Abgeschiedenheit

Ich telefoniere in den letzten Tagen sehr oft mit unserer Schwester. Sie ist im Home Office, wie so viele andere Menschen in diesen Tagen auch. Die Abgeschiedenheit macht ihr zu schaffen. Mich erreichen Emails von Freunden zum gleichen Thema. Auch in der Presse gibt es viele Lebenshilfe-Artikel zum Thema “Leben in der Isolation”.

Als Herdentier macht vielen Menschen die Isolation zu Hause zu schaffen. Oft fahren allerdings die gleichen Menschen auf eine Hallig in den Urlaub oder buchen eine einsame Hütte in Schweden. Sie suchen die Abgeschiedenheit und meiden für Wochen den Kontakt zu anderen Menschen.

Geparktes Auto. Wir laufen da auf dem Weg zum Supermarkt regelmäßig dran vorbei.

Wir kennen das sehr gut. Auf dem Segelboot befinden wir uns tagelang oder wochenlang in der perfekten Isolation. Wir haben dann die härteste Ausgangssperre, die man sich vorstellen kann. Wer das Boot unterwegs verlässt, ist mit größter Sicherheit innerhalb kurzer Zeit tot. Darüber wacht der Atlantik. Während der Isolation sehen wir nur uns, haben wir nur uns gegenseitig als Gesprächspartner. Wir sitzen in unserem kleinen Boot aufeinander.

Soziale Isolation

“Hamsterkäufe” sind für uns allerdings vollkommen normal. Wir kaufen nicht ein, wir bunkern. Wir laden Unmengen von Lebensmitteln auf unsere Sissi, denn wir können nicht einmal zum Supermarkt an der Ecke gehen. So streng ist unsere Ausgangssperre.

Sinnvolle Tätigkeiten in der Freizeit

Wir teilen unsere Zeit ein in Arbeitszeit und Freizeit. Während der Arbeitszeit wird Sissi geputzt, gewienert und gepflegt. Es wird repariert, was kaputt gegangen ist. Es wird gekocht und gespült. Und es wird natürlich darauf geachtet, dass der Kurs stimmt und dass wir nicht gegen ein anderes Schiff fahren. In der Freizeit wird entspannt, gelesen oder ein Film gesehen. Wir warten nicht darauf, dass etwas passiert. Wir sorgen dafür, dass etwas passiert. Im Internet surfen ist über das Satellitentelefon nur sehr begrenzt möglich, telefonieren können wir auch nicht so richtig.

Am Ende des Tages

Wir führen unser Leben so, dass wir das Gefühl haben, den Tag sinnvoll verbracht zu haben. Am Ende jeden Tages kommen dann der Sonnenuntergang und das Abendessen als kulinarischer Höhepunkt. Das Leben ist schön auf See. Das Leben ist einsam auf See.

Im sicheren Hafen

Irgendwann und meist viel später als veranschlagt kommen wir in einen sicheren Hafen und die Ausgangssperre ist aufgehoben. Das feiern wir, dann sind wir glücklich. Das ist immer so. Das ist gut so.


Wie jeder Vergleich hinkt auch dieser. Der Urlaub auf der Hallig hat ein festgelegtes Ende. Am Ende des größten Ozeans befindet sich wieder Land, wir können uns recht gut ausrechnen, wann wir dort ankommen. Das ist der Unterschied.

Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass wir alle dafür sorgen müssen, dass uns der Himmel nicht auf den Kopf fällt. Dass wir alle dafür sorgen müssen, dass der bzw. die anderen sicher sind. Ich kümmere mich um Jens, Jens kümmert sich um mich. Wir vertrauen uns gegenseitig blind. Wir achten aufeinander. Wir helfen uns gegenseitig.

Steuere deine Wohnung durch die Untiefen in der Coronasee. Achte darauf, keinen Schiffbruch zu erleiden. Führe deine Crew. Du wirst sehen, am Ende des Meeres ist wieder Land. Es gibt immer Land auf der anderen Seite des Ozeans.

Anne Frank auf Aruba

Ich übersetze das mal nicht, ihr habt alle Zeit genug, euch das selbst aus dem Niederländischen zu übersetzen. Im Internet gibt es Mittel und Wege.

Hilfsmittel: Wir schauen nur einmal am Tag, wie weit wir gekommen sind. Wir könnten öfter schauen, aber das wäre frustrierend, denn bei mehreren tausend Meilen Reststrecke sind die lediglich hundert Meilen, die wir am Tag zurück legen, immer nur kleine Schritte. Schau’ nicht so oft im Internet, was um dich herum passiert. So schnell dreht sich der Planet auch nicht.

Mach’ es Dir bequem. Halte Dich vom Fernseher fern. Schau’ lieber den einen oder anderen Film auf Youtube, das ist eine nachrichtenfreie Zone. Lies’ ein Buch. Lerne Brot backen – das ist toll! Betrachte den Begriff “Coronaferien” als Ferien von der Corona-Berichterstattung. Das hilft. Sicher.

Auf hoher See

Diät

Dieser Tage fällt es einem nicht leicht, einen klaren Kopf zu behalten. Wir sitzen die meiste Zeit auf unserem Boot herum, hängen am Strand ab oder spazieren durch die praktisch menschenleere Innenstadt. Welche Internetseiten wir auch aufmachen, sie kennen alle nur das eine Thema. Das Thema, das ich in diesem Beitrag mit genau keinem Wort streifen möchte. Ich bin nämlich auf Diät – Nachrichtendiät.

Die Idee dazu hatte ich gestern Nachmittag, als ich eine Email von meinem ehemaligen Arbeitskollegen Uli bekam. Eine Diät ist genau richtig. Zu einer Diät braucht man natürlich das richtige Essen. Ich mache einen Spaziergang zum Metzger und kaufe uns ein Stück von einer Kuh.

Dann kommt der Fleischwolf zum Einsatz, dieses wunderbare Stück mechanischer Technik. Bei 32°C im Schatten möchte ich Hackfleisch nicht einmal die 750 Meter von der Metzgerei bis zum Sissikühlschrank tragen, deswegen lasse ich es lieber im Laden. Wir haben einen Fleischwolf, also wolfen wir selbst. Ich verwandle das Kuhstück in Hackfleisch. Von diesem Vorgang gibt es keine Bilder, denn mit den Kuhfingern fasse ich die Kamera nicht an. Beim nächsten Mal lasse ich Jens ein Bild machen.

Bolognese

Ich schneide einen kleinen Hügel voll Zwiebeln und eine ordentliche Portion Knoblauch. Es kommt nicht genau auf die Menge an, es kommt nur darauf an, dass es eine große Menge ist – nach Gefühl, Erfahrung und dem eigenen Appetit.

Dann brate ich das Hackfleisch an, packe Zwiebeln und Knoblauch dazu und zuletzt eine große Packung passierter Tomaten. Ein paar Finger voll scharfer, getrockneter Chilis von den Kapverden sorgen für eine gesunde Schärfe, Salz, Pfeffer, Oregano und etwas Zucker für einen leckeren Geschmack. Das alles darf eine Weile auf kleiner Flamme vor sich hin köcheln.

Käse mit viel Geschmack

Die Zeit nutze ich, um einen großen Block Käse aus Frankreich zu reiben. Das kommt mir etwas wenig Käse vor, also grabe ich aus dem Kühlschrank noch einen zweiten Käseblock aus und reibe ihn ebenfalls. Jetzt scheinen die Mengenverhältnisse zwischen Bolognesesauce und geriebenem Käse zu stimmen. Also gehe ich weiter zum nächsten Schritt. Ich heize den Ofen an.

Lasagne vor dem Backen

Hackfleisch, Teigplatten und Käse werden jetzt von mir sorgsam in die Lasagneform geschichtet. Damit am Ende alles in die Form passt, muss ich immer mal wieder kräftig darauf drücken. Zu guter Letzt kann ich jedoch alle Zutaten in die Form pressen und muss diese nur noch in den vorgeheizten Ofen schieben.

Nun habe ich Zeit. Viel Zeit. Es dauert 20 Minuten, bis die Teigplatten durchgekocht sind. Ich kann mir also ein Video anschauen. Am besten sind Tiervideos, denn es gibt nichts, was entspannender ist als Tiervideos, wenn man auf eine Lasagne wartet, die von Minute zu Minute ihren Duft intensiver im Salon verteilt.

Dann ist das Essen fertig. Es gelingt mir diesmal, die Form aus dem Ofen zu nehmen, ohne mir dabei irgendwelche Brandverletzungen zuzufügen. Das ist selten. Ich freue mich. Der Lasagneduft im Salon wird unbeschreiblich stark.

Lasagne frisch aus dem Ofen

Jens kratzt mit der Gabel über den Salontisch und meckert mich an, weil ich mit der Kamera hantiere, anstatt die Pasta einfach auf den Tisch zu schleudern. Es geht ihm zu langsam. Er springt mir fast auf die Füße. Ich zerteile die frisch gebackene Speise in portionsgerechte Stücke. Denke ich. Jens denkt, ich möchte ihn auf Diät setzen. Die Stücke sind ihm viel zu klein.

Viel zu kleine Portion Lasagne

Er meckert immer noch, bis der Teller endlich vor ihm steht. Dann inhaliert er den Duft, schimpft über die Temperatur der Mahlzeit und beginnt mit der Nahrungsaufnahme. Das geht dann plötzlich sehr schnell. Jens hat seine erste Portion schon genossen, als ich meinen Teller noch nicht einmal zur Hälfte leer gegessen habe. Er nimmt sich noch eine Portion. Und noch eine Portion. Jens ist ein Pastafari!

Genuss pur. Lasagne wird langsam gegessen.

Nach dem Essen wird es dann noch Zeit für ein wenig abendliche Unterhaltung. Die Entscheidung für ein Konzert fällt uns leicht, die Kultur führt auf einem Segelboot leider immer wieder ein Nischendasein.

Der Lasagneklumpen in meinem Bauch will und will sich nicht auflösen, Jens spricht nach einer Stunde schon wieder von einem “Hüngerchen”. Wer soll nur das ganze schmutzige Geschirr noch abwaschen? Egal, zuerst kommt der Kulturgenuss.

Den einen oder anderen Diättag werden wir in Zukunft wohl machen. Ich empfehle dir auch gelegentliche Diät. So lebt es sich angenehmer und entspannter. Und nach dem Konzert gehst du am besten gleich ins Bett und daddelst nicht mehr auf dem Smartphone herum. Sonst war die ganze Diät sinnlos.

Tag um Tag um Tag um Tag um…

Leben auf Aruba. Leben auf 12 Quadratmetern Segelboot, das im Moment nicht segeln kann.

Schöne gepflegte Hecke in der Hotelanlage

Auch bei uns sieht jeder Tag so aus wie der vorhergehende Tag. Wir verbringen die meiste Zeit an Bord. Wir machen Listen, was bei Sissi gepflegt, gewartet und repariert werden muss. Wir schwitzen. Es ist warm hier.

Drache am Wasser

Wenn wir ein paar Schritte gehen wollen, bleiben wir zumeist in der Hotelanlage, zu der die Marina gehört. Zum Glück können wir hier sehr viele Tiere bei der Arbeit beobachten.

Jens bei der Tierfotografie

Falls die Seuche im Hotel grassiert, haben wir sie sowieso. Das glaube ich aber nicht. Die Arubaner sind jedenfalls sehr diszipliniert. Als ich gestern Abend zum Hotel gegangen bin, um eine Dusche zu nehmen, kam ich gerade zur besten Feierabendzeit an. Am Ausgang steht ein Desinfektionsmittelspender und die Angestellten haben einer nach dem anderen ihre Hände desinfiziert.

Eine Sekunde nach dieser Aufnahme hat sich der Pelikan auf einen Fisch gestürzt

Heute sitzt die Kassiererin alleine im Supermarkt, außer mir gibt es keine Kunden. Ich kann zwischen drei verschiedenen Sorten Toilettenpapier wählen. Nach dem Kassieren wischt die Kassiererin ihre Umgebung mit Desinfektionsmittel ab.

Möwen am Wasser

Den Möwen ist es gleich, sie streiten sich laut kreischend um die Fische. Spielkasinos, Schuhgeschäfte und die ganzen Modeläden in der Innenstadt haben geschlossen. Das hat nur indirekt etwas mit den Regeln der Regierung zu tun. Die Entscheidung, Aruba für alle ankommenden Touristen zu sperren, führt in der Folge zur Abwesenheit von Kundschaft. Damit lohnt es sich nicht mehr, die Läden geöffnet zu halten.

Hotelstrand

Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen gerne unsere Probleme hätten. An einem schönen Ort in der Karibik festsitzen, dabei den ganzen Hotelstrand für sich alleine haben und zwischen mehreren Dutzend freien Liegestühlen auswählen können. Das Shuttleboot, das die Hotelgäste zur hoteleigenen Insel transportiert, ist nicht mehr gut frequentiert. Ich warte darauf, dass der Betrieb in den nächsten Tagen ganz eingestellt wird.

Shuttleboot

Bars und Restaurants müssen um 22 Uhr schließen, das ist eine der wenigen einschränkenden Regeln der Regierung.

Wir halten es nicht immer auf dem Boot aus. Manchmal müssen wir raus, jenseits von Besuchen im Supermarkt. Uns geht es da besser als unseren Freunden von der Roede Orm, die auf Lanzarote im Prinzip an Bord eingesperrt sind. In Spanien gibt es eine Ausgangssperre, die auch scharf kontrolliert wird. Wir übertreiben es aber auch nicht, verzichten auf Ausflüge mit dem Bus über die Insel.

Abstand. In der Sportsbar.

Neben unserer Stamm-Metzgerei ist eine kleine Sportsbar. Die haben wir gestern Abend einmal besucht. Mit Abstand zu den anderen Gästen. Das fällt nicht schwer, denn es ist nicht viel los. Weder auf den Straßen noch in den Bars. Die Barfrau hat ständig den Tresen abgewischt. Das Notebook, auf dem auch Gäste ihre Musikwünsche eingeben können, wurde jedes Mal von ihr desinfiziert, wenn ein Gast seine Fettfinger an den Tasten hatte.

Wir lernten Richard kennen, einen Arubaner der Einbauküchen installiert und Küchengeräte wartet. Er hat schon die ganze Welt bereist, war in Holland, Deutschland und Australien. Richard fragte, aus welchem Land wir kommen. Dann ging er an das Musik-Notebook und wählte einen Titel aus. Es war irgendwie passend zur Gesamtsituation. Richard hat es extra ausgewählt, weil wir aus Deutschland kommen.

Wir hoffen, am Wochenende wieder unsere Freunde von der Chapo zu treffen. Die haben noch 300 Meilen vor sich. Die Honorarkonsulin hat zu mir gemeint, dass die Autoritäten schon wieder zicken und die Chapo nach Curacao oder Bonaire lenken möchten. Ich weiß nicht, wieviel ich davon an Jutta und Charly weitergeben soll.

Am besten wäre es vermutlich, wenn Charly die Chapo um Mitternacht hier in den Hafen fährt und den Zündschlüssel ins Wasser wirft.

Sissi in der Marina Oranjestad

Wir lesen jeden Tag im Internet die deutsche und die niederländische Presse. Wir sind informiert. Es geht uns gut und doch sind wir unsagbar einsam. Eine gute Kolume war meiner Meinung nach die von Sascha Lobo in Spiegel-Online über Vernunftpanik. Die solltest du unbedingt lesen.

Internet-Entwicklungsland Deutschland

Ich möchte jetzt nicht über fehlende Mobilfunkmasten, die Internetanbindung auf dem platten Land oder die teuren Tarife im internationalen Vergleich lamentieren. Ich möchte über die Infrastruktur schreiben, die die Bundesregierung uns Deutschen im Ausland zur Verfügung stellt – Elefand.

Elefant. Hat nichts mit Elefand zu tun. Ist verdammt schlau.

Die Bundesregierung weiß nicht, wo sich die Deutschen im Ausland so herumtreiben. Woher soll sie das auch wissen? Wir lenken Sissi schließlich dort hin, wo uns der Wind hintreibt. Es sollen sich auch über 100000 Deutsche im Ausland befinden, manche sind nur für einen Wochenendtrip nach Wuhan gefahren, andere verbringen Monate und Jahre in fernen Ländern.

Um Unterstützung von der deutschen Botschaft zu bekommen bzw. nach Deutschland heimgeholt zu werden, kann man sich in die sogenannte Elefand-Liste eintragen. Dabei steht Elefand nicht für das Tier, sondern ist ein Akronym für “Elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland”. In der Presse habe ich davon gelesen und dachte gestern, dass es nicht schaden kann, wenn wir uns dort registrieren. Also los.

Ich klappe das Notebook auf und beginne mit der Arbeit, rufe die URL auf. Die Webseite antwortet mir mehrfach mit Fehler 503. Das bedeutet, dass der Server quietscht und überlastet ist. Ich probiere es ein paar Mal dann darf ich die Startseite sehen und muss mich zunächst einmal registrieren.

Elefand Startseite

Schon nach vier oder fünf Versuchen habe ich mich registriert, danach bekomme ich eine Email mit einem Aktivierungslink. So weit, so gut. Der Aktivierungslink funktioniert sofort. Ich will weiter arbeiten.

Ich muss nur drei oder vier Mal die Login-Daten eingeben, da erscheint vor meinen Augen ein Formular, das sich hinter einem gewöhnlichen Immigrationsformular eines Karibikstaates nicht verstecken muss. Deutschland gehört definitiv zu den führenden Ländern in Sachen Formularentwicklung. Ich kann sogar sehen, dass es die erste Seite von fünf Seiten ist. Toll, ich fülle gerne Formulare aus.

Passnummern, Ausstellungs- und Ablaufdaten unserer Reisepässe habe ich im Kopf. Das ist kein Problem, die musste ich in den letzten Monaten so oft in Formulare eintragen, da bleiben sie irgendwann hängen. Kurz stellt mich die Frage auf die Probe, welche diplomatische Vertretung denn für uns zuständig ist auf Aruba. Natürlich – Amsterdam. Ist doch logisch. Unsere Adresse im Ausland (eigenes Segelboot, Renaissance Marina, Oranjestad) kann ich schnell googeln. Die leeren Felder im Formular füllen sich nach und nach und es dauert nur eine knappe halbe Stunde, bis ich fertig bin. Dann drücke ich den Knopf “Senden”. Dann erhalte ich wieder einen Fehler 503.

Übliche Elefand Fehlermeldung

Ich drücke die Taste “Zurück” in meinem Browser und probiere es noch zwei- oder dreimal mit der Übermittlung der Daten. Schließlich möchte ich mit den Eingaben nicht wieder von vorne anfangen müssen. Der blöde Server merkt jedoch, dass ich es mehrfach mit der Zurück-Taste probiert habe. Er weigert sich nun, die Daten anzunehmen. Statt dessen erscheint wieder das leere Formular. Das kotzt mich an. Ich hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank.

Wenn die Infrastruktur der Bundesregierung es nicht hergibt, dass sich 100000 Deutsche dort registrieren, dann sollen sie mir dem dem Scheiß gestohlen bleiben. Wieviele Leute können auf Amazon gleichzeitig ihre Hamster bestellen? Oder Netflix gucken? Wir wollen ja gar nicht nach Hause geflogen werden, wir wollen selbst fahren. Es ist mit Elefand wahrscheinlich so wie mit den meisten Hafen-WLANs. In der Nacht funktioniert es besser. Ich werde es noch einmal probieren, wenn es Nacht ist auf der Welt.

Wenn es hier wirklich hart auf hart kommt, laufe ich mit meinem Papierkram zur freundlichen Honorarkonsulin und mache das da vor Ort.

Rippche mit Kraut

Gestern Abend gab es bei uns Rippche mit Kraut zum Essen. Das hatten wir zuletzt, als wir unsere Eltern anlässlich ihrer goldenen Hochzeit im November besucht haben. Eine Dose Sauerkraut lagerte schon eine Weile in unseren Schapps, beim Metzger in Oranjestad haben wir wunderschöne Rippchen gefunden. Damit war das Abendessen gesetzt.

Rippche mit Kraut

Die Welt um uns herum dreht aufgrund der Corona-Krise hohl. Die meisten Länder haben ihre Grenzen geschlossen. Wir trauen uns derzeit nicht, Aruba zu verlassen, denn die Gefahr ist groß, dass man uns im nächsten Land nicht hinein lässt. Was tun?


Jens: Es ging mir in der letzten Zeit nicht besonders gut. Irgendetwas hat mir psychisch Probleme bereitet, aber ich konnte nicht so richtig deuten, was es war. Als wir von Martinique nach Bonaire gefahren sind, saß ich während meiner Wache grübelnd im Cockpit. Da viel es mir wie Schuppen von den Augen. Es ist die Einsamkeit auf dieser langen Reise. Wir haben unterwegs viele nette Menschen kennengelernt und neue Freunde gewonnen. Diese Freundschaften sind jedoch meist nur von kurzer Dauer, denn entweder begeben wir uns auf die Weiterfahrt, oder eben die anderen. Am Ende sind wir unter uns. Ich vermisse es, unter anderen Menschen zu sein und meine Freunde zu sehen. Diese Erkenntnis musste ich selbst erst verdauen und saß dort eine Weile mit Tränen in den Augen. Nachdem Jörg aufgestanden war erzählte ich ihm, was mir so schwer auf dem Seele lag. Er hatte dafür vollstes Verständnis und mir fiel an diesem Tag ein großer Stein vom Herzen. Ich bin trotz allem froh das ich mich auf diese Reise begeben habe. Unsere Erlebnisse und das Abenteuer waren es wert.


Ich habe mir das alles noch ein paar Tage schön geredet. Ich hatte immer die Hoffnung, Jens noch einmal umstimmen zu können, konnte aber auch sehen, wie groß seine Erleichterung ist, dass wir zurück fahren werden.

Wir haben beschlossen, zum richtigen Zeitpunkt, also etwa Anfang Mai, den Atlantik von West nach Ost zu überqueren, einen Zwischenstopp auf den Azoren einzulegen und dann den Sommer in Schottland zu verbringen. Hier in der Karibik wollten wir mindestens noch Jamaika und Kuba besuchen, vielleicht auch noch einen Kurztrip nach Haiti machen. Die Ankunft in Frankfurt planten wir für den September.


Dann kam Corona, die Sperrung des Panamakanals für Sportboote, Grenzschließungen an den meisten Landesgrenzen und damit Schließungen der meisten Inseln für uns. Die Unmöglichkeit, weiter nach Westen reisen zu können, macht mir die ganze Geschichte sehr viel leichter. Es fühlt sich für mich nicht besser an, wenn ich alle paar Tage neue Nachrichten über die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit der Kanaldurchfahrt lesen darf. Das ändert sich täglich.

Wir warten jetzt auf Aruba, bis wir die Situation besser einschätzen können. Da wir schon die Vorräte für den Pazifik eingekauft haben, könnten wir notfalls auch nonstop über den Atlantik fahren. Das wäre aber unschön, denn dabei sieht man nichts von der Welt.

Jeden Tag gibt es Neuigkeiten, neue Entwicklungen und damit auch neue Pläne für uns. Die übriggebliebene Zeit unseres Törns werden wir nutzen, um noch so viel wie möglich zu sehen.

Daheim in Frankfurt gibt es dann wieder Rippche mit Kraut.

Stell’ dir vor…

…es ist der 27. Februar 2020. Du startest mit deinem Segelboot auf den Kapverden, um den Atlantik zu überqueren. Du bist guter Dinge, das Boot ist fit und du hast noch zwei dänische Anhalter dabei, damit die Wachen kürzer werden. Dieses Virus, das sich in den Nachrichtensendungen festgesetzt hat, ist weit weg und treibt sein Unwesen in China.

Stell’ dir vor, dass der Wind schwach ist, die Überfahrt ein paar Tage länger dauert als geplant und du unterwegs nur per SMS kommunizieren kannst. Ein paar Wetterdaten. Du bist auf deiner schwimmenden Insel der Seligen. Der Atlantik ist blau, die Langeweile groß und du schaukelst jeden Tag näher an die karibischen Inseln.

Während du unterwegs bist, dreht sich der Globus immer schneller, schneller und schneller. Infizierte Menschen fliegen um die Welt, sitzen in Kreuzfahrtschiffen oder verteilen das Virus in Skihütten. Die Nachrichtensendungen kennen nur noch das Thema “Hamsterkäufe von Toilettenpapier”. Im ehemals grenzenlosen Europa klappt ein Schlagbaum nach dem anderen herunter. Überall auf der Welt werden Grenzzäune gezogen, Einreisen verboten und die Nationen igeln sich ein. Man kann im Internet beobachten, wie sich das Virus auf der Welt verteilt.

Du bekommst von alledem nichts mit. Du sitzt auf deinem Segelboot und segelst in die Karibik. Draußen ist der Atlantik und der Atlantik ist blau.

Die Welt dreht sich noch schneller und schneller. Manche Länder verhängen eine Ausgangssperre, kappen Flug- und Fährverbindungen und die Politik beginnt irre Dinge zu tun. Die Bevölkerung soll “durchinfiziert” werden oder es wird auf den vermeintlichen Urheber gezeigt. Der Teufel wird vielfach bemüht. Die Aktienmärkte fliegen tiefer als Militärflugzeuge. Gesundheitssysteme stehen mancherorts vor dem Kollaps. Kreuzfahrtschiffe bleiben in den Häfen. Hotels werden geschlossen. Schulen, Restaurants, Kinos und Bordelle ebenso.

Du bekommst nicht viel mit. Du sitzt auf deinem Segelboot und bist schon fast in der Karibik. Der Atlantik ist blau und dein Schiff segelt durch Seetang. Manchmal siehst du einen Delphin oder zwei.

Es ist der 16. März. Du bist fast am Ziel und stellst fest, dass dich keiner nehmen möchte. Die Grenzen sind geschlossen, Einreisebestimmungen wurden verschärft, schärfer als ein japanisches Messer aus dreihundertfach gefaltetem Stahl. So etwa geht es unseren Freunden auf der Chapo.

Deutscher Honorarkonsul auf Aruba

Ich habe heute eine Stunde beim deutschen Honorarkonsul auf Aruba verbracht. Die Konsulin ist sehr nett, spricht aber kein Wort deutsch. Das ist auch nicht nötig. Sie kennt die richtigen Telefonnummern. Ich bekomme die Zusage, dass Aruba die Chapo nicht abweisen wird. Die Freude auf der Chapo ist groß.

Dann war ich noch beim Hafenbüro. Der Hafenmeister freut sich sehr, dass doch noch ein Boot zu ihm in den Hafen hereinkommen wird. Die Chapo bekommt den Platz direkt neben uns. Jetzt müssen die Chapos nur noch die letzten 500 Meilen schaffen. Die beiden dänischen Anhalter haben zwar keinen Urlaub mehr, aber da müssen sie jetzt durch.

Alles wird gut.

Die Freude bei uns ist auch groß. Zum einen freuen wir uns auf Jutta und Charly, zum anderen freuen wir uns auf die Palette Apfelwein, die dort seit Lanzarote an Bord ist.

Headbanger und andere Tiere

Tierbeobachtung macht Laune, wenn man nicht gerade Kühen beim Wiederkäuen zuschaut, wobei selbst das wahrscheinlich noch eine sehr entspannende Tätigkeit sein kann.

Wir haben das Glück, dass wir zur Tierbeobachtung nicht einmal weit gehen müssen. In der Marina müssen wir manchmal nicht das Boot verlassen und sehen trotzdem wunderschöne Tiere. Ich mache aber bessere Fotos, wenn ich mich mit der Kamera zu den Tieren begebe und nicht an Bord auf die Tiere warte.

Auf Nahrungssuche – ein Mangrovereiher

Der Mangrovereiher sucht seine Nahrung hier direkt an dem Steg, an dem wir mit Sissi in der Marina liegen. Er lauert regungslos, bis er seine Beute erwischen kann. Er ist so gut getarnt, dass ich ihn fast gar nicht gesehen habe.

Antillengrackel

Dieser wunderschöne schwarze Vogel, der entfernt an eine Amsel erinnert, hat einen wunderbaren Gesang. Leider fällt mir da immer nur Amsel ein, aber ich habe ja keine Ahnung von den Flatterviechern.

Update: Günter Hans hat mir die Info geschickt, dass es sich hier um einen Antillengrackel handelt. Danke dafür.

Dann ist mir noch dieses süße gelbe Kerlchen vor die Kameralinse geflogen, als ich auf der Jagd nach Headbangern war.

Gelber Vogel

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Thema des Beitrags, zum Headbanger. Wer wissen möchte, warum wir dem grünen Leguan diesen Namen gegeben haben, der möge bitte gleich zum Ende des Beitrags gehen und das kurze Video anschauen. Alle anderen dürfen erst einmal die schönen Bilder genießen.

Grüner Leguan auf grüner Wiese

Sie begegnen uns fast überall in der Marina, die grünen Leguane. Die meisten von ihnen sind gar nicht grün, sollen dafür aber sehr lecker sein. Der Geschmack erinnert an Hühnchen – schreibt Wikipedia. Allerdings sind sie so schnell, das wir bisher keinen einfangen und grillen konnten.

Exemplar in der Größe einer normalen Katze

Im Gegensatz zu unseren Eidechsen sind diese Leguane nicht besonders scheu. Ich kann locker bis zu einer Entfernung von einem Meter an sie heran kommen, bevor sie die Flucht ergreifen. So kann ich schöne Nahaufnahmen machen.

Drachen auf dem Stein

Von Aussehen her erinnern sie auch an kleine Drachen. Sie aalen sich in der Sonne auf den Steinen, die zum Küstenschutz hier aufgeschüttet worden sind.

Baumdrache

An einem Tag habe ich keine auf den Steinen sitzen gesehen und wollte schon wieder unverrichteter Dinge zurück zu Sissi gehen, da hörte ich Rascheln im Gebüsch. Ich habe sofort ein halbes Dutzend der Viecher in der Hecke neben mir gefunden, als ich nur ein wenig gesucht habe.

Irokesenschnitt

Für das letzte Foto habe ich mich auf den Bauch gelegt und war mit dem Drachen auf Augenhöhe. Er ist auch nicht weggelaufen, als ich wieder aufgestanden bin. Schreckhaft sind sie mitnichten. Lustig ist, wenn sie gegenseitig hintereinander herlaufen. Ich glaube, das hat etwas mit Paarungsverhalten zu tun, denn wenn sie sich gegenseitig prügeln, dann machen sie das mit ihrem Schwanz.

Wer jetzt sagt, dass die grünen Leguane gar nicht richtig grün sind, der hat sich nicht geirrt. Die meisten sind es nicht, die grünen Exemplare sind eher selten. Aber ich konnte einen grünen grünen Leguan im Video festhalten.

Tierbeobachtung macht Laune. So, jetzt mache ich gleich mal Tierbeobachtung der anderen Art. Im Kühlschrank liegen noch zwei leckere Rindersteaks, die ich beim Braten in der Pfanne beobachten möchte.

Busfahren auf Aruba – wir fahren nach Lourdes

Auf Aruba gibt es einen gut ausgebauten ÖPNV. Von Oranjestad aus kann man mit dem Bus über die ganze Insel reisen. Eine Einzelfahrt kostet unabhängig von der Entfernung 2,60 US$. Für das Geld bekommt man eine ganze Menge Busfahren, der Preis ist vollkommen in Ordnung.

So spazieren wir zum zentralen Busbahnhof und nehmen die Linie nach San Nicolas, ganz im Süden der Insel. Die Busse sind recht neu, haben eine brutal gute Klimaanlage und im Inneren läuft, wie überall in der Karibik, natürlich Reggaemusik.

Wir steigen aus und sehen auf der Straße ein Hinweisschild zur Grotte von Lourdes. Das klingt interessant, schon weil das Schild in Richtung des Naturparks zeigt, den wir besuchen wollen. Leider gibt es keine Buslinien zum Naturpark, also gehen wir in der knallenden Sonne zu Fuß.

Straße in San Nicolas

Außer uns blöden Touristen ist kaum ein Mensch auf der Straße zu sehen. Alle verbringen die heißesten Stunden des Tages irgendwo im Schatten.

Auch wir suchen uns ein schattiges Plätzchen und stärken uns mit selbst gebackenem Brot, auf dem der in Bonaire gekaufte, im Kühlschrank von Sissi gründlich nachgereifte französische Rohmilchcamembert schon beinahe ein Eigenleben entwickelt. Den riecht man wahrscheinlich quer über die ganze Insel, er ist aber super lecker.

Lustig. Jens kaut ein Brot. Das ist immer für einen feinen Gesichtsausdruck gut.

Immer weiter laufen wir aus dem Ort in Richtung Naturpark. Die Landschaft unterscheidet sich kaum von der Landschaft auf Bonaire, nur gibt es hier weniger Vögel zu sehen – warum auch immer. Dann erreichen wir endlich die Grotte.

Schild am Eingang

Vor der Grotte, die immerhin sogar auf dem großen Wegweiser an der Hauptstraße aufgeführt ist, steht nicht ein Auto. Auch kein Reisebus. Niemand. Nur die Sonne brennt. Es gibt keinen Ticketschalter und es kostet auch keinen Eintritt. Wir erklimmen die Stufen.

Lourdesgrotte

Nun wissen wir Bescheid. Die Lourdesgrotte ist relativ klein und gut eingezäunt. Blumen und Kerzen zeigen, dass sie regelmäßig benutzt wird.

Lourdes

Nach ein paar Minuten haben wir genug gesehen. Es ist eine Mischung aus Religion und Tristesse. Wir fotografieren noch ein wenig, dann machen wir uns auf den Weg und gehen in der Hitze wieder zurück zur Bushaltestelle.

Dort steht glücklicherweise ein Baum, unter dem wir im Schatten auf unseren klimatisierten Transport nach Oranjestad warten können. Auch auf Aruba regnet es selten.

Kakteen bei der Grotte

Geisterstadt Oranjestad

Geisterzug – nur mit Fahrer und Schaffner besetzt. Normalerweise sitzen da noch viele Kreuzfahrer drin.

Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung. Manchmal werden Träume wahr. Wenn du regelmäßig in diesem Blog liest, ist dir sicher nicht entgangen, dass ich bei vielen Begegnungen mit Kreuzfahrtschiffen etwas zu meckern habe. Sie stinken, sie fluten die Ziele mit Menschen, sie halten sich nicht an die Verkehrsregeln auf See, sie sehen scheiße aus und verbauen auch noch oft den Blick auf die Landschaft oder den Horizont. Ich habe mir immer eine Welt ohne Kreuzfahrer gewünscht.

Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Im Augenblick haben wir unsere Ruhe vor den Kreuzfahrtschiffen.

Kreuzfahrerterminal in Oranjestad – hier liegen normalerweise jeden Tag zwei Schiffe

Der Grund dafür, dass in den nächsten vier Wochen keine Kreuzfahrer nach Aruba kommen, ist natürlich inzwischen jedem bekannt. Es liegt am Coronavirus. Auch Flüge nach Europa sind abgesagt.

Plakat mit Verhaltensregeln

In den umliegenden Ländern wurden die Grenzen geschlossen. Wir Segler fahren normalerweise dort hin, wo uns der Wind hinbläst. Dann gehen wir zu den Behörden, füllen einen riesigen Berg Formulare aus und bekommen Stempel in unsere Pässe. Anschließend sind wir im Land und können tun und lassen, wozu wir Lust haben.

Wir lesen im Internet, dass in Europa ein Land nach dem anderen seine Schlagbäume herunter lässt. Das ist auf den Inseln in der Karibik nicht anders. Deswegen bleiben wir erst einmal hier und harren der Dinge, die uns in den nächsten Wochen erwarten. Mir ist klar, dass das Jammern auf einem recht hohen Niveau ist, denn wir sind an einem sehr schönen Ort, haben Zugang zu guter Versorgung in Infrastruktur und hätten im Fall der Fälle auch eine ordentlich ausgestattete Klinik zur Hand. Es bereitet uns aber keine Freude. Wir sind auch mit unseren Gedanken bei Familie und Freunden in Deutschland.

Leere Fußgängerzone in Oranjestad

Viel ist in Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, dass sich das Virus auf die Wirtschaft auswirken wird. Dass es irgendwann die meisten Menschen bekommen werden. Über die Gefährlichkeit wird viel spekuliert und die Entwicklung eines Impfstoffs wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Es wird viel Panik geschürt, Halbwissen beherrscht den virtuellen Raum im Netz, blöde Witze werden gerissen.

In Oranjestad sehen wir überdeutlich, dass ein Schaden für die lokale Wirtschaft sofort eintreten kann. Die Fußgängerzone ist leer, die Geschäfte sind es auch.

Leeres Geschäft, sie sehen jetzt alle so aus.

Die Welt hat sich innerhalb weniger Tage verändert. Wir haben nun einen anderen Planeten. Teilweise drehen verrückte Politiker am Rad, setzen krude Theorien in Umlauf und zeigen mit ihren Fingern auf andere Länder, anstatt sich um die Eindämmung der Seuche zu kümmern.

Die verunsicherten Menschen reagieren mit Handlungen, die sie unter normalen Umständen niemals ausführen würden. Wer (außer uns Seglern) braucht für mehrere Monate Toilettenpapier im Haus? Unser Vorrat würde bis Australien reichen. Wer isst eigentlich gerne Dinkelnudeln? Und wer ist so bekloppt, sich die Nase mit Essig auszuwaschen?

Die Kassiererin im Supermarkt gleich um die Ecke unserer Marina trug gestern eine OP-Maske und Gummihandschuhe. Vor der Kasse stand ein Teller mit aufgeschnittenen rohen Zwiebeln. Vernunft und Wahnsinn direkt nebeneinander.

Ich will hoffen, dass der Planet in den nächsten Wochen wieder zur Normalität zurück findet. Wir hängen fest, wir können nicht weiter. Die Lage kann sich jeden Tag, jede Stunde ändern. Wenn wir weiter fahren, können wir uns nicht sicher sein, dass wir am Ziel auch in den Hafen gelassen werden. Dazu haben wir zu viele Berichte aus erster Hand von anderen Seglern bekommen, die es am eigenen Leib erfahren haben.

Für meine persönliche Stimmung ist das Gift. Für unsere Pläne ist es sehr, sehr unglücklich. Für die Menschen hier in Oranjestad ist es eine Katastrophe.

Der Zug ist abgefahren.

Für ein Leben ohne das neue Coronavirus ist der Zug jedenfalls abgefahren.

Straßenbahn fahren auf Aruba

Darauf habe ich mich sehr gefreut. Wir sind auf Aruba und dort gibt es eine Straßenbahn. Ich hatte schon lange keine Schienen mehr unter dem Arsch, das letzte Mal war das auf Teneriffa, auf der anderen Seite des Atlantik und im vergangenen Jahr. Das bringt mir durchaus Entzugserscheinungen. Deswegen bin ich froh, dass wir bei der karibischsten aller Straßenbahnen angekommen sind.

Ein paar technische Daten zur Straßenbahn gibt es auf Wikipedia. Die schreibe ich jetzt nicht ab, bei Interesse klickst Du einfach auf den Link.

Blaue Straßenbahn kommt vom Kreuzfahrerterminal

Wir haben tatsächlich das Glück, an einem Tag drei verschiedene Fahrzeuge zu sehen. Das ist ein ganz guter Wert, denn es gibt insgesamt nur vier Wagen, die die knapp zwei Kilometer lange Strecke befahren.

Rote Bahn an einer der vielen Einkaufsmalls

Eigentlich ist die Bahn in Oranjestad keine Straßenbahn, sondern mehr ein Karussell. Sie hat keinerlei Bedeutung für den ÖPNV, sondern dient nur dazu, die Kreuzfahrttouristen vom Kreuzfahrerterminal in die Einkaufsstraße zu bringen und vice versa.

Orange Tram auf Personalfahrt

Die Fahrt im Karussell kostet nichts. Man kann einfach einsteigen und mitfahren. Das finde ich klasse. Der Spaß wird vermutlich von den Geschäftsleuten in der Innenstadt finanziert, denen die Kreuzfahrer vor die Tür gefahren werden.

Jens fotografiert die blaue Tram

Die schöne Form der Fahrzeuge hat sogar Jens motiviert, mal wieder sein Kameraobjektiv auf ein Schienenfahrzeug zu halten. Ich quäle ihn jeden Abend mit einer Folge Eisenbahnromantik aus der ARD Mediathek. So langsam zeigt das Früchte.

Rote Tram unter Palmen

Das rote Fahrzeug ist jedenfalls viel schöner anzusehen als das blaue. So wie fast immer. Die leuchtenden Farben gehen auch, wenn die Sonne sich hinter Wolken versteckt. Schade, dass der orange Wagen nicht regelmäßig fährt.

“Notfoto” des orangen Wagens. Er kam viel schneller zurück, als ich es erwartet habe.

An der Ausweiche haben wir uns länger aufgehalten und fotografiert. Es ist nicht nur das Bild von Jens beim Fotografieren entstanden, sondern auch ein Bild des roten Fahrzeugs.

Rote Tram in der Ausweiche

An der Endhaltestelle haben die Züge immer ein paar Minuten Pause. Die Straßenbahnfahrerin ist dort in ein Cafe gegangen. Wie immer muss man dem Personal nachlaufen, dann findet man auch gutes und günstiges Essen. Wir konnten leckere Schinken-Käse-Sandwiches jagen, die einem nicht alle Dollars aus dem Portemonnaie gezogen haben.

Endstation

Nach diesem Foto von der blauen Tram an der Endhaltestelle wolle ich noch ein Bild des roten Zugs machen. Der Fahrer hat mir aber das Handy aus der Hand gerissen, Jens und mich an seinen Arbeitsplatz geschickt und uns erst einmal fotografiert.

Das sind wir.

Anschließend hat er sich zu seiner wohlverdienten Pause in den Schatten begeben. Das wäre ein Job nach meinem Geschmack. Eine Viertelstunde arbeiten, dann eine Viertelstunde Pause. Die machen sich nicht kaputt.

Wohlverdiente Pause an der Endhaltestelle

Wenn wir von der Marina zum Kreuzfahrerterminal laufen, können wir die Straßenbahn nehmen und in die Nähe einer Metzgerei fahren. Dann bekommt die Straßenbahn einen verkehrlichen Zweck. Zurück laufen wir dann aber von der Metzgerei in die Marina, weil der Weg kürzer ist und das Fleisch nicht verderben soll.

Wir fahren zum Metzger

Weil es so viel Spaß gemacht hat, haben wir ein kleines Video gedreht und geschnitten. Also ich habe gefilmt und Jens hat es zusammen geschnitten. Das beste war der Fahrer, der erst nicht über das Handy drüberfahren wollte. Da wir noch ein paar Tage in Aruba sind, werden wir noch die eine oder andere Fahrt unternehmen.

Genauer gesagt, ich werde die eine oder andere Fahrt noch mitmachen. Ob Jens dabei ist, weiß ich nicht. Ich muss ihm noch ein paar Folgen Eisenbahnromantik um die Ohren hauen.