Planänderung. Abflug.

Vor ein paar Tagen schickte mir die Honorarkonsulin die Nachricht, dass ein Sonderflug von Aruba nach Amsterdam angesetzt ist. Es ist ein Flug der Niederlande nach Amsterdam, der auch Angehörige anderer EU-Mitgliedsländer mitnimmt. Jens und ich diskutierten das ausgiebig. In der Folge haben wir unsere Pläne etwas geändert.

Immer nur auf das Meer schauen können ist doof.

In wenigen Wochen besteht die Möglichkeit zum Start in Richtung Europa. Ende April öffnet sich das typische Zeitfenster. Auf unserer Route liegen Jamaika (geschlossen), Kuba (geschlossen), Bermuda (geschlossen), die Azoren (geschlossen), Portugal (geschlossen), Spanien (geschlossen), Frankreich (geschlossen und Segeln verboten) und England (noch offen). Ob England in zwei Monaten noch offen ist, kann heute noch keiner wissen. Das Zeitfenster schießt sich irgendwann Ende Juni mit dem Beginn der Hurrikansaison, die üblicherwese bis Ende November dauert.

Der direkte Weg nonstop nach Deutschland ist uns selbstverständlich nicht verbaut. Wir haben ein Segelboot mit unbegrenzter Reichweite, wir haben für Monate Proviant an Bord und wir müssen nicht tanken. Es handelt sich lediglich um schlappe 5500 Seemeilen (10175 Kilometer), die von uns in ca. 55 Tagen gesegelt werden können. Dazu kommen noch 14 Tage Selbstquarantäne vor der Abfahrt, damit wir sicherstellen können, dass wir die Seuche nicht schon an Bord haben. Also zwei Monate das Boot nicht verlassen. Irgendwie steht uns der Sinn gerade nicht danach.

Jens fliegt zurück nach Frankfurt, ich bleibe an Bord und auf Aruba. So sieht die Entscheidung aus. Nach der Hurrikansaison kommt Jens wieder zurück und wir fahren die Route, die ich oben beschrieben habe. Irgendwann machen die Länder ihre Grenzen wieder auf. Irgendwann können wir uns wieder so frei durch den Ozean bewegen, wie wir es lieben.

Der Abflug ist am 3. April um 16:30 Uhr angesetzt. Am 3. April hat aber auch Jutta Geburtstag. Wir sind zur Chapo eingeladen. Wir erklären Jutta, dass sie in ihrem Geburtstag hineinfeiern muss, wenn sie mit uns feiern möchte. Für den Abend des 2. April besorge ich die Zutaten für eine feine Abschiedslasagne. Die tragen wir zur Chapo. Dann feiern wir den letzten Abend. Dann feiern wir den Geburtstag von Jutta. Dann ist das Bier alle.

Sandalen haben ausgedient.

Am Morgen des Abflugtags werden mit leichtem Kater erst einmal die Sandalen beerdigt, die Jens schon mindestens seit einem Jahrzehnt durch Europa und nun durch die ganze Welt getragen haben. Zumindest bei mir kommt keine Sentimentalität auf. Berühren hätte ich die nicht mehr wollen.

Heute ist Abflugtag

Wir werden sentimental. Jens hat seine Sachen gepackt und kommt mit dem Gewicht gerade noch unter die Freigrenze. Ein letztes Foto gemeinsam mit Sissi. Ein letzter Schwatz mit den Chapos. Wir stehen an der Hauptstraße und warten auf Lel, einen Arubaner, den wir vor ein paar Wochen kennengelernt haben. Er hatte uns damals angeboten, dass er uns mit dem Auto fährt, wenn wir mal ein Problem haben. Das Problem liegt auf der Hand. Wir müssen zum Flughafen, es fahren aber keine Busse und keine Taxis. Lel fährt und bietet mir an, dass er mich auch wieder zurück bringt. Danke!

Gespenstisch einsam – Flughafen von Oranjestad

Am Flughafen ist erst einmal nichts los. Wir sind viel zu früh da. Natürlich haben sämtliche Grill- und Imbissbuden, Kaffeeläden und Minimärkte geschlossen. Der Flughafen ist geschlossen. Das ganze Land ist geschlossen. Wir waren so blöd, dass wir nicht daran gedacht haben. Zum Glück haben wir genug Wasser mitgenommen.

Warten, dass das Terminal öffnet

Zweieinhalb Stunden vor der geplanten Abflugzeit öffnet das Terminal. Wir haben zu diesem Zeitpunkt schon von Sicherheitsleuten erfahren, dass der Flug sich aufgrund von technischen Problemen eine Stunde verspäten wird. Jens organisiert über diesen Sicherheitsmann eine Pizza beim Lieferdienst.

Nur ein einziger Flug wird heute abgehen

Das Terminal öffnet und der Sicherheitsabstand zu den anderen Menschen ist leicht einzuhalten. Es gibt heute nur einen einzigen Flug.

Am Schalter erfährt Jens, dass er nicht auf der Passagierliste steht. Er kommt wieder nach draußen. Ich schicke der Konsulin eine Nachricht. Sie verspricht, dass sie sich sofort darum kümmert. Eine Viertelstunde später erscheint bei uns ein Mitarbeiter des Flughafens. Jens sei doch auf der Passagierliste. Er könne jetzt einchecken.

Vorne in der Schlange

Jens kommt wieder mit seinem Gepäck zurück. Er steht zwar auf der Passagierliste, es können aber derzeit nur Holländer abgefertigt werden. Der Mann, der die beiden deutschen Passagiere abfertigt, ist noch nicht eingetroffen. Also ist wieder Warten angesagt. Ich habe zwar Hunger – Jens hat vergessen, mich zu fragen, ob ich auch eine Pizza möchte – will aber nicht zurück zu Sissi, bevor Jens eingecheckt hat. Ich habe schließlich die kurze Leitung zur Konsulin.

Bescheuertes Selfie vor dem Flughafen

Es kommt wieder ein Mitarbeiter des Flughafen zu uns. Jens kann jetzt einchecken. Der dritte Versuch ist erfolgreich. Gut. Ich rufe Lel an, damit er mich abholt. Dann verabschiede ich mich von Jens. Kurz. Ich hasse Bahnhofsabschiede. Lel bringt mich zurück zu Sissi.

Den Nachmittag verbringe ich mit Telefonaten mit Freunden und der Familie. Donald Trump schickt Kriegsschiffe nach Venezuela. Wir können von Aruba aus nach Venezuela rüberschauen. Militärflugzeuge sind am Himmel zu sehen. Ich unterhalte mich noch etwas mit den Chapos.

Die Verspätung von Jens Flieger wird größer und größer. Er ist immer noch nicht in Paramaribo gestartet. Irgendwann erfährt Jens, dass der Flug auf den folgenden Tag verschoben wurde. Nach einer längeren Wartezeit kommt ein Bus und bringt die meisten verhinderten Passagiere in ein Hotel, das extra für diesen Flug wieder geöffnet wurde. Jens kommt zu Sissi zurück.

Wir feiern in kleinem Kreis den letzten Abend auf Aruba, nur Jens und ich. Im Radio hören wir, dass Deutschland erwägt, die Grenze zu Holland zu schließen. Das wäre blöd für Jens, denn er muss ja noch von Amsterdam nach Frankfurt kommen. Über die geschlossene Grenze fährt der ICE sicher nicht.

Am 4. April bekommt Jens regelmäßig Updates. Es wurde ein Ersatzteil für den Flieger nach Surinam geflogen. Der Flieger wird repariert. Es gibt eine Abflugzeit. Die Abflugzeit wird verschoben. Der Flug wird letztendlich wieder abgesagt und auf den 5. April verschoben. Ein Ersatzflugzeug kommt. Wir feiern noch einmal auf der Chapo. Wir können jetzt auf die Chapo, die Quarantänezeit ist vorbei.

Am Morgen des 5. April steckt mir der vorherige Abend in den Knochen. Die große Zahl der “letzten Abende” zieht sich hin. Ich habe keine Lust mehr auf den letzten Abend. Wir beobachten auf flightradar24 den Flug Ersatzmaschine auf dem Weg nach Paramaribo. Es sieht alles gut aus. Die Maschine landet. Jens bekommt die Nachricht, dass sein Flug verspätet sein wird. Verspätet ist besser als verschoben.

Jens steigt in den Bus

Die Ankunft der Busse an der Marina verzögert sich auch, es wurden nicht alle Fluggäste im Hotel gefunden. Das Hotel soll sehr gut gewesen sein. Hört man. Dann kommen sie doch, ich nehme kurz Abschied von Jens und das war es dann. Für die nächsten Monate.

Der Flug nimmt eine spannende Route nach Aruba. So viel Abstand zu Venezuela, wie es möglich ist. Herr Trump hat seinen Spaß in Venezuela.

Kurz vor der Ankunft.

Jens ist derweil im Terminal und wartet auf den Abflug. Wir tauschen Nachrichten aus. Ich bin traurig und gleichzeitig glücklich. Ich freue mich für Jens, dass er die nächsten Monate in Frankfurt verbringen kann. Ich bin gespannt, wie es mir jetzt ergehen wird. Ich bin traurig, welche Richtung der Segeltörn ohne unser Verschulden genommen hat.

Warten.

Während wir noch Nachrichten tauschen, geht plötzlich alles ganz schnell. Der Flieger schwebt über dem Hafen ein, ich kann ihn von Sissi aus sehen. Ich wechsle noch zwei kurze Nachrichten mit Jens, dann muss er sein Telefon ausschalten. Dafür dauert es wieder ewig, bis ich den Start des Fliegers im Internet beobachten kann. Wir sehen uns im Spätherbst wieder.

Auf dem Weg nach Hause

Hochseilakrobatik im Hafen

Heute hatten wir das Vergnügen, einer seltenen Abwechslung zusehen zu können. Charly wollte seine WLAN-Antenne wieder in die Mastspitze bringen, wo sie hingehört. Deswegen wurde zunächst die Mastleiter installiert. Wir haben es beim Morgenkaffee bemerkt und dachten zunächst, die Show sei schon vorbei. Nach dem Kaffee spaziere ich rüber zu Chapo und sehe, wie Charly sich gerade an den Aufstieg macht. Ute und Jutta sichern unten am Mast. Im Hafen passiert im Augenblick nicht viel, deswegen schaut auch der Nachbar vom Motorboot interessiert zu.

Charly steigt auf.

Charly ist gebürtiger Bayer und die Bayern haben hohe Berge, sind das Klettern und das Arbeiten in einer Seilschaft gewöhnt. Das merkt man sofort. Bayern kennen auch keine Höhenangst. Ich gehe nicht auf den Mast, dafür habe ich Jens. Der klettert in Kletterhallen und ist damit fast so qualifiziert wie ein Bayer.

Mit ruhiger, entspannter und klarer Stimme gibt Charly eindeutige Anweisungen an das Sicherungsteam, während er beim Aufstieg die letzten Handgriffe zur Montage der Mastleiter durchführt. In regelmäßigem Abstand werden Haltegurte um den Mast gelegt, damit die Leiter nicht wegrutschen kann.

Haltegurte

Jutta und Ute führen die Anweisungen von oben zügig aber ohne Hast durch. Die Kommunikation im Team ist eingespielt. Charly kommt schnell bis an die Mastspitze und bringt die WLAN-Antenne innerhalb weniger Minuten an ihren Platz. Dabei arbeitet er sorgfältig, denn ein erneuter Aufstieg in der Hitze wäre anstrengend. Der Zeitpunkt an und für sich ist perfekt gewählt, denn den ganzen Vormittag schon ist es bewölkt, die Sonne brät nicht so wie sonst.

Am Gipfelkreuz. Die Sehnsucht eines jeden Bergsteigers.

Nach wenigen Minuten ist die Montage erledigt. Während ich mich noch mit Jutta unterhalte und wir über die Vorzüge der neuen Mastleiter sprechen, gibt Charly schon von oben die freundliche Anweisung, ihn langsam wieder abzuseilen. So schnell hätte ich die Antenne nicht auf dem Cockpitdach montieren können, geschweige denn in so großer Höhe. Chapeau.

Eine Kleinigkeit vergessen.

Nach dem Rückweg zur Sissi fällt mir bei der Sichtung der Fotos auf, dass wirklich alles gut gelaufen ist. Charly geht rauf, Charly geht runter, die Antenne sitzt an ihrem Platz und abeitet. Nur die Mastleiter kann nicht mehr herunter genommen werden. Trotz aller Sorgfalt und Umsicht ist der oberste Haltegurt am Mast geblieben.

Das freut mich sehr, ich habe die Gelegenheit noch einer zweiten Hochseilshow beiwohnen zu können. Charly möchte nicht den ganzen Kletterspaß für sich alleine haben. Deswegen darf Jutta auch einmal nach oben und Charly sichert gemeinsam mit Ute.

Charly und Ute sichern

Es dauert nur ein paar Minuten, dann erreicht Jutta die Mastspitze. Sie entfernt den letzten Haltegurt, anschließend geht es wieder abwärts.

Es ist schön, wenn nicht immer nur der Alltag stattfindet.

Jutta auf dem Weg nach oben.

Dem kleinen, grünen Iguana ist das alles gleich. Er schaut mich auf meinem zweiten Weg zurück zu Sissi mit seinen Reptilienaugen an und bettelt um ein Foto. Die Sonne hat sich wieder einmal gegen die Wolken durchgesetzt.

Grüner Iguana

Tortuga sticht in See

Holger haben wir vor zwei Wochen kennengelernt. Damals lag er mit seiner Tortuga hinter der Landebahn des Flughafens vor Anker. Dort hatte er kein Internet und so sind der Corona-Ausbruch und die Folgen für alle Segler zunächst an ihm vorbeigegangen. Er bemerkte zwar, dass der Verkehr auf der Uferstraße in der Nacht komplett zum erliegen gekommen ist, wusste aber nicht warum. Holger wartete alleine an Bord auf seine Crew. Die vorherige Crew konnte noch regulär nach Hause fliegen, die neue Crew aber nicht mehr in Aruba einreisen. Ein echtes Problem.

Tortuga an der Tankstelle

Ein Freund von Holger sitzt auf Martinique und würde ihm bei der Überführung nach Deutschland helfen. Der darf aber auch nicht nach Aruba. Also will Holger nach Martinique. Er hat sich schlau gemacht, weiß von den 14 Tagen Quarantäne, die ihn nach der Einreise erwarten. Dennoch fährt er nach Martinique.

Die Leinen sind los, die Fender werden noch verstaut.

Wir wünschen Holger eine gute Reise, perfekten Wind und dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. Entscheidungen treffen ist heutzutage nicht einfach, weil sich die Rahmenbedingungen so schnell ändern und Segelboote so langsam sind.

Tortuga verlässt Oranjestad

Wenn wir mit dem Segelboot unterwegs sind, müssen andauernd Entscheidungen getroffen werden. Meist sind Wetter und Wettervorhersage Grund dafür, dass diese Entscheidungen notwendig sind. Damit können wir umgehen.

Vernagelte Schaufenster

Auch wenn wir in Oranjestad im Augenblick alles haben, was wir brauchen, machen mir bestimmte Anzeichen Sorge. Im Hafen liegt eine große Motorjacht eines alten Holländers, der schon vor 15 Jahren nach Aruba gezogen ist. Gestern hat er sich vom Supermarkt große Mengen Nahrungsmittel auf sein Boot liefern lassen. Er meint, dass die Leute im Augenblick noch entspannt seien, weil sie noch Geld haben. Das wäre in ein bis zwei Monaten anders. In der Innenstadt gibt es praktisch kein Geschäft mehr, das nicht die Schaufenster mit Brettern vernagelt hätte.

Vielleicht verlegen wir Sissi in die zweite Marina auf Aruba. Dort ist die Liegegebühr günstiger und sie liegt ziemlich abseits von allem. Das Einkaufen wäre zwar beschwerlicher, dafür wären wir aber weit weg von jedem für Randalierer oder Plünderer interessanten Fleck. Vielleicht passiert aber auch gar nichts. Auf welcher Grundlage sollen wir eine solche Entscheidung treffen?

Sonnenuntergang, immer wieder schön.

Auf keinen Fall sollte man Entscheidungen mit leerem Magen treffen. Wir haben Leiterchen beim Metzger eingekauft und diese über Nacht in einer leckeren Jerk-Tomaten-Marinade eingelegt. Unser großer Topf ist voll, es ist eine Portion für fünf hungrige Personen. Diese Leiterchen habe ich dann dreieinhalb Stunden auf kleinster Flamme schmoren lassen. Jutta hat bergeweise Pommes frittiert und für Gemüse gesorgt. Jens hat einen Schoko-Nuss-Pudding gerührt. Gemeinsam gab es dann eine große Völlerei. Das Fleisch war perfekt mürbe und löste sich problemlos von den Knochen. Der Wachmann von der Marina ist uns fast in den Topf mit den Leiterchen gesprungen. Eidechsen mögen auch Schoko-Nuss-Pudding. Die Entscheidung wird vertagt, der Magen ist viel zu voll dafür. Außerdem kann sie noch ein paar Wochen warten. Dann wissen wir mehr.

Eins wissen wir jetzt allerdings mit Sicherheit: Corona macht dick und rund.


Nachtrag: Die Tortuga ist wieder auf Aruba. Holger musste aufgrund von Problemen umdrehen.

Segler in der Karibik

Jens und ich leben gut auf unserem kleinen Planeten. Sissi liegt sicher im Hafen, die Supermärkte um uns herum haben geöffnet und die Regale sind voll. Wir sind gesund. Wir haben Freunde im Hafen, können Gespräche führen. Ein guter Metzger ist bequem zu Fuß erreichbar und den Hotelstrand haben wir für uns alleine.

DIe Metzgerei. Jeder Kunde darf eine Nummer ziehen und muss dann draußen warten, bis die Nummer aufgerufen wird. So wird vermieden, dass zu viele Menschen gleichzeitig im Laden stehen.

Am Hotelstrand werden wir auch nicht weggejagt. Inzwischen kennen wir alle Sicherheitsleute und die Sicherheitsleute kennen uns. Sogar ein nächtlicher Spaziergang am Wasser entlang ist während der Ausgangssperre möglich, denn der Weg wird durch mehrere Stockwerke Luxusbeton von den Blicken eventuell vorbeifahrender Polizisten abgeschirmt.

Das Ferienhotel macht Ferien. Ganz besonders bei Dunkelheit, wenn auf der ganzen Insel Ausgangssperre ist. Wir haben es gut.

Auf anderen Inseln sieht es anders aus. Wir sind in Kontakt mit Seglern auf verschiedenen Inseln. Auf Martinique liegt noch die Joint Venture II. Dort gibt es eine strenge Ausgangssperre, die Segler dort können ihre Boote nur aus wichtigem Grund verlassen. Da gehört ein Spaziergang nicht dazu. Die Supermärkte sind nur noch am Vormittag geöffnet und in den Regalen klaffen schon Lücken. Dennoch scheint Martinique noch attraktiv zu sein.

Attraktiv für Segler, die sich derzeit auf Grenada befinden, wie die Lucky Star. Dinge des täglichen Bedarfs gibt es dort zu kaufen, sonst ist aber nicht viel im Supermarkt zu finden. Das Boot für eine Atlantiküberquerung auf Grenada zu bevorraten erscheint unmöglich. Deswegen versuchen sie, die Erlaubnis zur Einreise nach Martinique zu bekommen, um dort ihre Vorräte zu ergänzen.

So geht es rundherum um die gesamte Karibik bis nach Kolumbien und Panama. Die einzelnen Segler haben einen mehr oder weniger günstigen Platz gefunden, um die nächsten Wochen zu überstehen. Die meisten sind durch Zufall an ihrem Ort gestrandet. Eine Rückfahrt nach Europa ist etwa ab Mitte April möglich. Bis dahin müssen die Boote vorbereitet werden.

Oft fehlt auch Crew. Es gibt einige Boote, deren Crewmitglieder nach Hause geflogen sind. Es hätten neue Crewmitglieder einfliegen sollen, was aber im Augenblick bekanntermaßen nicht geht. Da sitzt oft nur noch der Skipper an Bord und harrt der Dinge. Vor dem Flughafen von Aruba liegt noch ein deutsches Boot, die Tortuga. Deren Skipper ist ohne seine Crew einigermaßen aufgeschmissen, er muss aber trotzdem seine Rückfahrt planen.

Die Rückfahrt könnte beschwerlicher werden als üblich. Normalerweise machen Segelboote, die den Atlantik von West nach Ost überqueren, auf Bermuda, den Azoren und manchmal Madeira einen Zwischenstopp. Einerseits will man die schönen Landschaften nicht auslassen, andererseits ist es gut für die gesamte Crew, wenn man mal ein paar Nächte richtig ausschlafen kann.

Um es kurz zu machen: Bermuda hat die Grenzen geschlossen. Madeira ebenso. Auf den Azoren ist mit besonderer Erlaubnis ein Tankstopp und Bevorratung möglich. Das Boot darf dabei nicht verlassen werden. Es wird unangenehm.

Schlimmstenfalls müssen wir alle die 5500 Meilen nach Deutschland ohne Zwischenstopp segeln. Das wären dann ca. 50 Tage auf See. Unangenehm.

Innerhalb weniger Tage hat sich unter den gestrandeten Seglern eine WhatsApp-Gruppe gebildet. Über 100 Teilnehmer schaffen es dort im Augenblick noch, eine einigermaßen konstruktive Diskussion zu führen. Immerhin war es auf diesem Weg möglich, einige Daten zu Schiff und Crew an deutsche Behörden zu schicken. Die deutschen Außenpolitiker sollen sich darum kümmern, dass die Jachten auf der Heimreise auch in Bermuda und Madeira einlaufen kann. Immerhin ist ein Vertreter des diplomatischen Korps mit in der Gruppe. So viel zu einer einigermaßen brauchbaren Aktion. Wie ich zu der Online Petition stehe, weiß ich noch nicht. Verproviantieren muss man sowieso für den Fall der Fälle – also bis Deutschland. Ein Boot in Seenot werden sie sicher nicht abweisen.

Segler in der Presse
Focus zur Problematik gestrandeter Segler
Floatmagazin: Fluch der Karibik
Spiegel: Gefangen im Paradies
FAZ: Geleitzug aus der Karibik?

Unsere Sissi hat genug Vorräte, wir können zur Not die 5500 Meilen segeln. Dieses Wissen ist sehr, sehr beruhigend. Deswegen können wir uns entspannen und manchmal noch eine der wenigen Attraktionen, die noch geöffnet haben, besuchen.

Der Flamingo ist sehr zutraulich. Er muss nicht einmal gefüttert werden, sondern kommt auf den ausgestreckten Finger geflogen.

Attraktion. Die Latte hängt niedrig. Ein Hotelresort hätte ich vor der Seuche niemals als Attraktion bezeichnet. Noch vor ein paar Tagen war hier mehr los. Die hoteleigene Insel mit vielen Flamingos und Pelikanen war noch geöffnet, wenn auch nur für ein Dutzend Gäste. Leider ist sie inzwischen geschlossen. Wir hatten viel Spaß mit den Vögeln.

Für einen Vierteldollar bekommt man an einer Art Kaugummiautomaten Pellets, mit denen man die Vögel füttern kann. Das wissen die Vögel natürlich auch. Kaum dreht man einen Vierteldollar in den Automaten, stürzen sich unzählige Antillenkrakel und Tauben auf den ahnungslosen Menschen. Wir haben uns für einen Dreivierteldollar Spaß gekauft und ein kleines Video gedreht. Viel Spaß dabei.

Außerdem gibt es auf der Insel eine hervorragende Dusche. Sie schlägt die Personaldusche des Hotels, die wir mitbenutzen, um mehrere Flamingohalslängen. Ein paar Unbequemlichkeiten müssen wir doch erleiden.

Bescheuertes Selfie mit einem Pinguin.

24 Stunden auf Adrenalin

Wir schreiben den 21. März 2020. Es ist früher Nachmittag. Wir bekommen eine Nachricht von der Chapo, dass sie sich quasi im Landeanflug auf Aruba befindet und irgendwann in der Nacht eintreffen wird. Klasse, denke ich mir, in der Nacht zum Sonntag wird die Einreise garantiert nicht leichter. Die Sonne geht langsam unter.

Abendstimmung in Oranjestad

Wir rechnen mit einer Ankunft irgendwann zwischen Mitternacht und drei Uhr in der Früh und schalten den Funk an. Nach ein paar Stunden können wir hören, wie die Küstenwache ein unbekanntes Segelboot anspricht. Eine Antwort können wir zunächst nicht vernehmen, aber das unbekannte Segelboot kann nur die Chapo sein. Der Puls geht nach oben. Adrenalin macht sich breit.

Am 22. März um 0:30 Uhr klingelt mein Telefon. Charly ist am anderen Ende von der Leitung. Sie sind vor der Hafeneinfahrt von Barcadera, dem Einklarierungshafen, doch zwischen ihnen und dem Steg ist ein Boot der Grenzpolizei. Ich versuche sofort, den Kontakt zur Honorarkonsulin zu aktivieren, die bei den Behörden dafür gesorgt hat, dass die Chapo einreisen kann. Nur leider weiß die Nachtschicht auf dem Polizeiboot nichts davon. Während ich noch versuche zu telefonieren, wird die Chapo der arubanischen Territorialgewässer verwiesen. Sie sollen am nächsten Morgen noch einmal wieder kommen, wenn Zoll und Einwanderungsbehörde geöffnet haben. Ich gehe wieder ins Bett, an einen guten Schlaf ist nicht zu denken. Unsere Freunde sind seit dem 27. Februar auf dem Atlantik, sie müssen jetzt langsam mal in einen Hafen.

Geweckt werde ich am Morgen um halb Neun. Die Honorarkonsulin, Frau Rodriguez, ruft zurück. Sie entschuldigt sich dafür, dass sie schon im Bett war. Im Hintergrund ist ein plärrendes Kind zu hören.

Frau Rodriguez versorgt mich mit Telefonnummern, die die Chapo an die Grenzpolizei weitergeben kann. In den nächsten zwei Stunden klärt sich langsam, dass dieses Boot die Grenze übertreten und einreisen darf. Wir sehen der Küstenwache zu, wie ein Schnellboot zu Wasser gelassen wird. Es verschwindet mit hoher Geschwindigkeit in Richtung der letzten und bekannten Position der Chapo.

Frau Rodriguez möchte von mir die Ausweisnummern der Ankommenden haben. Jutta schickt sie mir per SMS. Das reicht aber nicht, jetzt sollen noch Fotos der Ausweise dazu. Das können die Chapos nicht liefern, das Datenvolumen reicht nicht aus. Deutsche Handyverträge sind ein Graus. Irgendwie muss es ohne gehen, Frau Rodriguez versteht das und kümmert sich.

Mein Telefon klingelt wieder, am anderen Ende der Leitung ist der Secretary of Foreign Affairs von Aruba. Ich darf noch einmal die ganze Geschichte vom Start auf den Kapverden bis zur Ankunft auf Aruba erzählen. Zwei dänische Anhalter haben wohl außerdem über Kopenhagen die hiesige Diplomatie verrückt gemacht, konnten aber nicht viel bewirken. Ich werde ausgefragt über die Pläne. Die Dänen haben noch für den 22. März einen Rückflug nach Amsterdam gebucht. Die Deutschen wollen in den Hafen und dort die Hurrikansaison verbringen. So weit, so klar.

Es ist 12:30 Uhr. Ich bekomme von der Chapo die Nachricht, dass sie nun von der Küstenwache in den Einklarierungshafen Barcadera eskortiert werden. Wir sind erleichtert. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern.

Die Prozedur beim Einklarieren ist anders als bei uns. Diesmal wird bei den Einreisenden noch Fieber gemessen. Ansonsten dauert es auch nur eine gute Stunde, dann werden wir informiert, dass alles in Ordnung ist und dass sie nun nach Oranjestad rüberkommen. Die Dänen sind inzwischen mit dem Polizeitaxi in Richtung Flughafen unterwegs.

Chapo in der Einfahrt von Oranjestad

Jens und ich gehen an den Strand. Wir nehmen die Kameras mit und wollen die Anfahrt der Chapo fotografieren. Die Sonne lacht auf das Wasser, das in allen möglichen Blautönen leuchtet. Es ist alles wie gemalt.

Die Chapo fährt in den Hafen von Oranjestad ein

Wir feiern die Einfahrt in den Hafen um etwa 14 Uhr mit Rufen, Winken, Singen, Hüpfen und Tanzen. Die Stimmung ist ausgelassen. Charly touchiert beim Einparken erst einmal einen Holzpoller, der in Splittern wegfliegt. Das ist halt so, wenn man wochenlang nicht mehr am Steg festgemacht hat. Im zweiten Versuch können wir die Chapo dann an die Tankstelle lotsen und festmachen.

Ausgelassene Stimmung – it’s so wonderful!

Leider dürfen die drei nicht von Bord, sie haben noch Quarantäne. Wir hoffen, dass die bald aufgehoben wird. Wir dürfen auch nicht an Bord.

Also sitzen Jens und ich am Steg. Wir haben frisches Bier aus dem Kühlschrank der Sissi mitgebracht. Wir feiern die Ankunft. Hoffentlich wird die Quarantäne bald aufgehoben. Immerhin waren die drei schon seit Ende Februar unter sich.

Mit jedem Bier fällt Anspannung von Jutta, Ute und Charly ab. Wir hören laute Musik. Es kommen immer wieder Sicherheitsleute vorbei, denen das neue Segelboot im Hafen verdächtig vorkommt. Wir können das klären. Alles ist gut. Wir geben noch eine große Dose Gulasch an Bord, damit sie endlich mal wieder eine frisch gekochte Mahlzeit zu sich nehmen können.

Ausgelassene Stimmung

Nach dem Abendessen ist die Feier dann schnell vorbei. Alle drei Chapos sind müde. Sie haben sich ihren Schlaf jedenfalls verdient. Auch wir gehen früh ins Bett. Das Adrenalin ist nun verbraucht. Wir sind müde.

An dieser Stelle noch einmal den allerherzlichsten Dank an Frau Rodriguez. Sie hat sich richtig ins Zeug gelegt und mehr für die Chapo getan, als man eigentlich erwarten könnte.

Stell’ dir vor…

…es ist der 27. Februar 2020. Du startest mit deinem Segelboot auf den Kapverden, um den Atlantik zu überqueren. Du bist guter Dinge, das Boot ist fit und du hast noch zwei dänische Anhalter dabei, damit die Wachen kürzer werden. Dieses Virus, das sich in den Nachrichtensendungen festgesetzt hat, ist weit weg und treibt sein Unwesen in China.

Stell’ dir vor, dass der Wind schwach ist, die Überfahrt ein paar Tage länger dauert als geplant und du unterwegs nur per SMS kommunizieren kannst. Ein paar Wetterdaten. Du bist auf deiner schwimmenden Insel der Seligen. Der Atlantik ist blau, die Langeweile groß und du schaukelst jeden Tag näher an die karibischen Inseln.

Während du unterwegs bist, dreht sich der Globus immer schneller, schneller und schneller. Infizierte Menschen fliegen um die Welt, sitzen in Kreuzfahrtschiffen oder verteilen das Virus in Skihütten. Die Nachrichtensendungen kennen nur noch das Thema “Hamsterkäufe von Toilettenpapier”. Im ehemals grenzenlosen Europa klappt ein Schlagbaum nach dem anderen herunter. Überall auf der Welt werden Grenzzäune gezogen, Einreisen verboten und die Nationen igeln sich ein. Man kann im Internet beobachten, wie sich das Virus auf der Welt verteilt.

Du bekommst von alledem nichts mit. Du sitzt auf deinem Segelboot und segelst in die Karibik. Draußen ist der Atlantik und der Atlantik ist blau.

Die Welt dreht sich noch schneller und schneller. Manche Länder verhängen eine Ausgangssperre, kappen Flug- und Fährverbindungen und die Politik beginnt irre Dinge zu tun. Die Bevölkerung soll “durchinfiziert” werden oder es wird auf den vermeintlichen Urheber gezeigt. Der Teufel wird vielfach bemüht. Die Aktienmärkte fliegen tiefer als Militärflugzeuge. Gesundheitssysteme stehen mancherorts vor dem Kollaps. Kreuzfahrtschiffe bleiben in den Häfen. Hotels werden geschlossen. Schulen, Restaurants, Kinos und Bordelle ebenso.

Du bekommst nicht viel mit. Du sitzt auf deinem Segelboot und bist schon fast in der Karibik. Der Atlantik ist blau und dein Schiff segelt durch Seetang. Manchmal siehst du einen Delphin oder zwei.

Es ist der 16. März. Du bist fast am Ziel und stellst fest, dass dich keiner nehmen möchte. Die Grenzen sind geschlossen, Einreisebestimmungen wurden verschärft, schärfer als ein japanisches Messer aus dreihundertfach gefaltetem Stahl. So etwa geht es unseren Freunden auf der Chapo.

Deutscher Honorarkonsul auf Aruba

Ich habe heute eine Stunde beim deutschen Honorarkonsul auf Aruba verbracht. Die Konsulin ist sehr nett, spricht aber kein Wort deutsch. Das ist auch nicht nötig. Sie kennt die richtigen Telefonnummern. Ich bekomme die Zusage, dass Aruba die Chapo nicht abweisen wird. Die Freude auf der Chapo ist groß.

Dann war ich noch beim Hafenbüro. Der Hafenmeister freut sich sehr, dass doch noch ein Boot zu ihm in den Hafen hereinkommen wird. Die Chapo bekommt den Platz direkt neben uns. Jetzt müssen die Chapos nur noch die letzten 500 Meilen schaffen. Die beiden dänischen Anhalter haben zwar keinen Urlaub mehr, aber da müssen sie jetzt durch.

Alles wird gut.

Die Freude bei uns ist auch groß. Zum einen freuen wir uns auf Jutta und Charly, zum anderen freuen wir uns auf die Palette Apfelwein, die dort seit Lanzarote an Bord ist.

Abgefahren: Salty und Joint Venture II

Der Wind ist wieder da. Seit heute Mittag weht er über Sao Vicente, gibt in den heißen Stunden am Mittag Erfrischung und Kühlung in den Gassen von Mindelo. Schon gestern hat sich auf vielen Segelbooten in der Nachbarschaft eine rege Betriebsamkeit ausgebreitet. Die Boote wurden innen und außen gewaschen, Tonnenweise Waren aus den Supermärkten wurden an Bord geschafft. Abfahrtstermine wurden reihenweise am Steg diskutiert.

Der Wind wird Stunde um Stunde stärker und stetiger. Er hält sich an die Wettervorhersage. Björn, Marieke und Merlin haben aus der Marina ausgecheckt und die letzten Grüße über das Wlan der Floating Bar versendet.

Die Salty-Crew hat alle Formalitäten hinter sich und ist auf dem Weg zum Boot

Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute für die Überfahrt. Dann helfen wir, die vielen Leinen der Salty zu lösen. Vorher muss natürlich noch ein Foto sein.

Eine gewisse Anspannung vor der Überfahrt ist in den Gesichtern zu sehen

So ernsthaft, wie die drei auf dem obigen Bild gucken, wollte ich das dann aber nicht alleine ins Blog stellen. Wie werden wir wohl schauen?

Es geht los!

Eine der Vorleinen war zunächst widerborstig. Dann konnten wir sie lösen und Salty war frei. Wir haben auf Martinique eine Verabredung! Wir wünschen euch eine traumhaft schöne Überfahrt.

Auf dem Weg in die Karibik

Ein weiteres deutsches Boot hat sich heute auf den Weg in die Karibik gemacht, die Joint Venture II. Wir haben die Crew schon in Santa Cruz kennen gelernt und uns über das Wiedersehen hier gefreut. Sie wollen nach Barbados, genau wie wir, und müssen aber am 16. Januar schon dort sein. Ein Crewmitglied hat den Heimflug schon gebucht.

Auch hier ist großes Hallo am Steg, es kommen immer viele Segler zu einem solchen Abschied. Bei uns wird wohl keiner stehen und winken, unsere neuen Bekannten und Freunde fahren alle vor uns.

Abfahrt der Joint Venture II

Am Abend sehen wir die Joint Venture wieder am Steg liegen. Ein wichtiges Teil der Windfahnensteuerung war gebrochen, auf See nicht zu reparieren. Sie mussten drei Meilen hinter Mindelo umdrehen. Das Ersatzteil konnten sie heute noch beschaffen, morgen früh geht es wieder los.

Verfolgungswahn und Weihnachtsessen

Wir werden verfolgt. Das wissen wir ja schon. Wir verfolgen auch andere Boote. Virtuell, im Internet – falls wir Internet haben. Zwei unserer Verfolger sind Lena und Martin von der SY Fairytale. Es hat Martin nicht gefallen, dass wir nur über Marinetraffic tracken und derwegen unsichtbar sind, wenn wir weit draußen auf dem Meer fahren. Deswegen hat er uns ein Tracking gebaut, das wir auch über unser Satellitentelefon nutzen können. Das ist natürlich schon auf der Stalking-Seite integriert, ich möchte an dieser Stelle deswegen nur auf das Update hinweisen.

Ab sofort, also wenn wir hier in Mindelo abfahren, könnt ihr alle das neue Tracking betrachten und Sissi auf ihrem Weg über den Atlantik begleiten.

Unsere Reparaturen schreiten voran. Der Parasailor ist von Salzwasser befreit und wieder verpackt. Er hat einen kleinen Riss bekommen bei der Aktion, diesen haben wir mit Segelklebeband geflickt. Auch ein neues Spifall konnten wir kaufen, hier auf den Kapverden lassen sie sich die Seile mit Gold aufwiegen. Es ist aber der einzige Händler weit und breit, deswegen können wir das Seil dort kaufen oder es lassen. Wir kaufen lieber.

Das Wetter sieht so aus, als könnten wir an Silvester starten, möglicherweise schon einen Tag früher. Das sehen wir in den nächsten Tagen, wenn sich die Vorhersage stabilisiert. Noch ist es zu früh, eine Aussage zu treffen.

Rummelplatz mit Hüpfburg

Gestern, am 25.12., war hier auf den Kapverden ein Feiertag. Und wenn hier ein Feiertag ist, dann wird auch gefeiert. Alle Geschäfte hatten zu, das kennen wir so aus Spanien und Portugal gar nicht mehr. Auch die meisten Restaurants waren geschlossen. Ich machte mich trotzdem auf den Weg, um für uns und die Crew der SY Salty, die wir schon mehrfach getroffen haben, einen Tisch zu reservieren. Auf der Suche nach einem Restaurant ist mir laute Musik aufgefallen, die sogar bis in die Marina schallte. Die Quelle der Musik war schnell gefunden. Für die Kinder hatte man einen Rummelplatz aufgebaut. Dazu gehörte neben der Hüpfburg noch ein Autoscooter. Die Schlange am Einlass war lang.

Autoscooter – CO2-frei

Alle Kinder hatten einen Riesenspaß! Es muss nicht immer knattern und stinken, manchmal reichen auch flotte Musik und Muskelkraft.

Am Abend sind wir dann in das einzige geöffnete Restaurant gegangen, das ich gefunden habe. Wir wurden sofort an unseren Tisch gebracht und bekamen die Speisekarte ausgehändigt. Dann passierte erst einmal eine Stunde gar nichts. Nach einer Stunde kam der Kellner und hat die Bestellungen aufgenommen. Dann passierte wieder eine Stunde gar nichts. Dann kam unser Essen. Eine halbe Stunde später kamen die bestellten Getränke. Wir konnten endlich auf Weihnachten und die Überfahrt anstoßen. Eine Stunde nach Ende der Mahlzeit kam dann der Kellner wieder und räumte den Tisch ab, wir haben dann zur Rechnung noch ein zweites Getränk bestellt. Das kam dann auch schnell – gemeinsam mit der Rechnung nach nur einer halben Stunde. Zum Glück hatten wir genug Bargeld dabei, sonst hätten wir noch eine oder zwei Stunden auf den Kerl mit dem Kreditkartenlesegerät warten müssen. Es war trotzdem ein schöner Abend. Warnung: Wenn du ins Restaurant Nautilus gehen möchtest, solltest du nicht zu hungrig sein und musst viel Zeit mitbringen. Das Essen hat allerdings sehr gut geschmeckt.

Weihnachtsessen der SY Salty und SY Sissi

Wenn einem die Arbeit ausgeht…

…dann schafft man sich eben wieder welche heran. Diesen Beitrag habe ich am 3. Dezember 2019 geschrieben. Ich veröffentliche ihn erst heute, damit es auch noch etwas zum Lesen gibt, so lange wir über den Atlantik cruisen.

Jens und ich haben die Sissi für die Atlantiküberquerung schön hergerichtet. Sogar unser Deck ist schon zur Hälfte mit frischer weißer Antirutschfarbe gestrichen. Es ist allerdings eine saublöde Idee, das Deck an einem der drei Regentage zu streichen, die es im Jahr auf Lanzarote gibt. Das werden wir wohl noch einmal wiederholen müssen.

Chapo Elektrik

Bei den Chapos ist in der Vergangenheit immer wieder der Autopilot ausgefallen. Mal dauerte es ein paar Minuten, mal ein paar Minuten länger, dann lärmte der Alarm. Ich habe angeboten, mal nach dem Kurshalteinstrument zu schauen. Ich habe es hinterher bereut.

Merke: Fummele niemals auf anderer Leute Booten an der Elektrik herum!

Jutta und Charly haben ein Schiff gekauft, bei dem die Elektrik durch einen Profi komplett überholt worden ist. Das hat (nach Angaben des Voreigners) über 3000€ gekostet.

Profimäßig waren die verwendeten Kabel durchaus. Sie begannen an einem schönen Philippi Schaltpaneel mit über 30 abgesicherten Schaltern. Die Kabel gingen mit wunderhübschen Adernendhülsen auf eine Klemmleiste und von dort aus weiter in einen Kabelkanal. Damit das alles schöner aussieht (einen anderen Zweck kann es nicht haben) waren alle Kabel mit Hilfe von Kabelbindern zu einem traumhaft ordentlichen Kabelbaum zusammen gebunden. Blöderweise waren von den Schaltern nur zwei oder drei beschriftet.

Im Kabelkanal war alles voll. Jeder Quadratmillimeter war zugestopft mit Kabeln – mit lebenden und mit toten Kabeln. Der Vollprofi hat bei der Installation die toten Kabel nicht entfernt, sondern nur abgeschnitten.

Charly und ich haben stundenlang versucht, die toten Kabel zu entfernen. Bei einem guten Teil ist uns das gelungen, ein anderer Teil steckt noch drin, den hätten wir nicht zerstörungsfrei herausbekommen.

Anschließend habe ich noch ein weiteres (unklar beschriftetes) Schaltpaneel am Navigationsplatz entkabelt, bevor es möglich war, dem Verlauf der Stromkabel einigermaßen zu folgen. Die Neuverkabelung hat dann nur wenige Stunden in Anspruch genommen. Scheinbar fest verschraubte Massekabel sind mir beim festen Anschauen in die Hände gefallen, die Leitung zum Autopiloten hatte mindestens drei fliegende Verbindungen – alle mit Wackelkontakten.

Nach Abschluss der Arbeiten kann ich nicht sagen, ob der Autopilot in Zukunft noch so oft aussteigt, vielleicht habe ich nicht alle Wackelkontakte gefunden. Die Chancen sind etwas besser geworden.

Chapo Elektrik hinterher – jetzt ein wenig übersichtlicher

Die Schalter sind nun eindeutig beschriftet. Die Stromverteilung auch. Die Kabel haben Kabelschuhe und keine Wackelkontakte mehr. Wir haben etwa 50 Meter Kabel entfernt und 5 Meter neu verlegt. Ich drücke Jutta und Charly die Daumen, dass alles jetzt stabiler läuft. Dafür traut sich Charly nun zu, im eventuellen Fehlerfall selbst auf die Suche zu gehen. Es ist alles übersichtlicher geworden.

Wenn du auf anderer Leute Booten an der Elektrik schraubst, dann nur bei Freunden!

Den Profi-Elektriker würde ich aber gerne mal in meine Finger bekommen…

Headache Beach

…oder der 50. Geburtstag. Ein gesellschaftliches Großereignis in der Bucht von Portimao. Steffi von der SY Bigfoot hat eingeladen und es sind alle gekommen. Die Roede Orm, Sissi, Grace, Thula, Salty, Zora, Enterprise B und noch viele mehr.

Als Segler ist man ja ziemlich unter sich und sieht tagelang nur die eigene Crew. Deshalb ist ein solches Ereignis ein Pflichttermin, denn nur so lernt man andere Crews kennen und kommt Mal unter andere Leute.

Die Grills sind aufgebaut

Die Schlauchboote wurden auf den Strand gezogen, Bier und Wein im Wasser gekühlt und das Buffet auf einem Surfboard aufgestellt. Mit mehreren Grills arbeiteten wir gegen den Hunger.

Dinghiparade mit Buffet

Es entwickelten sich tolle Gespräche über Ankerbuchten, Energieversorgung, Zollbestimmungen, Lebensmittelversorgung, Wohnlichkeit von Segelbooten, Dinghimotoren, vergangene Feiern und zukünftige Pläne. Dazu gab es gegrillte Spieße, Hähnchen, leckere Salate, Kuchen, Brot und Bier und Wein.

Wikingerschach

Am Strand spielten wir Wikingerschach und hörten dazu gute Musik. Die Stimmung war ausgelassen, der Grill heiß und die Getränke kalt.

Abend am Headache-Beach

Dank der Zeitumstellung auf Winterzeit wurde es schon früh dunkel. Um 19 Uhr fühlte es sich an, als wäre es schon kurz vor Mitternacht. Es wurde weiter gelacht, getanzt, gegessen und getrunken.

Lustig war, dass die Crew von der Enterprise B unsere Sissi schon Jahre vor uns selbst kennen gelernt hat. Wir haben Sissi ja in Oldersum bei Emden gekauft, da lag sie jahrelang im Außenhafen. Und die Enterprise B lag dort auch einige Jahre im Außenhafen, Anke und Horst kennen Hertha und Harald, die Vorbesitzer der Sissi. Wie klein die Welt doch ist.

Feuerwerk (Bild: Julia SY Roede Orm)

Als alte Frankfurter haben wir natürlich immer ein wenig Pyrotechnik zur Hand und konnten so der Geburtstagsfeier mit gleißendem Licht und dem Geruch nach Schwarzpulver noch ein kleines Sahnehäubchen aufsetzen.

Nacht in Portimao

Noch vor Mitternacht haben wir uns unsere Schlauchboote geschnappt und sind wieder zurück zu unseren Segelbooten gefahren. Wenn man noch fahren muss, kann man nicht so feiern, dass man hinterher am Strand einschläft.

Der obige Satz stimmt übrigens beinahe. Wir mussten ein Dinghi mit defektem Kapitän und wackeligem Außenborder zu seinem Mutterschiff zurück schleppen. Kein Problem für uns. Für die betroffene Person wurde es wohl wirklich der Headache Beach.

(Wir verraten niemanden. Was am Strand geschah, wird von der Tide weggespült.)