Verschleiß

Am Montag fahre ich gemeinsam mit der Samai zum Autovermieter. Wir sind fast pünktlich um 8:30 Uhr zum vereinbarten Zeitpunkt vor dem leeren Büro. Niemand ist zu sehen, auch unser reservierter Jeep ist nicht da. Ich rufe die angegebene Telefonnummer an und erhalte die Nachricht, dass der Jeep in wenigen Augenblicken bereit sein wird. Okay, wir sind in Aruba und es ist sehr früh. Doch wir wollen nach Conchi. Je früher wir am natürlichen Pool sind, desto weniger werden wir von der Sonne gebraten.

Dieses Bild habe ich bei meinem ersten Besuch in Conchi aufgenommen. Die See war rau und die Gischt toste immer wieder über die Felsen. Damals war der Nationalpark geschlossen und kein Park Ranger konnte uns vom Baden oder Klettern abhalten. Die Zeiten sind heute anders. Heute wird bei diesem Seegang das Baden einfach verboten, weil es zu gefährlich ist. Ich habe mich im vergangenen Jahr nicht unsicher gefühlt. Ich denke, dass der Vorbeugung von Schadensersatzklagen irgendwelcher US-Amerikaner geht. Normalerweise ist man in Aruba sehr entspannt in dieser Hinsicht.

Michael übernimmt den Jeep, der Vermieter dokumentiert die Vorschäden akribisch. Wir wollen losfahren, doch es fehlt ein Gurtschloss. Michael hat einen Wagen für fünf Personen bestellt. Es sind auch fünf Sicherheitsgurte im Auto, sie passen jedoch nur in vier Gurtschlösser. Ärgerlich. Nach nur einer guten halben Stunde Wartezeit bekommen wir einen neuen Wagen. Der hat fünf funktionierende Sicherheitsgurte und die Fahrt kann losgehen.

Jeep Nummer 1. Nur vier Sicherheitsgurte funktionieren. Ansonsten hat der Wagen prima Reifen und macht einen sehr guten Eindruck auf mich.

Auf dem Weg zum Nationalpark fällt uns auf, dass am Armaturenbrett die Warnleuchte für den Motor leuchtet. Wahrscheinlich hat jemand vergessen, nach der Inspektion auch die Bordelektronik zurückzusetzen. Wir sind in Aruba. Dass der Wagen fast schlimmer schaukelt, als ein Schiff im Seegang, ignorieren wir geflissentlich. Es ist keine Option, den Wagen wieder zurück zu bringen. Dann wären wir noch später am natürlichen Pool. Im Gelände wird der Wagen mehr schaukeln. Angekommen in Conchi müssen wir leider erfahren, dass der Pool heute geschlossen ist. Wir können nicht ins Wasser. Die Gischt spritzt über die Felsen, wie bei meinem ersten Besuch mit Edward. Schade. Nach einem angemessenen Aufenthalt geht es zurück und wir wollen die Höhlen besuchen.

Jeep Nummer 2 auf dem Parkplatz vor der Fontein Cave. Bis hierher und keinen Meter weiter. Die Maschine ist heiß gelaufen, weil nicht genug Kühlwasser in den Kühler gefüllt wurde. Oder weil der Kühler seinen Geist aufgegeben hat.

Unser Jeep macht uns mehr und mehr Probleme. Die Nadel des Kühlwasserthermometers ist auf „eiskalt“. Das kann nicht sein, schließlich sind wir gerade über die Offroad-Piste von Conchi aus zur Durchfahrtsstraße gefahren. Der Motor geht einmal aus und lässt sich nur mühsam wieder zur Zusammenarbeit bewegen. Die Geräuschkulisse ist gigantisch. Wenn wir die Fenster öffnen, riecht es nach verbranntem Gummi. Auch die Abgasfahne stinkt merkwürdig und sieht ungesund aus. Da es hier mitten im Nationalpark kein Telefonnetz gibt, dränge ich darauf, so schnell wie möglich zur ersten Höhle zu fahren. Dort ist ein Park Ranger mit einem Funkgerät.

Arubanische Klapperschlange. Eingerollt.

Der freundliche Ranger ruft über sein Funkgerät das Besucherzentrum. Von dort aus wird der Autovermieter angerufen. Das alles verläuft erstaunlich unkompliziert. Wir hatten im Tierheim einmal Besucher, deren Jeep vor dem Tierheim zusammengebrochen ist. Die mussten drei Stunden bleiben, bis der Vermieter für Ersatz gesorgt hat. Ich bin einigermaßen skeptisch, als der Ranger uns mitteilt, dass der Ersatzwagen voraussichtlich in weniger als einer Stunde vor Ort sein wird.

Bevor wir die Höhle besuchen, führt uns der Ranger erst einmal zu einem Strauch. Darunter befindet sich eine der ausgesprochen seltenen Aruba-Klapperschlangen. Sie ist auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Selbst nach so langer Zeit in Aruba kann ich noch etwas Neues entdecken. Es ist die erste Klapperschlange, die ich in Aruba sehen kann.

Zisterne neben der Fontein Cave. Hier leben viele kleine Fische. Die winzige Schildkröte, die umher schwimmt, entgeht meinen Augen.
Michael amüsiert sich bei seinem Fisch-Peeling. Maila ist eher skeptisch, sie wird ihre Füße nicht ins Wasser stecken.
Samuel lässt sich ein Fisch-Peeling zukommen.

Die nächsten Touristengruppen kommen, wir verlassen den ruhigen Ort. Zurück am Parkplatz sind wir zunächst erstaunt, es steht ein zweiter Jeep unserer Autovermietung neben unserem. Es handelt sich aber nicht um unseren Ersatzwagen. Erstaunt erfahren wir von unserem Ranger, dass der Ersatzwagen schon an der Einfahrt beim Besucherzentrum ist. In der vergangenen halben Stunde hat sich die Klapperschlange bewegt. Sie hat sich aus der prallen Sonne in den Schatten des Baums geschlängelt.

Mit ca. bis zu 90 cm Länge ist die Aruba-Klapperschlange die kleinste Klapperschlange der Welt. Bei der Entstehung dieses Bildes kann ich die Schlange klappern hören. Ich ziehe mich sofort wieder zurück. Nur kein Unfall mit einer Schlange…

„Unser“ Ranger führt uns dann noch durch die Höhle. Obwohl ich nun schon mehr als ein halbes Dutzend Mal in dieser Höhle war, konnte ich wieder einmal etwas Neues sehen. Noch nie hat mich ein Führer auf die Wandmalereien von vor vielen hundert Jahren aufmerksam gemacht. Diesmal schon.

Wandmalereien aus einer Zeit, bevor Aruba von den Spaniern entdeckt wurde. Der Ranger meint, einige der Motive würden gerne für Tattoos verwendet. Sie symbolisieren Stärke.

Wir verlassen die Höhle und Jeep Nummer 3 steht auf dem Parkplatz. Bis jetzt ist unser Jeepverbrauch etwa bei einem Jeep pro Stunde. Dieses Exemplar ist schmutzig, der Tank ist nicht voll und er hat nur vier Sicherheitsgurte. Dafür läuft der Motor und die Zahl der leuchtenden Warnleuchten ist signifikant geringer. Lediglich der Reifendrucksensor an einem der vier Räder alarmiert. Unser Jeeplieferant erklärt, dass der Reifendrucksensor kaputt ist. Damit können wir leben.

Spiel von Licht und Schatten in der Quadirikiri Cave

Wir besuchen die zweite Höhle Quadirikiri Cave. Der Wagen fährt gut. Hoffentlich hält er länger durch als sein Vorgänger. Die beiden Höhlen haben einen komplett unterschiedlichen Charakter, auch wenn sie beide vor langer Zeit durch den Atlantik aus dem Fels gewaschen wurden. Hier gibt es keine alten Felszeichnungen zu sehen, statt dessen ein wunderschönes Spiel von Licht und Schatten. Die Höhle ist dicht unter der Erdoberfläche.

Aussichtsplattform vor der Quadirikiri Cave. Michael und ich gönnen uns ein kaltes Gerstengetränk.

Auf dem Rückweg zum Besucherzentrum stoppen wir noch einmal an der Boca Prins. Ein schöner Strand, doch heute lädt der Wellengang nicht zum Baden ein. Der weiße Sand der berühmten Dünen leuchtet in der Sonne. Alles ist sauber und rein.

Boca Prins. Heute ist kein Badewetter.

Immer wieder tosen die Wellen in die enge Bucht. Wenn ich jetzt noch einmal die Bilder von vor eineinhalb Jahren mit denen von heute vergleiche, denke ich mir, dass der Ranger am Pool vielleicht nicht ganz unrecht hatte. Ich wäre trotzdem gerne Baden gegangen.

Die Wellen tosen in die Prinzenbucht

Wir verlassen den Nationalpark, der Jeep hält durch. Ich schlage vor, den Strand von Daimari zu besuchen. Nur wenige Touristen finden den Weg dorthin, denn man kann mit dem Auto nicht direkt an den Strand fahren. Wenn man es bis zum Parkplatz schafft, muss man noch eine Viertelstunde laufen. Wer kein Allradfahrzeug hat, läuft je nach Mut mindestens eine halbe Stunde. Den Weg dorthin habe ich noch gut in Erinnerung. Bei meinem ersten Besuch in Conchi ist Edwards Wagen dort steckengeblieben.

Die Wellen am einsamen Strand von Daimari. Natürlich ist heute auch hier kein Badewetter.

Im Prinzip liegen zwischen der Boca Prins (im Nationalpark) und dem Strand von Daimari nur wenige Kilometer. Sie liegen beide an der Ostküste von Aruba und sind den ständigen Wellen des Atlantik ausgesetzt. Daimari gerade so außerhalb des Nationalparks. Deswegen kümmern sich keine Park Ranger um den Strand. Die Boca Prins würde genauso aussehen, wenn im Park wäre der Müll täglich eingesammelt würde.

Jede Menge Müll und anderes Treibgut. Grüße vom Plastikmüll in den Ozeanen dieser Erde.

Jeep Nummer 3 hält schon mehr als eine Stunde durch. Vielleicht sind aller guten Dinge ja wirklich drei. Nichts hält uns auf unserem Weg in Richtung der Goldmine auf. Nur eine Ziege am Straßenrand, die gerade zwei kleine Zicklein säugt, lässt uns auf dieser Fahrt innehalten.

Getarnte Ziege im Kakteenwald

An der Goldmine beginnt dann eine weitere Fahrstunde für Samuel. Er hat in den vergangenen Tagen schon öfter mit dem Wagen von Edward üben dürfen. Zuerst fremdelt er ein wenig mit dem Automatikgetriebe, der andere Wagen hat Handschaltung. Dann fährt er uns gar nicht einmal so unsicher bis zu einer anderen, wunderschönen Bucht. Sie besticht durch ihre Brandung. Die Natur spielt für uns einen wunderschönen Film ab.

Wir halten inne, schauen wieder und wieder den Wellen zu, die sich an der Steilküste brechen. Die See ist rau. Am kommenden Wochenende soll es ruhiger sein, dann will die Samai Aruba verlassen. Samuel möchte weiterfahren. Kein Problem, auf diesem Weg gibt es kaum Verkehr. Am Abend bin ich auf der Samai zum Grillen eingeladen. Der Jeep hält durch. Als wir im Hafen ankommen frage ich Samuel, ob er noch eine Runde mit meinem Wagen drehen will. Was mag er wohl geantwortet haben…?

Alles dicht!

Ich bin ein Meister im Aufschieben von Dingen. Dinge, die ich nicht gerne erledige. Das war schon in der Schule oder an der Hochschule so. Auch am Arbeitsplatz habe ich so manche unangenehme Tätigkeit immer wieder vor mir hergeschoben, bis ich sie dann doch abschließen musste. Die Ergebnisse waren nicht einmal schlecht. Auch die letzte Inspektion des Motors habe ich wochenlang vor mir hergeschoben. Danach hat der Motor uns niemals im Stich gelassen.

Relingstütze. Nun auch richtig wasserdicht.

Statt dessen erledigen sich die übrigen Arbeiten, die an Bord noch zu tun sind, eine nach der anderen wie von selbst. Plötzlich finde ich Spaß daran, die leckende Relingstütze richtig abzudichten. Michael hilft mir wieder mit dem Schraubendreher, so kann ich von unten die 13er Muttern ordentlich auf die zugehörigen Bolzen schrauben. Die 13er Nuss liegt jetzt dort, wo sie hingehört. Wieder ein Haken auf der Checkliste.

Die Deckenverkleidung in der Vorschiffskoje ist wieder an Ort und Stelle.

Ein Geduldsmensch der gerne Puzzles zusammensetzt war ich nie. Doch irgendwie muss diese blöde Deckenverkleidung wieder an ihren Platz zurück. Stück für Stück arbeite ich mich vor. Die Fotos, die ich vor Monaten aufgenommen habe, bringen mich wirklich weiter. Ich brauche aber dennoch einen ganzen Tag, bis die Verkleidung wieder so sitzt, wie sie sitzen soll. Zuletzt muss ich die zuerst angebrachten Teile wieder entfernen, weil der Fensterrahmen der Dachluke nicht richtig passt. Dann aber kann ich feiern, die erste Koje ist komplett fertig. Nur mit dem Motor bin ich keinen Schritt weiter.

Der kleine Samuel nach dem Frühstück.

Arbeiten aufschieben kann ich auch im Tierheim. Weiterhin bin ich zwei Tage in der Woche dort und kümmere mich um die Katzen. Es wird mir sehr schwer fallen, ohne Katze Aruba zu verlassen. Selbst wenn die Katze kein Problem mit dem Leben an Bord hätte, wären die Formalitäten bei der Reise von Land zu Land in meinen Augen zu problematisch. Ich kann mir nächstes Jahr in Deutschland auch eine Katze aus dem Tierheim holen, die sind alle voll mit Corona-Katzen. Katzen, die sich die Menschen im vergangenen Jahr angeschafft haben und die nach dem Ende der Anti-Corona-Maßnahmen dann im Tierheim abgegeben wurden.

Chamito entspannt sich auf dem Boden. Er sieht mich kommen und steht sofort auf. Ich habe Karotten.

Auch bei den Eseln kann ich Arbeiten aufschieben. Dabei macht es mir eine große Freude, dem kleinen Chamito beizubringen, dass Karotten eine leckere Sache sind. Ich schneide sie ganz klein und verteidige sie gegen seine Mutter Woods. Für Woods habe ich sogar noch eine Extra-Karotte, damit sie ihren Sohn in Ruhe kauen lässt. Anneke „beschwert“ sich bei mir, dass der Kleine meine Karotten nimmt und ihre verschmäht. Das Geheimnis ist, die Karotten so klein zu schneiden, dass sie auch in der heimischen Küche Verwendung finden können. Sind die Stücke zu groß, kann er sie nicht mehr kauen. Sie fallen dann aus seinem Maul und seine Mutter schnappt sie sich vom Boden.

Chamito bettelt um mehr Karotten. Er ist ein richtiger Esel geworden.

In der Vergangenheit war es immer problematisch, dem kleinen Chamito nahe zu kommen. Immer wieder wurde er mit der Flasche gefüttert. Dazu musste er eingefangen werden und das hat ihm nicht gefallen. Deswegen war er immer auf Abstand zu den Menschen. Die Karotten ändern das Spiel. Seit ihm ihm beigebracht habe, dass Karotten eine leckere Sache sind, kommt er und bettelt um mehr Karotten. Inzwischen lasse ich die Besucher die Karotten in ganz kleine Stücke schneiden und bringe sie dann zum Baby. So gelingt es mir, die eine oder andere Adoption zu verkaufen. Das ist immer gutes Geld für das Donkey Sanctuary. Außerdem ist es die Hoffnung auf mehr Geld, denn nach einem Jahr werden die Adoptiveltern eine Email vom Donkey Sanctuary bekommen mit der Frage, ob sie die Adoption verlängern wollen.

Wir haben einen kleinen Esel in Aruba adoptiert.

Es sind nur noch sieben Tage, bis mein Neffe Eike nach Aruba kommt. Das Aufschieben von Arbeiten ist inzwischen keine Option mehr. An jedem Tag muss ich etwas für das Vorankommen erledigen. Noch sind genug Arbeiten da, die unbedingt getan werden müssen. Deswegen kann ich immer noch mit einigermaßen gutem Gewissen die Motorinspektion verschieben. Wenn ich einen Abend im Jazz Cafe verbringe, mache ich mir keinen Kopf darum, dass ich nicht fertig werden könnte.

Und damit wäre ich bei der wesentlichen Mitteilung in diesem Beitrag. Ich habe euch, meinen Leser:innen, einen ordentlichen Mist erzählt. Fake News. Vor mehr als einen Jahr hat mich Lel über die Insel gefahren. Alles war wegen Coronba geschlossen, wir haben aber die Street Art in San Nicolas bewundern können. Zu dem einen oder anderen Bild hat mir Lel ein paar Fakten erzählt, die ich dann ungeprüft in meinem Blog niedergeschrieben habe.

Ein in Aruba sehr bekannter Künstler…

Als Widerstandskämpfer, der ungerechtfertigt im Gefängnis gesessen hat, wurde mir dieser Mann verkauft. Vielleicht hat er im Gefängnis angefangen zu malen, seine Finger sind mit Farben beschmiert. Wie es der Zufall will, treffe ich diesen Menschen persönlich im Jazz Cafe. Bei guter Musik unterhalten wir uns, der Mann war nie im Gefängnis. Er war auch kein Widerstandskämpfer, sondern er ist lediglich ein bekannter Künstler aus Aruba. Warum mir Lel diese Blödsinn erzählt hat ist mir schleierhaft. Auf jeden Fall ist der Künstler ein sehr netter Mensch, wir haben ein Foto aufgenommen.

Das Portrait in San Nicolas würde ich als ausgesprochen gelungen bezeichnen, wenn ich es mit dem Gesicht vergleiche, das portraitiert worden ist.

Damit ich die Motorwartung wieder einmal verschieben kann, vereinbare ich mit der Samai eine Jeep Tour am Montag. Das ist der Tag mir der günstigsten Jeep Miete. Wir wollen nach Conchi, dem natürlichen Pool im Nationalpark.

Dann wäre da noch Gerd. Der kam am Tag vor seiner Abreise zu Sissi und drückte mir 50 US Dollar in die Hand. Für Edward. Auf keinen Fall würde er damit den Schaden am Auto anerkennen, es sei nur eine kleine Aufmerksamkeit als Hilfe für Edward. Egal war ich darüber denke, Edward kann es gebrauchen.

Dichter und Denker

Deutschland ist ja auch das Land der Dichter und Denker. Und so denke ich mir, dass ich inzwischen ein prima Dichter geworden bin. Immerhin bin ich am Tag genau 221 Jahre nach Johann Wolfgang von Goethe geboren, genau wie er in Frankfurt am Main. All jene Stellen, die ich abgedichtet habe, sind bis jetzt wasserdicht geblieben. Meine motorenbedingte Aufschieberitis meldet sich wieder zu Wort. Also nutze ich den bewölkten Himmel, um ein letztes Meisterstück meiner Dichtkunst zu erschaffen. Die Relingstütze muss noch abgedichtet werden, außerdem die beiden Abflüsse der Badewanne. Mit etwas Klebeband, Schleifpapier, Pinsel und dem Rest Farbe mache ich mich ans Werk. Im Inneren des Abflussrohrs auf der Backbordseite ist schon so viel Farbe, dass ich mit dem Dremel ran muss. Erst muss ich die alte Farbe aus dem Rohr entfernen, dann kann ich mit den Malerarbeiten beginnen.

Der erste Anstrich ist schon drauf. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, den vorherigen Zustand zu dokumentieren. Auch nach mehr als zwei Jahren bloggen bin ich entweder auf das Blog oder auf die Arbeiten fokussiert. Die Idee, ein paar Bilder zu machen, kommt dann leider oft zu spät.

Die Reling muss ab. Jedenfalls ein Teil von ihr. Sissi gibt ein ungewohntes Bild ab und ich fühle mich komisch. Es fühlt sich so an, als könnte ich dort jederzeit ins Wasser fallen. Dabei bewegt sich das Boot nicht mehr als vorher. Es ist mehr das Gefühl als echte Unfallgefahr. Die Schrauben, die die Relingstütze halten, sind total fest. Sie wurden wahrscheinlich in den letzten 43 Jahren nicht bewegt. Zwei der drei Schrauben kann ich mit WD40 zur Zusammenarbeit überreden. Mit der dritten Schraube ist nichts zu machen. Sie wird von unten von einer 13er Mutter festgehalten. Ich suche den 13er Schlüssel. Nichts zu machen, ich brauche eine 13er Nuss.

Bei der kleinen Ratsche geht es nur bis maximal zur 12er Nuss. Das ist schade, aber ich habe ja noch die große Ratsche.

Nach gründlicher Suche im Werkzeugkasten habe ich alle Nüsse in der Hand gehalten. 10er, 11er, 12er, 14er, 15er und viele mehr. Nur die 13er Nuss versteckt sich. Ich durchsuche beide Werkzeugkästen und kann sie nicht finden. Das ärgert mich, denn die 13er ist diejenige, die am meisten auf dem Boot benötigt wird. Die 13er und die 17er.

Hier drin sind alle Größen, von 10mm bis hin zu 24mm. Nur die 13er Nuss ist nicht zu finden. Selbst als ich alle Teile Stück für Stück aus dem Kasten nehme und beiseite lege, kann ich keine 13mm Nuss finden. Bitte keine Kommentare zur Ordnung im Werkzeugkasten. Ich weiß meistens, wo ich die benötigten Werkzeuge finde.

Ich bin kurz davor, mir gegenüber bei der Samai eine passende Nuss auszuleihen. Oder in den Baumarkt zu fahren und eine zu kaufen. Habe ich die 13er womöglich irgendwo im Atlantik versenkt? Mein Blick streift den Drehmoment-Schlüssel, der schon für die Motorinspektion bereit liegt. Meine Freude ist groß, denn ich habe die 13er Nuss gefunden. Sie steckt schon seit der Abfahrt in Holland auf eben diesem Drehmoment-Schlüssel.

Letzten Endes ist es immer ein Problem an Bord, wenn man Dinge nicht dahin zurücklegt, wo man sie hergenommen hat. Das gilt für große Teile wie den Drehmoment-Schlüssel genauso wie für kleine Teile, etwa die Nuss. Ansonsten kommt man aus dem Suchen nicht mehr heraus.

Ein Problem gelöst, ein neues Problem geschaffen. Ich kann von hier unten so lange schrauben, bis die Sonne untergeht. Der Bolzen oben dreht sich mit. Michael von der Samai unterbricht sein Frühstück für mich und hält von oben mit dem Schraubendreher dagegen. Nun lässt sich der Fuß der Relingstütze ganz einfach entfernen.

Der Blick von unten nach oben. Die Muttern sind schon ab, die Bolzen draußen und man kann den Himmel sehen. Hoffentlich regnet es heute nicht, das Problem mit dem Wassereinbruch würde sich vervielfachen. Ich kann ja von oben nichts drauf kleben, die Farbe muss trocknen.

Auch hier kommen nun wieder Klebeband, Schleifpapier, Pinsel und Farbe zum Einsatz. Es wäre ein sträfliches Versäumnis, jetzt nicht alles schön zu machen. Sonst muss die Relingstütze in Holland auch wieder runter, das möchte ich vermeiden. Ich vermute, es sind über kurz oder lang alle fällig, das mache ich dann aber lieber an einem Ort, an dem es weniger als 32°C im Schatten hat.

Ein ungewohnter Anblick ohne die Reling. Wenn man da oben steht, fühlt es sich auch sehr komisch an. Nicht, dass die Reling im Hafen ein wichtiges Sicherheitsfeature wäre, das Boot bewegt sich praktisch nicht.

Jetzt darf die Farbe trocknen. Sollte ich jetzt nicht noch den Motorraum öffnen und mit der Arbeit beginnen? Die Softwareentwicklung ist zwar jetzt schon mehr als zwei Jahre her, die Methodik sitzt aber immer noch. Immer erst eine Aufgabe zu Ende machen, dann die nächste Aufgabe anfangen. Meine Entscheidung am heutigen Tag war pro Dichtkunst und damit contra Motor, also ziehe ich das jetzt durch. Morgen Abend soll die Reling wieder stehen und das Boot dicht sein. Diese Zeit braucht die Farbe zum Trocknen. Statt die zweite Baustelle anzufangen, räume ich erst einmal die benutzten Werkzeuge wieder zurück an ihre Plätze. Ich nehme die Sitzpolster über dem Fach für die Getränke und Werkzeuge ab. Dabei steigt mir ein süßlicher Geruch in die Nase. Im Getränkefach ist es feucht, eine Flüssigkeit steht auf dem Boden. Ich beginne, die Getränke zu retten.

Diese Getränke konnten gerettet werden. Eine Dose Apfelwein hat sich in das Getränkefach entleert, außerdem ist eine Dose Apfelsaft durchgerostet und hat ihren Teil zu der Sauerei beigetragen.

Dose um Dose nehme ich in die Hand, spüle den braunen Schleim von der Unterseite ab und stelle sie zum Trocknen auf den Kühlschrank. Eine Dose Apfelsaft ist nicht mehr ganz prall und beginnt zu tropfen, als ich sie in die Hand nehme. Ich freue mich, dass ich den Übeltäter schnell gefunden habe. Allerdings ist noch so viel Apfelsaft in der Dose geblieben, dass die Sauerei im Fach nicht nur vom Apfelsaft kommen kann. Ist etwa Wasser an den Püttingen bis in das Getränkefach durchgelaufen? Denkbar. Über mehrere Wochen war gar keine Dichtmasse vorhanden. Dadurch kann die sowieso schon durch Salzwasser angeschlagene Dose Apfelsaft durchgerostet sein. Und dann noch ein paar Tage Gärung, das bringt den leckeren Geruch. Leider ist es nicht so. Eine Dose Apfelwein ist kaputt gegangen und komplett leer. Passt zur Flüssigkeitsmenge und zum Geruch. Ein trauriger Tag. Die überlebenden fünf Dosen wandern zur Sicherheit in den Kühlschrank. Ich denke, ich werde sie in den nächsten Tagen leeren, bevor noch mehr von ihnen kaputt gehen.