Phantomhaare

Menschen mit Amputationen verspüren oftmals noch Schmerzen in den amputierten Gliedmaßen. Das nennt man Phantomschmerz. Ein Teil von einem selbst, das schon immer da war, fehlt. Es fühlt sich aber an als wäre es noch vorhanden.

Ich habe Phantomhaare.

Neulich habe ich mich Abends dabei ertappt, wie ich mir das Haargummi aus den Haaren ziehen wollte. Ziehe ich mir ein T-Shirt an, wandern meine Hände wie automatisch an den Kragen um die Haare herauszuziehen. Meine Brille setze ich mir so auf das keine Haare in den Bügeln hängenbleiben. Beim duschen versuche ich darauf zu achten kein Wasser auf die Haare zu bekommen, weil ich sie nicht mitwaschen will. Jörg berichtet von ähnlichen Ereignissen.

Apropos duschen – Nach meiner ersten Dusche nach der Rasur mußte ich sehr erstaunt etwas feststellen. Ich spürte so etwas wie die Erschütterung der Macht. Meine Sackhaare sind nun länger als die auf meinem Kopf

zwei Glatzen vor der Tram

In tiefer Trauer

Wir haben gelitten und haben uns gequält. Die Sonne brannte heiß in Galicien. Schweiß rann uns in Strömen über die T-Shirts. Entscheidungen mussten getroffen werden. Was sollten wir tun? Was konnten wir opfern, worauf verzichten.

Können wir es wagen, das Unaussprechliche zu tun? Ist das Risiko hinzunehmen? Schaffen wir es, die einschneidende Veränderung in unserem Leben ohne Klagen hinzunehmen? Ist die Entscheidung richtig? Stimmt der Zeitpunkt? Die Luftfeuchtigkeit? Die Windstärke und die Tide? Soll es wirklich jetzt schon so weit sein? Wie sehen die Alternativen aus?

Das Leben eines Seefahrers ist voll von Entscheidungen, die im Nachhinein nicht mehr geändert werden können, für die keine Korrektur mehr möglich ist. Liegt das Schiff erst einmal auf den Felsen, kommt oft jede Rettung zu spät. Wie schön wäre es gewesen, wenn man vorher nicht den Kurs auf den Felsen gesteuert hätte. Steuern wir Sissi auf diese Weise in das Riff? Liegen wir bald auf Grund? Zerreißen uns die Segel? Verderben die Nahrungsmittel? Haben wir bald ein Fischernetz in der Schraube? Alle diese Fragen wollen bedacht werden. Nur so können wir es vermeiden, auf den Felsen zu fahren.

Und so ist es nun. Die Entscheidungen wurden getroffen. Die Konsequenzen sind sichtbar. Wir sind um eine Erfahrung reicher geworden.

Wir wurden Zeugen eines Ereignis, das in dieser Form in diesem Jahrtausend noch nicht statt gefunden hat. Wir möchten dieses Ereignis keinesfalls unangemessen überhöhen, doch kommen an dieser Stelle keine anderen Worte in Betracht. Es war ein großes Ereignis.

Wir trauern. Wir haben sie verloren. Sie sind weg.

Wir müssen uns daran gewöhnen. Aber leuchtet ein Licht am Horizont. Es wird von Tag zu Tag heller. Es wird an dem Tag ungefiltert leuchten, an dem ich mir nicht mehr den Zopf unter dem Kamerariemen hervor ziehe.

The Swinging Oven – Folge 3

Schon wieder ein Kochvideo? Ja, das muss sein. Kochen ist bei 6-7 Bft auf Vorwindkurs eine ganz andere Nummer, als der Am-Wind-Kurs zwischen Guernsey und Roscoff. Außerdem haben wir es diesmal ein wenig anders gemacht. Wenn Sissi sich in den Wellen rollt, ist auch der Verzehr der Nahrung eine Herausforderung. Als Anti-Rutsch-Matten kamen feuchte Geschirrtücher zum Einsatz, das funktioniert prima. Außerdem sind die Tücher leicht waschbar, wenn doch etwas vom Teller läuft.

Kochen irgendwo zwischen Spanien und Portugal

Malerarbeiten abgeschlossen

Jens hat sich heute ins Zeug gelegt und die Malerarbeiten in unserem Cockpit abgeschlossen. Das sieht jetzt schön weiß aus und wir werden uns die Füße am Boden nicht mehr verbrennen, wenn die Sonne das Holz erhitzt. Jetzt müssen wir noch Decksfarbe besorgen und das Deck ebenfalls weiß streichen und dann steht dem Aufenthalt in der Karibik nichts mehr im Weg.

Fertig gemalertes Cockpit

Wir sind hier in Porto einem Skandal auf die Spur gekommen. Immer wieder hört man, dass Windräder nur dazu gebaut werden, um Vögel in kleine Teile zu häckseln. Ich konnte das bislang nicht glauben. Oder vielmehr bis zu einem Spaziergang zur Metro über die Kaianlagen in Porto. Dort lagen am Ufer fertig aufgereiht Flügel wir Windkraftanlagen.

Riesige Kreissägen

Es hat sicher einen Grund, dass das äußere Drittel der Flügel mit diesen Zähnen besetzt ist. Solche Flügel hatte ich bisher noch nicht gesehen. Wenn sie dort so am Ufer liegen, kann man sie sich als Bauteile riesiger Kreissägen vorstellen, die nur dazu da sind, Vögel im Flug zu häckseln. Hmmmm. Kommen diese Theorien von hier?

Während Jens sich mit dem Pinsel vergnügt hat, habe ich noch ein paar Bilder aus Vigo und von hier ins Blog gestellt.

Morgen jedenfalls wollen wir weiter in Richtung Süden fahren. Mal sehen, wie weit wir kommen werden.

In Porto

Seit ein paar Tagen liegen wir in Porto in der Marina Porto Atlantico in Leixoes. Wir werden auch noch ein paar Tage hier bleiben, denn wir wollen Malerarbeiten erledigen, die wir seit Stavoren vor uns herschieben. Langsam macht sich in der südlichen Sonne der Effekt breit, dass sich der dunkle Holzfußboden im Cockpit stark erhitzt. So stark, dass wir dort nicht mehr barfuß stehen können. Also muss weiße Farbe drauf, das hat bei den Sitzbänken auch prima funktioniert.

Auch Sightseeing ist noch angesagt, Porto hat eine tolle historische Altstadt. Hier macht es Spaß, sich flanierend den Nachmittag zu vertreiben.

Tramlinie 1 in Porto

Dass ich dann noch historische Straßenbahnen fotografieren kann, gefällt mir ganz besonders. Erst nach unserer Ankunft in Porto habe ich von diesen Zügen erfahren, als ich in Wikipedia zur Vorbereitung den Artikel las. Toll. Jens teilt meine Begeisterung nicht zu 100%….

Lustig ist, dass hier im Hafen noch alte Bekannte liegen – so muss man es inzwischen sagen. Zwei Boxen weiter liegt die Milena Bonatti, die wir schon in Camarinas und Roscoff getroffen haben.

The Swinging Oven – Folge 2

Für die Fahrt von St. Peter Port nach Roscoff haben wir uns feine Lammsteaks beim Metzger besorgt. Dass ich die auf hoher See in internationalen Gewässern zubereiten kann, steht für mich außer Frage. Die Frage war eher, wie man die Steaks dann isst, wenn sich Sissi in der See, die Steaks auf dem Teller, der Teller auf dem Tisch und die Segler vor dem Tisch bewegen.

Die Entscheidung fiel dann auf Lammgulasch. Lammgulasch kommt in einem Topf, wird auf einem tiefen Teller serviert und man braucht keine zwei freien Hände, um es dann schlussendlich in den Mund zu schaffen.

Bei fünf bis sechs Beaufort und einem Am-Wind-Kurs ist die Herausforderung, Leckeres auf den Teller zu schaffen, einiges höher als bei einer Motorfahrt durch Restschwell. Oder doch nicht? Schaut selbst!

Der Morgen danach…

Wow. Ich habe lange nicht mehr so gut geschlafen. Auch Jens kam gut gelaunt am Morgen aus seiner Koje gekrochen. Es war eine phantastische Entscheidung, den Aufenthalt in Vigo zu verlängern und die Matratzen zu kaufen.

Wunderbar ist das Gefühl, an jeder Stelle der Matratze liegen zu können und nicht immer wieder in die ausgelegene Kuhle in der Mitte zu rutschen. Toll ist das Gefühl im Rücken, der beim Aufwachen nicht mehr so zwickt. Und wir konnten traumhaft lange schlafen, obwohl es hier für deutsche Verhältnisse schon recht warm ist.

Was schreibe ich da? Hier sind es am Abend nur 30°C, da haben wir aus Deutschland in den letzten Monaten ganz andere Werte gehört. Hier gehört es irgendwie dazu, die Menschen sind darauf eingestellt.

Versorgen in Vigo (II)

Nein, wir haben Sissi immer noch nicht mit Torpedos ausgerüstet. Das Versorgungsschiff haben wir noch nicht gefunden. Allerdings haben wir heute den Komfort an Bord um mehrere Zehnerpotenzen verbessert.

Wie jeden Morgen hat mich heute früh mein Rücken daran erinnert, dass wir Sissi noch mit neuen Matratzen ausstatten wollen. Die alten waren noch von den Vorbesitzern, zwar wesentlich bequemer als die Gästekojen aber doch abgewohnt und ausgelutscht. Also sagten wir uns, dass wir einen Matratzenladen suchen gehen.

Im Internet konnten wir ein Geschäft finden, das nur 20 Minuten zu Fuß von der Marina entfernt liegt, Marco Evaton.

Marco Evaton

Um 16:30 Uhr endet die Siesta, um 16:35 Uhr standen wir im Laden. Mit Hilfe unserer profunden Spanischkenntnisse haben wir nach zwei Matratzen der Größe 90 cm auf 190 cm gefragt (“el colchón“). Außerdem haben wir noch perfekt funktionierende Zeigefinger, können mit der Tochter des Ladenbesitzer (ca. 12 Jahre alt) ein paar Worte Englisch wechseln, das Segelboot als Wohnanschrift auf ein Blatt Papier malen und den Liegeplatz in der Marina auf dem Stadtplan ankreuzen. Die Plastikkarte für die Bezahlung funktioniert international.

Glücklich im Matratzenladen

Wir haben selbstverständlich die Matratzen ausgiebig Probe gelegen. Jede Matratze war besser als die alten Dinger auf dem Boot. Also haben wir die gekauft, die auch mit Sicherheit in die Koje passen. Der Ladenbesitzer versprach uns eine Lieferung noch am selben Tag.

Die alten müssen raus!

Um keine Zeit zu verlieren, haben wir schon einmal die alten Matratzen aus dem Boot heraus geschafft. Die Dinger waren widerspenstig und haben sich gewunden und gewehrt. Natürlich wurde uns neben der Lieferung ans Boot auch die Entsorgung der alten Unterlagen angeboten.

Es gab dennoch ein paar Komplikationen mit der Lieferadresse, die aber mit Hilfe einer freundlichen Spanierin am Straßenrand ausgeräumt werden konnten. Der Ladenbesitzer hat mich angerufen, ich habe nur so viel verstanden, dass er nicht genau wusste, wohin er mit dem Auto fahren soll. Die nette Spanierin sprach gerade genug Englisch, dass ich ihr erklären konnte, sie solle dem Mann am Telefon erklären, wo er hinkommen muss. Perfekt. Hat funktioniert.

Neu, schön, bequem.

In Rekordzeit haben Jens und ich die neuen Schlafunterlagen an Bord und in die Kojen geschafft, frisch bezogen und dann festgestellt, dass wir die neuen, originalverpackten Matratzen gar nicht fotografiert haben. Pech. Ich habe für das letzte Foto das Laken noch einmal runtergezupft. Heute gehe ich früh ins Bett.

Pilgerzug

Der Jakobsweg ist aus Stahl und hat eine Spurweite von 1668 mm. Wir sind ihn von Vigo aus nach Santiago de Compostela gefahren.

Pilgerzug in Santiago de Compostela

Einen Tag lang haben wir den Wallfahrtsort unsicher gemacht. Hier geht es zu meiner Geschichte.

Versorgen in Vigo

Zugegebenermaßen sind die Einkaufsmöglichkeiten in Hafennähe sehr begrenzt. Fußläufig haben wir lediglich einen kleinen Spar-Markt gefunden. Dennoch musste ich diesen Titel für den Blogbeitrag wählen, denn so hieß es auch bei U96 im Film “Das Boot”. Schon im Film hat mich die nächtliche Einfahrt in den Hafen beeindruckt, die Fischer, denen das Boot ausweichen musste. Auch wir sind bei Nacht in den Hafen eingelaufen, mussten jedoch keinen Minen ausweichen. Bei Licht betrachtet sind wir dann im lebendigen Hafen einer Großstadt.

Hafen von Vigo mit Marina im Vordergrund

Dass wir direkt nach Vigo gefahren sind und uns nicht zuerst in den Rias nördlich davon herumgetrieben haben, hatte seinen Grund. Nach drei Wochen verlässt uns unser mitsegelnder Freund Christoph. Er muss am 2. September wieder zur Arbeit gehen. Wir arbeiten auch, aber nur am Boot und nur für uns.

¡Hasta otra!

Während diese Zeilen entstehen, sitzt Christoph im Flieger nach Hause. Gemeinsam sind wir 672 Seemeilen gefahren, haben einen Riss im Großsegel gehabt, zwei Wale und sehr viele Delphine gesehen, drei Länder besucht, von Windstärke Null bis Acht und Wellenhöhen von null bis fünf Metern alles gehabt. Ausflüge vom Boot haben wir auf Guernsey, in Roscoff auf die Île de Batz und nach Santiago de Compostela gemacht. Es war eine schöne Zeit.