Überfahrt nach Barbados Tag 11 – Halse, Online, Offline

Unsere Kurslinie hat sich über die letzten Tage immer weiter in Richtung Norden entwickelt. Deswegen beschließen wir, am Nachmittag eine Halse zu fahren, um mehr in Richtung des 13. Breitengrads zu kommen. Außerdem wollen wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Von der Joint Venture bekommen wir die Nachricht, dass man mit dem vorhandenen Wind problemlos den 13. Breitengrad entlang fahren und auf Barbados zuhalten kann.

Die Halse ist ein echter Komfortverlust. Bisher hatten wir die Wellen einigermaßen gerade von hinten, nur gelegentlich gab es einen Ausreißer, der uns durchgeschüttelt hat. Jetzt kommen die Wellen schräg von hinten und schütteln uns durch, nur gelegentlich gibt es einen Ausreißer, der uns ein paar Minuten Ruhe verschafft. Wir sind jedoch guter Dinge und schauen den Fischen beim Fliegen zu. Eingesammelt haben wir in den letzten Tagen nur noch ganz wenige, Sissi ist offenbar keine gute Landeplattform.

Unsere Internetverbindung ist weiterhin stabil, meine Reparatur mit Panzertape und Schraubenkleber hält sich in dem Geschüttel, Gerüttel und Geschaukel sehr gut. Das ist aber keine “echte” Internetverbindung. Wir können Email senden und empfangen. Außerdem können wir die Wettervorhersage herunterladen. Das ist alles. Sollte zum Beispiel jemand auf die Freigabe eines Kommentars zu einem der Blogbeiträge warten, so muss sich diese Person gedulden, bis wir auf Barbados eine brauchbare Internetleitung installiert haben. Wir können von hier aus nicht auf das WordPress zugreifen. Da werde ich mir für die Zukunft auch noch etwas einfallen lassen.

Wir können allerdings auch nicht auf die Internetseiten einschlägiger Nachrichtenmagazine bzw. Zeitungen zugreifen. Wir wissen also nicht, was sich gerade in der Welt da draußen so tut. In dieser Hinsicht sind wir herrlich offline. Die Welt da draußen ist uns größtenteils auch ziemlich egal. Wir haben in unserem Mikrokosmos unsere eigenen Probleme, die täglich neu auftauchen oder schon länger da sind. Die müssen wir lösen, dann kommen wir auch sicher und komfortabel an. Lediglich die Verwandten und Freunde, mit denen wir Emails austauschen, sind eine wichtige Verbindung in die Außenwelt.

Bei nächster Gelegenheit installiere ich auch den Web-Browser für Iridium, dann werden wir die brutal hohe Geschwindigkeit für die Lektüre von Nachrichten und den Konsum der Tagesschau nutzen. Der Download eine normalen Tagesschau-Sendung sollte sich in 25 Stunden machen lassen.

Wir werden den jetzigen Kurs so lange beibehalten, wie wir das mental durchhalten. Dann fahren wir wieder eine Halse und hoffen, dass die Schiffsbewegungen wieder angenehmer werden. Der Atlantik ist unter uns, um uns herum und kommt manchmal zu Besuch an Bord. Der Atlantik ist immer noch wunderschön, blau und malerisch. Ich kann mich an diesem Film immer noch nicht satt sehen und verstehe meine beiden Mitreisenden nicht, die stundenlang auf ihre Smartphones starren und Filme aus der Dose schauen. Mir gefällt es hier und von mir aus könnte das alles auch noch ein paar Wochen länger dauern.

11. Etmal: 112 nm
Position um 12 Uhr: N15°07′ W44°08′
Noch 907 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1211 Meilen hinter uns.

Der Atlantik – immer wieder schön!

Überfahrt nach Barbados Tag 10 – Bergfest

Das Wetter ist schön. Die Sonne lacht vom Himmel und spült uns frischen Strom in die Batterien. Der Wind pustet uns mit fünf bis sechs Windstärken über den großen Teich und füllt uns ebenfalls die Batterien. Seit vielen Tagen ist die Windfahne erstmals am Morgen noch genau so eingestellt wie am Abend, es hat sich keine Schraube gelöst. Die Reparatur war nachhaltig. Der Kaffee ist frisch. Und die Meilen haben sich umgekehrt. Wir haben seit Mitternacht mehr Meilen hinter uns als vor uns.

Für heute Abend ist noch einmal Pizza eingeplant. Viel haben wir nicht mehr, um es auf die Pizza zu legen, aber es wird noch reichen. Den Käse haben wir uns aufgespart, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Oliven und Salami kommen noch dazu.

Ich betätige mich derzeit mal wieder an der Elektrik eines anderen Schiffs – diesmal als Elektro-Ferndoktor. Bei der Joint Venture ist der Kühlschrank ausgefallen. Ich habe Damir beauftragt, an verschiedenen Stellen die Batteriespannung zu messen. Wenn er das getan hat, werden wir weiter reden. Ich habe eine Vermutung, was ihm gerade passiert, möchte diese aber noch durch ein paar Messergebnisse untermauern. Tja, wenn man am eigenen Boot gerade keine Arbeiten zu tun hat…

Nachdem wir gestern den ca. 1,5 Meter langen und etwa 25 kg schweren Mahi Mahi aus dem Wasser gezogen haben, ist unser Kühlschrank von oben bis unten mit allerfeinsten Fischfilets gefüllt. Wir werden uns wohl oder übel in den nächsten Monaten von diesem Fisch ernähren müssen. Jetzt haben wir den Atlantik an unserer Position schon ziemlich leer gefischt. Eine Pizza Tonno können wir trotzdem nicht herstellen, denn es hat noch kein Thunfisch angebissen. Segeln ist hart und entbehrungsreich.

10. Etmal: 117 nm
Position um 12 Uhr: N16°09′ W42°45′
Noch 994 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 1099 Meilen hinter uns.

Bergfest

Überfahrt nach Barbados Tag 10 – Sondermeldung!!! N15°47′ W41°07′

An der genannten Position haben wir um 15:15 Uhr unseren allerersten Fisch herausgeholt. Ein Mahi Mahi. Gerade setzten wir uns zum Skat spielen zusammen, da rollte die komplette Angelschnur von der Trommel. Vorbei war es mit dem Skat, eine halbe Stunde hat Jens mit dem Fisch gekämpft. Dann holte er ihn gemeinsam mit Jakob an Bord. Anschließend wurde der Fisch geschlachtet, geschuppt, ausgenommen… Es ist ein bodenständiges Leben an Bord einer Segeljacht.

Diesen Fisch widmen wir Rob von der SY Grace, der uns den Tipp mit dem passenden Köder gegeben hat, wir widmen ihn meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen bei der DENIC eG, deren Abschiedsgeschenk zu unserer Angelausrüstung wurde. Wir widmen ihn allen, die gerne frischen Fisch essen. Nach mehreren tausende Seemeilen ohne Fang wollte ich gar nicht mehr daran glauben.

Mahi Mahi

Überfahrt nach Barbados Tag 9 – Wind, Windfahne und der erste Squall

Es könnte alles so schön ruhig sein, wenn da nicht die täglichen Reparaturen wären. Unser Windpilot will inzwischen zweimal am Tag Zuwendung durch den Schraubenschlüssel, es müssen immer wieder dieselben Schrauben nachgezogen werden. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Dennoch lassen wir es uns gut gehen, ich finde Zeit, in den Bugkorb zu klettern und ein Bild von Jens und Jakob im Cockpit anzufertigen. Was das Bild ganz schön zeigt ist, dass wir uns damit arrangiert haben, wenn sich unsere schwimmende Wohnung mal wieder deftig zur Seite neigt.

Am Abend sind Jakob und Jens gerade ins Bett gegangen, meine Wache beginnt. Nach wenigen Minuten sehe ich im Licht des Vollmondes eine riesige dunkle Wolke, die von hinten auf Sissi zugeflogen kommt. Ich schalte das Radar ein und ein riesiger oranger Fleck gibt mir recht. Dort kommt der erste Squall unserer Atlantiküberquerung heran gebraust. Ich reffe sofort die Genua, lasse nur noch einen Fetzen in der Größe eines Badehandtuchs stehen. Vorwarnzeit: Etwa fünf Minuten. Merke, bei einem Squall muss man sofort reffen.

Die Zeit reicht nicht mehr, mir noch Duschgel und ein Handtuch aus dem Bad zu holen, statt dessen verrammle ich den Niedergang und bleibe in T-Shirt und Unterhosen im Cockpit sitzen. Ich warte auf den Regenguss, den ein solcher Squall angeblich immer mit sich bringt. Angeblich. Tatsächlich teilt sich dieser erste Squall noch zwei Meilen hinter unserem Heck in zwei Zellen auf, von denen eine an Backbord und eine an Steuerbord an Sissi vorbei rast. Wir bleiben vorerst verschont. Der Wind geht dennoch auf 35 kn rauf, er bleibt auch nach dem Squall noch sehr böig.

Um Mitternacht wecke ich Jakob zu seiner Wache, da sind wir wieder mittten in einem Squall. Diesmal reicht die Regenmenge, um mir das Salz von der Haut zu spülen. Zu mehr leider auch nicht. Wieder klettert die Zahl auf dem Windmesser in ungeahnte Höhen, mal 35 kn, mal 40 kn. Das geht ab. Nach ein paar Minuten schiebt Jens die Luke auf und fragt, ob wir einen Squall haben. Der Windgenerator würde Resonanzen von den Ausmaßen eines Raketenstarts verursachen.

Am folgenden Morgen baue ich bei bestem Wetter gemeinsam mit Jens einen Teil der Windfahne ab, ersetze kurze Schrauben durch längere, die ich dann mit Muttern ordentlich kontern kann. Vielleicht ist das Problem jetzt ein und für alle Mal abgestellt. Wenn nicht, muss ich mir etwas Neues einfallen lassen. Es ist unglaublich, wie kreativ man auf einem Segelboot in der Mitte des Atlantik wird, wenn der nächste Baumarkt tausende Kilometer entfernt ist.

Wir müssen uns noch etwas einfallen lassen für den morgigen Tag. Heute oder morgen werden wir Bergfest feiern. Dann haben wir mehr Meilen im Kielwasser als vor dem Bug. Vielleicht opfern wir eine Dose heiligen Apfelwein für dieses göttliche Fest.

9. Etmal: 117 nm
Position um 12 Uhr: N15°43′ W40°49′
Noch 1104 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 982 Meilen hinter uns.

Bild aus dem Bugkorb

Überfahrt nach Barbados Tag 8 – Lotto mit Gewinngarantie

Die Katastrophen waren alle für den verflixten siebten Tag reserviert, der achte Tag startet geruhsam. Keine fliegenden Fische. Nur ein paar lose Schrauben festziehen, nicht einmal an Stellen, an denen es gefährlich werden kann. Alles im grünen Bereich, der Kaffee dampft frisch. Wind und Solarstrom fließen stetig in die Batterien, der Wattermaker brummt und macht den Wassertank voll. Es gibt keinen Grund zu klagen. Nicht einmal mehr beim Iridium-Lotto müssen wir noch fluchen. Wir haben jetzt immer fünf Richtige! Also fünf von fünf Balken für die Signalstärke. Und das kam so…

Vor ein paar Wochen habe ich auf der Überfahrt von Santa Cruz nach Mindelo in einem Blog über Iridium geschimpft. Dass uns immer die Verbindungen wegbrechen und dass die Übertragung größerer Datenmengen ein Glücksspiel sei. Kurz darauf erreichte mich eine Email von Martin von der SY Fairytale. Er hat viel Iridium-Erfahrung und meinte, ich solle das Gerät mal ohne unsere externe Antenne betreiben. Da ich das schon mal ohne Erfolg auf der Nordsee versucht habe, ignorierte ich diese Empfehlung und vergaß sie ein paar Tage später.

Vor ein paar Tagen habe ich es dann doch probiert. Ich hatte Langeweile auf meiner Wache und sonst war gerade nichts zu reparieren. Im Cockpit konnte ich mit der eingebauten Antenne problemlos größere Datenmengen übertragen. Nach mehreren Versuchen ist es mir dann später auch am Einbauort im Maschinenraum gelungen, derart stabile Verbindungen zu produzieren. Ein Wackelkontakt befindet sich dort, wo man das Antennenkabel ins Gehäuse des Telefons steckt. Mit etwas Klebeband fixierte ich das Antennenkabel, dann kam in der Fünf-Balken-Position noch ein dicker Klecks Schraubenkleber drauf. Hält. Seit ein paar Tagen. Und wir haben seit dem nie wieder Probleme mit Verbindungsabbrüchen gehabt. Martin, von hier aus noch einmal vielen Dank für die Mail!

Der nächste Schritt wird sein, Netflix über Iridium zum Laufen zu bringen. Oder doch bei Musk kaufen? Die 2400er Verbindung ist ebenso leistungsfähig, wie die meines Hochgeschwindigkeitsmodems in den 1980er Jahren. Die Verbindungen sind jedoch wirklich saumäßig stabil. Spaßeshalber habe ich ein Foto mit 1,9 MB Größe an unsere Schwester gemailt. Das hat lediglich etwas mehr als zweieinhalb Stunden gedauert. Und eine Flatrate ist ja in jeder Minute verschwendet, in der man keine Daten überträgt.

Natürlich haben wir uns bei den Reparaturen geirrt. In der Segellast ist eine Latte gebrochen – unter der Last zweier Segel, eines Dinghis, einer Mastleiter, eines Hackenporsche und eines Fahrrads. Die will nun ausgeräumt werden. Jakob und Jens haben mit den Ausräum- und Holzarbeiten schon begonnen.

8. Etmal: 119 nm
Position um 12 Uhr: N15°46′ W38°53′
Noch 1215 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 865 Meilen hinter uns.

Wackelkontakt gefixt!

Überfahrt nach Barbados Tag 7 – Wasser ist blau

Das Wasser ist so unglaublich schön blau. Von hinten kommt Welle um Welle angerollt. Meter für Meter nähert sie sich immer weiter, sie wächst über den Geräteträger hinaus. Dann hebt sich das Heck, die Welle läuft unter Sissi durch und man sieht aus dem Cockpit in ein tiefes Tal. Bricht sich eine der Wellen im Sonnenlicht, erstrahlt diese Stelle in den schönsten, leuchtensten und sattesten Blautönen, umrahmt von den weißen Spritzern der Gischt. Das Schauspiel wiederholt sich mehrmals in der Minute, Stunde für Stunde, den ganzen Tag. In der Nacht ist das Wasser dunkelgrau. Scheint der Mond, bringt er ebenfalls die Gischt zum Glitzern. Ich kann mich an diesem Schauspiel nicht satt sehen. Das ist auch besser so, denn diesen Film zeigen sie Tag und Nacht im Bordkino, wenn man sich ins Cockpit setzt.

Ansonsten ist alles Routine. Wir haben mehrere fliegende Fische eingesammelt und wieder ins Wasser überstellt. Die Befestigungsschrauben der einen Stütze des Windgenerators haben sich gelöst und wollten wieder festgezogen werden. Außerdem wackelte die Befestigung der genannten Stütze am Standrohr des Windgenerators. Hatten wir den nicht erst ordentlich festgeschraubt…? Das war zwischen Guernsey und Roscoff, als uns der Windgenerator das erste Mal fast abgängig war. Und nun schon wieder? Wir sind von Roscoff bis hierher doch nur ein paar tausend Meilen gesegelt. Die Zeit vor der Biskaya-Überquerung ist so unendlich lange weg von unserem Jetzt.

Wir brauchen eine Schrauben-Kontroll-Checkliste. Wir können nicht jede Schraube an jedem Tag kontrollieren. Wir müssen aber sicher stellen, dass alle Schrauben regelmäßig kontrolliert werden. Sonst wird es immer wieder böse Überraschungen geben. Die von der Windfahne ziehe ich auch noch nach, dort klapperte es ein wenig. Und die Batterie im Maschinenraum wollte sich losreißen, sie hat einige ihrer Halteschrauben abgeschert. Ich ersetze die Schrauben durch mehr Schrauben. Ein weiterer Punkt für die Checkliste. Dafür hält sich das Rigg hervorragend. Die neuen Unterwanten müssen in den nächsten Tagen mal nachgespannt werden, das hat aber noch Zeit. Auch die neue Genua zieht uns prima in Richtung Westen.

Außerdem haben wir letzte Nacht die Borduhr wieder eine Stunde zurück gedreht, wir sind jetzt in der Zeitzone UTC-3 bzw. vier Stunden hinter Deutschland. Das heißt, dass unsere Position auf der Stalking-Seite immer um kurz nach 4 Uhr und um kurz nach 16 Uhr aktualisiert wird. Glücklicherweise bleiben wir vom Jetlag verschont.

Der Wind bläst so schön, das Wetter ist toll, wir machen gute Fahrt. Das Schaukeln ist jetzt sehr angenehm, die Geräusche im Schiff halten sich wieder in Grenzen. Ich setze mich eine weitere Stunde ins Cockpit und genieße das alles. Das blaue Wasser, die Gischt, die Sonne und den Wind. Ich hätte nie gedacht, dass es so schön sein würde, tagelang nur Wasser sehen zu können. Jeden Tag sieht der Atlantik anders aus, schon nach ein paar Stunden hat sich das Bild oft komplett geändert. Ich komme kaum dazu, meine Bücher zu lesen. Der beste und spannendste Thriller ist total langweilig, wenn ich ihn mit der Spannung der Grenzenlosigkeit und Weite des Ozeans vergleiche.

7. Etmal: 125 nm
Position um 12 Uhr: N15°52′ W36°56′
Noch 1326 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 746 Meilen hinter uns.

Blauwasser

Überfahrt nach Barbados Tag 6 – Segeln wie im Prospekt

Wir haben nicht besonders viel Wind, aber wir haben jetzt so eine Art Wind. Er hat gerade mal auf 15 bis 18 kn zugelegt, aber das genügt für eine Verbesserung des Reisekomforts um mehrere Zehnerpotenzen. Das Segel hat so viel Druck, dass es bei keiner Schiffsbewegung mehr schlägt. Außerdem sind die Schiffsbewegungen insgesamt wesentlich angenehmer. Und es kehrt Ruhe ein. Durch die geringeren Schiffsbewegungen knarzt die Inneneinrichtung nicht mehr so viel und das Geschirr im Schank klirrt auch nicht mehr.

Auch heute beißt während unserer Skatrunde ein Fisch an, auch heute verlieren wir ihn. Diesmal durften wir den Köder aber behalten. Immerhin nähern wir uns einem erfolgreichen Fang. Unser Kühlschrank ist sowieso fast leer, da drin würde sich ein Thunfisch sehr gut machen.

Einen guten Teil des Nachmittags sitzen wir einfach nur im Cockpit herum und schauen heraus. Die ruhige Fahrt ist ein sanftes Gleiten durch die Wellen. Es schaukelt fast gar nicht mehr. Unten im Salon fühlt es sich an, als wäre Sissi fest vertäut am Steg. Man hört nichts, außer dem Zischen und Gluckern des Wassers. Eine Delfinschule oder ein kleiner Wal wären der perfekte Rahmen für dieses Bild aus einem Segelbootprospekt gewesen, hatten aber gerade andere Pläne. Wir genießen die Zeit und die Ruhe, die sich bis zum Horizont ausbreitet.

Am Abend starten wir den Motor für eine Stunde. Wenn man seinen Strom normalerweise aus Windkraft und Sonnenenergie bezieht, sind fünf Segeltage mit mäßigem bis geringem Wind und teilweise stark bedecktem Himmel der absolute Killer für die Stromversorgung. Nach einer Stunde vermeldet der Batteriemonitor, dass wieder 70 Ah mehr in den Akkus stecken. Endlich ist wieder Ruhe.

Meine Wache wird dann alles andere als ruhig. Plötzlich schieben über 30 kn Wind Sissi von hinten an. Ich denke zuerst an einen Squall, aber da ist nichts. Das Radar zeigt nichts an. Aber von einer Minute auf die andere hat sich der Wind von einem schönen, gutmütigen Schiebewind zu einem garstigen, böigen und unfreundlichen Wind geändert. Ich muss das Segel reffen, dabei sind nur 15 kn dauerhafter Wind. Die Böen gehen aber bis knapp 30 kn rauf.

In der Nacht werde ich von den Wellen immer wieder im Bett herumgeschleudert. Trotzdem schlafe ich ziemlich gut, der Körper gewöhnt sich an alles. Am Morgen danach finde ich Jens und Jakob im Cockpit, wie sie debil auf die Logge starren und dabei grinsen. Jens hat wieder ausgerefft und der Wind schiebt Sissi mit 6,5 bis 7,5 kn voran. Es fehlt nur noch, dass sie beide auf die Instrumente sabbern. Die Welle ist zwar stärker als gestern, aber die Geschwindigkeit macht den Komfortverlust mehr als wett. Es ist schön hier.

6. Etmal: 120 nm
Position um 12 Uhr: N15°49′ W34°49′
Noch 1449 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 621 Meilen hinter uns.

Bescheuertes Selfie im Cockpit

Überfahrt nach Barbados Tag 5 – Hart und entbehrungsreich!

Ein Skatspiel ist an Bord, ein Schachspiel und das Minderheitenquartett des Postillon. Damit lässt sich etwas anfangen. Außerdem haben wir noch die Angel, mit der wir immer noch keinen Fisch gefangen haben. Also Angel raus und das Kartenspiel klar machen. Ich verkünde, dass man am fünften Tag ruhen soll, wie es schon in der Bibel steht. Wir wollen Skat spielen. Ich glaube, die letzte Runde Skat habe ich im vergangenen Jahrtausend gespielt. Jens noch gar nicht, Jakob genauso oft. Die Angelschnur geht mit einem Köder ins Wasser, einem Köder, der garantiert funktionieren soll.

Dann beginne ich mit der Erläuterung der Regeln. Mit den Werten der Farben, mit dem Reizen, Ausspielen der Karten etc. Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder daran erinnere, welche Bedeutung die Buben beim Reizen haben. Und dass man einen Null spielen kann. Und welchen Wert ein Null, ein Null-Ouvert oder sowas haben. An alle Werte kann ich mich nicht mehr erinnern, aber wir sind ja unter uns und üben noch. Normalerweise stehen diese Werte alle auf einer der Karten im Skatspiel. Nur in unserem Bordkartenspiel fehlen sie. Segeln ist hart und entbehrungsreich.

Es macht Spaß. Viel Spaß. Jakob und Jens kapieren die Regeln einigermaßen schnell. Nur gelegentlich wird Trumpf nicht bedient, aber das sind Randerscheinungen. Wir spielen eine Runde aus, dann fällt uns plötzlich auf, dass die Angelschnur komplett rausgerauscht ist. Ein fetter Fisch ist am Haken. Wir machen uns klar für das Thunfischsteak am Abend, Jens kurbelt Meter um Meter zurück auf die Rolle. Das Zählwerk zeigt noch 50 Meter Schnur an, als sich die Kurbel plötzlich ganz leicht drehen lässt. Der Fisch ist weg, der Angelhaken auch. Segeln ist hart und entbehrungsreich.

Anschließend gönnen wir uns eine schöne Dusche. Jeder muss, da gibt es keine Ausnahme. Entweder duschen alle oder keiner. Sonst können wir eine gleichmäßige Geruchsbelästigung der anderen nicht mehr garantieren. Die Dusche ist leider nur kalt, sie hat Atlantiktemperatur (etwa 25°C). Segeln ist hart und entbehrungsreich.

Dann essen wir die Pizza, leider ohne Oregano und ohne frischen Thunfisch. Der Oregano ist uns ausgegangen, den Thunfisch hatten wir nie. Außerdem hatten wir nur zwei Bleche Pizza, drei hätten wir auch wegessen können. Dafür hat der Teig dann aber nicht mehr gereicht. Segeln ist hart und entbehrungsreich.

In der Nacht kommt endlich etwas Wind auf. Die Bootsgeschwindigkeit nimmt zu. Die Bootsgeräusche nehmen ab. Es ist wieder Spannung im Schiff, auch die Rollbewegungen werden angenehmer bzw. verschwinden. Bis ich mir während meiner Wache ein Glas Cola eingießen möchte und dabei die normalen Vorsichtsmaßnahmen ein wenig missachte. In diesem Augenblick erwischt uns mal wieder eine fiese Welle, bringt Sissi ins Rollen, mich ins Taumeln und die Cola auf den Fußboden. Toll, ich darf mitten in der Nacht noch den Fußboden wischen. Segeln ist hart und entbehrungsreich.

Wir stehen per Email in Kontakt mit der Joint Venture II, die eineinhalb Tage vor uns abgefahren ist. Die leiden auch unter dem schwachen Wind. Und wir stehen in Kontakt mit der Björkö, die zwei Tage nach uns abgefahren ist und nicht über Wind klagen kann. In der Nacht werden wir von der Chriscat aus Frankreich in nur zwei Meilen Abstand überholt, leider können wir keine Funkverbindung herstellen. Mehrere Rufe gehen ins Nichts, wahrscheinlich haben die ihr Funkgerät ausgeschaltet, um Strom zu sparen. Schade. Bei denen ist es wohl noch härter und entbehrungsreicher.

Am folgenden Morgen erfreuen wir uns daran, dass in den letzten 24 Stunden nichts kaputt gegangen ist und außer der Angelschnur nichts zerrissen wurde. Wir öffnen eine frische Dose Leberwurst aus Frankfurt und schmieren uns den Inhalt auf das selbst gebackene, frische Brot. Kleine Gewürzgurken hätten super zu dem Brot gepasst, haben wir aber nicht. Bzw. wir finden sie gerade nicht in der Vorratslast. Segeln ist hart und entbehrungsreich.

5. Etmal: 103 nm
Position um 12 Uhr: N15°42′ W32°47′
Noch 1565 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 501 Meilen hinter uns. Den Point-of-no-return haben wir auch hinter uns. Wir können mit unserem Diesel nicht mehr nach Mindelo zurück fahren. Ab sofort müssen wir vorwärts.

Pizza

Überfahrt nach Barbados Tag 4 – Schaukeln, nicht segeln

Man kann es den Leuten niemals recht machen. Besonders nicht bei der Planung der Mahlzeiten auf einem Transatlantiktörn. Wir haben noch jede Menge Gemüse, es ist aber kein frisches Fleisch mehr da. Ab sofort leben wir von unseren Konserven. Besonders unseren Kartoffeln geht es nicht gut. Die vertragen das Klima nicht so richtig und wollen gegessen werden. Die Süßkartoffeln halten sich noch prima. Die können das Klima besser ab. Ich schlug heute ein Gericht mit Bratkartoffeln und für morgen ein Gericht mit den letzten Kartoffeln vor. Daraufhin meuterte Jens, unser Pastafari. “Kartoffeln, immer nur Kartoffeln!” Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Vielleicht lege ich Lasagneplatten zwischen die Kartoffelschichten.

Der Wind ist unfreundlich. Irgendwo zwischen wenig und ganz wenig. Das hat zur Folge, dass wir in den Wellen herum taumeln, wie eine betrunkene Kuh auf einer Eisfläche. Wenn uns eine Welle dann richtig erwischt, schlägt die Genua und es kracht in allen Ecken von Sissi. Irgendwie wünsche ich mir schon ein paar Tage mit Starkwind. Damit können wir besser umgehen, dann schaukeln wir auch nicht mit 4 kn vor uns hin, sondern zischen mit doppelter Geschwindigkeit durch die Wogen.

Es hat sich eine Routine der Wachwechsel eingeführt. Nach dem Abendessen gehen Jakob und Jens früh ins Bett, ich habe die Wache bis Mitternacht. Dann wecke ich Jakob, der bis um vier Uhr Dienst tut. Er weckt Jens, der dann den Rest der Nacht an der Reihe ist. Morgens gegen 8:30 Uhr habe ich ausgeschlafen und übernehme von Jens. Das endet dann meist gegen Mittag, danach sind wir alle wach. Dann ist jeder mal an der Reihe. Ansonsten wird gedöst, gelesen, gegessen. Es findet eine tägliche Kontrolle des Boots statt. Haben sich Schrauben gelöst? Wir arbeiten Hand in Hand, routiniert. Wir fahren zusammen über den Atlantik. Manchmal frage ich mich – fahren wir auch gemeinsam?

In den ersten Tagen haben wir uns zunächst wieder an die Regeln auf See gewöhnen müssen, die sich durchaus von denen im Hafen unterscheiden. Es bleibt hier etwa kein Gegenstand dort liegen, wo man ihn abgelegt hat. Wenn man sich nicht mit mindestens einer Hand festhält, bleibt man auch nicht lange stehen. Wir sind jetzt so fit, dass wir in unserer gemeinsamen Tageszeit auch gemeinsam etwas unternehmen können. Wir schlafen inzwischen gut und müssen tagsüber nicht den fehlenden Nachtschlaf nachholen.

Gesellschaftsspiele haben wir nur wenige im Gepäck, doch Online-Spiele werden wir kaum machen können. Auf jeden Fall will ich mich morgen mal an einer Pizza versuchen. Auf anderen Booten bekommen sie das mit der Pizza auch hin, da werde ich Pizza-Gott doch ebenfalls ein paar leckere Scheiben aus dem Ofen ziehen können. Abwechslung muss sein, wir haben keine Kartoffeldiät gebucht. Falls wir übermorgen dann unsere letzten Kartoffeln Neptun übereignen müssen, ist das eben so.

Eigentlich müssen wir nur noch den heutigen Samstag überstehen. In der Nacht zum Sonntag wird Wind aufkommen. Dann wird sich die Stimmung an Bord schlagartig verbessern, denn ein schnelles Boot macht mehr Spaß als ein langsames Boot. Im Augenblick fühlt es sich an, als wäre der Atlantik ein zähflüssiges Sirup. Und die fliegenden Fische nerven. Der Kerl auf dem Foto zu diesem Blog hat unter einem Fender angefangen, vor sich hin zu müffeln. Bäh. Fischsuche ist auch Bordroutine.

Am Morgen erwartet mich vor dem ersten Morgenkaffee die erste Reparatur. Die elektrische Kaffeemühle mahlt keinen Kaffee mehr. Liebevoll nehme ich sie auseinander und streichle die Innereien mit einem zarten Pinsel. Ich befreie sie von großen Kaffeebrocken und finde noch ganz viele tief im Inneren des nützlichsten Haushaltsgeräts an Bord. Dann bekomme ich meinen Lebensspender, den schwarzen Zaubertrank. Mmmmh, lecker.

4. Etmal: 97 nm
Position um 12 Uhr: N15°45′ W31°05′
Noch 1666 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 398 Meilen hinter uns.

Fliegender Fisch

Überfahrt nach Barbados Tag 3 – Magie, keine Zauberei

Es soll keiner sagen, dass es auf See an Höhepunkten und Sensationen mangelt. Wir konnten auf unserer Seereise bisher unzählige Vogelviecher beobachten, sahen Delphine, Wale, Schildkröten und inzwischen auch fliegende Fische. Am dritten Seetag jedoch fand der erste Höhepunkt einer zukünftig nicht enden wollenden Reihe von Höhepunkten auf unserer Transatlantik-Tour statt. Und damit meine ich nicht das leckere Gulasch zum Abendessen, bei dem ich mit den in Mindelo erworbenen Scharfmachern etwas unvorsichtig umgegangen bin.

Die Mahlzeiten sind zwar die wichtigsten Fixpunkte des Tages, die Süßwasserdusche ist jedoch ein extremer Höhepunkt. Auf anderen Segelbooten gibt es sie gar nicht, da ist Süßwasser nur für den Kaffee und zum Zähneputzen verfügbar. Um Strom zu sparen, gönnen wir uns “nur” alle zwei Tage eine Süßwasserdusche, dazwischen muss eine Katzenwäsche mit dem Waschlappen reichen. Hatte ich schon erwähnt, dass der Watermaker eine spitzenmäßige Investition war? Heute gab es die erste Transatlantikdusche und sie war toll. Einzig die Schiffsbewegungen waren bei nur gut 3 Windstärken unerquicklich.

Jetzt habe ich Nachtdienst und es ist gerade wahnsinnig schön. Am Himmel steht die Halbmondsichel, manchmal ist sie zwischen den Wolken zu sehen, oft jedoch nur zu erahnen. Der Wind hat etwas aufgefrischt und kommt genau von hinten. Satte vier Windstärken, Tendenz Richtung fünf. Ein Traum. Die Wellen kommen auch genau von hinten, es sind lange, weite, angenehme Wellen. So surfen wir minutenlang die Wellen auf und ab. Dabei liegt das Schiff ganz ruhig im Wasser und macht kaum Geräusche. Nur das Zischen der Wellen ist zu hören, im Hintergrund surrt noch der Windgenerator. Magisch. Minutenlang. Wir fahren dabei mit 6 kn. Toll. Minutenlang. Dann läuft eine Welle quer. Aus ist es mit der Magie, Sissi schüttelt sich und alles klirrt, scheppert, knarzt, klappert und knallt. Eine knappe Minute kehrt dann wieder Ruhe ein, mit der Ruhe schleicht sich die Magie zurück ins Cockpit. Das ist keine Zauberei, hier glitzert der Atlantik magisch im fahlen Mondlicht.

Am folgenden Morgen werde ich durch ein Geräusch wach, das neu ist. Neue Geräusche machen mir immer Sorgen. Ich rufe zu Jens, er möge mal die Windfahne checken, dann bekomme ich als Antwort, dass die Schraube, die wir schon mehrfach ersetzt bzw. festgezogen haben, sich schon wieder auf Abwege macht. Das Hauptproblem ist, dass wir keine Unterlegscheiben mehr für M12er Schrauben haben. Ich schlumpfe uns eine Unterlegscheibe aus einem Kabelschuh für M12. Dann ergänze ich das mit einer halben Tube Schraubenkleber (eine Welle hat mich zu fest auf die Tube drücken lassen) und ziehe die Schraube wieder ordentlich fest. Wenn der Hersteller nur ein Drehmoment angegeben hätte, so muss es halt aus dem Handgelenk kommen.

Die Sonne scheint, der Himmel ist leicht diesig, der Wind bläst nur mit Windstärke 3. Also kommen wir nur langsam voran, doch auch heute konnten wir das Etmal von gestern wieder überbieten. Wenn das so weitergeht, werden wir in der letzten Woche nach Barbados rasen.

3. Etmal: 106 nm
Position um 12 Uhr: N15°48′ W29°27′
Noch 1757 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 301 Meilen hinter uns.

Frühstück auf dem Atlantik