Langstrecken und Seekrankheit

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch machen wir genau um 23:30 Uhr am Zollpier in Barcadera fest. Nachmittags habe ich noch Emails mit Barbaras Hausarzt gewechselt, der mir ein Präparat genannt hat, mit dem wir sie wieder aufbauen können. Soraida war so nett und hat es am Nachmittag in der Apotheke besorgt und dem Sicherheitsdienst in Barcadera gegeben. Wir fahren an den Steg und die erste Leine ist noch nicht richtig fest, als der Sicherheitsmann schon mit dem Medikamentenpäckchen kommt und es mir übergibt. Vielen Dank Soraida!

Elektrolyte zum Trinken

Am folgenden Morgen gehe ich zum Büro der Immigration, wo ich gleich wieder hinaus und an Bord gejagt werde, denn wir müssen noch auf den Covid-Test warten, bevor wir einklarieren können. Wir kommen von Aruba und fahren nach Aruba und deswegen brauchen wir jetzt den Test. Okay. Eine Stunde später kommt ein Wagen einer lokalen Klinik an, zwei Tests hat die Dame im Gepäck. Das macht 125 US$ pro Test und 120 US$ für die Anreise an den Hafen. Jens und ich können getestet werden, Barbara ist nicht vorgesehen. Eine weitere Stunde später kommt die Dame wieder, Barbara wird getestet und ich kann endlich einklarieren, bin ich doch nach dem Test nicht mehr ansteckend. Die Anfahrtskosten müssen wir nur einmal bezahlen. Anschließend fahren wir in die Renaissance Marina und entspannen den Rest des Tages.

Oceanis I. Eine wichtige Navigationsmarke in Barcadera. Wenn man reinfährt, muss man den Frachter unbedingt links liegen lassen, sonst läuft man selbst ebenfalls auf Grund. In der Nacht sieht das sehr lustig aus.

Barbara bekommt immer wieder ihre Elektrolyte. Am Abend können wir sogar einen kurzen Spaziergang zu unserer Stammkneipe machen und eine Runde Musikbingo spielen. Ich frage Soraida, ob sie Lust auf Musikbingo hat, doch sie ist zu müde. Sie hat sich die ganzen letzten Tage Sorgen um uns gemacht und nicht gut geschlafen. Einen Hauptpreis gewinnen wir nicht, doch Barbara nennt nun ein Hardgrooves-T-Shirt ihr eigen.

Musikbingo 1980er Jahre

So weit, so gut. Nach ein paar Tagen auf See brauchen wir ein paar Tage zur Regeneration. Das war schon immer so. Später mache ich mir Gedanken, was auf unserer Reise eigentlich so schief gelaufen ist, dass wir umdrehen mussten.

Eigentlich stand unsere Abfahrt unter einem guten Stern. Die Wettervorhersage versprach nur 3-4 Beaufort und moderate Wellen. So ist es auch eingetroffen. Nicht einmal Jens ist am ersten Abend seekrank geworden. Auch nach dem Abendessen waren wir noch guter Dinge. Um Mitternacht habe ich Barbara geweckt, sie sollte ihre erste Mitternachtswache (unter Anleitung von Jens und mir) durchwachen. So habe ich erstmals in meinem Leben gesehen, dass jemand von unten ins Cockpit kam und innerhalb von fünf Minuten von Seekrankheit überwältigt wurde. Normalerweise werden die Leute seekrank, wenn sie vom Cockpit nach unten gehen.

Ich vermerke den Zeitpunkt im Logbuch. Irgendwann geht sie wieder ins Bett. Ich hoffe auf den folgenden Morgen, dass sie sich die Seekrankheit weggeschlafen hat. So macht es Jens immer und so funktionierte es auch in den anderen Fällen von Seekrankheit, die mir in meinem Leben begegnet sind. Nur nicht bei Barbara. Sie ist am nächsten Morgen immer noch unter den Halbtoten.

Wir haben Reisetabletten an Bord, die gegen Übelkeit helfen sollen. Wir haben Elotrans an Bord, Pulver zum Anrühren einer Elektrolytlösung. Das ist alles, was wir für das Krankheitsbild zur Verfügung haben. Das Elotrans wirkt jedoch eher wie ein Brechmittel, es kommt nach der Einnahme sofort zurück. Wir geben Barbara Wasser, versuchen sie zum Essen und Trinken zu motivieren. Es ist schwierig, sie befindet sich in einem “ist mir egal” Zustand. Ich hoffe auf die folgende Nacht und auf eine Besserung, die nicht stattfindet. Ich schicke Stefan von der Roede Orm eine Mail mit der Frage, ob ihm noch ein Hausmittel einfällt und welche Häfen wir gegebenenfalls in der Dominikanischen Republik anlaufen können. Als Antwort kommt die Frage der segelnden Ärzte von der Lucky Star, warum wir nicht nach Aruba zurückfahren.

Am dritten Tag fälle ich die Entscheidung. Barbaras Zustand hat sich nicht verbessert und tatsächlich ist mit nicht einmal 200 Meilen Entfernung Aruba der nächste erreichbare Hafen, noch dazu mit bequemem und komfortablen Rücken- bzw. Halbwind. Sissi nimmt ungeahnte Geschwindigkeiten auf. Die Bootsbewegungen ändern sich, ein Hauch einer Verbesserung von Barbaras Zustand ist sichtbar. Wir kühlen das Wasser, mit dem wir das Elotrans anrühren im Kühlschrank, um den Ekelfaktor des viel zu süßen Geschmacks zu reduzieren. Barbara nimmt eine Reisetablette, eine Stunde später probieren wir es mit dem ersten Glas des Elektrolytpulvers. Diesmal bleibt es drin. Auch ein zweites Glas. Barbaras Zustand verbessert sich, dafür geht uns aber das Elotrans aus.

Zum ersten Mal nehme ich das Satellitentelefon und spreche Dirk, ihrem Hausarzt, eine Nachricht auf die Mailbox. Nach kurzer Zeit stehen wir in Email-Kontakt. Ich lasse mich beraten, was wir in Aruba an Medikamenten besorgen sollen. Als wir am folgenden Tag gegen Mitternacht in Barcadera einlaufen, sitzt Barbara munter mit uns im Cockpit. Das Gröbste ist nach über 65 Stunden Seekrankheit überstanden.


Ich nehme Seekrankheit vor allem als die Krankheit der anderen wahr. Deswegen habe ich die Geschichte unterschätzt. Außerdem war der Wunsch groß, die günstigen Wetterbedingungen zu nutzen. Sonst hätte ich das Leiden schneller verkürzt und wesentlich früher umgedreht. Dass eine möglicherweise lebensgefährliche Situation entstehen kann, war bei mir erst einmal gar nicht auf dem Radarschirm. Vor dem nächsten Start wird die Bordapotheke noch etwas hochgerüstet, ich werde Seekrankheit in Zukunft wesentlich ernster nehmen. Es ist keine gute Idee, einen 3000 Meilen Törn in dieser Situation zu Ende segeln zu wollen. Wir sind zum Glück gut aus der Sache herausgekommen.

Als Gratiszugabe erwarten Jens und mich in der kommenden Woche nicht mehr 3 bis 4 Windstärken, sondern 5 bis 6 Windstärken. Jippie!

Heute ist der Abfahrtstag

Es ist der 1. Mai. Wir sind fertig. Mit der Bevorratung, mit dem Besichtigungsprogramm in Aruba und mit den Nerven. Nach wochenlanger Vorbereitung und verschiedenen Fehlstarts in verschiedene Richtungen geht es jetzt los und wir fahren zurück nach Europa mit Zwischenstopp auf den Azoren.

Barbara füllt unsere Dieselkanister

Unser Tank ist voll. Für die Fahrt von Kuba nach Aruba haben wir ca. 80 Liter Diesel gebraucht, das meiste davon im Windschatten von Haiti. In Kuba hatten wir schon 50 Liter aus unseren Kanistern nachgetankt, die wollten ebenfalls ersetzt werden. Da wir an einem Feiertag abfahren, können wir vor der Abfahrt nicht aus der Zapfsäule direkt tanken. Die Tankstelle hat an Sonn- und Feiertagen geschlossen. Die Menge ist gering und schleppen müssen wir die Kanister auch nicht weit, liegen wir doch direkt neben der Tanke.

Aus dem Kanister wandert es in den Tank von Sissi

Neben dem Futter für unseren Mercedes Dieselmotor brauchen wir natürlich auch Futter für uns. Die Frage, wie man frisches Gemüse am besten aufbewahrt, haben wir für uns schon lange in der Karibik mit “im Kühlschrank” beantwortet. Bei Zimmertemperaturen um die 30°C wird das Zeug ziemlich schnell schlecht.

Unsere Einkäufe, wie wir sie aus dem Supermarkt geholt haben.

Um die Lebensmittel länger haltbar zu machen, haben wir das Vakumiergerät, dass Jens im November mitgebracht hat. Wenn wir also das ganze Gemüse sowieso umpacken, warum sollen wir es nicht vorher klein schneiden und kochfertig machen? Im Hafen schneiden sich die Zwiebeln viel besser und auch die Kartoffeln schälen sich leichter.

Kartoffeln schälen

Nach und nach lichtet sich das Chaos. Wir arbeiten zu dritt fast vier Stunden ununterbrochen, bis wir alle frischen Lebensmittel reif für den Kühlschrank haben. Nun können wir für die nächsten zwei bis drei Wochen auf frische Lebensmittel hoffen. Bislang haben wir mit der Technik nur gute Erfahrungen gemacht. Die Sachen, die wir nach Kuba mitgenommen haben, haben sehr lange gehalten. So lange, bis wir sie aufgegessen haben.

Die ganze Pracht – unsere Lebensmittel für die lange Fahrt

Wenn diese Zeilen erscheinen, sind wir also abgefahren. In regelmäßigen Abständen, im 12 Uhr Mittags und um Mitternacht Bordzeit wird die Position auf unserer “Stalking-Seite” aktualisiert. Wir segeln eine Strecke von ca. 3000 Meilen und werden wohl den ganzen Mai dafür brauchen.

Überfahrt nach Barbados Tag 20 – Ankunft

Wir fliegen geradezu auf Barbados zu. Sissi läuft die meiste Zeit knapp 6 kn. Dennoch schaffen wir es nicht, vor 17 Uhr in Port St. Charles zu sein, wir haben erst um 17:15 Uhr festgemacht. Die offizielle Zielzeit für das wer-ist-am-nächsten-an-der-Ankunftszeit-Spiel ist somit der 19. Januar 2020 17:15 Uhr. Das ist jetzt also auch geklärt. Jetzt brauchen wir nur noch anständiges Internet und dann können wir auch die Siegerin oder den Sieger ermitteln. Das wird in den nächsten Tagen wohl passieren.

Das Einklarieren in Port St. Charles war in 45 Minuten erledigt. Die Leute dort sind extrem freundlich, die Behörden sitzen alle in einem Gebäude in drei nebeneinander liegenden Räumen. Man sollte genug Exemplare der Crewliste (mindestens 3-4 Stück) mitnehmen, dann erspart man sich das Ausfüllen vieler Formulare. Da man in Port St. Charles nicht bleiben kann, der Hafen ist für Jachten von mehr als 50 Metern Länge gemacht, sind wir dann noch nach Bridgetown in die Carlisle Bay umgezogen. Hier liegen wir nun vor Anker.

Wir lassen es uns jetzt erst einmal gut gehen – für ein paar Stunden. Dann kommen Burti und Jörg an Bord. Jakob ist schon auf die Björkö umgezogen, die liegt hier auch in der Bucht. Jens hat die Wassertemperatur getestet, sie ist sehr angenehm. Bloggen werde ich in den kommenden Tagen eher nicht, meine Finger brauchen mal eine Auszeit. Und die Zeit vor Anker ist ja noch langweiliger als die Zeit auf See.

Ich habe noch leichte Schädelschmerzen, irgendwie hat eines der Biere den Transport über den Atlantik nicht so recht überlebt. Warum bekomme immer ich solche Biere? An dem Äppler kann es nicht gelegen haben. Deswegen ist jetzt erst einmal END OF TRANSMISSION.

Reststrecke: 34 nm
Wir haben damit 2199 Meilen hinter uns.

Angekommen

Überfahrt nach Barbados Tag 19 – Endspurt

Bei allerbestem Wetter und leichtem Wind segeln wir die letzten Meilen in Richtung Barbados. Wir werden wieder von Squalls verschont, statt dessen frischt am Abend der Wind auf und wir können den Kühlschrank wieder einschalten. Beladen ist er mit unseren Ankergetränken. Unsere Stimmung ist geradezu euphorisch. Wir machen ein gemeinsames Abschlussfoto im Cockpit, hören Buena Vista Social Club mit gehobener Lautstärke und noch ein wenig Harry Belafonte (Jens nennt es Trash, also Müll).

Der Wind erlaubt uns eines der besten Etmale auf dieser Reise, obwohl wir in den ersten vier oder fünf Stunden sehr, sehr langsam unterwegs waren. Wir haben viel gelernt auf dieser Überfahrt. Einige Ausrüstungsgegenstände haben sich sehr bewährt – etwa die Oskar-Tonne für den Müll, die unseren gesamten Müll aus drei Wochen aufgenommen hat und dabei nicht riecht. Oder die Hochsee-Kaffeekannenhalterung im Cockpit, die auch Smartphones oder Fanta-Flaschen hält. Wer sich unter “Oskar-Tonne” nichts vorstellen kann, darf den Begriff gerne mal in die Suchfunktion hier im Blog eingeben.

Seit ein paar Stunden sehen wir Barbados am Horizont. Wir können die Ankunft kaum erwarten. Wahrscheinlich sind wir inzwischen wieder auf Marinetraffic zu sehen. Hoffentlich schaffen wir es noch vor 17 Uhr zu den Behörden zum Einklarieren, wer später kommt, muss Überstundenzuschlag bezahlen. Lässt uns der Wind nicht im Stich, werden wir pünktlich sein.

19. Etmal: 127 nm
Position um 12 Uhr: N13°21′ W59°20′
Noch 23 Seemeilen bis nach Port St. Charles auf Barbados, wir haben 2165 Meilen hinter uns.

Letzter kompletter Seetag

Überfahrt nach Barbados Tag 18 – Kaugummi

Die letzten Tage eines mehrtägigen Segeltörns ziehen sich wie Kaugummi. Bei einem mehrwöchigen Segeltörn ist das noch wesentlich schlimmer, das Kaugummi zieht längere Fäden. Nordseequerung und Biskaya waren jeweils ca. 400 Meilen weit, gerade zwei Tage für das Eingewöhnen in die Bordroutine und zwei Tage Warten auf die Ankunft. Die Strecke von Lagos nach Lanzarote war knapp 600 Meilen lang, die von Teneriffa nach Mindelo etwa 900 Meilen. In allen diesen Fällen waren die beiden letzten Tage die schlimmsten Tage, denn man ist ja eigentlich schon fast da, muss aber an der Bordroutine festhalten. Ich werde diese Tage ab sofort die Kaugummitage nennen.

Wir haben keine 200 Meilen mehr bis nach Barbados. Eine lächerliche Entfernung, die letzten 10 Prozent der Strecke. Ich sitze im Cockpit und genieße meine vorletzte Wache. Es hat abgekühlt auf 27°C, das fühlt sich sehr angenehm an. Der Sternenhimmel ist wieder einmal sensationell, der Mond wird erst in vier bis fünf Stunden aufgehen. Die Wellen sind gerade sehr angenehm, Sissi gleitet fast lautlos durch das Wasser. Immer wieder kann ich in unserer Bugwelle Leuchtplankton sehen, denn ich habe die komplette Beleuchtung ausgeschaltet – auch die meisten Instrumente, denn ich will kein künstliches Licht um mich herum. Als Frankfurter Bub bin ich mit den Sternbildern nicht besonders vertraut, denn in Frankfurt sieht man nur den großen Wagen. Tagsüber auf den Fahrradweg falsch geparkt und in der Nacht bei guten Bedingungen auch am Himmel. Mit Hilfe des Kompasses finde ich den Polarstern – denke ich. Kann man den auf 14° nördlicher Breite überhaupt noch sehen? Keine Ahnung. Ich werde mir mal eine App fürs Handy runterladen. Es ist ein Geschenk, das alles erleben zu dürfen.

Ja, es ist ein Geschenk. Wir haben es uns jedoch hart erarbeitet. Kleine Blutergüsse, Prellungen, Zerrungen, Backofenverbrennungen, Schürf- und Schnittwunden sind nur eine Randerscheinung der Segelei. Eine weitere ist die ständige Müdigkeit, obwohl wir alle genug schlafen können. Der Schlaf ist jedoch nicht so gut, wie auf einem Schiff, das ruhig vor Anker oder im Hafen liegt. An unseren zarten, durch Computertastaturen und Mäuse gestählten Händen findet sich jetzt Hornhaut, die sich teilweise schon wieder ablöst. Gegen den ständigen Hunger haben wir unsere Hausmittel. Heute hat Jakob noch ein letztes Zwiebelbrot gebacken, jetzt sind uns auch die Zwiebeln ausgegangen. Wir brauchen einen Supermarkt und eine Hafenbar.

Und was macht der Wind? Er wird weniger. Als hätten wir nicht schon genug von dem wenigen Wind gehabt. Da ist es wieder, unser Sissi-Ankunftsproblem. Sissi fährt prima, bis sich der Törn allmählich dem Ende zuneigt. Dann wird sie langsamer, langsamer und noch ein wenig langsamer.

Seit wir die Entfernung von 500 Meilen zum Ziel unterschritten haben, würden wir gerne die letzten Meilen bis ins Ziel fliegen. Wir wollen die Füße an Land setzen, eine mehrstündige Dusche nehmen in einer Duschkabine, die sich nicht bewegt. Wir wollen eine Mahlzeit mit mehr Besteck als nur dem Löffel zu uns nehmen, ohne mit der anderen Hand den Teller ständig festhalten und synchron mit den Schiffsbewegungen kippen zu müssen. Ich persönlich habe auch keine Lust mehr auf Eintopf, aber was anderes ist im Atlantikschwell nicht praktikabel. Selbstverständlich kann ich eine Mahlzeit in mehreren Töpfen herstellen – das Kochen geht leicht. Das Anrichten ist schon komplizierter, meist wollen die einzelnen Bestandteile des Essens nicht auf dem Teller bleiben, während man aus dem nächsten Topf schöpft. Das Essen ist anschließend ein Riesenproblem. Wir wollen eine Nacht in unserem Bett schlafen, ohne dabei durch die Gegend geschleudert zu werden.

Auf jeden Fall freuen wir uns alle auf das Anlegerbier, für das wir dann über 2000 Meilen gesegelt sein werden. Gesegelt! Ich habe gestern in den schwachen Wind gerufen, dass wir den Motor starten und einen Tag früher auf Barbados sein könnten. Es will aber niemand den Motor starten. Lieber schaukeln wir uns mit derzeit 3 kn Geschwindigkeit zum Ziel. Ehrensache. Mit 5 Litern Diesel quer über den Atlantik. Dann ziehen sich die Kaugummitage halt noch etwas länger.

Zum Glück hat der Wind am Morgen wieder etwas aufgefrischt. Jens konnte eine halbe Stunde lang seine Kamera auf eine Delphinschule richten. Der Watermaker brummt mal wieder frisches Wasser in den Tank. Langsam läuft die Stromproduktion wieder an, gegen Mitternacht werden wir den Kühlschrank wieder einschalten können. Unser morgiges Anlegerbier muss kalt sein.

18. Etmal: 99 nm
Position um 12 Uhr: N13°24 W57°12
Noch 148 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 2038 Meilen hinter uns.

Delphine

Überfahrt nach Barbados Tag 17 – Windpilot, Seetang und Paketdienste

Seit der Fahrt von Lagos nach Lanzarote haben wir immer wieder das Problem, dass sich eine bestimmte Schraube an unserer Windfahne lockert. Das hatten wir zunächst gar nicht so dramatisch wahrgenommen, erst als wir die zweite Schraube verloren haben, wurden wir hier wacher. Leider ist es uns beim fortwährenden Nachziehen dieser Schrauben gelungen, das zugehörige Gewinde ziemlich zu zerstören. Das ist uns am letzten Montag in der Nacht zum Dienstag aufgefallen. Ich schrieb eine Email nach Hamburg zu Peter Foerthmann und bat um eine Ersatzteillieferung nach Frankfurt am Main, denn am heutigen Freitag sind dort Burti und Jörg abgeflogen, um sich mit uns auf Barbados zu treffen. Mit einer Expresslieferung müsste es doch möglich sein, das Teil noch rechtzeitig nach Frankfurt zu bekommen.

Peter Foerthmann hat auch prompt reagiert und das Ersatzteil ging sofort mit UPS auf die Reise. Er hat sogar längere Bolzen dazu gepackt, die wir nicht so schnell verlieren können. Jens und ich waren beruhigt, denn dieser Paketdienst hat bislang immer funktioniert. Total geplättet war ich von der Rechnungsstellung. Wir sollen ein paar schöne Bilder schicken von Sissi, wie sie mit der Windfahne fährt oder in einer malerischen Bucht liegt. Wow! Das nenne ich mal einen schnellen, freundlichen, kulanten und günstigen Service. Vielen lieben Dank an dieser Stelle!

Leider konnte UPS die Adresse in Frankfurt nicht rechtzeitig finden. Bumms. Aus. Ende der Geschichte. Noch können wir das Originalteil funktionsfähig halten. Mal sehen, wie lange das noch gut geht. Vielleicht findet sich auf Barbados ein Schlosser, der uns ein Ersatzteil anfertigen kann.

Wir versuchen weiterhin, den Atlantik leer zu fischen. Wir ziehen auch jedes Mal einen fetten Fang aus dem Wasser. Blöderweise ist der Fang jedoch vegetarisch und keiner mag ihn zu einem Salat verarbeiten. Seit Tagen fahren wir durch gigantische Felder von Seetang, der sich in Sekunden hartnäckig an der Angel festsetzt. Gut für die Fische, blöd für unseren Speiseplan.

17. Etmal: 100 nm
Position um 12 Uhr: N14°24′ W55°57′
Noch 226 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1939 Meilen hinter uns.

Seetang

Überfahrt nach Barbados Tag 16 – Wal zum Frühstück

Sissi schüttelt ihr Hinterteil zweimal. Ich bin inzwischen daran gewöhnt, dass ich auf einer tanzenden Oberfläche schlafen kann, aber das ist mir zu viel. Einmal fliege ich gegen die rechte Wand, einmal gegen die linke Wand meiner Koje. Zu den blauen Flecken, die ich schon habe, kommen wieder neue hinzu. So kann ich nicht weiterschlafen, ich stehe auf. Genau zum richtigen Zeitpunkt. Gerade setze ich meine Kaffeetasse an den Mund, da ruft Jens “Oh, oh, oh!”

Mehrere Wale schwimmen neben Sissi. Sie tauchen auf, blasen aus und tauchen wieder unter. Sie bleiben richtig lange bei uns. Teilweise sehen wir helle Flecken im Wasser, das sind Wale, die mit dem Bauch nach oben schwimmen und sich die Sonne auf den Pelz brennen lassen. Eine oder zwei Tassen Kaffee später schnappe ich mir dann meine Kamera und klettere in den Bugkorb. Die Wale sind schon fast 20 Minuten bei uns. Vielleicht erwische ich einen mit der Kamera. Auf der Biskaya hatte ich auch schon Glück. Ein paar Minuten später lande ich einen Treffer. Besser als auf der Biskaya. Toll!

Sekunden später gelingt es mir ungewollt, Jakob mächtig einen Tiefschlag zu verpassen. Dabei will er nur seinen Job gut machen und das Kaffeegeschirr spülen. Nur kann er nicht sehen, dass ich noch Kaffee in der Kanne habe, als er mir die Tasse abnehmen möchte. Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Pitbull von einem Steak zu trennen, kann sich vorstellen was es heißt, mich von meinem Kaffee zu trennen.

Noch in dem Moment, in dem die Worte meinen Mund verlassen, tut es mir leid. Ich treibe ihn in die Tränen, das war nicht gewollt. 16 Tage Überfahrt und flauer Wind zerren an den Nerven. An unser aller Nerven. Nur darf mir so etwas nicht passieren, das ist Gift für die Stimmung an Bord. Ich versuche, mich zu entschuldigen. Wir führen ein klärendes Gespräch und ich bin nun zuversichtlich, dass allenfalls ein paar schwer sichtbare Narben zurück bleiben.

Ich meine den Spruch jetzt wirklich ernst: Segeln ist hart und entbehrungsreich! Wenn drei Menschen für mehrere Wochen auf 12 Quadratmetern gemeinsam leben, praktisch ohne Privatsphäre und ohne die Möglichkeit, sich mal vor der Tür die Füße zu vertreten, ist es ein Ausnahmezustand für die Psyche.

Gestern Abend gab es noch ein letztes Mal Pizza. Jetzt haben wir nichts mehr im Kühlschrank, das uns verderben könnte. Keinen Käse mehr, keine Wurst, kein Fleisch und Fisch haben wir auch nicht mehr geangelt. Der Kühlschrank ist jetzt aus. Derzeit können wir sowieso nicht genug Strom ernten, um ihn seriös betreiben zu können. Es fehlt einfach der Wind. Sollte allerdings ein Fisch beißen, werden wir den Kühlschrank sofort wieder in Betrieb nehmen. Der Wind soll am Samstag wieder kommen, also übermorgen. So lange bleiben wir langsam. Den Motor machen wir aber nicht an, wir segeln das aus. Ich mache den Watermaker an und lasse ihn so viel Wasser produzieren, dass wir alle ausgiebig duschen können. Bei 28°C und knapp 80% Luftfeuchtigkeit ist das zwar ein kurzes, aber ein tolles Vergnügen.

Die Joint Venture ist vorgestern Nacht in Barbados angekommen. Sie hat zuerst in Bridgetown versucht einzuklarieren, hat von dort aber keine Antwort bekommen. Dann sind sie nach Port St. Charles gefahren und konnten dort die Einreiseformalitäten in einer Stunde erledigen. Damit ist für uns klar, dass wir ebenfalls in Port St. Charles einklarieren werden. Von der Grace erhalten wir über die Roede Orm die Nachricht, dass sie den Leuchtturm von Barbados sehen. Die Björkö will morgen ankommen. Wir sind mal wieder die langsamsten. Dafür sind wir aber bestens geduscht!

16. Etmal: 116 nm
Position um 12 Uhr: N14°28′ W54°23′
Noch 315 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1839 Meilen hinter uns.

Wal

Überfahrt nach Barbados Tag 15 – Sissiwerke: Energie und Wasser

Nach 15 Tagen auf See möchte ich ein paar Zeile über unsere Energie- und Wasserversorgung schreiben. Eine Stadt wird ja nicht versorgt, also nennen wir unseren Energieversorger die “Sissiwerke”, einen Grundversorger mit horrenden Tarifen und schlechtem Service, der nicht einmal auf einem der Vergleichsportale auftaucht. Wir können leider nicht zu einem anderen Stromanbieter wechseln. Also ein paar Zeilen zur Energieproduktion und zum Verbrauch:

Vorneweg ein kleiner Vergleich. Der hinkt natürlich, das muss er auch, sonst wäre er kein Vergleich. Jeder kennt eine handelsübliche Haushaltsglühlampe mit 60 Watt. Würden wir diese auf der Sissi betreiben, hätte sie einen Stromverbrauch von 5 Ampere. Also würde sie in einer Stunde 5 Amperestunden (Ah) verbrauchen oder am Tag 120 Ah. Vor der Abfahrt habe ich im letzten Winter den Stromverbrauch der einzelnen Geräte auf der Sissi gemessen und bin für einen normalen Segeltag auf einen Verbrauch von 144 Ah gekommen.

In den ersten 14 Seetagen haben wir insgesamt 1946 Ah elektrische Energie erzeugt. Damit könnte die genannte Glühlampe immerhin 16 Tage leuchten. Allerdings haben wir im gleichen Zeitraum 2124 Ah Energie verbraucht, waren also nicht ganz energieautark unterwegs. Wir haben 540 Ah in den Batterien stecken, davon sind 50%, also 270 Ah nutzbar. Daraus wird die Differenz zwischen der erzeugten und der verbrauchten Energie beigesteuert.

Windenergie
Für unseren Windstrom ist ein 350 Watt Windgenerator installiert. Der liefert nach Datenblatt des Herstellers maximal 23 Ampere, könnte also theoretisch jeden Tag 552 Ah erzeugen. Macht er aber nicht, der Wind ist nie so stark. Man hat mir immer wieder einreden wollen, dass ein Windgenerator auf den Vorwindkursen, die wir immer segeln, nicht besonders viel nutzt. Ich kann nur sagen, dass der Windgenerator die wichtigste Säule der Sissi-Stromversorgung ist, denn er liefert normalerweise 24 Stunden am Tag Strom. Insgesamt haben wir aus Windstrom 920 Ah erzeugt. In den ersten fünf Tagen war der Wind so schwach, dass wir kaum segeln konnten. Dementsprechend hat der Windgenerator in den ersten fünf Tagen auch nur 165 Ah erzeugt. An normalen Tagen liefert er um die 80 bis 100 Ah am Tag.

Sonnenenergie
Unser Solarstrom kommt aus vier Paneelen mit insgesamt 400 WP (Watt Peak), einem theoretischen Wert der etwa einer Spitzenleistung von 33 Ampere entspricht. Diese Spitzenleistung wird natürlich nur im Labor des Herstellers unter optimalen Bedingungen erreicht. Nicht, wenn die Solarpaneele nicht optimal auf die Sonne ausgerichtet sind, mit einer Salzkruste überzogen und teilweise von Segel, Mast, Baum, Radar oder Wolken abgeschattet sind. Die Solarpaneele haben uns 832 Ah Strom geliefert. Man muss sich vor Augen halten, dass die Zeit für die Solarstromproduktion zwischen 9 Uhr und 15 Uhr ist. Davor und danach kommt nicht besonders viel. Wenn die Solaranlage mit 15 A lädt, sind wir sehr zufrieden.

Fossile Brennstoffe
Da wir in den ersten fünf Tagen nicht genug regenerative Energie erzeugen konnten, musste am fünften und sechsten Tag der Motor angeworfen werden. Wir haben ca. 5 Liter Dieselkraftstoff in 194 Ah elektrische Energie verwandelt.

Was haben wir mit der Energie gemacht? Wir betreiben das ganze Boot mit der Energie, also die Beleuchtung, Navigationscomputer und Instrumente, Radar, Kühlschrank, Wasserwerk und dazu noch vier Smartphones, ein Tablet, zwei Notebooks und das Satellitentelefon.

Top-Verbraucher
Kühlschrank (1008 Ah), elektronischer Kleintierzoo aus Smartphones und Laptops (336 Ah), Navigation (235 Ah), Watermaker (160 Ah). Die restlichen 207 Amperestunden teilen sich die Druckwasserpumpe, Schiffsbeleuchtung, Kaffeemühle und andere elektrische Geräte, wie etwa der Staubsauger, die nicht täglich zum Einsatz kommen.

Wasserproduktion
Aus den 160 Ah Elektrizität, die unser Watermaker verbraucht hat, konnten wir 480 Liter allerfeinstes Trinkwasser herstellen. Wir halten den Wassertank immer schön voll, damit wir dann duschen können, wenn es uns danach verlangt. Ansonsten trinken wir das Zeug literweise, machen unseren Kaffee und unsere Nahrung damit und spülen das Geschirr. Unser Wasserverbrauch hält sich dennoch sehr im Rahmen, denn pro Nase und Tag verbrauchen wir lediglich ca. 11,5 Liter Wasser.

Was machen wir also, wenn wir in den kommenden Tagen ein Loch bei der Windstromversorgung haben? Wir stellen den Kühlschrank ab, geduscht wird trotzdem. Heute Abend werden die letzten Lebensmittel verbraucht, die eine Kühlung benötigen. Dann brauchen wir ihn nur noch, wenn wir kalte Getränke haben möchten. Cola schmeckt kalt wie warm nicht, also ist es egal, ob der Kühlschrank läuft. Nur am letzten Tag muss er wieder eingeschaltet werden, denn wir brauchen selbstverständlich ein kaltes Anlegerbier. Die Sissiwerke werden schon dafür sorgen. Das Buch, das Jens auf dem Foto liest, verbraucht übrigens 0 Ah.

15. Etmal: 128 nm
Position um 12 Uhr: N14°09′ W52°28′
Noch 419 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1723 Meilen hinter uns.

Jens liest, der Windpilot steuert

Überfahrt nach Barbados Tag 14 – Salz

Der vierzehnte Seetag beginnt nicht anders, als der dreizehnte aufgehört hat. Wir beschließen, mal wieder eine Runde Skat zu spielen. Vorher macht Jens die Angel klar. Der Köder ist noch keine Minute im Wasser, da ruft Jens schon “Fisch!” Ich kann es kaum glauben, die Spule mit der Angelschnur wickelt sich zügig ab. Jens springt zur Angel, beginnt zu kurbeln und stellt schnell fest, dass er einen ganzen Haufen Seetang oder Algen oder sowas gefangen hat Das Zeug schwimmt überall rund um Sissi herum. Wir probieren einen anderen Köder, der unter dem Seetang durch tauchen kann. Das tut er dann auch für zwei Minuten, dann schnurrt die Schnur wieder von der Spule. Ein echter Fisch, Jens kurbelt, kurbelt, kurbelt… Dann ist der Zug auf der Schnur weg, dann ist auch der Köder weg und der Fisch ist natürlich auch weg. Schade. Anschließend spielen wir Skat, angeln können wir morgen auch noch.

Nach dem Abendessen verschwinden Jakob und Jens recht schnell in ihren Kojen, obwohl wir heute Nacht wieder einmal eine längere Nacht haben. Wir stellen die Uhr noch einmal eine Stunde zurück und sind dann auf Barbados-Zeit. Das ist geographisch ziemlich grob geschätzt, doch irgendwann müssen wir die Uhren ja umstellen. So sitze ich alleine im Cockpit, bewache das Schiff und sinniere über das Segeln auf dem Ozean.

Was nervt eigentlich am meisten? Die Wellen? Die Einsamkeit? Das Gefühl der Gefangenschaft auf dem Boot? Das Geschaukel? Das Geknarze? Die täglichen Pflichten ? Der Rund-um-die-Uhr-Betrieb? Das rudimentäre Internet? Die Antwort fällt leicht. Das Salz. In den Atlantik haben sie so viel Salz hinein geschüttet, dass man ihn nicht als Nudelwasser benutzen kann. Man muss ihn mit Süßwasser verdünnen. Der Atlantik spritzt immer wieder über die Bordwand und damit beginnt das Problem. Salz.

Wir haben Salz auf den Cockpitbänken, Salz auf dem Cockpitfußboden, Salz am Ruder, Salz in der Gaskiste, Salz an der Backskiste, Salz am Cockpitdach, Salz auf den Solarzellen, Salz auf dem Deck, Salz an den Schoten. Überall ist Salz. Ein dünner, schmieriger Film, der sich auf dem ganzen Schiff befindet. Wir werden damit auch vollgespritzt. Salz ist im T-Shirt. Salz auf der Hose. Salz in den Haaren. Salz an den Händen. Wir haben Salz, Salz, Salz. Ich habe meine Trinkflasche schon an den Mund gesetzt und mich über den salzigen Geschmack gewundert. Salz im Trinkwassertank? Nein, es war Salz an meinen Lippen, Salz am Gewinde der Flasche und Salz in meinem Bart. Dieses Salz geht mir auf den Keks. Wir tragen es durch das ganze Boot. Salz auf dem Salonfußboden, Salz an allen Haltegriffen, Salz in der Pantry, Salz an der WC-Pumpe, Salz im Badetuch, Salz, Salz, Salz.

Dem Problem kann man nur mit Süßwasser Herr werden. Wir entsalzen das Cockpit, den Salon und uns selbst regelmäßig. Der Duschtag ist immer wieder ein Freudentag. Ich liebe es, nach einer Dusche in sauberen, trockenen Klamotten auf der entsalzenen Cockpitbank zu sitzen und mir das Toben des Atlantik anzusehen. Das gefällt mir meist für zwei oder drei Minuten, manchmal auchn nur für wenige Sekunden. Dann kracht eine Welle gegen die Bordwand, das Wasser spritzt und überall ist wieder Salz.

Das Salz schleppe ich irgendwann in meine Koje, mein Bettlaken ist voll Salz. Mein Kopfkissen ist voll Salz. Alles ist voll Salz. Wenn wir kochen, nehmen wir wahrscheinlich viel zu viel Salz. Wir haben ständig den Salzgeschmack auf den Lippen. Die letzte Chili-Konserve von der Metzgerei Haase war sehr lecker, salzmäßig schmeckte das Chili aber eher wie Krankenhaus-Schonkost. Das ist übel. So viel Salz. Kleine Wunden, die man sich im Bordalltag zufügt, heilen ziemlich schlecht. Wir wissen jetzt, wo der Spruch “Salz in die Wunden streuen” herkommt. Vom Salz. Wenn mich etwas an der Segelei auf dem Ozean wirklich richtig nervt, ist es das Salz. Ich mag keine Salzbrezeln mehr.

In der Nacht ist die Problemschraube am Windpiloten mal wieder abgängig. Das Gewinde ist hinüber. Ich bestelle ein Ersatzteil in Deutschland. Hoffentlich kann Jörg es uns noch mitbringen, wenn er kommendes Wochenende zu Besuch kommt. Hoffentlich kann der Hersteller schnell genug liefern und hoffentlich klappt es mit dem Paketdienst innerhalb Deutschlands. Wir fahren erst einmal mit dem elektrischen Autopiloten weiter, Strom haben wir derzeit ohne Ende. Bei Tageslicht gelingt mir dann am nächsten Morgen doch noch eine (mutmaßlich letzte) provisorische Reparatur. Salz ist auch auf der Windfahne.

14. Etmal: 129 Salzmeilen
Gesalzen werden wir um um 12 Uhr hier: N14°10′ W50°19′
Noch 544 Salzmeilen bis nach Barbados, wir haben 1595 Salzmeilen hinter uns.

Salz

Überfahrt nach Barbados Tag 13 – Routine, Rekorde und Raserei

Unser 13. Seetag besteht aus Routine. Kaffee am Morgen. Frisches Brot, wobei uns langsam aber sicher das Mehl ausgeht. Wasser machen. Dann Schiffskontrolle, die Steuerbord-Oberwant schlackert ein wenig herum, obwohl sie an der Luvseite ist. Die schreit nach einem Schraubenschlüssel. Die Windfahne ist unauffällig, alle Schrauben sitzen fest. Erstmals. Ausruhen. Dann Skat spielen. Wir vergessen, während des Skats die Angel rauszuhängen. Jens angelt später und fängt nichts. Natürlich nicht! Wir hatten alle Bisse während des Skatspiels, aber nur, wenn die Angel draußen war. Duschen. Pasta Bolognese zum Abendessen. Ausruhen. Spülen. Jens und Jakob gehen ins Bett, meine Wache beginnt. Ich reffe das Segel ein Stück, weil mir ein Geräusch aus dem Rigg verdächtig vorkommt. Die Nacht ist ruhig, kein Squall, kein Regenschauer. Mitternachtskaffee mache ich noch für Jakob und Jens. Am nächsten Morgen fahren wir eine Halse, die Want wird nachgespannt. Noch eine Halse,
Erfolgskontrolle. Das Geräusch ist weg. Wir reffen wieder aus. Ende der Geschichte.

Aufgewühlt

Einen Rekord haben wir aufgestellt bei der Datenübertragung. Wir haben an unsere Schwester ein knapp 3 MB großes Bild gemailt. Ich habe den Upload gegen Mitternacht gestartet und als Jens um 4 Uhr die Wache übernommen hat, war das Bild schon versendet. Wenn die Datenleitung nur nicht so dürr wäre… was hätten wir ein tolles Internet-Leben. So ist die Seefahrt nur hart und entbehrungsreich.

Und die Raserei. Wir hatten in den vergangenen 24 Stunden das beste Etmal, das wir zwischen Sao Vicente und Barbados je gefahren sind. Das spült uns auch jede Menge Strom in die Batterien, den wir am Mittwoch/Donnerstag brauchen werden, denn dann soll der Wind abflauen. Hoffentlich nicht zu viel, ich will keine Wiederholung der ersten beiden Fahrtage. Ich will mehr Etmale wie heute! Das Bild des Tages habe ich gestern aus dem Bugkorb heraus aufgenommen. Dort kann man sich am besten an den Wellen erfreuen.

13. Etmal: 131 nm
Position um 12 Uhr: N14°10′ W48°09′
Noch 669 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1466 Meilen hinter uns.

Blaue Welle