Überfahrt nach Barbados Tag 17 – Windpilot, Seetang und Paketdienste

Seit der Fahrt von Lagos nach Lanzarote haben wir immer wieder das Problem, dass sich eine bestimmte Schraube an unserer Windfahne lockert. Das hatten wir zunächst gar nicht so dramatisch wahrgenommen, erst als wir die zweite Schraube verloren haben, wurden wir hier wacher. Leider ist es uns beim fortwährenden Nachziehen dieser Schrauben gelungen, das zugehörige Gewinde ziemlich zu zerstören. Das ist uns am letzten Montag in der Nacht zum Dienstag aufgefallen. Ich schrieb eine Email nach Hamburg zu Peter Foerthmann und bat um eine Ersatzteillieferung nach Frankfurt am Main, denn am heutigen Freitag sind dort Burti und Jörg abgeflogen, um sich mit uns auf Barbados zu treffen. Mit einer Expresslieferung müsste es doch möglich sein, das Teil noch rechtzeitig nach Frankfurt zu bekommen.

Peter Foerthmann hat auch prompt reagiert und das Ersatzteil ging sofort mit UPS auf die Reise. Er hat sogar längere Bolzen dazu gepackt, die wir nicht so schnell verlieren können. Jens und ich waren beruhigt, denn dieser Paketdienst hat bislang immer funktioniert. Total geplättet war ich von der Rechnungsstellung. Wir sollen ein paar schöne Bilder schicken von Sissi, wie sie mit der Windfahne fährt oder in einer malerischen Bucht liegt. Wow! Das nenne ich mal einen schnellen, freundlichen, kulanten und günstigen Service. Vielen lieben Dank an dieser Stelle!

Leider konnte UPS die Adresse in Frankfurt nicht rechtzeitig finden. Bumms. Aus. Ende der Geschichte. Noch können wir das Originalteil funktionsfähig halten. Mal sehen, wie lange das noch gut geht. Vielleicht findet sich auf Barbados ein Schlosser, der uns ein Ersatzteil anfertigen kann.

Wir versuchen weiterhin, den Atlantik leer zu fischen. Wir ziehen auch jedes Mal einen fetten Fang aus dem Wasser. Blöderweise ist der Fang jedoch vegetarisch und keiner mag ihn zu einem Salat verarbeiten. Seit Tagen fahren wir durch gigantische Felder von Seetang, der sich in Sekunden hartnäckig an der Angel festsetzt. Gut für die Fische, blöd für unseren Speiseplan.

17. Etmal: 100 nm
Position um 12 Uhr: N14°24′ W55°57′
Noch 226 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1939 Meilen hinter uns.

Überfahrt nach Barbados Tag 16 – Wal zum Frühstück

Sissi schüttelt ihr Hinterteil zweimal. Ich bin inzwischen daran gewöhnt, dass ich auf einer tanzenden Oberfläche schlafen kann, aber das ist mir zu viel. Einmal fliege ich gegen die rechte Wand, einmal gegen die linke Wand meiner Koje. Zu den blauen Flecken, die ich schon habe, kommen wieder neue hinzu. So kann ich nicht weiterschlafen, ich stehe auf. Genau zum richtigen Zeitpunkt. Gerade setze ich meine Kaffeetasse an den Mund, da ruft Jens “Oh, oh, oh!”

Mehrere Wale schwimmen neben Sissi. Sie tauchen auf, blasen aus und tauchen wieder unter. Sie bleiben richtig lange bei uns. Teilweise sehen wir helle Flecken im Wasser, das sind Wale, die mit dem Bauch nach oben schwimmen und sich die Sonne auf den Pelz brennen lassen. Eine oder zwei Tassen Kaffee später schnappe ich mir dann meine Kamera und klettere in den Bugkorb. Die Wale sind schon fast 20 Minuten bei uns. Vielleicht erwische ich einen mit der Kamera. Auf der Biskaya hatte ich auch schon Glück. Ein paar Minuten später lande ich einen Treffer. Besser als auf der Biskaya. Toll!

Sekunden später gelingt es mir ungewollt, Jakob mächtig einen Tiefschlag zu verpassen. Dabei will er nur seinen Job gut machen und das Kaffeegeschirr spülen. Nur kann er nicht sehen, dass ich noch Kaffee in der Kanne habe, als er mir die Tasse abnehmen möchte. Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Pitbull von einem Steak zu trennen, kann sich vorstellen was es heißt, mich von meinem Kaffee zu trennen.

Noch in dem Moment, in dem die Worte meinen Mund verlassen, tut es mir leid. Ich treibe ihn in die Tränen, das war nicht gewollt. 16 Tage Überfahrt und flauer Wind zerren an den Nerven. An unser aller Nerven. Nur darf mir so etwas nicht passieren, das ist Gift für die Stimmung an Bord. Ich versuche, mich zu entschuldigen. Wir führen ein klärendes Gespräch und ich bin nun zuversichtlich, dass allenfalls ein paar schwer sichtbare Narben zurück bleiben.

Ich meine den Spruch jetzt wirklich ernst: Segeln ist hart und entbehrungsreich! Wenn drei Menschen für mehrere Wochen auf 12 Quadratmetern gemeinsam leben, praktisch ohne Privatsphäre und ohne die Möglichkeit, sich mal vor der Tür die Füße zu vertreten, ist es ein Ausnahmezustand für die Psyche.

Gestern Abend gab es noch ein letztes Mal Pizza. Jetzt haben wir nichts mehr im Kühlschrank, das uns verderben könnte. Keinen Käse mehr, keine Wurst, kein Fleisch und Fisch haben wir auch nicht mehr geangelt. Der Kühlschrank ist jetzt aus. Derzeit können wir sowieso nicht genug Strom ernten, um ihn seriös betreiben zu können. Es fehlt einfach der Wind. Sollte allerdings ein Fisch beißen, werden wir den Kühlschrank sofort wieder in Betrieb nehmen. Der Wind soll am Samstag wieder kommen, also übermorgen. So lange bleiben wir langsam. Den Motor machen wir aber nicht an, wir segeln das aus. Ich mache den Watermaker an und lasse ihn so viel Wasser produzieren, dass wir alle ausgiebig duschen können. Bei 28°C und knapp 80% Luftfeuchtigkeit ist das zwar ein kurzes, aber ein tolles Vergnügen.

Die Joint Venture ist vorgestern Nacht in Barbados angekommen. Sie hat zuerst in Bridgetown versucht einzuklarieren, hat von dort aber keine Antwort bekommen. Dann sind sie nach Port St. Charles gefahren und konnten dort die Einreiseformalitäten in einer Stunde erledigen. Damit ist für uns klar, dass wir ebenfalls in Port St. Charles einklarieren werden. Von der Grace erhalten wir über die Roede Orm die Nachricht, dass sie den Leuchtturm von Barbados sehen. Die Björkö will morgen ankommen. Wir sind mal wieder die langsamsten. Dafür sind wir aber bestens geduscht!

16. Etmal: 116 nm
Position um 12 Uhr: N14°28′ W54°23′
Noch 315 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1839 Meilen hinter uns.

Überfahrt nach Barbados Tag 15 – Sissiwerke: Energie und Wasser

Nach 15 Tagen auf See möchte ich ein paar Zeile über unsere Energie- und Wasserversorgung schreiben. Eine Stadt wird ja nicht versorgt, also nennen wir unseren Energieversorger die “Sissiwerke”, einen Grundversorger mit horrenden Tarifen und schlechtem Service, der nicht einmal auf einem der Vergleichsportale auftaucht. Wir können leider nicht zu einem anderen Stromanbieter wechseln. Also ein paar Zeilen zur Energieproduktion und zum Verbrauch:

Vorneweg ein kleiner Vergleich. Der hinkt natürlich, das muss er auch, sonst wäre er kein Vergleich. Jeder kennt eine handelsübliche Haushaltsglühlampe mit 60 Watt. Würden wir diese auf der Sissi betreiben, hätte sie einen Stromverbrauch von 5 Ampere. Also würde sie in einer Stunde 5 Amperestunden (Ah) verbrauchen oder am Tag 120 Ah. Vor der Abfahrt habe ich im letzten Winter den Stromverbrauch der einzelnen Geräte auf der Sissi gemessen und bin für einen normalen Segeltag auf einen Verbrauch von 144 Ah gekommen.

In den ersten 14 Seetagen haben wir insgesamt 1946 Ah elektrische Energie erzeugt. Damit könnte die genannte Glühlampe immerhin 16 Tage leuchten. Allerdings haben wir im gleichen Zeitraum 2124 Ah Energie verbraucht, waren also nicht ganz energieautark unterwegs. Wir haben 540 Ah in den Batterien stecken, davon sind 50%, also 270 Ah nutzbar. Daraus wird die Differenz zwischen der erzeugten und der verbrauchten Energie beigesteuert.

Windenergie
Für unseren Windstrom ist ein 350 Watt Windgenerator installiert. Der liefert nach Datenblatt des Herstellers maximal 23 Ampere, könnte also theoretisch jeden Tag 552 Ah erzeugen. Macht er aber nicht, der Wind ist nie so stark. Man hat mir immer wieder einreden wollen, dass ein Windgenerator auf den Vorwindkursen, die wir immer segeln, nicht besonders viel nutzt. Ich kann nur sagen, dass der Windgenerator die wichtigste Säule der Sissi-Stromversorgung ist, denn er liefert normalerweise 24 Stunden am Tag Strom. Insgesamt haben wir aus Windstrom 920 Ah erzeugt. In den ersten fünf Tagen war der Wind so schwach, dass wir kaum segeln konnten. Dementsprechend hat der Windgenerator in den ersten fünf Tagen auch nur 165 Ah erzeugt. An normalen Tagen liefert er um die 80 bis 100 Ah am Tag.

Sonnenenergie
Unser Solarstrom kommt aus vier Paneelen mit insgesamt 400 WP (Watt Peak), einem theoretischen Wert der etwa einer Spitzenleistung von 33 Ampere entspricht. Diese Spitzenleistung wird natürlich nur im Labor des Herstellers unter optimalen Bedingungen erreicht. Nicht, wenn die Solarpaneele nicht optimal auf die Sonne ausgerichtet sind, mit einer Salzkruste überzogen und teilweise von Segel, Mast, Baum, Radar oder Wolken abgeschattet sind. Die Solarpaneele haben uns 832 Ah Strom geliefert. Man muss sich vor Augen halten, dass die Zeit für die Solarstromproduktion zwischen 9 Uhr und 15 Uhr ist. Davor und danach kommt nicht besonders viel. Wenn die Solaranlage mit 15 A lädt, sind wir sehr zufrieden.

Fossile Brennstoffe
Da wir in den ersten fünf Tagen nicht genug regenerative Energie erzeugen konnten, musste am fünften und sechsten Tag der Motor angeworfen werden. Wir haben ca. 5 Liter Dieselkraftstoff in 194 Ah elektrische Energie verwandelt.

Was haben wir mit der Energie gemacht? Wir betreiben das ganze Boot mit der Energie, also die Beleuchtung, Navigationscomputer und Instrumente, Radar, Kühlschrank, Wasserwerk und dazu noch vier Smartphones, ein Tablet, zwei Notebooks und das Satellitentelefon.

Top-Verbraucher
Kühlschrank (1008 Ah), elektronischer Kleintierzoo aus Smartphones und Laptops (336 Ah), Navigation (235 Ah), Watermaker (160 Ah). Die restlichen 207 Amperestunden teilen sich die Druckwasserpumpe, Schiffsbeleuchtung, Kaffeemühle und andere elektrische Geräte, wie etwa der Staubsauger, die nicht täglich zum Einsatz kommen.

Wasserproduktion
Aus den 160 Ah Elektrizität, die unser Watermaker verbraucht hat, konnten wir 480 Liter allerfeinstes Trinkwasser herstellen. Wir halten den Wassertank immer schön voll, damit wir dann duschen können, wenn es uns danach verlangt. Ansonsten trinken wir das Zeug literweise, machen unseren Kaffee und unsere Nahrung damit und spülen das Geschirr. Unser Wasserverbrauch hält sich dennoch sehr im Rahmen, denn pro Nase und Tag verbrauchen wir lediglich ca. 11,5 Liter Wasser.

Was machen wir also, wenn wir in den kommenden Tagen ein Loch bei der Windstromversorgung haben? Wir stellen den Kühlschrank ab, geduscht wird trotzdem. Heute Abend werden die letzten Lebensmittel verbraucht, die eine Kühlung benötigen. Dann brauchen wir ihn nur noch, wenn wir kalte Getränke haben möchten. Cola schmeckt kalt wie warm nicht, also ist es egal, ob der Kühlschrank läuft. Nur am letzten Tag muss er wieder eingeschaltet werden, denn wir brauchen selbstverständlich ein kaltes Anlegerbier. Die Sissiwerke werden schon dafür sorgen. Das Buch, das Jens auf dem Foto liest, verbraucht übrigens 0 Ah.

15. Etmal: 128 nm
Position um 12 Uhr: N14°09′ W52°28′
Noch 419 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1723 Meilen hinter uns.

Überfahrt nach Barbados Tag 14 – Salz

Der vierzehnte Seetag beginnt nicht anders, als der dreizehnte aufgehört hat. Wir beschließen, mal wieder eine Runde Skat zu spielen. Vorher macht Jens die Angel klar. Der Köder ist noch keine Minute im Wasser, da ruft Jens schon “Fisch!” Ich kann es kaum glauben, die Spule mit der Angelschnur wickelt sich zügig ab. Jens springt zur Angel, beginnt zu kurbeln und stellt schnell fest, dass er einen ganzen Haufen Seetang oder Algen oder sowas gefangen hat Das Zeug schwimmt überall rund um Sissi herum. Wir probieren einen anderen Köder, der unter dem Seetang durch tauchen kann. Das tut er dann auch für zwei Minuten, dann schnurrt die Schnur wieder von der Spule. Ein echter Fisch, Jens kurbelt, kurbelt, kurbelt… Dann ist der Zug auf der Schnur weg, dann ist auch der Köder weg und der Fisch ist natürlich auch weg. Schade. Anschließend spielen wir Skat, angeln können wir morgen auch noch.

Nach dem Abendessen verschwinden Jakob und Jens recht schnell in ihren Kojen, obwohl wir heute Nacht wieder einmal eine längere Nacht haben. Wir stellen die Uhr noch einmal eine Stunde zurück und sind dann auf Barbados-Zeit. Das ist geographisch ziemlich grob geschätzt, doch irgendwann müssen wir die Uhren ja umstellen. So sitze ich alleine im Cockpit, bewache das Schiff und sinniere über das Segeln auf dem Ozean.

Was nervt eigentlich am meisten? Die Wellen? Die Einsamkeit? Das Gefühl der Gefangenschaft auf dem Boot? Das Geschaukel? Das Geknarze? Die täglichen Pflichten ? Der Rund-um-die-Uhr-Betrieb? Das rudimentäre Internet? Die Antwort fällt leicht. Das Salz. In den Atlantik haben sie so viel Salz hinein geschüttet, dass man ihn nicht als Nudelwasser benutzen kann. Man muss ihn mit Süßwasser verdünnen. Der Atlantik spritzt immer wieder über die Bordwand und damit beginnt das Problem. Salz.

Wir haben Salz auf den Cockpitbänken, Salz auf dem Cockpitfußboden, Salz am Ruder, Salz in der Gaskiste, Salz an der Backskiste, Salz am Cockpitdach, Salz auf den Solarzellen, Salz auf dem Deck, Salz an den Schoten. Überall ist Salz. Ein dünner, schmieriger Film, der sich auf dem ganzen Schiff befindet. Wir werden damit auch vollgespritzt. Salz ist im T-Shirt. Salz auf der Hose. Salz in den Haaren. Salz an den Händen. Wir haben Salz, Salz, Salz. Ich habe meine Trinkflasche schon an den Mund gesetzt und mich über den salzigen Geschmack gewundert. Salz im Trinkwassertank? Nein, es war Salz an meinen Lippen, Salz am Gewinde der Flasche und Salz in meinem Bart. Dieses Salz geht mir auf den Keks. Wir tragen es durch das ganze Boot. Salz auf dem Salonfußboden, Salz an allen Haltegriffen, Salz in der Pantry, Salz an der WC-Pumpe, Salz im Badetuch, Salz, Salz, Salz.

Dem Problem kann man nur mit Süßwasser Herr werden. Wir entsalzen das Cockpit, den Salon und uns selbst regelmäßig. Der Duschtag ist immer wieder ein Freudentag. Ich liebe es, nach einer Dusche in sauberen, trockenen Klamotten auf der entsalzenen Cockpitbank zu sitzen und mir das Toben des Atlantik anzusehen. Das gefällt mir meist für zwei oder drei Minuten, manchmal auchn nur für wenige Sekunden. Dann kracht eine Welle gegen die Bordwand, das Wasser spritzt und überall ist wieder Salz.

Das Salz schleppe ich irgendwann in meine Koje, mein Bettlaken ist voll Salz. Mein Kopfkissen ist voll Salz. Alles ist voll Salz. Wenn wir kochen, nehmen wir wahrscheinlich viel zu viel Salz. Wir haben ständig den Salzgeschmack auf den Lippen. Die letzte Chili-Konserve von der Metzgerei Haase war sehr lecker, salzmäßig schmeckte das Chili aber eher wie Krankenhaus-Schonkost. Das ist übel. So viel Salz. Kleine Wunden, die man sich im Bordalltag zufügt, heilen ziemlich schlecht. Wir wissen jetzt, wo der Spruch “Salz in die Wunden streuen” herkommt. Vom Salz. Wenn mich etwas an der Segelei auf dem Ozean wirklich richtig nervt, ist es das Salz. Ich mag keine Salzbrezeln mehr.

In der Nacht ist die Problemschraube am Windpiloten mal wieder abgängig. Das Gewinde ist hinüber. Ich bestelle ein Ersatzteil in Deutschland. Hoffentlich kann Jörg es uns noch mitbringen, wenn er kommendes Wochenende zu Besuch kommt. Hoffentlich kann der Hersteller schnell genug liefern und hoffentlich klappt es mit dem Paketdienst innerhalb Deutschlands. Wir fahren erst einmal mit dem elektrischen Autopiloten weiter, Strom haben wir derzeit ohne Ende. Bei Tageslicht gelingt mir dann am nächsten Morgen doch noch eine (mutmaßlich letzte) provisorische Reparatur. Salz ist auch auf der Windfahne.

14. Etmal: 129 Salzmeilen
Gesalzen werden wir um um 12 Uhr hier: N14°10′ W50°19′
Noch 544 Salzmeilen bis nach Barbados, wir haben 1595 Salzmeilen hinter uns.

Überfahrt nach Barbados Tag 13 – Routine, Rekorde und Raserei

Unser 13. Seetag besteht aus Routine. Kaffee am Morgen. Frisches Brot, wobei uns langsam aber sicher das Mehl ausgeht. Wasser machen. Dann Schiffskontrolle, die Steuerbord-Oberwant schlackert ein wenig herum, obwohl sie an der Luvseite ist. Die schreit nach einem Schraubenschlüssel. Die Windfahne ist unauffällig, alle Schrauben sitzen fest. Erstmals. Ausruhen. Dann Skat spielen. Wir vergessen, während des Skats die Angel rauszuhängen. Jens angelt später und fängt nichts. Natürlich nicht! Wir hatten alle Bisse während des Skatspiels, aber nur, wenn die Angel draußen war. Duschen. Pasta Bolognese zum Abendessen. Ausruhen. Spülen. Jens und Jakob gehen ins Bett, meine Wache beginnt. Ich reffe das Segel ein Stück, weil mir ein Geräusch aus dem Rigg verdächtig vorkommt. Die Nacht ist ruhig, kein Squall, kein Regenschauer. Mitternachtskaffee mache ich noch für Jakob und Jens. Am nächsten Morgen fahren wir eine Halse, die Want wird nachgespannt. Noch eine Halse,
Erfolgskontrolle. Das Geräusch ist weg. Wir reffen wieder aus. Ende der Geschichte.

Einen Rekord haben wir aufgestellt bei der Datenübertragung. Wir haben an unsere Schwester ein knapp 3 MB großes Bild gemailt. Ich habe den Upload gegen Mitternacht gestartet und als Jens um 4 Uhr die Wache übernommen hat, war das Bild schon versendet. Wenn die Datenleitung nur nicht so dürr wäre… was hätten wir ein tolles Internet-Leben. So ist die Seefahrt nur hart und entbehrungsreich.

Und die Raserei. Wir hatten in den vergangenen 24 Stunden das beste Etmal, das wir zwischen Sao Vicente und Barbados je gefahren sind. Das spült uns auch jede Menge Strom in die Batterien, den wir am Mittwoch/Donnerstag brauchen werden, denn dann soll der Wind abflauen. Hoffentlich nicht zu viel, ich will keine Wiederholung der ersten beiden Fahrtage. Ich will mehr Etmale wie heute! Das Bild des Tages habe ich gestern aus dem Bugkorb heraus aufgenommen. Dort kann man sich am besten an den Wellen erfreuen.

13. Etmal: 131 nm
Position um 12 Uhr: N14°10′ W48°09′
Noch 669 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1466 Meilen hinter uns.

Überfahrt nach Barbados Tag 12 – Rauschefahrt und Dosenfutter

Nach dem Abendessen haben wir genug. Wir haben genug von den Wellen, die immer wieder quer zum Schiff laufen. Wir haben genug vom Schlagen des Segels. Wir haben genug vom Scheppern in den Schränken. Wir fahren eine Halse in der Hoffnung, dass wir nun einen brauchbaren Kurs Richtung Barbados anlegen können und eine angenehmere Fahrt machen. Und die machen wir. Bei konstantem Wind zwischen 22 und 24 Knoten fahren wir ab sofort mit knapp 6 kn einen Kurs, der uns über kurz oder lang an der Küste von Barbados stranden lassen wird. Da ist keinerlei Panik angesagt, die Strandung wird erst in einigen Tagen stattfinden. Wind und Wellen kommen exakt von hinten, Sissi gleitet über die Wellenberge und durch die Täler, es ist eine wahre Freude.

Da wir nur noch ein paar Süßkartoffeln (unbedingt bevorraten, halten sich ewig!), ein paar frische Zwiebeln und Knoblauch haben, ernähren wir uns inzwischen aus Dosen. Das schafft natürlich ein Problem, ein Müllproblem. Während der Biomüll bei der Zubereitung frischer Speisen in die große, blaue Biotonne geworfen wird, können wir das mit den Dosen nicht machen. Die Dosen direkt in unsere Oskar-Tonne zu werfen ist aber auch nicht gut, denn die Tonne ist dann nach zwei oder drei Mahlzeiten voll. Unsere Lösung des Problems ist eine improvisierte Dosenpresse, die aus unserer Rohrzange besteht. Damit machen wir die Dosen so platt, als wären sie ein Blatt Papier, bevor wir sie in die Tonne werfen.

In der Nacht habe ich wie immer die erste Wache. In meiner Wache kommt der Herr Atlantik zweimal zu Besuch ins Cockpit. Was ein Glück, dass wir die untere Hälfte des Steckschotts fast nie rausnahmen. Es ist zwar unbequem, immer darüber zu klettern, hält aber den Salon trocken. Außerdem kommt in meiner Wache der Herr Regenschauer ebenfalls zweimal zu Besuch. Der Wind steigt an auf 25 bis 30 Knoten, ich muss der Windfahne ein paar Mal helfen und dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Keine Squalls! Einfach nur ein paar Schauer. Die Schauer sind angenehm erfrischend, wenn man gegen Mitternacht noch 27°C Außentemperatur hat. So schön kann es auf dem Atlantik sein.

Ich habe ausprobiert, was ich in Büchern der frühen Weltumsegler gelesen habe, nämlich in einem Squall zu duschen. Das macht aber keinen Spaß, mehr Spaß macht es unter unserer Borddusche. Der pfeifende Wind, die Massage durch die Regentropfen und dazu muss man ständig den Kurs zum Wind im Auge behalten, das ist kein Duschvergnügen. Das ist Langfahrer-Romantik vergangener Tage.

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, Sissi befindet sich auf der Zielgeraden nach Barbados. Deswegen eröffne ich hiermit ein kleines Ratespiel. Wann werden wir ankommen? Schreibt es in die Kommentare zu diesem Beitrag. Datum und Uhrzeit sind gefragt. Der Gewinner bekommt ein tolles Foto zugesendet, das nicht im Blog war und das den Atlantik in seiner ganzen Schönheit zeigt. Wer schon einmal kommentiert hat, dessen Kommentar wird automatisch veröffentlicht. Die anderen Kommentare kann ich erst freigeben, wenn wir wieder normales Internet haben.

Wo haben wir eigentlich Fender und Festmacher verstaut?

12. Etmal: 124 nm
Position um 12 Uhr: N14°21′ W45°56′
Noch 798 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1335 Meilen hinter uns.

Überfahrt nach Barbados Tag 11 – Halse, Online, Offline

Unsere Kurslinie hat sich über die letzten Tage immer weiter in Richtung Norden entwickelt. Deswegen beschließen wir, am Nachmittag eine Halse zu fahren, um mehr in Richtung des 13. Breitengrads zu kommen. Außerdem wollen wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Von der Joint Venture bekommen wir die Nachricht, dass man mit dem vorhandenen Wind problemlos den 13. Breitengrad entlang fahren und auf Barbados zuhalten kann.

Die Halse ist ein echter Komfortverlust. Bisher hatten wir die Wellen einigermaßen gerade von hinten, nur gelegentlich gab es einen Ausreißer, der uns durchgeschüttelt hat. Jetzt kommen die Wellen schräg von hinten und schütteln uns durch, nur gelegentlich gibt es einen Ausreißer, der uns ein paar Minuten Ruhe verschafft. Wir sind jedoch guter Dinge und schauen den Fischen beim Fliegen zu. Eingesammelt haben wir in den letzten Tagen nur noch ganz wenige, Sissi ist offenbar keine gute Landeplattform.

Unsere Internetverbindung ist weiterhin stabil, meine Reparatur mit Panzertape und Schraubenkleber hält sich in dem Geschüttel, Gerüttel und Geschaukel sehr gut. Das ist aber keine “echte” Internetverbindung. Wir können Email senden und empfangen. Außerdem können wir die Wettervorhersage herunterladen. Das ist alles. Sollte zum Beispiel jemand auf die Freigabe eines Kommentars zu einem der Blogbeiträge warten, so muss sich diese Person gedulden, bis wir auf Barbados eine brauchbare Internetleitung installiert haben. Wir können von hier aus nicht auf das WordPress zugreifen. Da werde ich mir für die Zukunft auch noch etwas einfallen lassen.

Wir können allerdings auch nicht auf die Internetseiten einschlägiger Nachrichtenmagazine bzw. Zeitungen zugreifen. Wir wissen also nicht, was sich gerade in der Welt da draußen so tut. In dieser Hinsicht sind wir herrlich offline. Die Welt da draußen ist uns größtenteils auch ziemlich egal. Wir haben in unserem Mikrokosmos unsere eigenen Probleme, die täglich neu auftauchen oder schon länger da sind. Die müssen wir lösen, dann kommen wir auch sicher und komfortabel an. Lediglich die Verwandten und Freunde, mit denen wir Emails austauschen, sind eine wichtige Verbindung in die Außenwelt.

Bei nächster Gelegenheit installiere ich auch den Web-Browser für Iridium, dann werden wir die brutal hohe Geschwindigkeit für die Lektüre von Nachrichten und den Konsum der Tagesschau nutzen. Der Download eine normalen Tagesschau-Sendung sollte sich in 25 Stunden machen lassen.

Wir werden den jetzigen Kurs so lange beibehalten, wie wir das mental durchhalten. Dann fahren wir wieder eine Halse und hoffen, dass die Schiffsbewegungen wieder angenehmer werden. Der Atlantik ist unter uns, um uns herum und kommt manchmal zu Besuch an Bord. Der Atlantik ist immer noch wunderschön, blau und malerisch. Ich kann mich an diesem Film immer noch nicht satt sehen und verstehe meine beiden Mitreisenden nicht, die stundenlang auf ihre Smartphones starren und Filme aus der Dose schauen. Mir gefällt es hier und von mir aus könnte das alles auch noch ein paar Wochen länger dauern.

11. Etmal: 112 nm
Position um 12 Uhr: N15°07′ W44°08′
Noch 907 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1211 Meilen hinter uns.

Überfahrt nach Barbados Tag 10 – Bergfest

Das Wetter ist schön. Die Sonne lacht vom Himmel und spült uns frischen Strom in die Batterien. Der Wind pustet uns mit fünf bis sechs Windstärken über den großen Teich und füllt uns ebenfalls die Batterien. Seit vielen Tagen ist die Windfahne erstmals am Morgen noch genau so eingestellt wie am Abend, es hat sich keine Schraube gelöst. Die Reparatur war nachhaltig. Der Kaffee ist frisch. Und die Meilen haben sich umgekehrt. Wir haben seit Mitternacht mehr Meilen hinter uns als vor uns.

Für heute Abend ist noch einmal Pizza eingeplant. Viel haben wir nicht mehr, um es auf die Pizza zu legen, aber es wird noch reichen. Den Käse haben wir uns aufgespart, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Oliven und Salami kommen noch dazu.

Ich betätige mich derzeit mal wieder an der Elektrik eines anderen Schiffs – diesmal als Elektro-Ferndoktor. Bei der Joint Venture ist der Kühlschrank ausgefallen. Ich habe Damir beauftragt, an verschiedenen Stellen die Batteriespannung zu messen. Wenn er das getan hat, werden wir weiter reden. Ich habe eine Vermutung, was ihm gerade passiert, möchte diese aber noch durch ein paar Messergebnisse untermauern. Tja, wenn man am eigenen Boot gerade keine Arbeiten zu tun hat…

Nachdem wir gestern den ca. 1,5 Meter langen und etwa 25 kg schweren Mahi Mahi aus dem Wasser gezogen haben, ist unser Kühlschrank von oben bis unten mit allerfeinsten Fischfilets gefüllt. Wir werden uns wohl oder übel in den nächsten Monaten von diesem Fisch ernähren müssen. Jetzt haben wir den Atlantik an unserer Position schon ziemlich leer gefischt. Eine Pizza Tonno können wir trotzdem nicht herstellen, denn es hat noch kein Thunfisch angebissen. Segeln ist hart und entbehrungsreich.

10. Etmal: 117 nm
Position um 12 Uhr: N16°09′ W42°45′
Noch 994 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1099 Meilen hinter uns.

Überfahrt nach Barbados Tag 10 – Sondermeldung!!! N15°47′ W41°07′

An der genannten Position haben wir um 15:15 Uhr unseren allerersten Fisch herausgeholt. Ein Mahi Mahi. Gerade setzten wir uns zum Skat spielen zusammen, da rollte die komplette Angelschnur von der Trommel. Vorbei war es mit dem Skat, eine halbe Stunde hat Jens mit dem Fisch gekämpft. Dann holte er ihn gemeinsam mit Jakob an Bord. Anschließend wurde der Fisch geschlachtet, geschuppt, ausgenommen… Es ist ein bodenständiges Leben an Bord einer Segeljacht.

Diesen Fisch widmen wir Rob von der SY Grace, der uns den Tipp mit dem passenden Köder gegeben hat, wir widmen ihn meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen bei der DENIC eG, deren Abschiedsgeschenk zu unserer Angelausrüstung wurde. Wir widmen ihn allen, die gerne frischen Fisch essen. Nach mehreren tausende Seemeilen ohne Fang wollte ich gar nicht mehr daran glauben.

Überfahrt nach Barbados Tag 9 – Wind, Windfahne und der erste Squall

Es könnte alles so schön ruhig sein, wenn da nicht die täglichen Reparaturen wären. Unser Windpilot will inzwischen zweimal am Tag Zuwendung durch den Schraubenschlüssel, es müssen immer wieder dieselben Schrauben nachgezogen werden. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Dennoch lassen wir es uns gut gehen, ich finde Zeit, in den Bugkorb zu klettern und ein Bild von Jens und Jakob im Cockpit anzufertigen. Was das Bild ganz schön zeigt ist, dass wir uns damit arrangiert haben, wenn sich unsere schwimmende Wohnung mal wieder deftig zur Seite neigt.

Am Abend sind Jakob und Jens gerade ins Bett gegangen, meine Wache beginnt. Nach wenigen Minuten sehe ich im Licht des Vollmondes eine riesige dunkle Wolke, die von hinten auf Sissi zugeflogen kommt. Ich schalte das Radar ein und ein riesiger oranger Fleck gibt mir recht. Dort kommt der erste Squall unserer Atlantiküberquerung heran gebraust. Ich reffe sofort die Genua, lasse nur noch einen Fetzen in der Größe eines Badehandtuchs stehen. Vorwarnzeit: Etwa fünf Minuten. Merke, bei einem Squall muss man sofort reffen.

Die Zeit reicht nicht mehr, mir noch Duschgel und ein Handtuch aus dem Bad zu holen, statt dessen verrammle ich den Niedergang und bleibe in T-Shirt und Unterhosen im Cockpit sitzen. Ich warte auf den Regenguss, den ein solcher Squall angeblich immer mit sich bringt. Angeblich. Tatsächlich teilt sich dieser erste Squall noch zwei Meilen hinter unserem Heck in zwei Zellen auf, von denen eine an Backbord und eine an Steuerbord an Sissi vorbei rast. Wir bleiben vorerst verschont. Der Wind geht dennoch auf 35 kn rauf, er bleibt auch nach dem Squall noch sehr böig.

Um Mitternacht wecke ich Jakob zu seiner Wache, da sind wir wieder mittten in einem Squall. Diesmal reicht die Regenmenge, um mir das Salz von der Haut zu spülen. Zu mehr leider auch nicht. Wieder klettert die Zahl auf dem Windmesser in ungeahnte Höhen, mal 35 kn, mal 40 kn. Das geht ab. Nach ein paar Minuten schiebt Jens die Luke auf und fragt, ob wir einen Squall haben. Der Windgenerator würde Resonanzen von den Ausmaßen eines Raketenstarts verursachen.

Am folgenden Morgen baue ich bei bestem Wetter gemeinsam mit Jens einen Teil der Windfahne ab, ersetze kurze Schrauben durch längere, die ich dann mit Muttern ordentlich kontern kann. Vielleicht ist das Problem jetzt ein und für alle Mal abgestellt. Wenn nicht, muss ich mir etwas Neues einfallen lassen. Es ist unglaublich, wie kreativ man auf einem Segelboot in der Mitte des Atlantik wird, wenn der nächste Baumarkt tausende Kilometer entfernt ist.

Wir müssen uns noch etwas einfallen lassen für den morgigen Tag. Heute oder morgen werden wir Bergfest feiern. Dann haben wir mehr Meilen im Kielwasser als vor dem Bug. Vielleicht opfern wir eine Dose heiligen Apfelwein für dieses göttliche Fest.

9. Etmal: 117 nm
Position um 12 Uhr: N15°43′ W40°49′
Noch 1104 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 982 Meilen hinter uns.