Schneckenrennen

Tag 5

Ein gebrauchter Tag. Jedenfalls für mich. Nach der Reparatur des Ruders will ich mir endlich ein paar Frühstücksbrote schmieren. Ich bin nicht nur nass geschwitzt, ich habe auch einen riesigen Kohldampf. Wir haben von dem Winddreher bisher nicht viel mitgenommen, weil wir während der Reparatur ein paar Meilen nach Westen abgetrieben sind. Ärgerlich.

Ich stehe an der Anrichte und schneide mir gerade meine Brote ab, als eine Welle quer kommt und Sissi gehörig beutelt. Dabei knicke ich mit dem Fuß um, Brote, Brotmesser und ich fliegen durch den Salon. Jetzt hat mein linkes Fußgelenk Fußballgröße, die Tendenz geht zum Basketball. Oder so ähnlich. Wenigstens muss ich in den nächsten Tagen nicht viel durch die Gegend laufen. Die Wanderwege auf Sissi sind sehr begrenzt.

Seit ein paar Stunden machen wir nun wieder Strecke nach Osten, der Download einer neuen Wettervorhersage verspricht uns das Zurückdrehen des Windes für ca. 20 Uhr. Dann gehen wir wieder auf Kurs Aruba. Im Großsegel ist jetzt das zweite Reff eingebunden, wir haben uns endlich zu dieser Arbeit aufraffen können. Sissi läuft jetzt viel besser geradeaus. Wir werden davon in den kommenden Tagen profitieren.

Wir haben noch ein paar Dosen Haggis an Bord und machen einen schottischen Abend. Jens steht am Herd, ich kann nicht richtig stehen mit dem kaputten Fuß. Zum Haggis gibt es Püree aus Süßkartoffeln und zermatschte Erbsen mit ein wenig Minze. Aussehen tut es definitiv authentisch, die Süßkartoffeln geben dem Gericht einen karibischen Einschlag. Nach dem Abendessen fahren wir wieder eine Wende und haben wieder Kurs Richtung Aruba. Der Wind dreht ein paar Grad zurück zu unseren Gunsten. Unser fünftes Etmal liegt bei 70 Meilen.

Tag 6

Meile für Meile machen wir Fortschritte auf unserem Weg. Auf dem Navigationscomputer sieht es zwar so aus, als kämen wir nicht voran, doch das ist falsch. Auch mit drei Knoten Geschwindigkeit sind es noch 72 Meilen am Tag. Und wir müssen nur noch zwei Tage segeln, dann sind wir in Motorreichweite. Dann müssen wir uns entscheiden. Nehmen wir den Motor, um die letzten Meilen zu mogeln und kommen am Montag an oder machen wir noch einmal eine Wende, fahren wieder von Aruba weg und kommen am Dienstag an. So oder so, das Ende der Reise ist absehbar.

Ausnahmsweise ist in der Nacht nichts kaputt gegangen. Wir können also das tun, was wir sonst jeden Tag tun. Herumsitzen und dösen. Außerdem brauchen wir wieder ein frisches Brot und das Abendessen will geplant sein – ein Vorgang, der inzwischen einigermaßen viel Kreativität benötigt. An frischen Lebensmitteln haben wir noch eine Süßkartoffel und ein paar Knoblauchzehen. Der Rest sind Konserven und Nudeln. Bislang hat es uns aber immer geschmeckt.

Auf mein Frühstückbrot kommt heute Wurst aus der letzten Dose mit der Aufschrift „Hausmacher Presskopf“ von der Metzgerei Haase in Bonames. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist der 20. März 2020. Gleich nach dem Öffnen strömt leckerer und appetitlicher Geruch durch das Boot. Unsere Konserven aus Bonames sind zwar allesamt abgelaufen, manche schon über ein Jahr, es ist jedoch nur eine einzige davon kaputt gegangen. Das Datum auf den Dosen ist viel zu konservativ gewählt, sie halten alle viel, viel länger.

Eine Bevorratung mit frischen Lebensmitteln in Kuba ist vollkommen unmöglich. Wie sollen wir frische Lebensmittel einkaufen, wenn schon für die Kubaner nicht genug zu essen da ist? Die wissen wenigstens, wo man sich in der Schlange anstellen muss. Ich bearbeite noch ein paar Bilder aus Havanna. Drei Dutzend habe ich schon vorbereitet, ein weiteres Dutzend wird wohl noch dazu kommen. Aus Santiago habe ich eine Nachricht an Juliette in Aruba geschickt und sie gebeten, meine SIM-Karte aufzuladen. Damit können wir in Aruba sofort online gehen, auch wenn wir erst noch Quarantäne haben und ankern müssen, bis das Ergebnis des Covid-Tests da ist.

Zum Abendessen mache ich uns Nudeln mit Tomatensauce nach mediterraner Art mit Sardinen und Oliven. Es ist sehr lecker. Die Nacht ist ruhig, wir können beide gut schlafen. Leider bringt der nächste Morgen das ernüchternde Ergebnis, dass wir viel zu langsam sind. Es sind immer noch 200 Meilen nach Aruba. Es wäre genug Wind da, um schnell zu segeln, doch die Wellen machen uns einen Strich durch die Rechnung. Mit diesem Tempo werden wir erst am Mittwoch ankommen. Mini-Etmal von 57 Meilen.

Rock’n’Roll

Tag 4

Der Traum fast jeden Seglers. Ein stetiger Wind von fünf bis sechs Windstärken, immer aus der gleichen Richtung. Die Segel sind dicht geholt, das Schiff hat eine schöne Schräglage und der Bug pflügt durch die Wellen. Die Gischt spritzt dem Steuermann um die Ohren, das Schiff läuft Höchstgeschwindigkeit. Bäh. Pfui. Ich hasse das. Es ist die anstrengendste Ozeanpassage, die ich bisher hinter mich bringen musste. Drei Wochen von den Kapverden nach Barbados segeln mit dem Wind von hinten ist nicht so anstrengend wie drei Tage in der karibischen See gegen den Passat zu kämpfen. Der stetige Wind produziert stetig Wellen, die mit vier bis fünf Metern Höhe recht ordentlich sind. An Geschwindigkeit ist nicht zu denken, wenn wir zu schnell fahren, bohrt sich der Bug in die Wellen und es scheppert ungemein.

Wer kam bloß auf die Idee, nach Aruba zurück zu fahren? Es liegen noch 330 Meilen vor uns und das ist die Luftlinie. Die können wir nicht direkt fahren. Wir werden wahrscheinlich 500 Meilen fahren müssen, das sind bei unserer Geschwindigkeit noch sechseinhalb Tage. Ich will gar nicht daran denken. Mit dem Motor können wir nicht mogeln, wir haben nur noch Diesel für 170 Meilen übrig.

Der Schlafentzug macht sich langsam bemerkbar. Zu Therapiezwecken wird er eingesetzt gegen Depressionen, wenn ich mich richtig erinnere. An Bord ist er eher nicht geeignet, die Stimmung aufzuhellen. Wenn ich mich auf die Couch lege, fallen mir sofort die Augen zu. Wenn ich dann gerade am wegdösen bin, trifft Sissi auf eine heftige Welle und der Anker kracht ins Wasser. Dann bin ich wieder wach. Jens geht es ähnlich, auch er hat bisher keinen richtigen Schlaf finden können. Das wird wohl bis Aruba so bleiben.

Insofern freuen wir uns auf die 24 Stunden Quarantäne an unserer Ankerkette, wenn wir angekommen sind und unseren Covid-Test hinter uns gebracht haben. Dann haben wir keine Verpflichtungen und können uns endlich mal ausschlafen.

Am Nachmittag werden wir von einigen Delphinen begleitet. Sie schwimmen neben Sissi her und springen aus den hohen Wellen hinaus. Das ist wunderschön anzusehen, lässt sich leider nur mit viel Glück fotografieren. So viel Glück haben wir nicht. Die Erinnerung daran muss genügen. Es sind tolle Tiere.

Mit Papier, Bleistift, Geodreieck und Zirkel errechnen wir den Kurs, den wir gerade noch fahren können, um ohne aufzukreuzen mit dem letzten Rest Diesel unser Ziel erreichen zu können. Ich würde sagen, die Chancen stehen etwas besser als 50%. Falls der Wind nicht noch einmal 10° zu unseren Ungunsten dreht, kann es klappen.

Die Klebeband-Abdichtung ist undicht geworden. Schade, ist aber nicht zu ändern. Über dem Salon hält sie noch einigermaßen, nur die Vorschiffskoje ist zu einer Tropfsteinhöhle mutiert. Da wir bei unserem Kurs durch den Windgenerator mit Unmengen von Strom versorgt werden, überlegen wir kurz, den Heizlüfter zum Trocknen einzusetzen. So lange es dabei von eben weiter tropft, ist es natürlich vollkommen unsinnig. Also machen wir das Radio an und hören eine Stunde lang laute Heavy Metal Musik. Das verbraucht auch Strom. Alle Batterien sind und bleiben zu 100% gefüllt.
Die Nacht ist vergleichsweise ruhig, der Wind hat nachgelassen. Er hat allerdings auch seine Richtung zu unseren Ungunsten verändert. Jens schlägt vor, dass wir eine Halse fahren. Wir sind uns beide einig, dass wir Aruba nicht mehr direkt anlegen können. Gesagt, getan. Nach wenigen Minuten fährt Sissi einen ganz verrückten Kurs. Wir müssen feststellen, dass wir keinerlei Ruderwirkung mehr haben. F*ck!!!

Vor zwei Jahren ist uns das in Stavoren schon einmal passiert. Das Seil, das die Kräfte vom Steuerrad auf das Ruder überträgt, ist damals vom Ruderquadranten gesprungen. So ist es auch heute. Ich muss meine gesamte Koje ausräumen, um an das Seil zu kommen. Im Gegensatz zum Hafen von Stavoren ist hier wenigstens genug Leeraum, wir können nirgendwo gegen treiben. Dafür brauche ich heute fast eine Stunde für die Reparatur. Jens muss das Ruder irgendwie mit der Notpinne gerade halten, damit ich das Seil wieder in die Führung bekommen und die Schrauben anziehen kann. Nun tropft uns beiden der Schweiß von allen Körperteilen, unsere T-Shirts sind nass wie frisch aus der Waschmaschine. Wir brauchen eine Dusche. Sissi läuft wieder prima. Den neuen Kurs werden wir jetzt einen Tag fahren, dann soll laut Vorhersage der Wind wieder in die alte Richtung zurück drehen. Viertes Etmal 77 Meilen.

Apothekenmuseum

Die Museen in Havanna sind geschlossen. Da macht das Revolutionsmuseum keine Ausnahme. Auch das Museum der modernen kubanischen Kunst ist zu und das Apothekenmuseum ebenfalls.

Apothekenmuseum

Dies ist ein besonderer Auftrag für mich. Mein ehemaliger Arbeitskollege und Freund Uli ist dabei, in Neubiberg bei München ein Apothekenmuseum einzurichten. Er hat mich gebeten, in Havanna das Apothekenmuseum zu besuchen, wenn möglich zu fotografieren und alle möglichen Prospekte oder Bildbände mitzubringen, die ich bekommen kann.

Die Suche nach dem Museum gestaltet sich zunächst schwierig. Keiner der Taxifahrer, die wir fragen, weiß wo sich das Museum befindet. Vielleicht habe ich die Frage auch falsch gestellt, ich habe nach der historischen Apotheke gefragt. Wir sind halt arm dran, ohne unsere Telefone und ohne Internet. So richtig offline halt. Lediglich die Kamera von Jens macht diese Aufnahmen überhaupt möglich. Nachdem wir zunächst vor einer der drei historischen Apotheken aufgeben mussten, weil sie wegen Renovierung geschlossen ist, finden wir endlich die Apotheke Reunion/Sarre.

Apothekenmuseum von außen

Von der Sonnenseite her fotografiert sieht das repräsentative Gebäude ziemlich geschlossen aus. Es ist ein Sonntag, wir wollen schon aufgeben und am nächsten Tag wiederkommen. Doch kaum laufen wir um die Ecke, können wir sehen, dass die Eingangstür geöffnet ist. Das Museum ist nämlich nicht nur ein Museum, sondern noch eine richtige Apotheke, in der Medikamente verkauft werden.

Verkaufsraum

Es ist am Sonntag nicht viel los in der Apotheke. Vielleicht haben sie auch keine Medikamente. Wir fragen, ob wir fotografieren dürfen. Wir dürfen. Dann bekommen wir freundlich erklärt, dass das Museum geschlossen hat. Durch die Eingangstür macht Jens ein paar Bilder, als plötzlich die Apothekerin kommt und uns andeutet, dass wir ihr folgen sollen. Wir werden durch einige der Räume der Museums geführt und Jens macht Foto um Foto.

Vitrine

In das Obergeschoss können wir nicht und auch die Räume, vor denen ein Sicherheitsfuzzi sitzt, sind für uns tabu. Doch wir bekommen einige schöne Aufnahmen zusammen.

Teil der Vitrine aus der Nähe

Alle möglichen Werkzeuge, die ein Apotheker bei der Herstellung der Medizin benötigte, sind hier in den Vitrinen zu finden. Wenn die Museen wieder geöffnet haben, kann ich einen Besuch dieses Museum nur empfehlen, wenn man sich sowieso schon in Havanna aufhält.

Historische Apothekerwaage

Leider kann ich für Uli nur die Bilder mitbringen, einen Dropbox-Link hat er schon bekommen. Uli, fühl’ Dich frei, die Bilder auf Deiner Webseite zu verwenden. Den Höhepunkt unserer ganz privaten inoffiziellen Führung macht die Öffnung der Tür des Tresors aus, in dem sich die teuren Zutaten und die Drogen befunden haben.

Tresor

Am Ende spenden wir 10 Dollar für die Restaurierung des Museums oder für ein Abendessen für die Apothekerinnen. Ich weiß es nicht. Es war jedenfalls eine tolle private Führung und die Ausstellungsstücke sind schön anzusehen. Ein solches Museum findet man jedenfalls nicht an jeder Ecke.

Apothekergefäße

Fast eine Flucht

Nach der Freigabe durch die Behörden entschließen wir uns, Kuba so schnell wie möglich zu verlassen. Eine kurze Prüfung der Wettervorhersage ergibt ordentlichen Wind aus achterlicher Richtung, der uns erst einmal bis Haiti blasen soll. Haiti selbst ist sehr hoch und produziert einen Windschatten, den wir mit Motorkraft überwinden wollen. Dann ist es aufgrund der Windrichtung kein Problem mehr, Aruba anzulegen und direkt darauf zuzusteuern. So ist der Plan.

Tag 1

Wie es mit Plänen so ist, sie halten nicht viel länger als kubanische Regeln. Wir verlassen die Bucht von Santiago und erwischen erst einmal einen schönen Wind, setzen das Großsegel und die Genua und versuchen, so schnell wie möglich aus der 12-Meilen-Zone zu kommen. Nach drei Meilen ist aber Schluss mit der Herrlichkeit, der Wind ist weg und der Motor darf wieder arbeiten. Ich schlage Jens vor, schon einmal ein Reff ins Großsegel zu binden. Jens ist zu träge und meint, dass die Vorhersage nicht so viel Wind hergibt. Wir sind beide glücklich, Kuba unser Heck zu zeigen.

Nachdem wir die kubanischen Gewässer verlassen haben, kommt wieder Wind auf. Diesmal von vorne, nicht wie vorhergesagt. Aber die Menge ist ausreichend, wir können wieder segeln. Beide Segel sind voll gesetzt, Sissi hält mit hoher Geschwindigkeit auf Haiti zu, das wir allerdings in gebührendem Abstand passieren wollen. Es gibt dort eine heftige Strömung, der wir ausweichen wollen. Ich muss noch aufs Vordeck klettern und die Wanten nachspannen. Offenkundig habe ich das in Kuba nicht ordentlich gemacht. Jens hat immer noch keine Lust, das Großsegel zu reffen. Dann bleibt es eben ungerefft. Wird schon gehen.

In der Nacht frischt der Wind auf, wir bekommen bis zu 35 kn auf die Nase. Jetzt rächt sich das ungereffte Großsegel an uns. Nur mit handtuchgroßer Genua versuchen wir das Problem zu umschiffen. Außerdem werden wir immer näher an Haiti und die Zone mit der Gegenströmung geblasen. Sissi fährt ungewohnte Schräglagen. Es ist praktisch unmöglich, sich auf dem Boot zu bewegen. Wir müssen uns mit den Händen festhalten, derweil schaukeln die Füße in der Luft wie bei den Schimpansen im Affenhaus. Ich sage zu Jens, dass ich in Frankfurt mit dem Bouldern anfangen werde. Schlimmer als auf der Sissi kann das nicht sein. Ich werde nicht anfangen, meine blauen Flecken zu zählen.

Die erste Nacht ist unangenehm, wir werden durch unsere Kojen geschleudert. Die Vorschiffskoje und später auch der Salon verwandeln sich in eine Tropfsteinhöhle. Seit Monaten suche ich nach der undichten Stelle in der Vorschiffskoje, jetzt weiß ich, dass es nicht nur dort eine undichte Stelle ist. Und jetzt ist mir auch klar, wo das Wasser eindringt: Am äußeren Rand der Luken, wo sie auf das Deck aufgesetzt sein. Es betrifft alle Luken. Leider können wir zu diesem Zeitpunkt nichts daran ändern. Mitten in der Nacht setzt sich ein kleiner Vogel auf unsere Solarpaneele, nachdem er zunächst eine Landung auf der Saling versucht hat. Er bleibt dort bis zum Morgengrauen sitzen, bevor er sich wieder in die Luft begibt. Leider konnten wir diesen Vogel nicht klassifizieren.

Am nächsten Morgen lässt der Wind mehr und mehr nach, wir sind richtig nah an Haiti und in der Flautenzone. Und in der Gegenströmung. Der Motor wummert und Sissi fährt lediglich mit 1,5 kn über Grund. Zwei kleine haitianische Fischerboote umkreisen uns, wollen wissen, wo wir herkommen und fragen nach Geld. Bei dem Seegang wäre es quasi Selbstmord, wenn wir irgendwie so nahe an die Fischer heranfahren würden, dass wir ihnen etwas übergeben können. Wir winken uns gegenseitig noch zu, dann gehen die Fischer wieder ihrem Job nach.

Wir fahren diagonal mit dem Motor gegen die Strömung in die Richtung, in der wir am ehesten Wind erwarten. So kommen wir immerhin auf 2,5 kn Fahrt. Das erste Etmal liegt gerade einmal bei 102 Meilen.

Tag 2

Die Situation ist erst einmal unverändert. Wir dieseln durch die Flaute. Erst gegen 22 Uhr stellt sich ein stetiger Wind aus der vorhergesagten Richtung ein. Langsam verlassen wir die windtote Zone. Jens ist schon seit ein paar Stunden im Bett, also setze ich die Genua alleine (sehr einfache Übung) und reduziere die Drehzahl des Motors. Unsere Geschwindigkeit nimmt zu. Gegen 1 Uhr in der Nacht kann endlich den Diesel schlafen schicken. Als ich Jens um 2:30 Uhr wecke, machen wir gut 5 kn Fahrt. Gemeinsam nehmen wir noch die Windfahne in Betrieb, dann lege ich mich schlafen. Durch die Abwärme des Motors ist es unerträglich heiß in der Koje.

Wie immer habe ich die erste Nachtwache, dann wecke ich Jens. Kurz bevor Jens ins Cockpit kommt, lässt sich ein Tölpel auf unseren am Heck gestapelten Fendern nieder. Die Vögel werden größer. In der ersten Nacht hatten wir keinen ruhigen Schlaf, in der zweiten Nacht auch nicht. Ich werde wieder durch die Koje geworfen. Jens refft die Genua, die Geräuschkulisse höre ich erstmals in der Koje. Bislang war ich immer derjenige, der in der Nacht gerefft hat. Gegen acht Uhr wache ich durch den Lärm auf, den unser Anker verursacht, wenn er sich in die Wellen bohrt. Wir müssen noch mehr reffen. Ich komme ins Cockpit und sehe gut 30 kn Wind auf dem Anzeiger. Wow, das sind 10 kn mehr als vorhergesagt. Die Wellen sind imposant. Wir reffen die Genua weiter, so dass wir nur noch mit gut 3 kn Fahrt unterwegs sind. Dafür bohrt sich der Anker nicht mehr in die Wellen. In der Vorschiffskoje regnet es weiterhin. Jens erzählt, dass der Tölpel kurz vor Sonnenaufgang verschwunden ist.
Anstatt
einen Start in die Luft zu wagen, ist er einfach ins Wasser gesprungen und von dort gestartet. Cool.

Wir ändern den Kurs, so dass wir vor dem Wind laufen. Sofort ist Sissi ruhig im Wasser. Dann klettere ich mit Rettungsweste und Sicherheitsgurt auf das Vordeck, um sämtliche Luken mit Klebeband abzudichten. Mal sehen, ob das was bringt und ob meine Arbeitshypothese mit der undichten Stelle stimmt.

Für den nächsten Schlag von Aruba in Richtung Nordosten werden wir die Wettervorhersage genauer prüfen. Die Fahrt von Kuba weg ist mehr eine Flucht als eine sorgfältig geplante Segelreise. Wir haben vergessen, die Wellenvorhersage zu prüfen. Die Wellen sind jetzt sehr, sehr unangenehm und drehen uns immer wieder aus dem Kurs. Nicht nur Kuba, auch der Atlantik hat Regeln, die unerbittlich eingehalten werden. Allerdings ändern sich die Regeln auf dem Ozean nicht. Wenn man sie nicht beachtet, bekommt man blaue Flecken und eine nasse Vorschiffskoje. Angebrüllt wird man nur vom Wind. Das zweite Etmal liegt bei nur noch 88 Meilen.

Tag 3

Wir genießen unsere Reise nicht, wir existieren auf dem Segelboot. Wir sind todmüde. Wir sind ungewaschen und geschwitzt. An eine Dusche ist nicht zu denken bei diesem Seegang, auch eine Wäsche mit dem Waschlappen würde nur für blaue Flecken sorgen, nicht aber für die gewünschte Sauberkeit. Im Boot ist es immer noch warm und feucht. Unsere Klamotten kleben an uns. Der Motor kühlt nur langsam ab. Wo man auch hin fasst, was man auch anfasst, alles ist mit einem Salzfilm überzogen. Die Holzpaneele an der Salondecke sind teilweise aufgequollen und verzogen durch das eingedrungene Wasser.

Die provisorische Reparatur mit Klebeband hat den gewünschten Effekt erzielt. Es tropft wenigstens nicht mehr von der Decke. Ich möchte das dauerhafter gestalten und beginne, die Dichtmasse zu suchen, von der ich mir sicher bin, dass sie an Bord ist. Nach einer Weile finde ich die Tube Sikaflex, die seit zwei Jahren abgelaufen und deren Inhalt steinhart ist. Damit ist klar, wir müssen mit unserem Regenwald leben, bis wir einen Baumarkt finden.

In einer ruhigen Minute kann ich mich duschen. Es fühlt sich toll an. Dann habe ich meine Nachtwache und werde mehrfach mit Seewasser überschüttet. Schon bin ich wieder gesalzen und der Effekt der Dusche ist dahin. An den weiteren Umständen ändert sich nichts, die dritte Nacht ist genau so ruhig wie die ersten beiden Nächte. Zumindest sieht die Kurslinie auf dem Bordcomputer am nächsten Morgen ein wenig besser aus, die wenigen Meilen in Richtung Osten haben wir uns hart erkämpft. Es ist noch ein weiter Weg nach Aruba. Das dritte Etmal liegt bei 79 Meilen.

Ordentlich schiefgelaufen…

Vielleicht habt ihr euch gewundert, warum nach Weihnachten hier im Blog Funkstille war. Es lag nicht daran, dass das Internet kaputt war in Kuba oder in der Marina. In dieser Beziehung habe ich ein wenig gelogen. Die Wahrheit ist wie folgt…

Der 27. Dezember fängt wunderschön an. Ich steige auf die Fähre nach Santiago, meine Kamera im Rucksack und das Handy mit der kubanischen Flagge in der Tasche. Jens bleibt an Bord, er hat das Essen im Restaurant am Vortag nicht vertragen und will sich nicht allzu weit von unserer wunderschönen Bordtoilette entfernen. Am Fähranleger schieße ich noch ein schönes Bild.

Am Fähranleger in Punta Gorda. Das letzte Bild, bevor mir die Kamera abgenommen wurde.

In Santiago will ich dann vom Anleger in die Stadt schlendern, als ich einige Rufe von hinten höre und meinen Namen ebenso. Ich drehe mich um und drei junge Kubaner im Alter von höchstens 25 Jahren kommen auf mich zugelaufen. Sie klappen ihre Portemonnaies auf und zeigen mir ihre Ausweise. Polizei. Was habe ich denn falsch gemacht? Mir fällt erst einmal nichts ein. Mein Reisepass wird kontrolliert. Ein uniformierter Polizist auf einem Motorrad kommt ebenfalls dazu. Er nimmt meinen Reisepass, die anderen Polizisten begleiten mich zu einem schrottreifen Kleinbus, dessen Anlasser nicht funktioniert und in dem sie mich wieder in die Marina zurück fahren.

Dort sitzt Jens schon bei den Offiziellen, er wird von Uniformierten bewacht. Unser Problem klärt sich alsbald. Wir haben eine Drohne an Bord, die wir auch bei der Einreise deklariert haben. Wir werden gefragt, wo die Drohne ist, und können diese Frage durchaus abschließend beantworten. Kurze Zeit später liegt die Drohne vor uns auf dem Tisch. Mehrere Uniformierte brüllen uns an oder stellen uns die Fragen in normaler Lautstärke. Jorge dolmetscht. Unter anderem werden wir gefragt, ob wir Elektronik verkauft haben oder verkaufen wollten. Nein, wollten wir nicht. Haben wir nicht. Den USB-Stick, den ich einem der Kubaner geschenkt habe, habe ich einfach mal vergessen.

Nach einigen Stunden Befragung (abwechselnd werden Jens oder ich befragt, der andere muss draußen bleiben) kommt es zur Durchsuchung unseres Boots. Sie sammeln unsere beiden Laptops ein, unsere vier Telefone, das Satellitentelefon, die Videokameras, meine Fotokamera und damit sind wir offline. Während dieser Durchsuchung versuchen sie noch, mir zu unterstellen, dass ich ein Handy vor ihnen verstecken will. Es liegt zunächst auf dem Salontisch neben Jens’ Notebook, es ist nämlich das Telefon von Jens. Einer der Polizisten fotografiert die Szenerie. Fünf Minuten später werde ich angebrüllt und gefragt, wo das Telefon geblieben ist. Nach kurzer Suche findet es ein anderer Polizist unter der Matratze in der Vorschiffskoje. Ab diesem Moment ist mir klar, dass es hier nicht koscher zugeht. Zum Glück war ich in der ganzen Zeit nie in der Vorschiffskoje, dieser Vorwurf wurde später einfach unter den Tisch gekehrt.

Endlose Protokolle werden ausgefüllt. Endlose Listen von Paragraphen werden uns vorgelesen. Gefängnisstrafen angedroht. Zuletzt wird eine Liste der beschlagnahmten Gegenstände ausgedruckt und ich darf sie unterschreiben. Unsere Schiffspapiere werden ebenfalls einbehalten, wir dürfen das Land nicht verlassen.

Was die Polizisten nicht bemerkt haben, war der voll funktionstüchtige Navigationscomputer, auf dem ebenfalls ein Linux läuft. Darüber habe ich in den vergangenen Tagen die Blogposts abgesetzt, es waren halt nicht sehr viele und nach Havanna konnten wir den PC auch nicht mitnehmen. Ebenfalls nicht bemerkt haben sie die bei unseren Lebensmitteln liegende Kamera von Jens, deswegen konnten wir in Havanna fotografieren. Was ich nicht bemerkt habe waren die klebrigen Finger eines der durchsuchenden Polizisten. Er hat bei Jens eine Festplatte in seine Tasche gesteckt, die nie auf der Liste der beschlagnahmten Gegenstände aufgetaucht ist. Leider haben wir das zu spät bemerkt.

Unser Bekannter, der hier nahe bei der Marina wohnt, wurde für eine Woche ins Gefängnis gesteckt. Ihm wurde unterstellt, dass er von uns Elektronik oder gar die Drohne kaufen wollte. Im Gefängnis hat er dann auch erfahren, was das eigentliche Problem der Sache war. Jemand hat eine andere (!) Drohne über einem Gefängnis fliegen gelassen. Damit wurden wir die Hauptverdächtigen. Unsere Drohne ist jedoch gar nicht flugfähig, die Batterie ist kaputt.

Nach mehreren Tagen Warten und der Unsicherheit über die Arbeit der kubanischen Polizei fahren wir nach Havanna. Wir statten der deutschen Botschaft einen Besuch ab. Wir wollen von den Profis eine Einschätzung unserer Situation. Wir wollen wissen, ob es sinnvoll ist, sich um einen Anwalt zu kümmern und was ein Anwalt in Kuba in unserer Situation für uns tun kann.

Die Botschaft ist von Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr für den Publikumsverkehr geöffnet. Trotz unserer deutschen Pässe müssen wir draußen auf der Straße stehen bleiben. Eine Frau kommt an den Zaun, fragt nach unserem Begehr und verschwindet mit unseren Pässen wieder im Gebäude. Nach einer knappen Viertelstunde erscheint sie wieder und hat drei Fragen des Konsuls auf ihrem Zettel stehen. Wir beantworten die Fragen. Nach wenigen Minuten erscheint sie wieder und meint, dass der Konsul erstaunt sei, dass wir nicht im Gefängnis wären. Sie erklärt uns, dass die Botschaft nichts für uns tun könnte. Sollten wir aber ins Gefängnis kommen, würden sie informiert werden und dann dafür sorgen, dass wir Essen bekommen. Ein wenig enttäuschend ist dieser Besuch schon. Wir nehmen es positiv, schließlich sind wir nicht im Gefängnis, fahren in die Stadt und rauchen eine dicke Cohiba.

Jens mit Mojito, Cohiba und Katze

Einen Tag nach unserer Rückkehr bekommen wir unsere Geräte zurück. Nur nicht die Festplatte von Jens. Ich bemerke (zu spät), dass aus der Videokamera eine SD-Karte fehlt. Nicht so schlimm, die hat nur 16 GB: Viel schlimmer ist, dass aus meinem Laptop der USB-Dongle für die externe Tastatur und Maus geklaut wurde. Aber auf See hat man ja alles doppelt, ich habe noch eine andere externe Tastatur und eine Maus.

Jörg mit Cohiba, Mojito und Katze

Fazit: Wir hatten unsere Geräte fast zwei Wochen nicht. Geklaut wurden eine Festplatte, eine SD-Karte und ein USB-Dongle.

Auf meinem Laptop konnten sie sich dank der Festplattenverschlüsselung nicht einloggen, nach dem Passwort haben sie nie gefragt. Mein Telefon lässt sich über Kabel nicht laden oder auslesen, ich habe es tiefentladen zurück bekommen. Da konnten sie nicht viel mit anfangen, der Akku war schon fast leer, als sie es von mir bekommen haben. Jens hat sein Telefon auf Werkseinstellungen zurückgesetzt, das kann ich leider erst in Deutschland machen, weil die Seekarten auf dem Telefon zwingend notwendig für unsere Reise sind.

Wenn dieser Blog erscheint, sind wir längst in internationalen Gewässern. Wir werden uns bald wieder melden.

Merke: Wenn Du mit Deinem Boot nach Kuba fährst, musst Du wissen, worauf Du Dich einlässt. Kleine Deals wie Geld wechseln oder Zigarren unter der Hand erwerben ist verboten aber geduldet. Mit Elektronik sollte man sehr, sehr vorsichtig sein. Bringe lieber Zahnpasta und Sonnenblumenöl mit, daran fehlt es hier auch und die Einheimischen freuen sich sehr darüber.

Havanna

Morgens fallen wir müde aus dem Zug und haben keine Ahnung, wo es zu unserem Quartier geht. Wir halten ein Taxi am Bahnhof an und lassen uns fahren. Der Taxifahrer verlangt 15 Dollar. Wir haben keine Ahnung, ob der Preis in Ordnung ist oder nicht, noch kennen wir die Geografie von Havanna nicht. Also sind wir einverstanden und nach knapp 10 Minuten stehen wir vor unserem “Private House”, unserer Wohnung für die nächsten Tage. Es ist der Morgen des ersten Januar 2021. Ich klingele wie wild an der Tür, es tut sich nichts. Erst nach einigen Minuten öffnet sich die Tür und eine junge Frau mit vollkommen übermüdetem Blick lässt uns herein. Zunächst will sie uns zwei ihrer drei Zimmer vermieten, uns reicht jedoch eins, das kostet die Hälfte.

Das “Wohnzimmer”. Es hat kein Dach und wenn es regnet, regnet es herein. Sonst aber sehr schön.

Natürlich müssen wir das Zimmer im Voraus bezahlen, die Leute haben kein Geld. Unsere Zimmerwirtin verschwindet gleich mit den Ausweisen, um unsere Daten zu notieren. Als ich meinen Ausweis zurück bekomme, fehlt das Visum. Sie findet es nach mehrminütiger Suche irgendwo auf dem Boden, es ist einfach aus dem Pass gefallen. Es wäre fatal für mich, wenn ich dieses Visum verlieren würde.

Nachdem wir uns ausgeruht haben, machen wir einen Spaziergang durch das Quartier. Auf der Suche nach einer Mahlzeit gehen wir immer weiter in Richtung Alt Havanna. Die meisten Restaurants haben geschlossen, es ist der erste Januar. Ein Taxifahrer möchte uns herumfahren, kennt jedoch auch ein Restaurant, das geöffnet hat. So sind wir schon einmal satt.

Altstadt von Havanna. Es ist nicht viel los.

Auf den Straßen ist nicht viel los. Trotzdem sind immer noch genug Taxifahrer da, die uns ihr Taxi anbieten. Es ist das Festival der Zigarren, die Arbeiter in der Manufaktur können Zigarren für einen kleinen Preis auf der Straße verkaufen. Auch Rum und Kaffee sind im Angebot. Wir kaufen nichts, sind sowieso sehr müde. Hier sehen wir eine schöne Straßenszene mit dem Blick auf das Kapitol.

Später am Tag sind die Straßen voller

Wir werden immer wieder angesprochen, ob wir ein Taxi brauchen, Geld wechseln möchten, Zigarren kaufen oder eine Frau. Wir werden gefragt, wo wir herkommen. Wenn die Kubaner hören, dass wir aus Deutschland sind, kommen immer wieder die Worte “alles klar” und “alles paletti”. Anscheinend hat jeder Kubaner einen Verwandten, Bekannten oder Freund in Deutschland. Zumindest sagen sie das. Nur einer war mit der Geografie nicht so ganz firm, er verortete Manchester in Deutschland. Ist ja aus der Entfernung auch nur knapp daneben.

Das Kapitol aus der Nähe

Nach einem Spaziergang von zwei Stunden, einer Mahlzeit und einigen Metern mehr auf dem Asphalt haben wir genug. Wir laufen zurück zu unserem Quartier. Den Rest des Tages verbringen wir mehr oder weniger im Wohnzimmer.

Leider hat unsere Zimmerwirtin einen leeren Kühlschrank. Zum Abendessen gehen wir also noch einmal vor die Tür und besuchen das Restaurant nebenan. Es ist an der Ecke, es ist um die Ecke, man könnte es also Eckkneipe nennen.

CanChanChaRa – an der Ecke. Unser Quartier ist zwei Türen links davon.

Hier kostet eine Mahlzeit zwischen drei und fünf Dollar. Ein Bier kostet drei Dollar. Wir können uns also unbesorgt den Bauch vollschlagen. Das Essen ist wieder richtig gut. Es schmeckt anders als in Santiago. Wir erfahren später, dass jede Region in Kuba ihre eigene Art der Küche hat. Wir wollen wieder kommen, es ist günstig, gut und praktisch.

Blick vom Balkon des Stammrestaurants

Wenn man auf dem Balkon des Restaurants sitzt, hat man den Ausblick wie auf dem obigen Bild. Es sieht aus, als wäre es tief in der Nacht, doch die Sonne geht in Havanna um diese Jahreszeit schon um 18 Uhr unter. Zwei Stunden später ist auf den Straßen nichts mehr los, jedenfalls nicht am ersten Januar außerhalb der Altstadt.

Drohnenflüge verboten. Aufgenommen am Kapitol

Was es mit den Drohnenflügen auf sich hat, beschreibe ich im nächsten Blog. Jetzt muss ich noch ein wenig vorarbeiten, wir haben so viele Bilder aus Havanna mitgebracht. In den kommenden Tagen werden wir in Richtung Aruba, Bonaire oder Curacao weitersegeln. Deswegen muss ich die Beiträge heute vorbereiten.

Abenteuer Eisenbahn

Ende der Funkstille. Wir sind wieder zurück in Santiago. Noch suchen wir nach einer Lösung, wieder einmal einen schönen Blog mit Bildern zu veröffentlichen, das wird hoffentlich nicht mehr lange dauern. Leider haben wir erfahren müssen, dass Jamaika immer noch geschlossen ist. Also suchen wir nach anderen Zielen und können vielleicht mit einer Überraschung aufwarten. Doch nun zu unserem Ausflug nach Havanna.

Vorweg: Ich werde nie wieder eine Beschwerde über die Deutsche Bahn äußern. Nie wieder in meinem Leben, das habe ich mir hier in Kuba geschworen.

Der Fahrplan ist ein Traum. Es gibt einen Zug zwischen Santiago und Havanna, der alle vier Tage fährt. Am ersten Tag fährt er in Santiago los, um am folgenden Tag in Havanna anzukommen. Dort geht es einen Tag später wieder zurück, am vierten Tag ist der Zug wieder in Santiago. Das erste Abenteuer ist der Kauf der Fahrkarte. Die Fahrkarte gibt es mitsamt der zugehörigen Sitzplatzreservierung in speziellen Agenturen oder am Bahnhof. Leider war es mir nicht möglich, an den entsprechenden Schalter zu gelangen. Vermutlich, weil ich kein Einheimischer bin. Doch Norbert hat mir bei der Beschaffung der Fahrkarte für die Verbindung nach Havanna helfen können. Nur die Fahrkarte zurück konnten wir nicht in Santiago bekommen, weil es im neuen Jahr neue Fahrpreise gibt und diese Ende Dezember noch niemandem bekannt waren.

Also fahren Jens und ich am 31.12. gegen Mittag an den Bahnhof von Santiago. Bevor wir zum Taxi gehen, fragt uns Norbert, ob wir auch warme Sachen eingepackt haben. Er hat uns nämlich die erste Klasse reserviert, dort sind die Waggons klimatisiert und zwar richtig, richtig kalt. Wir bitten ihn, uns für die Rückfahrt ein Ticket zweiter Klasse zu besorgen und holen noch ein paar warme Sachen aus dem Boot.

Der Zug soll um 16:30 Uhr abfahren, deswegen sind wir schon um 13 Uhr am Bahnhof. Warum? Weil das zwingend notwendig ist. Die Reservierung muss nun in eine Registrierung umgewandelt werden. Man muss an den entsprechenden Schalter gehen. Dort zeigt man seinen Pass vor und die Reservierung wird im Computer überprüft. Anschließend wird die Fahrkarte auf der Rückseite gestempelt.

Nun können wir den Bahnhof wieder verlassen und noch ein paar Sandwiches für die Reise kaufen. Der kleine Imbiss gegenüber dem Bahnhof hat alles im Angebot, was ein Reisender für die Fahrt braucht. Allerdings gibt es kein Bier, wie fast überall in Kuba. Der Jahreswechsel wirft seine Schatten voraus, die Kubaner haben die kompletten Biervorräte auf der Insel für ihre eigenen Zwecke eingekauft, da bleibt keine Dose mehr im Regal liegen. Okay, das ist ein minderschweres Problem, es gibt schließlich genug Rum.

Um 15:30 Uhr sitzen wir vor dem Bahnhof im Schatten, als plötzlich die Türen der Wartehalle geschlossen werden. Außer uns sind noch mehrere Dutzend Reisende vor der Tür, es kommt beinahe zu Tumulten. Wir können von draußen beobachten, wie bei allen Wartenden die Temperatur gemessen wird. Als der Temperatur-Mess-Offizielle sämtiche Reisenden gecheckt hat, werden die Türen wieder geöffnet. Nun können wir auch in die Wartehalle, beim Eintritt werden die Fahrkarten das erste Mal kontrolliert, unsere Hände werden desinfiziert und unsere Temperatur wird gemessen.

Gegen 16 Uhr öffnen sich die Tore zum Bahnsteig. Die Fahrkarten werden ein zweites Mal kontrolliert, wir werden zum ersten Wagen geschickt. Dort steht die Schaffnerin an der Tür, kontrolliert unsere Fahrkarten ein drittes Mal. Eine Fahrkartenkontrolle bedeutete auch jedes Mal, dass wir unseren Reisepass vorzeigen müssen. Die Schaffnerin notiert unsere Namen auf einem Klemmbrett, die auf unserer Tickets aufgedruckten Sitzplätze werden uns angewiesen und wir können uns endlich setzen. Die Klimaanlage brummt heftig, es ist schon recht frisch im Wagen, doch noch kommt die Sonne von draußen dagegen an. An der Decke sind Fernseher montiert, auf denen eine Art Western läuft. In Spanisch. Niemand kann sich dem entziehen, der Ton kommt über die Wagenlautsprecher.

Die Waggons sind nur wenige Jahre alt und kommen aus China. Dagegen ist nichts einzuwenden, in China gibt es ein riesiges Eisenbahnnetz und sie können Züge bauen. Die Sitze sind sehr bequem und die Beinfreiheit ist exorbitant. So viel Platz gibt es in deutschen Zügen nicht. Auch sind die Waggons sehr sauber und sie haben zwei (!) fuunktionierende Toiletten pro Wagen. Die Deutsche Bahn hat sich von diesem Konzept längst verabschiedet. Nur die Fernseher und die Klimaanlage nerven.

Bei der Abfahrt stellt sich die Schaffnerin in die Mitte des Wagens und macht die Ansage, wie man sie auch aus unseren Zügen kennt. Wir fahren nach Havanna, wir halten unterwegs da und dort, und und und… Währenddessen spielt der Western weiter auf den Fernsehern, nur den Ton hat man etwas leiser gedreht.

Anschließend kommt es zur vierten Fahrkartenkontrolle. Die Schaffnerin kontrolliert, ob jeder auf dem richtigen Platz sitzt. Wer sich auf einen falschen Platz gesetzt hat, wird nun auf den richtigen Platz geschickt. Langsam rumpelt der Zug über einigermaßen ausgeleierte Gleise aus Santiago heraus. Die Landschaft ändert sich schnell, draußen ist es wunderbar grün. Wir fahren durch Bananenplantagen und Urwälder. Toll. Neben der Schaffnerin sind außerdem noch zwei Polizisten in jedem Wagen. Und der Oberschaffner. Vier Personen sind für ca. 50 Reisende zuständig.

Nach einer knappen Stunde hält der Zug am ersten Bahnhof. Den Namen habe ich wieder vergessen. Es sieht aber so ähnlich aus, wie auf deutschen Bahnhöfen auf dem Land. Ein Bahnsteige für den Personenverkehr und daneben ein Dutzend Gütergleise mit rostigen und verrotteten Güterwagen. Die sind allerdings sämtlich in Gebrauch. Das ist der Unterschied. In Kuba werden noch viele Güter auf der Schiene transportiert.

Nach dem ersten Halt kommt die Schaffnerin mit einem Trolley durch den Wagen gelaufen, wie er auch in Flugzeugen üblich ist. Sie verkauft für 5 Pesos ein Sandwich und eine kleine Flasche Limo. Fünf Pesos sind etwa 20 Cent. Mehr ist das Brötchen allerdings auch nicht wert. Es ist trocken und mit knorpeligem Schinken und geschmackfreiem Käse belegt. Die Limo ist pappsüß. Von dem Angebot wird rege Gebrauch gemacht, man kann so viel kaufen, wie man möchte. Unsere Sandwiches aus dem Laden gegenüber sind besser. Außerdem haben wir noch ein Brot für die Reise gebacken, das schlägt das einheimische Brot um Längen.

Bei der fünften und letzten Fahrkartenkontrolle brauchen wir den Pass nicht mehr vorzuzeigen, die Fahrkarte wird abgerissen und die Schaffnerin sammelt die abgerissenen Abschnitte. Da das Papier nicht perforiert ist, faltet sie die Tickets akribisch und reißt sie dann mit einer geübten Bewegung ab.

Gegen 22 Uhr haben wir mehrere Musikvideos, Propagandavideos für den Tourismus in Kuba, eine Raubkopie eines Steve Martin Films (Englisch mit spanischen Untertiteln) und einen spanischen Liebesfilm ertragen müssen. Der Filmterror kommt von einem DVD-Player, der auf Weichen oder heftigen Schienenstößen zu springen anfängt. In jedem Wagen gibt es einen DVD-Player, die werden offenbar nacheinander vom DVD-Beauftragten gestartet und spielen mit leichtem Zeitversatz von ca. 30 Sekunden dann dasselbe Programm. Woher ich das weiß? Ich konnte es hören, wenn die Türen zwischen den Wagen offen standen. Um 22 Uhr schalten sie das Filmprogramm aus und die Lichter im Wagen werden ebenfalls ausgeschaltet. Endlich können wir versuchen zu schlafen.

Pünktlich um Mitternacht geht dann wieder das Licht im Zug an. Der Zugchef höchstpersönlich läuft von Platz zu Platz und wünscht jedem Fahrgast mit der Faust ein frohes neues Jahr. Dann gehen die Lichter wieder aus und wir versuchen zu schlafen, während unsere Füße in den Sandalen ohne Socken langsam zu Eisbrocken gefroren werden.

Nach wenig Schlaf kommen wir am nächsten Tag gegen 10 Uhr morgens mit nur zwei Stunden Verspätung in Havanna an. Wir nehmen uns ein Taxi zu unserem Quartier und müssen uns erst einmal aufwärmen.


Für die Rückfahrt haben wir Fahrkarten zweiter Klasse bekommen. Die Zahl der Kontrollen ist genau gleich. Sogar der Abstand der Sitze ist in der zweiten Klasse wie in der ersten Klasse. Der neue Fahrpreis zweiter Klasse ist mit dem alten Fahrpreis erster Klasse identisch. Eine Fahrt kostet pro Person 95 Pesos, also etwa vier Dollar.

Der Vorteil in der zweiten Klasse ist die Abwesenheit der Videobildschirme, die Abwesenheit der Klimaanlage und die Möglichkeit, die Fenster während der Fahrt zu öffnen. Das ist richtiges Eisenbahnfahren. Ich kann dem Klackern der Räder über die Schienenstöße lauschen, den Menschen, die sich unterhalten und ich kann den Duft Kubas genießen. Es riecht immer irgendwie verbrannt. Irgendwo verbrennen die Menschen ihren Müll, die Lok verbrennt schwefligen Diesel, irgendwo steht immer eine Fabrik die vor sich hin rußt und ihren schwarze Rauch über hohe Schornsteine im Land verteilt. Manchmal riecht es aber auch nach dem Urwald, nach viel Grün.

Neben der Fahrkartenkontrolle kommt unterwegs noch die Covid-Kontrolle. Jeder Fahrgast muss seinen Namen aufschreiben, die Nummer seines Ausweises und das Ziel der Reise. Warum? Wir haben feste Sitzplätze, die Ausweisnummern sind auch im System hinterlegt. Andererseits ist es auch egal, wir sind noch stundenlang in diesem Zug unterwegs und haben nichts Besseres zu tun.

Die Brötchen haben nun neue Preise. Was auf der Hinfahrt für fünf Pesos zu haben war, kostet jetzt 50 Pesos. Was für ein Glück, dass wir uns wieder vor der Fahrt versorgt haben. Außerdem haben wir uns in einem Restaurant den Bauch noch einmal richtig voll geschlagen. Die Reisenden haben lautstark über die neuen Preise im Zug protestiert. Nicht nur dort, überall in Kuba wird über die neuen Lebensmittelpreise geschimpft. Die Preise sind massiv gestiegen, die Gehälter allerdings nicht. Unser Zimmerwirt meinte, dass sich die Menschen gegenseitig aufessen würden, wenn es so weiter geht. Ich bin gespannt, wie sich die Situation in Kuba in den nächsten Monaten entwickeln wird. Die Fleischpreise sind über 150 Prozent gestiegen, die Preise für Brot um 500 Prozent.

Nach unserer Ankunft in Santiago müssen wir zunächst im Zug warten. Als wir endlich aussteigen dürfen und den Bahnsteig entlang laufen, kommen wir zunächst an einem Fahrgastdesinfizierer vorbei. Der steht dort mit einer Art Spritze, wie wir sie bei uns für Unkrautvernichtungsmittel im Garten benutzen, und desinfiziert alle Fahrgäste und ihr Gepäck. Dann kommen wir an einer Station vorbei, an der Fieber gemessen wird. Nun endlich werden wir aus dem Bahnhof entlassen und können uns ein Taxi in die Marina nehmen.

Norbert ist ziemlich glücklich, dass unsere Reise so gut verlaufen ist. Er hat öfter versucht, uns in unserem Quartier zu erreichen. Leider war unsere Zimmerwirtin in der Nacht immer unterwegs und hat gefeiert, dafür hat sie dann tagsüber ihr Telefon nicht gehört. Wir sind nach der Nachtfahrt auch ziemlich müde und gehen früh ins Bett. Diesen Blog musste ich trotzdem schreiben. So viel Zeit muss sein. Ich werde nie wieder über die Deutsche Bahn meckern, über die Möglichkeit am Bahnhof eine Fahrkarte zu kaufen und dann in einen Zug zu steigen, der meistens einmal in der Stunde fährt.

Happy new Year!!!

Happy new year! Wenn diese Zeilen erscheinen, fährt der Zug nach Havanna. Wie im vergangenen Jahr können wir nicht an einer großen Silvesterparty teilnehmen, sondern sind unterwegs.

Die Situation mit dem Internet hat sich noch nicht geändert, aber in Kuba findet sich immer eine Lösung für ein Problem. Deswegen kann ich heute auch ein paar Zeilen mehr schreiben, ich habe einen richtigen Computer gefunden, der mit dem Internet verbunden ist. Man fragt sich durch, man hilft sich. Die Menschen hier sind toll und hilfsbereit.

Wir haben mit Eddi in seinem kleinen gelben Taxi El Cobre besucht. Der Straßenverkehr in Kuba ist faszinierend. Einerseits kurvt Eddi uns um Schlaglöcher herum, in denen man einen Elefanten parken könnte, andererseits geht alles freundlich zu, man hilft sich gegenseitig um die Schlaglöcher herum. Die Landschaft ist ein Traum. Alles ist grün, kein Vergleich zu der Wüste in Aruba. Der Ausblick links und rechts der Straße ist ein Blick in den Dschungel. Auf der Straße sind neben den voll besetzten Bussen und wenigen Taxis viele Pferdekutschen und Eselskarren unterwegs.

Die tierisch gezogenen Gefährte haben ihre Vorteile, sie tanken einfach das Gras, das am Straßenrand wächst. Vor den Tankstellen für die Autos sind lange Schlangen. An einer Tankstelle warteten Lastwagen wohl einen halben Kilometer lang auf ihren Diesel. Auch das ist Kuba. Es gibt nicht viel und für das, was es gibt, muss man lange in der Schlange stehen und stundenlang warten.

El Cobre, ich kann es leider nicht verlinken, ist wohl die heiligste aller Kirchen in Kuba. Schon mehrere Kilometer vorher bieten Händler am Straßenrand Sonnenblumenkränze und Kerzen an, die in der Kirche aufgestellt werden können. Je näher wir der Kirche kommen, desto mehr Verkaufsstände gibt es. Eddi hält an einer Stelle an, an der wir einen tollen Blick auf die Szenerie haben.

Direkt an der Kirche müssen wir erst einmal die Fäuste zur Begrüßung von Eddis Freund tauschen, die neue Covid-Begrüßung anstelle eines Handschlags. Den religiösen Nippes lassen wir trotzdem im Regal stehen, egal wie nett der Verkäufer ist. Statt dessen wenden wir unsere Schritte zu der Kathedrale, in der sowohl Papst Johannes Paul II. als auch Papst Benedikt (Papa Ratzi) schon eine Messe gelesen haben. Es ist beeindruckend. Leider kann ich immer noch keine Fotos anbieten, dass wir den Computer mit Internetzugang benutzen können, ist schon eine Sensation. So ist Kuba. Die Menschen haben mit ihrem Internetanschluss gerade mal 40 Stunden Internet im Monat, das teilen sie aber ohne Gegenleistung.

Nachdem wir die Kirche verlassen haben, fährt uns Eddi wieder zurück. Wir fahren durch die Gassen von Santiago, um irgendwo die Frucht Zapote aufzutreiben. Davon haben wir vor kurzem zwei bekommen, die schmecken super. Es gibt sie nur in der Karibik und nur auf Inseln mit hohen Bergen, also auf Kuba oder Jamaika oder so. Sie werden nach Hörensagen nicht nach Europa exportiert, sind süß, haben eine eigenartige Konsistenz und einen Geschmack, den Jens und ich noch nie zuvor kennengelernt haben. Toll. Leider finden wir die leckeren Früchte nicht. Eddi verspricht uns, dass er uns welche besorgt, falls er welche findet. So leicht scheint das nicht zu sein.

Wir werden ihn weiterhin als unseren „persönlichen“ Taxifahrer buchen, er hat uns nie enttäuscht. Fotostopps, Einkäufe und die in gebrochenem Englisch vorgebrachten Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten machen ihn zu dem, was er ist. Außerdem funktioniert sein Taxi, das ist hier nicht die Regel.

Es kann sein, dass in den nächsten Tagen hier wieder Funkstille ist, ich habe keine Ahnung, wie es mit dem Internet und den Zugangsmöglichkeiten in Havanna bestellt ist. Wir wollen nicht zu viel Gepäck mitschleppen, die Computer bleiben in Santiago.

Digital detox

Das ist jetzt gerade so, wie man sich Internet in Kuba vorzustellen hat. Es läuft nicht so recht. Diesen Blogpost kann ich über ein Smartphone schicken, das mir ein freundlicher Kubaner zur Verfügung gestellt hat. Das Internet Cafe in Santiago hatte geschlossen.

Wir fühlen uns weiterhin wohl hier, es fehlt uns an nichts. Nur die Connectivity lässt zu wünschen übrig. Das WIFI in der Marina ist gerade nicht so richtig nutzbar. Also möchte ich nur kurz vermelden, dass wir Bücher lesen und nicht im Internet herumdaddeln können.

Die Landschaft ist ein Traum, die Menschen sind freundlich und die Lebensmittel haben eine tolle Qualität. Heute sind wir zusammen mit einem Schwein auf der Fähre nach Santiago gefahren. Ich schätze, für das Schwein war es die letzte Reise. Im Gegensatz zu unseren Lebensmitteln ist hier alles natürlich. Keine Industrieprodukte, alles wächst irgendwo im Garten. Wir haben eine tolle Frucht kennen gelernt, sie nennen es Zapote. Es wächst nur in der Karibik in den Bergen, schmeckt total interessenant und lecker. Bei uns habe ich diese Frucht noch nie gesehen.

Jetzt gebe ich das Telefon zurück, spendiere dem Besitzer ein Bier und melde mich, wenn wir wieder online sind. Vielleicht geht es in Havanna besser mit dem Internet.

Gran Piedra

Am Morgen bestellen wir uns ein Taxi bei Norbert, dem Hafenmeister. Er soll uns ein Taxi besorgen, mit dem wir den Gran Piedra besuchen können. Fast pünktlich trifft Eddi mit seinem Taxi an der Marina ein. Norbert übergibt uns an den Taxifahrer, der ein paar Brocken Englisch spricht, ein paar Brocken Französisch, einige Worte Deutsch und auch Russisch. Es genügt für die Konversation. Auf der Straße kommen wir an vielen Monumenten vorbei. Gefühlt gibt es für jeden kubanischen Revolutionär mindestens ein oder zwei Denkmäler.

Selfie mit Eddi, demTaxifahrer

Das Selfie entsteht bei einem kleinen Foto-Zwischenstopp. Der kleine, gelbe Wagen hält sich wacker auf der steilen Straße in Richtung Gipfel. Unterwegs sehen wir die anderen Deutschen in ihrem Taxi, das mit aufgeklappter Motorhaube am Straßenrand steht und dem wohl Kühlwasser fehlt. Ich bitte Eddi um einen Zwischenstopp, er lehnt aber ab. Die Straße hat locker eine Steigung von über 20%, irgendwie kann ich verstehen, dass er seinen Wagen in Schwung halten möchte.

Eddis kleines, gelbes Taxi

Wir müssen aber nur eine knappe Viertelstunde warten, dann sind wir alle zusammen am Fuß der Treppe, die die letzten Meter auf den Gipfel führt. Angeblich sind es 400 Treppenstufen, ich habe nicht nachgezählt, mein angeschlagenes Knie bestätigt die Größenordnung. Jede einzelne Treppenstufe lohnt sich.

Farne auf dem Weg zum Gipfel

Unterwegs verändert sich die Landschaft, plötzlich laufen wir durch eine Vegetation, wie es sie auch in Deutschland im Wald geben könnte. Farne und Laubbäume prägen die Landschaft.

Ein Baum sticht besonders heraus, hier Summen und Brummen die Bienen ganz wild. Ich versuche, das mit der Kamera einzufangen. Leider ist der Ton etwas leise.

Gran Piedra

Gran Piedra heißt übersetzt „der große Felsen“ und das ist er auch. Als wir die letzten Treppenstufen erklimmen, sind wir schon ein wenig angeschlagen.

Die letzten Meter

Mein Knie freut sich auf den Abstieg. Derweil schießen wir wild mit der Kamera um uns. Leider können wir das Meer am Horizont nur erahnen, es ist zu dunstig.

Blick ins Hinterland

Dafür ist der Blick ins Hinterland atemberaubend. Schade, dass es so schwierig ist, dorthin zu kommen. Es gibt keine ausgewiesenen Wanderwege und auch keine Infrastruktur für Wanderer. Man müsste die Straßen entlang laufen.

Geier (Foto: Jens)

Über uns kreist für einige Minuten ein Geier auf der Suche nach seinem Mittagessen. Jens gelingt ein wunderschöner Schuss auf den Vogel.

Bescheuertes Selfie auf dem Gipfel

Natürlich machen wir noch ein bescheuertes Selfie. Das wird unsere Familie in Deutschland freuen. Wie ist eigentlich das Wetter in Deutschland? Hier oben können wir uns überhaupt nicht beklagen, in der Höhe sind die Temperaturen sehr angenehm.

Überall fantastische Ausblicke

Wir sind hungrig, als wir wieder unten bei den Fahrzeugen sind. Deswegen bitten wir unsere Fahrer, uns zu einem Restaurant zu fahren. Zunächst kommt es zu einer Diskussion unter den Fahrern, welches der Restaurants man aufsuchen soll. Bergab fahrend bitte ich Eddi, beim nächsten Esel einen Fotohalt einzulegen. Dieser Stopp findet an der Stelle statt, an der das Taxi der anderen deutschen Gruppe auf dem Hinweg Kühlwasser nachgefüllt hat. Hier wird Trinkwasser in Kanistern an der Quelle abgefüllt, der Esel wartet geduldig auf seine Beladung.

Der Esel wartet auf seine Ladung

Das von Eddi bevorzugte Restaurant ist heute geschlossen, wir warten vor der Tür. Eddi macht alles für uns klar, wenige Minuten später können wir uns an den Tisch setzen. Für eine Gruppe von sieben Personen lohnt sich die Öffnung des Restaurants. Während der Wartezeit kann ich diese Straßenszene aufnehmen.

Straßenszene

Je weiter man sich von Santiago entfernt, desto größer wird die Dichte von Pferde- und Eselskarren. Es sind auch sehr viele Fußgänger auf den Straßen. Die Größe der Schlaglöcher, die Eddi umfahren muss, nimmt ebenfalls mit der Entfernung von Santiago zu. Während wir im Restaurant sitzen, warten die Fahrer draußen bei ihren Fahrzeugen.

Das Taxi der anderen deutschen Gruppe

Im Restaurant gibt es Fisch. Den gab es in allen privaten Restaurants, die wir auf Kuba bisher ausprobiert haben. Ist ja klar, den Fisch kann man für kleines Geld aus dem Meer ziehen. Es gibt nur wenige Rinder, die braucht man für die Milchproduktion. Unsere deutscher Begleiter, der witzigerweise ebenfalls Eddi heißt, erklärt uns die drakonischen Strafen für die Einheimischen in Kuba. Wenn ein Bauer sein eigenes Rind schlachtet (Volkseigentum), kommt er für 25 Jahre ins Gefängnis.

Garten

Während wir auf das Essen warten, wird unser Salat frisch im eigenen Garten geerntet. Wir finden das toll, doch die Kubaner würden vielleicht lieber im Supermarkt einkaufen gehen, anstatt den Anbau selbst durchführen zu müssen. Vielleicht auch nicht, das ist nur Spekulation meinerseits.

Gegrillter Oktopus

Nach dem Essen ist es dunkel. Eddi fährt uns behutsam durch die Dunkelheit, dabei umfährt er Eselskarren, Fahrräder und Fußgänger, die allesamt unbeleuchtet auf der Straße unterwegs sind, ohne den Tanz um die Schlaglöcher zu vernachlässigen. Ich lasse mir seine Telefonnummer geben, den nächsten Ausflug machen wir wieder mit ihm.