Besuch aus Marokko

An unseren ersten Tagen hier auf Lanzarote hatten wir ungebetenen Besuch aus Marokko bzw. aus Afrika. Frau Calima hat sich ungefragt bei uns eingenistet und wollte Sissi nicht mehr verlassen.

Immer noch übrig, die Spuren von der Calima

Die Calima ist ein warmer Wind aus der Sahara und bringt gleich ein Stück der Sahara mit. Lanzarote muss immer wieder darunter leiden. Das Foto oben ist entstanden, nachdem wir Sissi schon zweimal gereinigt haben. Wir haben es versäumt, vor der ersten Reinigung ein paar Bilder zu machen.

Es ist sauschwer den Sand wieder von Bord zu bekommen. Mit dem Wischlappen darf man da nicht ran, denn sonst rubbelt man sich gleich die ganze Farbe vom Deck und aus dem Cockpit. Das funktioniert noch besser, als mit Sandpapier von 60er Körnung.

Es sieht jetzt alles irgendwie ungepflegt aus.

Also muss mit dem Schlauch gespült werden. Das schlechte Gewissen spült da immer mit, denn auf Lanzarote ist Trinkwasser knapp und muss unter hohem Energieaufwand erzeugt werden. Wir haben beschlossen, das Boot nur noch einmal zu reinigen, nämlich am Tag vor der Abfahrt.

Hinweis in der Dusche

Andere Yachties nehmen es mit dem Wasser nicht so genau. Sie spritzen ihre Boote jeden Tag ab. Das bringt aber nichts. Wenn das Boot noch schön feucht ist, findet es die Calima besonders gemütlich, sich auf jeder freien Fläche nieder zu lassen. Die Calima fliegt durch alle Ritzen und kommt auch unter Deck. Wir müssten Sissi schon komplett in Folie verpacken, um das zu verhindern.

Die äußere Bordwand hat noch nicht so viel von unserer Reinigungswut abbekommen. Hier ist noch besser zu sehen, wie es überall an Bord ausgesehen hat. Wer Wert auf ein blitzblankes, gewienertes Boot legt, sollte um Lanzarote einen großen Bogen segeln.

Sissi, das Calima-Opfer

Ein Gang über den Marinaparkplatz entspannt das Gemüt. Nicht nur wir Segler sind Opfer der Calima. Einige der geparkten Fahrzeuge sehen aus, als würden sie schon Jahre dort stehen oder seien aufgegeben. Dabei ist hier nur das Resultat von wenigen Tagen Saharawind zu sehen.

So schön und einzigartig die hiesige Landschaft auch ist, ich freue mich schon auf den Tag, an dem wir dieser Insel das Achterstag zeigen. Denn erst dann sind wir sicher vor dem Sand.

Alle leiden unter dem Sand.

Umparken ist albern

Mit dem Motorrad durfte ich die Erfahrung schon des Öfteren machen. Auf die Zeltplatzwiese gefahren, Motorrad aufgebockt und das Zelt schnell aufgestellt. Dann zum Bierstand des Motorradtreffens, Grillwurst essen und den Abend verfliegen gelassen. Anschließend in fragwürdigem Zustand zurück zum Zelt gegangen und gesehen, dass man das Motorrad schöner hinstellen kann. Das Ergebnis war in 98% der Fälle Belustigung für die anderen Teilnehmer des Motorradtreffens. In 100% der Fälle hatte ich aber Hilfe, um das Motorrad wieder aufzustellen. Umparken ist albern.


Wir erreichten die Marina Puerto Calero am Abend des 10. November und waren froh, dass wir aufgenommen wurden. In der Marina Rubicon hatten wir zwar reserviert, aber erst ab dem 18. November. Aufgrund der guten Windvorhersage sind wir eine Woche früher von Lagos zu den Kanaren gestartet und die problemlose Passage hat unsere Entscheidung bestätigt. Uns wurde ein Liegeplatz am Ende des Pontoons J zugewiesen. J gefällt uns, das ist unser Buchstabe.

Am nächsten Morgen war ich beim Hafenmeister, um den Aufenthalt für den Rest der Woche klar zu machen. Bei einer Windvorhersage von 30 kn mit Böen bis zu 40 kn wollten wir nicht ankern. Das macht keinen Spaß.

Der Hafenmeister meinte, wir könnten gerne bleiben, müssten das Boot aber auf einen anderen Platz verlegen. Unser Platz sei reserviert. Auf meine Frage, wie wir das bei 30 kn Wind machen sollen, hatte der Hafenmeister nur die Antwort, dass er zwei Marineros schicken wird, die uns helfen. Und wir sollen schnell verlegen, denn gegen Mittag würde der Wind wieder stärker werden. Na gut.


Der Wind schien etwas nachzulassen, die Marineros waren vor Ort und das Ablegemanöver klappte hervorragend. Dann folgte die Hauptarbeit. Wenden von Sissi bei inzwischen wieder 25 kn Wind mit ihrem langen Kiel und ohne Bugstrahlruder. Mmmpf. Ich fand einen geeigneten Platz. Dachte ich…

Spuren unseres Rocna

In der Drehbewegung erwischte uns eine Bö. Und wir erwischten gerade noch so einen Katamaran. Der Besitzer nahm es mit Humor.

Ein wenig Gelcoat, etwas Arbeitszeit und 70€ später sah der Kat wieder wie neu aus. Umparken ist nicht nur albern, Umparken ist Mist. Auf dem “reservierten” Platz liegt bis heute kein anderes Boot. Das nächste Mal werde ich mit dem Hafenmeister streiten, das ist billiger.

Überfahrt zu den Kanaren – Tag 5

Für mich ist der letzte Tag einer mehrtägigen Fahrt irgendwie der schlimmste Tag. Es sind zwar nur noch wenige Meilen zu fahren, die ziehen sich aber scheinbar endlos. So ist es auch heute. Die Fahrt will und will und will kein Ende nehmen, dabei wollen wir doch nur duschen.

Sissi ist ein sicheres Schiff. Ich habe schon darüber geschrieben, dass wir ein ziemlich trockenes Center-Cockpit haben und dass von hinten keine Welle überkommen kann. Trotzdem gehen wir auf Nummer sicher und haben bei den von uns hauptsächlich gesegelten Vorwindkursen das untere Steckschott eingesteckt. Das hat sich auf dem Atlantik schon ziemlich bewährt. Es ist zwar noch keine Welle eingestiegen, dafür kam aber hin und wieder ein ordentlicher Schwapp Wasser von der Seite ins Cockpit, wenn eine Welle mal wieder diagonal lief.

Unteres Steckschott, man kann bequem darüber steigen

Morgens um vier Uhr machen Jens und ich wie immer die Übergabe, dann lege ich mich in meine Koje. Der bläst weiterhin mit sechs bis sieben Beaufort, wir machen Meile um Meile auf Lanzarote gut. Langsam schaukelt mich die Fahrt in den Schlaf, ich dämmere weg.

BAMMM!!! Ein Riesenknall reißt mich aus dem Schlaf. Es kommt mir vor, als wäre die Heckwand gegen meinen Kopf geflogen. Wasser läuft durch das Kojenfenster die Wand herunter. Mist, ich muss sofort raus und nach Jens sehen. Ich springe aus der Koje, doch im Salon kommt mir Jens schon entgegen. Triefnass.

Eine Welle hat sich an unserem Heck gebrochen und komplett ins Cockpit ergossen. Das Steckschott hat Schlimmeres verhindert, doch ein Teil der Welle ist auf dem Salonfußboden, dem Navigationstisch und sonstwo gelandet.

Kojenfenster mit Vorhang

Nichts ist passiert. Alles ist noch da. Es wurde nichts von unserem Achterschiff abgeräumt. Und das Kojenfenster ist nicht undicht. Als ich genauer hinschaute, fand ich den Vorhang eingeklemmt im Fensterrahmen. So konnte das Fenster nicht richtig schließen. Zuletzt war es geöffnet, als wir in Stavoren die Windfahne angeschraubt haben. Danach habe ich es nicht mehr angerührt. Kaum zu glauben.

Den größten Teil von Sissi haben wir inzwischen entsalzen, der Teppichboden und die Sitzpolster wollen in der Marina mit Süßwasser gespült und dann ordentlich getrocknet werden. Wir werden in Zukunft auf solchen Kursen bei solchen Windstärken beide Steckschotts einstecken, auch wenn das Ein- und Aussteigen dann unbequem wird. Glück gehabt.

Die Batterien nach fünf Tagen

Der starke Wind hat die Batterien wieder ordentlich voll gemacht. Zwischenzeitlich waren sie auf 58% herunter, weil bei bedecktem Himmel die Sonne nicht geladen hat und bei schwachem Wind der Wind nicht geladen hat. So habe ich mir das vorgestellt.

Am Mittag nach dem Aufwachen kann ich zu meiner Freude Land sehen, Jens hatte die Freude schon ein paar Stunden vor mir bei Sonnenaufgang. Lanzarote, wir sind jetzt da. Wir haben Handyempfang, die spanische SIM-Karte für das Internet ist in wenigen Minuten reaktiviert. Jippieh! Wir sind wieder im Geschäft.

Land – äh – Lanzarote in Sicht

Kurz vor der Marina werden wir noch einmal richtig hergebrannt. Eine Schnellfähre zieht mit 33 kn Speed an uns vorbei. Da können wir natürlich mit unseren 6 kn nicht gegen anstinken. Der Kerl verbraucht in einer Sekunde mehr Diesel, als wir in den letzten fünf Tagen verbrannt haben. Die erwartete Motorlaufzeit für die Gesamtstrecke liegt bei einer knappen Stunde. Eine halbe Stunde in Lagos rausfahren und eine halbe Stunde auf Lanzarote reinfahren in die Marina. Das war es. Macht einen Dieselverbrauch von ca. 3 Litern für 600 nm.

Schnellfähre

Der Watermaker ist inzwischen wieder entlüftet und füllt uns ein letztes Mal unterwegs den Wassertank auf. Alles ist wie immer. Alles ist gut.

Aktuelle Position (um 14:30 Uhr): 28°51’N 13°40’W
Fünftes Etmal: 131 nm
Reststrecke: 12 nm bis zur Marina

Überfahrt zu den Kanaren – Tag 4

Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung. Vor drei Tagen habe ich mir mehr Wind gewünscht, jetzt ist er da. Er ist schon seit 36 Stunden da. Die Natur liefert innerhalb von zwei bis drei Tagen, besser als der von mir schon so oft gescholtene Paketdienst. Wir fliegen mit stark gereffter Genua über den Atlantik, der Wind pustet mit Windstärke 7. Es ist schwer, die Wellenhöhe richtig einzuschätzen. Wenn ich jetzt von fünf Metern schreibe, werden manche das als Seemannsgarn abtun. In Wirklichkeit sieht es so aus, als seien es wesentlich mehr als fünf Meter Wellen. Unten im Salon merkt man von der Wellenhöhe wenig. Es schaukelt halt.

Rod Steward ist ein Arsch. Wie kann man nur eine solch schlechte Schnulze über das Segeln produzieren. Um das Schauspiel komplett zu genießen, ziehe ich mir die Regenklamotten an und setze mich ins Cockpit. Regenklamotten sind Pflicht, denn ab und an spritzt eine Welle in unseren ansonsten sehr trockenen Außenbereich. Das ist unangenehm. Das ist nicht wie immer.

In der Nacht haben wir mal wieder gezeigt, dass wir in Wirklichkeit die letzten Segelspackos sind. Wir waren mit ungereffter Genua unterwegs und der Windpilot konnte den Kurs nicht mehr halten. Mehrfach. Auf die Idee, die Genua einfach zu verkleinern, sind wir erst einmal nicht gekommen. Statt dessen haben wir am Windpiloten rumgezupft. Das hat sich gegen Mitternacht gerächt, auf Lanzarote wird Jens wieder mal zum Nähzeug greifen müssen.

Kante über dem Motor

Jetzt ist alles gut. Der Windpilot hält den Kurs besser, als es jede Steuerfrau und jeder Steuermann könnte. Stunde um Stunde, Tag um Tag. So wollen wir diesen Ozean bezwingen. Selbst mit fünf hervorragenden Steuerleuten, die sich alle halbe Stunde ablösen, würden wir nicht so einen schönen Kurs fahren. Neue Schäden gibt es keine mehr, zum Glück ist nichts mehr zu Bruch gegangen. Unter Deck schreiten die optimierenden Holzarbeiten voran. Wir brauchen mehr Haltegriffe. Einen wichtigen Haltegriff habe ich heute angeschraubt. Wir brauchen einen Baumarkt.

Mein Körper fühlt sich an, als hätten mich ein Dutzend Hooligans mit Holzlatten durchgeprügelt. An jeder Kante, an der man sich stoßen kann, habe ich mich in den letzten Tagen schon gestoßen. Wenn wir erst im nächsten Hafen sind, mache ich ein oder zwei Tage gar nichts und werde es genießen, wie die blauen Flecken nach und nach verschwinden.

Kante an der Spüle

Aus dem Elektroschaltschrank kam mit jeder Schiffsbewegung ein nervendes, lautes Klackern. Klack (Steuerbord). Klack (Backbord). Klack (Steuerbord). Klack (Backbord). Klack (Steuerbord). Klack (Backbord). Ich musste einen Solarladeregler ausbauen und konnte aus dem doppelten Boden darunter eine Batterie (Typ AA) herausfischen. Wer hat die denn da reingetan? Jetzt ist Ruhe in der Kiste.

Glücklicherweise ist von dem Gulasch, das Jens gestern gekocht hat, noch jede Menge übrig. So müssen wir heute nicht kochen, sondern brauchen das Essen nur aufwärmen. Das erleichtert die Sache sehr, die Produktion einer „Swinging Oven“-Folge ist bei diesem Seegang nur noch eingeschränkt möglich. Das gilt auch für die Reinigung des Körpers. Die Dusche können wir nicht benutzen, wir müssen den Waschlappen zu Hilfe nehmen. Selbst das ist schwierig, denn wir müssen uns immer mit mindestens einer Hand irgendwo festhalten. Der Mensch ist eine Fehlkonstruktion. Wieso hat die Natur uns keine dritte Hand wachsen lassen?

Unsere Stromproduktion ist gigantisch. Neben Sissi könnten wir noch ganz Frankfurt am Main mit Elektrizität versorgen. Ich habe gerade den Watermaker eingeschaltet, trotzdem bleibt noch Strom übrig, um die Batterien weiter zu laden. Der Wassertank ist aber auch bald so voll wie unsere Akkus. Dann wissen wir nicht mehr, wohin wir mit dem ganzen Strom sollen. Vielleicht noch einmal Staubsaugen?

Staubsaugen musste ich eben schon einmal, denn Jens hat beim Kaffee kochen die Kontrolle über die Kaffeemühle verloren. Die guten Bohnen verteilten sich durch den Salon, der gemahlene Kaffee auch. Dumm gelaufen, schade um die Bohnen, aber es riecht hier jetzt sehr gut.

Unfassbar! Gerade schreibe ich diese Zeilen, da kommt eine Welle und lässt Sissi so weit überholen, dass der Watermaker von unten her Luft zieht! Wir saugen das Seewasser am tiefsten Punkt des Schiffs an, in der Zuleitung für das Motorkühlwasser. Tiefer geht es nicht. Dieses Seeventil sollte immer unter Wasser sein. Ist es aber nicht. Der helle Wahnsinn. Das ist nicht wie immer.

Die Verspätung der ersten beiden Tage haben wir mehr als aufgeholt. Wir werden definitiv am Sonntag auf Lanzarote sein. Also morgen! Der Atlantik ruft nach Metallica, Iron Maiden, Dio und Motörhead. Lemmy schreit gegen den Wind und das ist toll. Man kann uns auf Lanzarote schon hören.

Aktuelle Position (um 14:30 Uhr): 30°36‘ N 12°26‘W
Viertes Etmal: 145,9 nm (wesentlich schneller als ein DHL-Paket)
Reststrecke: 95 nm

@Chapos: Ich weiß, dass ihr diese Zeilen gelesen habt. Ihr schafft das auf jeden Fall. Das Ijsselmeer ist bei fünf Beaufort schlimmer als der Atlantik bei sieben Beaufort. Wir sehen uns in der Rubicon-Marina. Ich will mein Buch wieder haben. 🙂

Überfahrt zu den Kanaren – Tag 3

Der Höhepunkt eines jeden Bordtages ist die warme Mahlzeit. Wir benutzen jetzt die Action-Kamera, um neue Küchenvideos anzufertigen. Dabei bereitet es Jens eine helle Freude, wenn ich durch die Pantry torkele. Heute gibt es im Ofen gebackene Schweinelende mit einer Pilzsauce. Die dazu angedachten Paprika sind leider vom Blumenkohl zu Matsch geklopft worden, deswegen muss der Blumenkohl dran glauben. Zubereitungszeit wieder ca. drei Stunden, Zeit zum Verzehr etwa drei Minuten und dann muss anschließend noch abgespült werden. Wir sind weiterhin auf Flugstation und wenig ist unangenehmer, als wenn benutztes Geschirr eine Flugeinlage auf den Teppichboden macht. Alles ist wieder wie immer.

Der Regen hat lange aufgehört, der Wind glücklicherweise nicht. Er bläst aus Nordost und pustet uns direkt in Richtung Lanzarote. So soll es sein, so war es vorhergesagt und so ist es gut. Segeln ist schön, schnell segeln ist schöner. Aus Sissi werden wir nie eine Regattayacht machen, wenn wir schneller als fünf Knoten fahren, grenzt es schon an Raserei. Das ist nicht wie immer, wir rasen nun schon seit 24 Stunden!

Begegnung mit einem Tankschiff

Kurz nach dem Wachwechsel um vier Uhr in der Nacht weckt mich Jens wieder. Einer der beiden Blöcke, die die Leinen der Windfahnensteuerung auf das Ruder lenken, hat sich losgerissen. Jens muss das Cockpit verlassen, deswegen muss ich aufpassen – falls er ins Wasser fällt. Es ist vollkommen unmöglich, die gebrochene Schlauchschelle, durch eine neue zu ersetzen. Zwei Kabelbinder müssen nicht festgeschraubt werden und halten als Provisorium auch. Wahrscheinlich halten die um die ganze Welt.

Unsere Stromproduktion läuft gut. Windkraft und Sonnenkraft bringen den ihnen zugedachten Teil. Fast. Über den Atlantik werden wir so nicht kommen, doch wir sind frohen Mutes, ohne Einsatz des Dieselmotors auf Lanzarote zu landen. Mir ist inzwischen klar, warum wir diese Stromlücke haben. Als ich den Stromverbrauch von Sissi im Winterlager gemessen habe, war das ohne die ganzen elektronischen Spielzeuge, die wir so nutzen. Vom Notebook über zig Kameras und Handys, es war auch noch kein AIS eingebaut, der Watermaker auch nicht. Entweder sparen wir am Komfort oder wir verwandeln den einen oder anderen Liter Diesel in Elektrizität. Das ist auch wie immer.

Unser bisheriges Fazit hinsichtlich der Ozeanpassagen ist folgendes: Die Herausforderung liegt nicht in der Segelei. Auf den vergangenen 300 Seemeilen haben wir das Vorsegel ausgerollt und ca. 36 Stunden nicht angefasst. Dann sind wir eine Halse gefahren. Das war alles. Die Herausforderung besteht darin, wach und fit zu sein und ein angenehmes Leben zu führen. Man stelle sich einmal vor, die eigene Wohnung würde ständig vier Meter rauf und runter fahren, sich dazu ständig nach links und rechts neigen und nach vorne und hinten kippen. Ständig, unablässig, ohne Pause. Ohne Aussicht auf Änderung in den kommenden Stunden, Tagen bzw. Wochen – wenn wir nächsten Monat rüber in die Karibik fahren. Dabei wird gekocht, gegessen, geschlafen, getrunken, geputzt, aufgeräumt, gehandwerkt und entspannt. Nebenbei schaut man noch nach anderen Schiffen, die sich allenfalls in der Nacht durch ihre Lichter ausmachen lassen. Das ist Ozeansegeln.

F*ck. ScheiXXe!!! Mit einem Knall hat sich gerade einer der achteren Blöcke vom Windpilot verabschiedet. Ein Riesenspaß, das auf dem Atlantik zu reparieren. Zum Glück haben wir noch Ersatz. Irgendwas ist halt immer.

Bruch

Diese Zeilen entstehen in der 73. Stunde unserer Überfahrt. Von den Seemeilen her sind wir auf halbem Weg. Frisches Gemüse geht langsam zur Neige, warum musste der Blumenkohl auch die Paprikaschoten verkloppen. In Zukunft werden wir beim Stauen der Lebensmittel auch darauf achten, dass sie sich nicht gegenseitig zerstören können. Wenn ich Jens frage, welche Speise er sich denn vorstellen kann, für die man kein frisches Gemüse braucht, dann kenne ich seine Antwort jetzt schon: Lasagne. Alles ist wie immer.

Aktuelle Position (um 14:30 Uhr): 32°46‘N 11°26‘W
Drittes Etmal: 131 nm (jetzt so schnell, wie ein DHL-Paket)
Reststrecke: 237 Meilen, mit etwas Glück kommen wir am Sonntag an

Überfahrt zu den Kanaren – Tag 2

Wir prüfen unseren Kurs regelmäßig, denn mit der Windfahnensteuerung fahren wir bei einem Winddreher in die falsche Richtung. So müssen wir am frühen Nachmittag einmal an den Steuerleinen ziehen, denn wir haben einen Winddreher bemerkt, der uns seit drei Stunden in die falsche Richtung pustet. Drei Stunden sind kein Problem, das bringt uns nicht wirklich von unserem Kurs weg.

Sissi steuert selbst

Ansonsten beginnen wir, uns an das langsame Leben zu gewöhnen. Wenn wir durch das Schiff gehen, müssen wir uns gut festhalten und jeden Schritt vorher planen, denn die Wellen sind immer noch so bösartig, dass sie einem den Boden unter den Füßen wegziehen wollen. Ähnlich ist die Planung des Abendessens. Wir haben uns in Lagos Thunfischsteaks besorgt, dazu machen wir Kartoffeln und Karotten. Für eine Essenszeit gegen 19 Uhr fängt meine Vorbereitung schon um 16 Uhr an. Zwiebeln schneiden dauert dreimal so lang wie im Hafen. Bei den Karotten ist das nicht anders. Auch das Schälen der Kartoffeln nimmt eine ordentliche Zeit in Anspruch, denn es drohen nicht nur die Kartoffeln sondern auch der Koch durch das Schiff zu fliegen.

Flugfähig ist grundsätzlich alles. Obst, Gemüse, Messer, Teller, Gewürze, Töpfe, Pfannen und die Thunfischsteaks natürlich auch. Gegessen wird dafür um so schneller, denn es ist schließlich alles flugfähig. Die warmen Speisen auf dem Teller besonders, der Tellerrand ist geformt wie die Startbahn eines Flugzeugträgers. Meine blauen Flecken geben Zeugnis von verschiedenen Landungen. Besonders gern lande ich auf dem Motor, dort gibt es schöne Kanten, an denen ich mich stoßen kann.

Nach dem Essen geht Jens wie immer ins Bett, ich übernehme die erste Wache und kann mir auch noch die Zeit damit vertreiben, das Geschirr abzuspülen, ohne es im Salon zu verteilen. Gelungen. Dann döse ich etwas auf der Couch, kontrolliere in regelmäßigen Abständen den weiten, leeren Ozean um uns und werde plötzlich hellwach, als ein kräftiger Regenschauer durchzieht. Sofort das Badezimmerfenster schließen! Sissi luvt in der folgenden Bö kräftig an und beginnt im Galopp über die Wellen zu reiten. Die Windfahne steuert das prima aus. Leider schläft der Wind nach einer Viertelstunde wieder fast ein und wir sind wieder dazu verdammt, mit besserer Schrittgeschwindigkeit nach Lanzarote zu fahren. Alles ist wie immer. Nur das Cockpit ist jetzt patschnass.

Gegen 4 Uhr machen wie wie immer den Wachwechsel. Ich darf bis 10 Uhr schlafen, anschließend serviert mir Jens einen Kaffee und geht selbst ins Bett.

Bis etwa 13 Uhr ist der Wind noch richtig mau, dann aber legt er los. Während ich noch auf der Couch döse, fällt eine Bö von 32 kn ein und die Windfahne lässt uns erst einmal wieder in Richtung Portugal drehen. Gleichzeitig setzt strömender Regen ein. Toll. Ich zupfe und ziehe die Windfahne wieder richtig, öffne das Segel etwas und Sissi legt richtig los. Sie galoppiert jetzt mit 6 bis 7 kn über den Atlantik. Die lahmen Etmale von heute und gestern sind fast schon vergessen. Das Windkraftwerk produziert Strom, dass wir Sissi beleuchten könnten wie einen Kreuzfahrer. Wenn da nur nicht der Regen wäre, aber irgendwas ist ja immer.

Stromproduktion läuft gut

Heute spielt die Eintracht in Lüttich. Wir haben uns eine Email mit dem Ergebnis bei unserem Vater bestellt. Selbstverständlich werden wir den Schal hochziehen, sonst klappt es mit dem Auswärtssieg nicht. Wir brauchen kein Torfeuerwerk wie gegen den unterklassigen Gegner aus München, wir sind auch mit einem einfachen 1:0 Auswärtssieg zufrieden.

Aktuelle Position (um 14:30 Uhr): 40°39‘N 10°32‘W
Zweites Etmal: 87,3 nm (immer noch langsamer als DHL)
Reststrecke: 359 Meilen

Überfahrt zu den Kanaren – Tag 1

Am frühen Nachmittag verlassen wir die Marina in Lagos und machen uns auf den Weg zu den Kanaren. Das Ziel ist erst einmal Lanzarote, die von uns aus gesehen erste der Kanareninseln. Außerdem ist dort eher Platz in den Marinas als beispielsweise auf Gran Canaria, von wo aus die ARC starten wird.

Der perfekte Wind bläst uns auf dem Zielkurs mit 6,5 Knoten voran. Für etwa eine halbe Stunde, dann sind wir um das Kap herum und der Wind lässt nach. Alles ist wie immer. Sissi verlangsamt auf 4 Knoten und der Schwell vom Atlantik setzt ein. Wir sind guter Dinge, denn endlich sind wir wieder unterwegs. So lange das Telefonnetz noch verfügbar ist, scherzen wir mit unseren Freunden und tauschen Nachrichten aus. Nach drei Stunden ist das auch vorbei, das Webradio verstummt, die Handys werden zur Seite gelegt und die Sonne geht schnell unter. Alles ist wie immer.

„Sag‘ das bloß nicht den Chapos!“, meint Jens zu mir, als er sein Mittagessen mit Neptun geteilt hat. „Sonst bekommen die Angst.“ Offenbar haben wir zu lange an derselben Stelle gelegen, sein Magen verträgt das Rollen nicht mehr. Alles ist wie immer.
Also mache ich nur ein leichtes Abendessen, Pasta Bolognese aus der Dose. Mehr lohnt sich nicht, Jens schafft es nicht einmal, seinen Teller komplett leer zu essen. Außerdem ist das Rollen so brutal, dass mir die frischen Zutaten durch den Salon geflogen wären. Sonst ist er ja das Pastatier. Jens geht schon um 19 Uhr ins Bett, ich übernehme die erste Wache. Alles ist wie immer.

Keine Pasta für Jens – das Spaghettimonster schaut kritisch

Zunächst sieht es spannend auf dem AIS aus. Wir kreuzen mehrere Fahrspuren für Frachtschiffe und dort ist auch einiges los. Ein Fischer zielt eine Stunde lang immer wieder auf Sissi, ich kann ständig seine rote und grüne Positionslampe sehen. Doch er fischt langsam, wir entkommen ihm dank des wieder leicht auffrischenden Windes und müssen keinerlei Korrekturen unseres Kurses vornehmen. Gegen Mitternacht stellt sich Ruhe auf den Bildschirmen ein, eine gepflegte Langeweile macht sich breit.
Es ist unsere fünfte mehrtägige Ozeanpassage. Wir haben dreimal die Nordsee überquert, einmal die Biskaya und sind jetzt wieder für mehrere Tage auf dem blauen Wasser. Die Nordsee ist vergleichsweise kurzweilig, man kann sich mit dem Bohrinsel-Slalom beschäftigen und sieht regelmäßig Frachtschiffe und Fischerboote. Hier ist nichts los.

Ich höre mir die Sissiphonie Nr. 5 in Atlantik-Moll an und vermisse die Pauke aus dem Wassertank zunächst einmal nicht. Ein leichtes Surren vom Windgenerator, dazu das Knarzen der Inneneinrichtung bei jeder Schiffsbewegung. Dumpfe Schläge der Wellen-Drums, die gegen die Bordwand klatschen werden rhythmisch unterlegt von den im Takt klirrenden Gläsern im Glasregal. Dieser Takt gilt auch für den Herd, dessen halbkardanische Aufhängung nach einem Tropfen Öl schreit. Die Brotbackform hat sich losgerissen und schlägt in der Lasagneschale hin und her, ein paar Geschirrtücher schaffen Abhilfe. Ich liege auf der Couch, unter mir tanzen die Konservendosen in der Vorratslast Tango. Ich sortiere sie neu. Das Besteck in der Schublade schlägt seinen leisen Beat, wesentlich lauter ist der Blumenkohl, der aus seinem Netz heraus auf den Vorratsdosen für das Mehl trommelt. Mit einem dumpfen Schlag fällt der Hackenporsche in der Vorschiffskoje auf den Boden, die Ausstiegsleiter hin terher. Eine schlecht gesicherte, offene Packung Tagliatelle verteilt sich anmutig vor dem Herd.

Glasregal – entklirrt!

Nach dem Monduntergang ist die Nacht sternenklar. Ich schalte für eine halbe Stunde jedwede Beleuchtung auf der Sissi aus und genieße die Unendlichkeit über mir. Sterne, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. In der Mitte zieht sich das Band der Milchstraße hindurch. Ab und an fällt eine Sternschnuppe. Ich wünsche mir mehr Wind. Gegen halb Vier wecke ich Jens, der in seiner Koje immer von einer Seite zur anderen gerollt ist und nicht viel Schlaf bekommen hat. Dafür ist seine Unpässlichkeit wie weggeblasen. Sehr gut. Alles ist wie immer. Auch ich werde durch die Gegend gerollt und finde lange keinen Schlaf.

Winsch

Die vier Meter hohen Wellen sind überhaupt nicht schlimm, auf denen fährt Sissi einfach rauf und runter. Das Problem sind die kleinen Wellen, die sich darin verbergen. Die neigen, drehen und schütteln Sissi, bringen uns immer wieder vom Kurs ab und lassen das Segel schlagen und knallen.

Die Pauke aus dem Wassertank ist jetzt wieder da. Wir haben 120 Liter Wasser gemacht, der Tank ist jetzt fast ganz voll. Damit ist unser Sissiphonieorchester wieder komplett. Wir werden wohl den Rest des heutigen Tages noch brauchen, um uns an die Situation auf See zu gewöhnen. Alles ist wie immer.

Aktuelle Position (um 14:30 Uhr): 35°49‘N 9°40‘W
Erstes Etmal: 93,2 Meilen (mit 3,7 kn langsamer als ein DHL-Paket)
Reststrecke: 450 Meilen

Der Countdown vor der Abfahrt

Wenn wir irgendwo fest gemacht haben, dann ist das Boot richtig fest. Das ist nicht wörtlich gemeint, jedes Boot braucht am Steg eine gewisse Bewegungsfreiheit. Sonst ist das nicht gut für die Leinen, die Klampen und die Nerven der Besatzung. Ich meine den Umbau der mobilen, segelnden Sissi zu einer Ferienwohnung im Hafen und wieder zurück. Das ist zwar inzwischen alles Routine, es strengt jedoch an und deswegen machen wir das nur, wenn es sich lohnt oder wenn wir den alten Ort gründlich satt haben. Manche Orte entwickeln darüber hinaus gewisse Klebekräfte, die einen zusätzlich festhalten.


Oft liegen wir lange an einem Ort. Wenn es dann endlich weiter gehen soll, findet in unseren Köpfen und auch in der Realität ein Countdown statt, der mindestens mal so genau durchexerziert wird, wie beim Start einer Rakete in den Weltraum. Meistens jedenfalls.

Borduhr

-86400 Sekunden
Einen Tag vor der geplanten Abfahrt prüfen wir das Wetter noch einmal. Eigentlich prüfen wir das Wetter ständig, vor der Abfahrt machen wir es aber noch viel öfter. Wir schauen, welche Vorräte noch ergänzt werden müssen und kaufen diese dann ein. Natürlich vergessen wir dabei immer wieder wichtige Dinge im Laden, das können wir irgendwie nicht verhindern. Selbst wenn wir den Einkauf gut planen und einen Einkaufszettel schreiben, vergessen wir den Zettel an Bord.

-43200 Sekunden
So zwölf Stunden vor der geplanten Abfahrt räumen wir auf. Selbst wenn Sissi erst seit zehn Minuten am Steg liegt, verteilen sich Gegenstände durch das Schiff, die alle wieder an ihrem Platz geräumt werden wollen. Liegen wir länger, wird es immer schlimmer. Wir sind nicht die einzigen, denen es so geht, dieses Problem haben alle. Sollten wir noch ein Brot brauchen, backen wir noch ein Brot. Manchmal kochen wir Essen auf Vorrat, manchmal planen wir Mahlzeiten, die wir auf See zubereiten wollen. Das kommt darauf an, ob wir nur einen kurzen Törn von weniger als 24 Stunden Dauer oder einen längeren Schlag von mehreren Tagen vor haben.

-7600 Sekunden
Zwei Stunden vor der geplanten Abfahrt fangen wir so langsam an, Sissi richtig seeklar zu machen. Wir bringen den Müll zum Müllcontainer. Oft duschen wir noch einmal. Geschirr wird noch weggespült und weggeräumt. Die Luken werden verschlossen, Wäsche eingesammelt und verräumt. Wir haben ein kritisches Seeventil, das muss geschlossen werden. Außerdem hängt da oft noch die Sonnenschutzplane über dem Baum, die will abgenommen, gefaltet und verstaut werden.

-3600 Sekunden
Eine Stunde vor der geplanten Abfahrt sammeln wir das Stromkabel für den Landstrom ein und verstauen es. Wir fangen an, die Leinen, die Sissi am Steg festhalten, so umzubauen, dass wir sie vom Boot aus mitnehmen können. Wir verabschieden uns von den Nachbarn. Ggf. wird noch ein Reff ins Großsegel eingebunden. Regelmäßig prüfen wir den Motor (Motoröl, Kühlmittel, Keilriemen) vor der Abfahrt.

-300 Sekunden
Ein paar Minuten vor der Abfahrt starten wir den Motor. Der darf schon etwas brummen, bevor wir Leistung von ihm fordern.

-60 Sekunden
Wir machen die Leinen los. Eine, noch eine, noch eine und noch eine. Lediglich eine Leine hält uns zum Schluss. Oft müssen wir schon jetzt einen Gang einlegen, das Getriebe einkuppeln, denn mit einer Leine ist die Situation nicht mehr stabil.

-10 Sekunden
Ein letzter Rundumblick, sind andere Boote im Weg? Können wir aus der Box heraus fahren?

-9, 8, 7, 6…. 3, 2, 1, 0 Sekunden
Die letzte Leine ist los, wir bewegen uns.

+60 Sekunden
Jetzt werde die Fender und Leinen verstaut. Derweil brummt der Diesel und schiebt uns raus aufs Meer.

+300 Sekunden
Wenn alle Fender und alle Seile verstaut sind, kommt die Gewissensfrage: Reicht der Wind? Dann ziehen wir die Segel hoch. Reicht der Wind noch nicht aus, brummt der Motor erst einmal weiter. Wir bemühen uns immer, nur dann aus dem Hafen zu fahren, wenn wir auch brauchbaren Wind erwarten.

+1800 Sekunden
Die Segel sind oben und der Motor wird gestoppt, das Schiff läuft auf dem elektrischen Autopiloten und die Windfahnensteuerung muss justiert werden. Ist das erledigt, schalten wir den elektrischen Autopiloten ab und fahren unter Windsteuerung.

+2143 Sekunden
Schon fertig! So schnell und einfach geht das. Dann segeln wir und können das theoretisch unendlich lange tun. Wir können jede Entfernung zurücklegen, weil unser Treibstoff nie ausgeht. So fühlt sich echte Freiheit an. Wir machen einen Sprung von ein bis vier Tagen Dauer und haben einen neuen Stellplatz für unser Wohnmobil.

Beim Anlegen läuft alles in umgekehrter Reihenfolge, nur holen wir uns keinen frischen Müll aus dem Container. Den produzieren wir selbst. Der Countdown zum Anlegen ist wesentlich kürzer. Je schneller wir fertig sind, desto schneller haben wir das verdiente Anlegerbier in der Hand.


Dann sind wir wieder fest. Für ein paar Tage. Oder für ein paar Tage mehr.

Langsam, aber so richtig langsam

Nach einem schönen Tag und einer weiteren Duschorgie in Sines haben wir um 20 Uhr die Leinen losgemacht und sind in Richtung Lagos gestartet. Dort hatten wir eine Reservierung in der Marina für den Folgetag, die uns Marc von der Gentoo besorgt hat. Es war wohl der letzte Platz, der zu bekommen war. Danke, Marc!

Wie vorhergesagt setzte der Wind gegen 21 Uhr ein. Wir stoppten den Motor und segelten auf einem fast idealen Kurs die Küste entlang. Zunächst jedenfalls. Es war wenig Wind und wir liefen nur mit drei Knoten, doch immerhin konnten wir segeln.

Unser Weg nach Lagos

Wir segelten die ganze Nacht durch bis um 10 Uhr am folgenden Morgen. Das sieht man schön auf dem obigen Bild. Der Wind drehte zu unseren Ungunsten (war nicht so vorher gesagt) und nahm nicht an Stärke zu (was vorhergesagt war). Mal wieder war der Wind also ein unsteter Geselle. An der Stelle, wo die Zickzacklinie aufhört und die gerade Motorlinie nach Süden beginnt, hatten wir uns lediglich 20 Meilen von Sines entfernt, sind aber dafür 14 Stunden unterwegs gewesen. Das ist echt so richtig langsam.

Das Cabo Sao Vicente wollte und wollte nicht näher kommen. Also warfen wir unsere guten Vorsätze über den Haufen und starteten den Motor wieder. Der brachte uns dann in 10 Stunden die restlichen 55 Meilen nach Lagos. Ich möchte gar nicht an den guten Diesel denken, den wir hier verschleudert haben. Wir hätten auch noch zwei Tage lang die Brauerei in Sines besuchen können und dort auf besseren Wind warten. Haben wir aber nicht, wir sind in Lagos.

Leuchtturm am Cabo Sao Vicente

Kurz vor dem Sonnenuntergang passierten wir das Cabo Sao Vicente. Die Felsen sind beeindruckend und die Wassertiefe gibt es her, dass man hier ganz dicht heran fahren und fotografieren kann.

Cabo Sao Vicente

Ebenfalls beeindruckend war das Wasser, das durch die Gegend spritzt, wenn es in den Löchern und Höhlen an den Klippen einschlägt.

Natürlich haben wir es nicht mehr vor 19 Uhr bis nach Lagos geschafft, konnten also nicht in die Marina einfahren. Vor der Marina ist eine Fußgänger-Klappbrücke, die nur zu den Öffnungszeiten des Marinabüros bedient wird. Wir übernachteten also am Wartepontoon und haben selten so ruhig geschlafen. Am nächsten Morgen kamen wir dann in den Hafen hinein.

So langsam sind wir noch nie gesegelt.

Atlantik bei Vollmond

Gegen Mittag sind wir in Oeiras gestartet, haben einen einigermaßen kitschigen Sonnenuntergang und den Klassiker “Reste von gestern” genossen und fahren in Richtung Sines.

Zum Klassiker muss ich aber noch ein paar Worte schreiben. Jens ist bekanntermaßen unheilbar lasagnesüchtig. Ich kann manchmal ein wenig Abwechslung auf dem Teller gebrauchen. Deswegen überlege ich mir, wie ich andere Gerichte in Form einer Lasagne servieren kann. Hilft allerdings nicht viel.

Lasagne Portuguese – in Portugal zubereitet

Ich habe ein Blumenkohl-Kartoffelgratin zwischen Lasagne-Nudelplatten gepackt. Es war sehr lecker. Jens meinte hinterher, es würde wie Kleister im Magen liegen. Er hat halt zugeschlagen, als würde er eine echte Lasagne essen.

So viel zu den Resten von gestern. Wir sind bei schwachem Wind aus dem Hafen motort, konnten nach einer halben Stunde die Segel setzen und zwei Stunden später in Richtung unseres Ziels wenden. Hält sich der Wind an die Vorhersage, kommen wir morgen kurz nach Sonnenaufgang in Sines an. Es gibt dort leider keine Straßenbahn.

Atlantik bei Nacht im Vollmond

Während meiner Wache geschieht zunächst nicht viel. Der Wind nimmt ein wenig zu, wir werden schneller. Das ist in etwa so, wie es vorhergesagt war. Noch passt unser Plan zum Wetter. Mal sehen, wie viele Motorstunden am Ende noch dazu kommen. Die Windfahne hält uns sauber auf Kurs, auf unserem Track sieht man schön, wie das Cabo Espichel den Wind gedreht und damit unsere Kurslinie geändert hat. Leider ändert sie sich gerade zurück und wird damit ungünstiger.

Irgendwann sehe ich einen Frachter auf dem AIS, der uns schon eine Weile aufs Korn nimmt. Irgendwie will der Kapitän genau da hin, wo wir auch hinfahren. Aber das passt schon. Letztendlich fährt der Frachter 250 Meter vor uns durch. Keine Probleme.

Der Frachter

Insgesamt wieder eine angenehme, ruhige Überfahrt, obwohl wir einen Kurs hoch am Wind fahren. Das ist die Art von Kursen, die normalerweise reichlich anstrengend sind. Doch noch hält sich die Welle in Grenzen. Wir gleiten durch das dunkle Wasser.

Ich staune, wie weit draußen hier das Internet noch funktioniert. Das sind schon einige Meilen von Sissi bis zum nächsten Funkmast. Das beeindruckt mich – deswegen blogge ich auch live von der Überfahrt. Unsere Position ist derzeit 38°16’N 9°07’W. Es ist Mitternacht.

UPDATE:
Es ist jetzt gut 12 Stunden später. Mir fällt auf, dass ich gestern Nacht vergessen habe, den Screenshot vom Navigationscomputer in diesen Beitrag zu packen. So schön die Segelei in der Nacht ist, manchmal bin ich um die Zeit ein wenig unaufmerksam.

Mitternacht auf dem Weg nach Sines

Ich finde, man sieht auf dem Bild sehr schön, wie der Wind am Kap umgelenkt wird und wie dadurch unser Kurs beeinflusst wird. In Vor-Windfahne-Zeiten haben wir in diesen Situationen immer am Autopiloten nachgeregelt bzw. an den Segeln gezupft. Jetzt machen wir gar nichts mehr – ein echter Komfortgewinn.

Wir haben letztendlich um 9:57 Uhr die erste Leine mit dem Steg verbunden. Die GNR war um 10:13 Uhr da und hat Formulare ausgefüllt. Dann war ich von 10:28 Uhr bis 10:57 Uhr beim Hafenmeister, es wurden dieselben Daten in andere Formulare geschrieben. Anschließend habe ich noch einen Blick in die Duschen geworfen – ein wahrer Tempel. Die besten Duschen seit Belfast. Und das für nur 16,31€ pro Nacht. Wenn jetzt der Ort noch schön ist, könnte ich schwach werden. Doch die Windvorhersage für morgen ist ziemlich gut. Mal sehen, wie sich der Aufenthalt hier entwickelt.

Blick vom Heck der Sissi nach Sines