb Wochen in Amsterdam. Es gab einen Zwischenhalt in A Coruna und dann war die Gruppe schon hier. Nach einer Nacht Aufenthalt in Porto geht es nun weiter nach Mallorca. Nur zum Einordnen: Wir sind schon seit gut zweieinhalb Wochen in Leixoes, da waren die anderen noch gar nicht in Amsterdam auf ihrem Schiff.

Brandung am Strand von Leixoes

Ich werde seit ein paar Tagen immer wieder gefragt, ob bei uns noch einmal was passiert, ob wir weiter fahren und wann. Bei uns passiert jede Menge, allerdings machen wir uns keinen Stress. Und weiter fahren wir, wenn der Wind einigermaßen passt. Es sah so aus, als könnte es heute so weit sein, heute sieht es aber nach einem einigermaßen stabilen Wetterfenster für morgen und übermorgen aus. So werden wir wohl morgen weiter fahren können.

Für mich ist diese Auszeit in Porto entspannend. In den letzten Monaten war es ein geflügeltes Wort an Bord, dass wir über die Biskaya rüber müssen und dann aus dem Zeitstress raus sind. Was haben wir nach der Biskaya gemacht? Wir sind natürlich weiter, weiter und weitergefahren. Als hätten wir die weite Bucht noch vor uns und die Stoppuhr im Nacken. Das ist aber nicht so. Wir wollen spätestens Ende Oktober auf der Kanaren sein. Es sind ca. 10 Segeltage bis zu den Kanaren. Also haben wir noch ca. 30 Hafentage. So haben wir den Luxus Zeit, die Muße, auf den richtigen Wind warten zu können.

Als wir hier vor drei Wochen angekommen sind, habe ich Witze über das Auswärtsspiel der Eintracht in Guimaraes gerissen, das am 2. Oktober hier ganz in der Nähe stattfinden wird. Heute habe ich tatsächlich mal nach den Eintrittskarten geschaut (sind noch welche verfügbar) und nach den Preisen (200 € für Gäste, ziemlich happig). Das motiviert uns nicht, noch eine weitere Woche hier dran zu hängen.

Sind wir zu langsam? Ich weiß es nicht. Die anderen sind schneller. Die Roede Orm ist schon am südlichen Ende der Algarve. Die Milena Bonatti hat Anlauf genommen, Portugal verlassen und ist auf hoher See in Richtung Kanaren unterwegs. Die Fairytale ist in Nazeré. Die Zora in Sintra. Dafür sind wir tief in die Stadt Porto eingedrungen, haben viel am Schiff gemacht und uns entspannt. Urlaub vom Segeln.

Brandung am Strand von Leixoes

Denke ich wieder an die Kojencharter-Crew und ihren ambitionierten Zeitplan, schüttelt es mich kalt durch und ich überlege, eventuell doch die Karten für das Auswärtsspiel zu kaufen. Auch die Ruhe, die Entspannung im Hafen und das Nichtstun müssen wir lernen. Wir wurden über die Jahrzehnte so sozialisiert, dass die Arbeit das Maß der Dinge und der Müßiggang der Anfang aller Laster ist. Das lässt sich auch nach knapp vier Monaten auf Sissi nur schwer abwerfen. Ich bekomme manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns einen Tag lang auf die faule Haut gelegt haben und ich nicht einmal einen Beitrag für das Blog geschrieben habe.

Es kann doch nicht verkehrt sein, die Katze da vorne an der Straßenecke zu streicheln. Es darf nicht falsch sein, den Diesel im Tank zu lassen und auf den passenden Wind zu warten. Das Klima ist hier um diese Jahreszeit jedenfalls sehr angenehm.

Brandung am Strand von Leixoes

Nach fast drei Wochen geht mir dieser Ort allerdings ein wenig auf den Keks. Es ist eine örtliche Veränderung angesagt. Die Windvorhersage für morgen ist ganz okay.

Auf hoher See

Der Wind pfeift, sanft zischt das Schiff angenehm schaukelnd durch die Wellen, es ist ruhig. Die weißen Segel sind prall gefüllt. Die Sonne scheint vom blauen Himmel. Am Horizont ziehen die Möwen durch die Luft. Gelegentlich sieht man die Rückenflossen einer Delphinschule. In der Hand einen gekühlten Cocktail.

So oder so ähnlich mag sich der eine oder andere Anfänger das vorstellen, insbesondere wenn er noch nie auf einem Segelboot war. So sieht man es auch in den Prospekten der Hersteller von Segelbooten. Das ist jedoch Bullshit.

Der Wind passt eigentlich fast nie. Entweder gibt es zu viel Wind oder zu wenig. Bei zu wenig Wind torkelt das Schiff durch die Wellen, weil die Spannung fehlt, für die sonst die Segel sorgen. Weht zu viel Wind, sticht das Schiff oft in die Wellen hinein, es gibt heftige Schläge.

Manchmal scheint die Sonne. Dann brennt sie vom Himmel, wird vom Wasser gespiegelt und man muss die Augen zukneifen, um geblendet zu werden. Die Sonnenbrillen helfen nur bedingt. Manchmal regnet es. Dann sitzt man in Regenklamotten da und sucht zwischen den Böen den Frachter, den man eben noch auf dem AIS gesehen hat. Ein wolkenverhangener, bedeckter Himmel ist mir persönlich am liebsten.

Ruhig ist es auf keinen Fall. Im Frischwassertank schwappt das Wasser. Die hölzerne Innenverkleidung knarzt mit der Außenschale des Schiffs um die Wette. Ab und an schlagen Wellen gegen den Rumpf, das tut dumpfe Schläge. Wenn das Schiff zu hart in die Wellen einsetzt, kracht es wie ein starker Hammerschlag. Oft schlägt die Schiffsglocke laut an. Im Hintergrund hört man kontinuierlich das Wimmern des elektrischen Autopiloten. Bei Rollbewegungen klirren alle Gläser im Regal. Läuft der Motor, kommt auch noch das beständige Dröhnen des Diesels hinzu. Stunde für Stunde. Tag und Nacht.

Die Entspannung wird oft zu Langeweile. Bei einer kleinen Crew von zwei Personen ist man permanent müde, weil es nicht genug Schlaf gibt. Man muss aufmerksam sein, läuft aber immer wieder Gefahr, in den Schlaf zu fallen. Das ist schlecht, dann fährt man vielleicht andere Boote über den Haufen oder wird selbst zu Klump gefahren. Immer wieder muss man rundum schauen, ob sich nicht ein anderes Schiff verbirgt. Das ist fast nie der Fall, deswegen will der Körper wieder dösen, schlafen, ausruhen.

Alte Dünung, also bewegte See, ist oft noch tagelang im Wasser zu spüren. Dazu wird die See durch den aktuellen Wind bewegt. Die sanfte Schaukelbewegung wird zu einer harten Schüttelei. Jede Bewegung, die man im Schiff macht, führt zu blauen Flecken. Irgendwo ist immer eine Kante, an der man sich stoßen kann.

Jens ist benachteiligt. Wenn wir wenigstens drei oder vier Tage im Hafen waren, ist jeder Tag auf See wie der erste. Es fühlt sich für ihn an, als wäre es ein neuer Segeltörn. Deswegen lohnt es sich auch gar nicht, am ersten Seetag den großen Küchenzauber zu veranstalten. Mit dem Zeug werden doch die Fische gefüttert. Also gibt es am ersten Seetag Konserven, die dann nicht lange drin bleiben. Danach ist das vorbei, dann erträgt Jens die unangenehmsten Roll- und Stampfbewegungen und kann dabei Zwiebeln und Fleisch anbraten. Der erste Tag aber ist immer zum K*****.

Das Ziel kommt nicht näher. Bei einer Geschwindigkeit von fünf Knoten braucht man für eine Strecke von 250 Meilen etwa 50 Stunden. Dann sieht man auf dem Kartenplotter, wie jede Zehntelmeile heruntergezählt wird. Das kann an den Nerven sägen, besonders wenn man nicht auf die fünf Knoten kommt, wenn man bei Gegenwind aufkreuzen muss und sich effektiv nur mit zwei Knoten auf das Ziel zubewegt. Wenn die Tideströmung von den fünf gesegelten Knoten wieder zwei wegnimmt. Oder wenn alles das zusammen kommt, wenn man auf der Stelle segelt. Irgendwann kommt man trotzdem an.

Warum tun wir uns das an?

Weil es toll ist. Die Weite der See zu sehen, die Leere zu spüren. Die Belohnung ist dann zum Beispiel der tolle Anblick, wenn sich das Licht der Nachmittagssonne im Wasser spiegelt und rundherum nur der Horizont ist. Wenn ein Dutzend Delphine mit dem Schiff spielen. Dann leben wir den Augenblick. Dann stellt sich eine grenzenlose Entspannung und innere Ruhe ein.