Gros Islet Friday Night Party

Jeder hat uns von der großen Party erzählt. Der Sicherheitsmann am Marinator. Der Wäschemann mit seinem Wäscheboot. Der Obstmann. Die Taxifahrer. Die Busfahrer. Der Barmann. Alle sprechen von der großen Friday Night Party in Gros Islet. Es steht in allen Reiseführern. Wir müssen da hin.

Vor der Marina warten wir kurz auf den Bus, als ein Taxifahrer vorbei kommt und uns ein Taxi empfiehlt. Es sei schwierig, mit dem Bus zur Party zu kommen, weil da jeder hinfahren würde. Der Bus kommt nach zwei Minuten und hat Platz für uns alle.

Am Anfang sind noch nicht alle Verkaufsstände fertig aufgebaut

Wir spazieren von der Bushaltestelle aus die Partymeile entlang. Aus der Ferne erklingt Musik, die großen Lautsprecherboxen haben wir schon vor ein paar Tagen gesehen. Es riecht lecker nach Grill. Es ist etwa 20 Uhr.

Mir fällt sofort auf, dass ich mich mit meiner hellen Hautfarbe nicht mehr alleine fühlen muss in Gros Islet. Unter der Woche sieht man hier keine weißen Touristen, am Freitagabend ist alles voll davon. Das muss an den Reiseführern liegen.

Zielgruppe

Es ist schon schön gemacht. Überall am Straßenrand sind Stände mit Grill (Hühnchen, Leiterchen, Lobster, Spieße) oder Rumpunsch oder Nippes. Die Nippesbuden sind schwer frequentiert.

Nippesbude

Auch ein Kunsthandwerker hat seinen Verkaufsstand aufgebaut. Hier ist der Andrang doch recht übersichtlich. Ob sich das in der Nacht noch ändern wird?

Kunst

Zunächst ist das alles sehr übersichtlich. Der Andrang hält sich bis 22 Uhr noch ziemlich in Grenzen. Wir essen vom frisch Gegrillten zu Abend und lassen uns ein wenig durch die Straßen treiben.

Grillbude

Nicht nur die zweibeinigen Bewohner von Gros Islet freuen sich jeden Freitag auf die Party und das Geld, das ihnen in die Kasse gespült wird. Auch die vierbeinigen Bewohner scheinen ihre helle Freude an der Grillorgie zu haben.

Vierbeinige Zuschauer beim Abendessen

Wir beschließen gegen 23 Uhr, dass wir wieder zurück zu Sissi wollen. Inzwischen ist es richtig voll geworden. Die Leute tanzen auf der Straße. Es herrscht Ballermann-Stimmung. Drogenverkäufer bahnen sich ihren Weg durch die Menge. Es wird sogar offen Kokain angeboten, das habe ich noch nie in dieser Form gesehen.

Ballermann auf St. Lucia

Ich habe ein paar kleine Videos angefertigt, um die Stimmung besser transportieren zu können.

Die Leute in diesem Film haben freiwillig gezeigt, dass sie Probleme haben, ihren Namen grammatikalisch korrekt zu tanzen. Alle. Wirklich jeder in diesem Video.

Fazit: Noch einmal brauche ich sowas nicht. Es war eine sonderbare Erfahrung. Ich habe aber auch noch nie einen Pauschalurlaub in einem Ferienresort gemacht. So sieht das also aus, wenn die Leute aus dem Resort frei gelassen werden.

Busfahren auf St. Lucia

Anstatt mich Jens uns seinen Fahrkünsten anzuvertrauen, teste ich lieber den öffentlichen Busverkehr. Die Busse fahren für Preise zwischen 1,50$ (XCD) und 8$ zwischen allen wichtigen Städten der Insel hin und her. Es sind Kleinbusse, dafür gibt es davon unglaublich viele. Die Linie 1A von Castries nach Gros Islet fährt an der Marina vorbei und die Fahrzeuge kommen alle zwei Minuten, manchmal noch öfter. Es handelt sich wohl um die bestfrequentierte Buslinie der Insel.

In Castries steige ich um auf die Linie 2H nach Vieux Fort. Bei unserem Kurzbesuch mit dem Mietwagen hatte ich den Eindruck, dass ich diesen Ort unbedingt noch einmal in Ruhe ansehen möchte.

Bushaltestelle der Linie 1A in Castries

Ich komme an einer zentralen Bushaltestelle an. Zunächst freue ich mich, dass ich gleich den zentralen Busbahnhof gefunden habe. Da stehen über 100 Minibusse auf einem riesigen Parkplatz, eine Schlange Minibusse steht am Straßenrand und rollt Meter um Meter vor. Dann sehe ich, dass es sich nur um die Haltestelle der Linie 1A handelt

Die Linie 1B hat ihre Haltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein paar Kreuzungen weiter finde ich Busse der Linien 3H und 4C. Nur die Haltestelle der 2H finde ich nicht. Ich frage einen Passanten. Der erklärt mir, dass ich durch die halbe Stadt laufen muss, um die Haltestelle der 2H zu finden.

Verkaufsbuden in Castries

Ich mache mich auf den Weg, der am Kreuzfahrtterminal vorbei führt. Unterwegs sehe ich eine Bushaltestelle nach der anderen. Immer steht eine mehr oder minder große Zahl von Minibussen abfahrbereit da und wartet auf Fahrgäste. Irgendwann wird mir klar, dass die ganze Innenstadt von Castries ein riesiger Busbahnhof ist mit tausenden von Minibussen, die über mehrere Dutzend Routen von hier aus auf die Insel ausschwärmen.

Mit der Linie 2H geht es dann bald los. Die Busse fahren wesentlich schneller als Jens. Und die Busfahrer kennen alle Schlaglöcher mit ihren Vornamen. So ist die Fahrt dann eher ein sanftes Gleiten unter ständigem Fahrtrichtungswechsel, wenn den Schlaglöchern ausgewichen wird. Der Busfahrer nimmt es auch mit der Fahrzeit sehr genau, er hat für für eine Airline gearbeitet und setzt jetzt alles daran, seine Fahrgäste mit Höchstgeschwindigkeit und maximalem Komfort zu befördern.

Zu allem läuft selbstverständlich Reggae-Musik im Radio.

Vieux Fort macht mir auf den zweiten Blick keinen Spaß mehr. Zu den Einheimischen finde ich praktisch keinen Kontakt. Im Prinzip gibt es nur zwei Sorten von Einheimischen. Die ganz, ganz armen Leute, die jeden Touristen um ein paar Dollar anschnorren. Und diejenigen, denen es ganz gut geht und die einen Job haben. Von denen werde ich ignoriert. Es ist sehr, sehr schwer, mal ins Gespräch zu kommen. Kann es sein, dass das von den vielen Kreuzfahrttouristen herrührt? Wenn ich mal ins Gespräch gekommen bin und mein Boot als Segelboot verortet ist, ist der Gesprächspartner plötzlich viel aufgeschlossener.

Hauptstraße in Viex Fort

Bemerkenswert allerdings die Predigerin. Das haben wir auf Barbados schon gesehen und hier sehe ich es jetzt auch. Eine Frau, die mit Hilfe einer starken Lautsprecheranlage jedem über Gott erzählt. Dabei werden Maiskolben gegrillt.

Ich nehme den nächsten Bus in Richtung Souvriere. Der Linienweg geht über eine schöne Küstenstraße, das weiß ich schon von meiner Mietwagentour. Auch dieser Busfahrer gibt alles. Busse überholen andere Fahrzeuge. Busse werden nicht überholt.

Einfahrt nach Souvriere mit Kirche

In Souvriere fällt mir die Kirche auf, die sich so ganz von den anderen Kirchen auf der Insel unterscheidet. Die meisten haben die Anmutung einer Garage, auf die man ein Türmchen mit Glöckchen und Kreuz gestellt hat. Diese hier sieht massiver aus.

Nicht erst gestern erbaut worden.

Sie ist außerdem eine der wenigen Kirchen, die außerhalb des Gottesdienstes geöffnet sind. Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen, es ist die erste Kirche, die ich auf diesem Kontinent fotografiere.

Kirche von innen

Der Spaziergang führt mich weiter durch den Ort und ich staune nicht schlecht, als ich das Dienstschild des deutschen Honorarkonsuls sehe. Mitten in Souvriere. Und nicht über Google findbar, jedenfalls nicht auf die Schnelle. Das Nagelstudio findet man schon.

Honorarkonsul

Die Busfahrt führt mich weiter durch viel Grün auf der Insel. St. Lucia ist wesentlich stärker bewaldet als Barbados. Das liegt natürlich auch daran, dass ein großer Teil des Bodens landwirtschaftlich überhaupt nicht genutzt werden kann.

Küstenstraße

Der Busfahrer gibt wieder alles. Die Fahrt ist rasant. Plötzlich legt er den Sicherheitsgurt an. Dann kommt ein Polizeiwagen am Straßenrand, das sieht wie eine Kontrolle aus. Dann legt er den Gurt wieder ab.

Dschungel

Kurz vor der Hauptstadt geht es dann über die Bananenplantage. Ich konnte aufgrund der rasanten Fahrt kein Bild der Plantage selbst anfertigen, aber einen Verkaufsstand habe ich erwischt. Es ist Nachmittag, die Kreuzfahrer sind alle weg und die meisten Stände sind verwaist.

Bananenverkauf

Auf den letzten Metern vor Castries kommen wir dann noch an einer Schule vorbei, die gerade Schulschluss hat Die Kinder warten alle auf Busse. Unser Bus ist voll, muss also nicht anhalten. Die Kinder sind das Warten gewohnt.

Schulschluss

Im Stau auf den letzten Metern fragt mich der Busfahrer, ob ich denn noch rechtzeitig zu meinem Schiff zurück kommen werde. Das bejahe ich und erkläre ihm, dass ich noch ein paar Meter bis zum Schiff fahren muss. Das Segelboot macht mich wieder interessant, plötzlich will er mein Herkunftsland wissen und wie das ist, über den Atlantik zu segeln. Die Menschen hier sind doch völlig normal, neugierig eben. Nur nicht an den Kreuzfahrern interessiert. Außer für einen schnellen Dollar.

Unterwegs im Mietauto

Wir haben uns für zwei Tage einen Mietwagen besorgt. Ein optisch von den einheimischen Taxis vor allem durch seine Unverbeultheit unterscheidbarer 8-Sitzer. Also für acht Japaner. Auf St. Lucia gibt es praktisch nur japanische Fahrzeuge. Da sind aber alle namhaften Hersteller vertreten, vom Suzuki-Kleinwagen bis hin zum großen Lexus.

Unsere Tour soll uns einmal um die Insel herum führen. Jens hat sich bereit erklärt, das Ruder zu übernehmen. Keiner von uns hat richtig Lust, das Auto zu fahren. Der Weg führt uns zunächst in die Hauptstadt Castries.

Kreuzfahrtschiff im Hafen von Castries

Im Mietwagen quälen wir uns durch den Stau in der Innenstadt. Der Kreuzfahrer überragt alle Gebäude und wirkt deplatziert. Die Straße windet sich wieder aus der Stadt heraus, es wird langsam grün und dann eröffnet sich noch einmal ein Blick über die Bucht von Castries – mit drei Kreuzfahrtschiffen.

Kreuzfahrer in Castries

Anschließend fahren wir durch Bananenplantagen (Jens weigert sich anzuhalten) und Verkaufsstände für Nippes. Ob die wohl an die Kreuzfahrttouristen verkaufen? So viele Segler sind nicht auf der Insel unterwegs, davon könnten sie nicht leben.

Die beiden Pitons

Mitten im Dschungel halten wir an, eigentlich um einen Farn zu fotografieren. Ein freundlicher Armkettchenhändler macht uns auf den schönen Blick auf die Pitons aufmerksam. Dafür will er lediglich noch ein paar Armkettchen verkaufen, Zigaretten schnorren, Dollars erbetteln und uns noch ganz, ganz viel erzählen. Hier hat es Vorteile, nicht auf den Bus warten zu müssen.

Jens tritt aufs Gas. Er holt alles aus dem Mietwagen heraus. Er trifft jedes Schlagloch in der Straße. Leider kommen sie auf St. Lucia nicht hinterher, die durch den starken Frost entstandenen Frostaufbrüche und Schlaglöcher zu reparieren. Das japanische Auto ist das perfekte Suchgerät. Unsere Bandscheiben kreischen. Im Abstand weniger Minuten ziehen Linienbusse, Privatautos, Pferdekutschen und Schneckenrennen an uns vorbei.

Überholer

Auch der Pickup-Truck überholt uns mit hoher Geschwindigkeitsdifferenz. Der Blick auf die Ladefläche lässt mich fast laut lachen und ganz schnell die Kamera hochreißen. Dieses Foto wollte einfach aufgenommen werden.

Lotse in Souvriere

In Souvriere kommen wir wieder in einen dicken Stau, versuchen es mit einer Umfahrung und stecken fest. Ein Anwohner nutzt die Gelegenheit, uns von dem Unfall zu erzählen, den es gegeben hat. Dann lotst er uns Schritt für Schritt wieder aus dem Straßengewirr. Das alles tut er für uns, ein paar Dollar und Zigaretten.

Der Reichtum auf dieser Insel scheint sehr ungleich verteilt zu sein. Auf Barbados sah das anders aus. Dort erschienen uns die Armen nicht ganz so arm. Hier stürzen sie sich auf jeden Touristen, um sich ein paar Dollar zu erbetteln. Gleichzeitig ist die Zahl japanischer Luxuslimousinen auf den Straßen erstaunlich hoch.

Hier endlich kehren wir ein

Wir fahren weiter, weiter und weiter. Bis ganz in den Süden nach Vieux-Fort. Wir sehen Kühe unter Palmen wiederkäuen, halten aber nicht an für ein Foto. In Vieux-Fort kommen wir aus Versehen in eine Einbahnstraße. Falsch herum natürlich. Es geht glimpflich aus, Jens kann den Wagen wenden, bevor der erste Gegenverkehr kommt. Irgendwann macht sich ein Murren im Wagen breit, wir wollen Nahrung, wir wollen eine Pause. Kaltgetränke.

Wir fahren von der Hauptstraße ab in ein kleines Dorf. Zuerst finden wir den Fischmarkt, dann gibt es nirgendwo eine offene Kneipe. Dann ist die Straße halb mit einem Jeep blockiert, an dem wir natürlich mit dem Kotflügel hängen bleiben. Der Schaden am Jeep ist egal, ein Einheimischer erklärt uns, dass das Auto aufgegeben wurde. Der Schaden am Kotflügel des Mietwagens – so erfahren wir ein paar Tage später – ist ein ganz klein wenig höher, als die Selbstbeteiligung der Autoversicherung.

Endlich finden wir in diesem Dorf eine Art Dorfkneipe, die natürlich Hähnchenschenkel im Angebot hat. Und Pizza. Wir stillen Hunger und Durst. Die örtliche Katze ist nicht zur Zusammenarbeit bereit.

Jens findet auf dem Rückweg zur Marina noch ein paar Schlaglöcher, ansonsten kommen wir gut zurück bei Sissi an. Am zweiten Tag der Automiete will ich nicht mehr mit. Mir war es zu viel Fahrerei und wir haben keine Einheimischen kennen gelernt.

Gros Islet

Nur einen Kilometer von der Marina entfernt liegt der Ort “Gros Islet”. Hier fahren die Sammeltaxi-Busse hin, die die Marina mit der Hauptstadt verbinden. Wir laufen dort hin, um außerhalb der Marina etwas in einem Restaurant zu essen. Außerdem wollen wir sehen, wo und wie die Einheimischen leben. In der Marina ist man schon ziemlich für sich.

Hauptstraße in Gros Islet

Bei unserem ersten Besuch haben wir kein Bargeld. Wir sind am Abend vorher in St. Lucia gelandet und konnten bislang noch keinen Geldautomaten finden, der mit unseren Karten zusammen gearbeitet hätte.

Auf der Straße tobt das Leben

Auf der Straße ist kurz vor Sonnenuntergang einiges los. Wir genießen den Spaziergang, auch der Obdachlose, der uns den Ort zeigen will, bekommt einen Dollar. Da wir nur noch ein paar US-Dollar Bargeld haben, bekommt er einen US-Dollar. Also drei ostkaribische. Davon bekommt er ein Getränk.

Erwerb von Erfrischungsgetränken

Die einzige Bar, die ein MasterCard-Symbol hatte, suchten wir mit unseren Kreditkarten auf. Der Wirt meinte, es ist kein Problem, ein paar Erfrischungsgetränke auf Karte zu zahlen. Auch der Obdachlose bekommt jetzt noch ein Getränk. Der wird immer teurer für uns und wittert seine Chance für Nippesverkauf. Vergebens.

Die Papierrolle im Kartenlesegerät ist leer. Das verrät das Gerät auf Nachfrage. Der Wirt ist etwas überfordert. Er führt ein Videotelefonat und bekommt die Maschine erklärt. Dann legt er die Papierrolle zunächst falsch herum ein. Wir haben längst ausgetrunken. Dann legt er die Rolle richtig herum ein. Er druckt mehrere Meter Belege und am Ende können wir bezahlen. Dann gibt der Wirt noch eine Runde aus.

Die Sonne geht langsam unter

Bei unserem nächsten Besuch in Gros Islet wollen wir essen gehen. Wir finden ein Restaurant, das lecker riecht, und setzen uns hinein. Alles stimmt, das Essen ist lecker und der Preis nicht halb so hoch wie in der Marina. Hier gehen wir gerne wieder hin. Einen Teil des gesparten Geldes investieren wir dann noch in die Bar mit dem Kreditkartenleser.

Natürlich kennt der Wirt uns noch

In einer Laune lassen wir uns vom Wirt einen Rum empfehlen, der von St. Lucia sein muss und gut schmecken soll. Der Wirt versteht sofort, was wir wollen. Wir erhalten vier Plastikbecherchen mit etwas warmem Rum und einer Limonenschweibe darin. Beim ersten Schluck zieht sich mir alles zusammen. Ich habe Angst, den Laden blind zu verlassen. Mit etwas Cola und Eis wird das dann alles irgendwie erträglich. Ich trinke nie wieder Rum in einer solchen Kneipe.

Bescheuertes Selfie mit Rum

Niemand aus unserer Runde ist erblindet. Wir schauen uns am nächsten Tag die Edelspirituosen im marinaeigenen Duty-Free-Shop an. Da schmeckt der Rum sicherlich besser.

Opfer

Seit einigen Tagen liegen wir bequem in der Rodney Bay Marina. Das tut echt gut, wir haben Zugang zu Landduschen, Supermärkten und der Bushaltestelle. Nachher werden wir mit einem Mietauto die Insel erkunden. So weit, so gut.

Leider trifft die alte Langfahrer-Regel wieder zu. “Das Boot an den schönsten Plätzen der Welt reparieren.” Ein Taucher hat das Schiff von unten geputzt, solche Dienstleistungen sind hier echt bezahlbar. Obwohl… aber sie sind bequem.

Man sollte sich nur vorher mit dem Dienstleister über die Währung einig werden. Dollar sind nicht gleich Dollar. Ich bin der Meinung, der Preis wäre in XCD (Ostkaribischen Dollar) genannt worden, der Taucher will aber USD (US Dollar) haben. Die USD haben aber den dreifachen Wert… Wir sind uns dann noch einmal einig geworden.

Als der Taucher wieder an die Oberfläche kommt und zu mir sagt, dass die Opferanode getauscht werden muss, kann ich das erst einmal gar nicht glauben. Möchte mich der Kerl etwa bescheißen? Will er sich einen weiteren Auftrag an Land ziehen?

Opferanode am Propeller

Ich drücke ihm die GoPro in die Hand und lasse ihn ein Foto machen. Das will ich mir selbst ansehen. Immerhin ist die Anode kein Jahr alt und erst im letzten Winterlager getauscht worden. Das Bild sagt jedoch, dass die Anode definitiv fällig ist.

In der örtlichen Chandlery gibt es alles. Die ist gut sortiert und hat ein großes Sortiment. Die Preise sehen gut aus, bis ich an der Kasse erfahre, dass alles in USD ausgezeichnet ist. Pffft. 25€ für eine Opferanode. Ich kaufe vier. Immerhin gibt es die hier und unser Verschleiß ist hoch. Und das alles ist duty free, wenn ich das Schiff dort registriere. Ich registriere. Und kaufe. Die Kreditkarte opfert sich an der Kasse.

Sie hat sich geopfert für unseren Propeller

Die Wäsche kommt in die Wäscherei. Die leere Gasflasche auch. Dort wird sie allerdings gefüllt und nicht gewaschen. Der Watermaker bekommt eine Wartung. Unser Parasailor ist beim Segelmacher. Das Boot wird gereinigt. Alles wird entsalzen, wir haben einen Wasserschlauch. Schrauben werden nachgezogen. Irgendwann wird die Hitze zu groß. Wir haben genug Opfer gebracht und verholen unsere glühenden Körper in den Schatten. Morgen ist auch noch ein Tag.

Hinweis: Wenn du mit deinem Boot mal in der Rodney Bay Marina bist und einen Taucher brauchst bzw. haben willst, schaue nach den freiberuflichen Tauchern. Die kommen hier quasi als registrierte Tagelöhner in die Marina. Es gibt auch bei den Vercharterern fest angestellte Taucher, die Aufträge von Privatleuten nebenher übernehmen. Das wiederum kostet den Freiberuflern Einnahmen und wird als unfreundlich empfunden. Ich habe diesen Fehler leider gemacht. Und bei den Preisverhandlungen musst du unbedingt wissen, in welcher Währung man spricht.

Kreuzfahrer-Dreck und Dreckskreuzfahrer

Diesen Beitrag schrieb ich am 14.12. vor der Abfahrt in Santa Cruz. Er gehörte zu den Beiträgen, die während unserer Atlantiküberfahrt erscheinen sollten. Aus verschiedensten Gründen habe ich auf die Veröffentlichung bislang verzichtet, nach dem Erlebnis heute Nacht ist es mir jedoch ein Bedürfnis, meine Meinung zu Kreuzfahrtschiffen mitsamt ihrer Fracht zu äußern.

Dezember 2019, Santa Cruz, Teneriffa: Vorgestern haben Jens und ich die neue Genua hochgezogen. Es war gerade eine gute Gelegenheit, denn der Wind hatte gerade abgeflaut. Dann geht der Segelwechsel am einfachsten von der Hand, denn das Segel wird nicht wild in der Gegend herum zappeln. Ich stand an der Winsch, um das Segel hoch zu kurbeln, Jens am Vorstag zum Einfädeln das Segels in die Rollanlage. Plötzlich blieb mir die Luft etwas weg, ich fühlte mich, als würde ich direkt am Auspuff eines VW Diesel einen tiefen Luftzug nehmen.

Queen Victoria rußt

Die Queen Victoria liegt heute in Santa Cruz. An derselben Stelle liegt jeden Tag ein anderes Schiff. Alle lassen ihren Dieselgenerator im Hafen laufen. Alle hinterlassen diese fette Rußfahne, die man auf dem vom Vordeck der Sissi aufgenommenen Bild gut erkennen kann. Das ist die eine Seite der Kreuzfahrerei. Ich kann sehr gut verstehen, dass die Venezianer, die Hamburger und eigentlich alle Bewohner der von Kreuzfahrtschiffen überlaufenen Städte dieser Umweltverpestung Einhalt gebieten wollen.

Der Ruß wird vom Wind in den Salon der Sissi getrieben. Den Ruß atmen wir beim Arbeiten auf dem Schiff ein, wir bekommen ihn auch in der Freizeit ab. Er zieht bis in unsere Schlafkoje. Erst wenn sich der Kreuzfahrer mit einem Höllenlärm von seiner Schiffströte mitten in der Nacht verabschiedet, zieht langsam wieder frische Luft durch unser Boot.

Kreuzfahrer mit E-Bikes

Außerdem fallen mit jedem Kreuzfahrtschiff auch Horden von Menschen in den Ort ein. Sie stehen im Supermarkt vor uns normalen Bootstouristen in der Schlange und tragen oft die Lebensmittel und Getränke raus, die wir eigentlich hätten selbst kaufen wollen. Die Supermärkte hier sind klein, meist werden sie erst am folgenden Tag wieder beliefert und aufgefüllt.

AIDS Logo auf dem E-Bike

Ändern können wir es nicht. Wir müssen damit leben. Wenn sie mich dann mit ihren E-Bikes aber auf dem Weg vom Boot zur Dusche fast über den Haufen fahren, dann möchte ich sie am liebsten ins Hafenbecken schubsen. Danke, AIDA, dass du so viele E-Bikes mitgenommen und an deine Passagiere verliehen hast. Könnt ihr nicht wenigstens mit Reisebussen durch die Gegend kutschen, wie die anderen Kreuzfahrer auch? Die Busse machen zwar auch Lärm, dafür fahren sie nicht mitten durch die Marina.


31. Januar 2020, 01:50 Uhr, zwischen Barbados und St. Lucia: Ich liege auf der Couch und döse ein wenig vor mich hin. Meine Wache ist fast zu Ende, in einer guten Stunde werde ich Jens wecken. Bislang war die Wache ziemlich ereignislos – wie fast immer auf dem Atlantik.

Ein penetrantes Piepsen bringt mich aus meinem Dämmerzustand schnell wieder in den Wachzustand. Der AIS-Kollisionsalarm meldet sich. In einer knappen halben Stunde wird die Britannia uns über den Haufen fahren oder ganz nah passieren. Hä? Unser AIS sendet. Unser AIS empfängt. Die können sehen, dass wir ein Segelboot sind. Die können unseren Kurs sehen. Ich mache mir keine besonderen Gedanken, denn viele Kreuzfahrer fahren nach Barbados.

Ich sitze im Cockpit und betrachte den hellen Lichtschein, der sich immer mehr nähert. In den ganzen hellen Lampen kann ich die Positionslampen nicht ausmachen. Unser Windpilot steuert seinen normalen Zickzack. Mal werden wir 30 Meter, mal 300 Meter entfernt von der Britannia den nächsten Begegnungspunkt haben. Und zwar in 20 Minuten. Ich probiere den Nachtfotomodus meines Handys aus, da kann man sogar was erkennen.

Noch 20 Minuten bis zur Begegnung

Die Kurslinie des Kreuzfahrers auf dem AIS ändert sich keinen Zentimeter. Er hält auf uns zu. Ich entscheide mich erst einmal für unsere Kurshaltepflicht, die wir als Segler schließlich haben. Das muss auch der Kerl am Ruder der Britannia wissen. Allerdings unterstütze ich den Windpiloten in seinem Zickzack. Das Zick erlaube ich ihm, das Zack nicht. Eine Viertelstunde später steht fest, dass wir den Kreuzfahrer etwa in 100 bis 200 Metern Entfernung passieren werden. Auf dem Handy erscheint eine Begrüßungs-SMS für das Bordnetz der Britannia. Letztendlich war der kürzeste Abstand weniger groß als die Länge dieses Dampfers.

Unfallfrei passiert, die Britannia ist durch

Frachtschiffe haben bislang immer ihren Kurs für uns geändert, auch die 300 Meter langen Brocken. Fähren sind immer einen großen Bogen um uns gefahren. Nur die Kreuzfahrtschiffe sind eine Gefahr, die machen nach unserer Erfahrung nämlich gar nichts.

Die Dreckskerle fahren einfach stur ihren Kurs weiter. Wenn Passagiere vor den Häfen ausgebootet werden, fahren auch die Dinghis eine schnurgerade Linie, ob da ein Segler vorbei kommt oder nicht. Dies soll keine Verallgemeinerung oder ein Vorurteil sein, dies ist mein Urteil nach 6000 Seemeilen unserer Welttournee und ein Fazit aus mehreren Dutzend Begegnungen mit diesen leuchtenden Trümmern.


Jetzt habe ich meinen Dampf abgelassen. Wir haben noch 10 Meilen bis zur Rodney Bay vor uns, werden wohl bei Tageslicht einlaufen. Dann zwei Stunden duschen und anschließend ein riesiges Steak im Marinarestaurant. So stelle ich mir den Abend vor.