Headache Beach

…oder der 50. Geburtstag. Ein gesellschaftliches Großereignis in der Bucht von Portimao. Steffi von der SY Bigfoot hat eingeladen und es sind alle gekommen. Die Roede Orm, Sissi, Grace, Thula, Salty, Zora, Enterprise B und noch viele mehr.

Als Segler ist man ja ziemlich unter sich und sieht tagelang nur die eigene Crew. Deshalb ist ein solches Ereignis ein Pflichttermin, denn nur so lernt man andere Crews kennen und kommt Mal unter andere Leute.

Die Grills sind aufgebaut

Die Schlauchboote wurden auf den Strand gezogen, Bier und Wein im Wasser gekühlt und das Buffet auf einem Surfboard aufgestellt. Mit mehreren Grills arbeiteten wir gegen den Hunger.

Dinghiparade mit Buffet

Es entwickelten sich tolle Gespräche über Ankerbuchten, Energieversorgung, Zollbestimmungen, Lebensmittelversorgung, Wohnlichkeit von Segelbooten, Dinghimotoren, vergangene Feiern und zukünftige Pläne. Dazu gab es gegrillte Spieße, Hähnchen, leckere Salate, Kuchen, Brot und Bier und Wein.

Wikingerschach

Am Strand spielten wir Wikingerschach und hörten dazu gute Musik. Die Stimmung war ausgelassen, der Grill heiß und die Getränke kalt.

Abend am Headache-Beach

Dank der Zeitumstellung auf Winterzeit wurde es schon früh dunkel. Um 19 Uhr fühlte es sich an, als wäre es schon kurz vor Mitternacht. Es wurde weiter gelacht, getanzt, gegessen und getrunken.

Lustig war, dass die Crew von der Enterprise B unsere Sissi schon Jahre vor uns selbst kennen gelernt hat. Wir haben Sissi ja in Oldersum bei Emden gekauft, da lag sie jahrelang im Außenhafen. Und die Enterprise B lag dort auch einige Jahre im Außenhafen, Anke und Horst kennen Hertha und Harald, die Vorbesitzer der Sissi. Wie klein die Welt doch ist.

Feuerwerk (Bild: Julia SY Roede Orm)

Als alte Frankfurter haben wir natürlich immer ein wenig Pyrotechnik zur Hand und konnten so der Geburtstagsfeier mit gleißendem Licht und dem Geruch nach Schwarzpulver noch ein kleines Sahnehäubchen aufsetzen.

Nacht in Portimao

Noch vor Mitternacht haben wir uns unsere Schlauchboote geschnappt und sind wieder zurück zu unseren Segelbooten gefahren. Wenn man noch fahren muss, kann man nicht so feiern, dass man hinterher am Strand einschläft.

Der obige Satz stimmt übrigens beinahe. Wir mussten ein Dinghi mit defektem Kapitän und wackeligem Außenborder zu seinem Mutterschiff zurück schleppen. Kein Problem für uns. Für die betroffene Person wurde es wohl wirklich der Headache Beach.

(Wir verraten niemanden. Was am Strand geschah, wird von der Tide weggespült.)

Weiterhin vor Anker

Wir genießen immer noch die Zeit vor Anker in Portimao. Es ist schwer, das nicht zu tun. Sanft wiegen uns die Wellen in den Schlaf, es herrscht kein unangenehmer Schwell. Einzig die Kaltwasser-Borddusche von Sissi ist ein kleines Problem. Dafür haben wir aber ein Dinghi, mit welchem wir in die Marina fahren können. Dort leihen wir uns von anderen Seglern die Codekarte für die Duschen. Ich muss sagen, die Duschen in der Marina in Portimao sind die besten Duschen, die wir seit Belfast (!) genutzt haben.

Und dann sind da noch die Reparaturen. Ich bin ein wenig unzufrieden mit der Arbeit der Werft hinsichtlich des Windgenerators.

Auf dem Weg von Guernsey nach Roscoff waren die Schrauben lose, die die Stütze des Windgenerators mit Sissi verbinden. Das gab Vibrationen ohne Ende und die Stütze wackelte wie blöde hin und her. Wir haben die Schrauben nachgezogen, eine verlorene Schraube ersetzt und danach vibrierte nichts mehr. Sie haben sich seit Roscoff auch nicht mehr losvibriert. Wieso halten eigentlich die selbst festgezogenen Schrauben besser, als die von der Werft geschraubten? An der Windfahne, die wir selbst montiert haben, hat sich nicht eine Schraube gelöst.

Schraube locker

In der Ankerbucht fiel uns auf, dass der Windgenerator oben wild hin und her wackelt. Auch dort hatte sich eine Schraube verabschiedet und musste ersetzt werden. Ist ganz schön hoch, wenn man da rauf klettert. Ich mag die Höhe nicht.

Ansonsten ist die Aussicht vom Ankerplatz aus grandios. Auf der einen Seite die tollen Felsen, die den Strand einrahmen. Auf der anderen Seite das Meer, das hinter den Wellenbrechern wogt und manchmal auch über die Wellenbrecher rüber schwappt. Dann der Blick auf die Einfahrt, wo immer wieder Fischer ein- oder ausfahren. Anhand der Größe der mitgezogenen Möwenwolke lässt sich abschätzen, wie gut der Fang des Tages gewesen ist.

Fischer mit Möwenwolke

Rein gesellschaftlich ist das Leben an der Ankerkette vollkommen anders als das Leben in der Marina. Man kann sich das an Land etwa so vorstellen wie den Unterschied zwischen einer innenstadtnahen Wohnung und einem Haus in einem Vorort mit viel Grün drumherum.

In der Marina kann man mal eben zum Nachbarn rüber spazieren, einen Kaffee trinken oder nach einem dringend benötigten Werkzeug fragen. Verlässt man die Marina, ist man in wenigen Schritten in der Stadt und hat alle Errungenschaften der Zivilisation. In der Marina kommen die Nachbarn regelmäßig vorbei – sei es nur für einen kleinen Schwatz.

Vor Anker ist man alleine. Die Leute kommen nicht mit ihren Dinghis aus der Marina raus, um einen Kaffee zu trinken. Das ist natürlich auch positiv zu bewerten, denn wenn sie keinen Kaffee trinken kommen, kommen sie auch nicht, um die Biervorräte zu dezimieren oder den Kühlschrank leer zu essen.

Will man den durchschnittlichen Segler motivieren, seinen Standort zu verändern, will das wohl geplant werden. So wie etwa der heutige Tag: Steffi von der Bigfoot wird heute 50 Jahre alt und hat zu einer Beach-Party eingeladen. Zu einem solchen Anlass werden auch in der Marina die Dinghis klar gemacht.

Headache Beach

Wir werden hier noch bis morgen Abend bleiben, dann fahren wir wieder rüber nach Lagos in die Marina. Dort haben sich inzwischen Postpakete für uns gesammelt, die wir abholen müssen.

Der Kühlschrank

Die Idee zu diesem Beitrag ist entstanden, als ich im Kühlschrank verzweifelt nach einer Dose Bier gesucht habe und dabei nur Cola, Eistee und Limonade gefunden habe. Zwischendurch ist mir noch eine Vorratsdose mit Gulasch begegnet, das sich wohl schon ein paar Tage im Kühlschrank versteckt hat und zwar noch lecker roch, aufgrund seines Alters jedoch in die Biotonne wandern musste.

Kühlschrank der Sissi

Den meisten Strom, den wir mit unseren beiden Kraftwerken erzeugen, wandert in diesen Kühlschrank. Das ist in Ordnung, denn wir lieben den Komfort, den uns der Kühlschrank gibt. Ein Bordkühlschrank ist jedoch eine ganz andere Nummer, als der Kühlschrank zu Hause in der Küche.

Kühlschrank – der Horrorfilm

Ein Filmplakat zum Film “Der Kühlschrank – eiskalt, böse und gemein” hing jahrelang über meinem Bürokühlschrank. Mein Kollege Uli hat es damals mitgebracht, kurz nachdem ich den Kühlschrank in unser gemeinsames Büro getragen habe.

Jede Seglerin und jeder Segler kennt das Problem. Am Anfang des Törns ist der Kühlschrank peinlich sauber, leer, übersichtlich und riecht nicht.

Dann kommt der erste große Einkauf. Getränke und Lebensmittel für mehrere Wochen werden beschafft, an Bord geschleppt und der Kühlschrank wird beladen. Dabei macht man sich große Gedanken um die Ordnung im Reich der Kälte. Niemand möchte im Kühlschrank suchen müssen, alle gewünschten Waren sollen griffbereit liegen.

Mit viel Sorgfalt und Gehirnschmalz baut sich der Segler den Kühlschrank so voll wie möglich, denn ein voller Kühlschrank funktioniert besser als ein leerer. Außerdem gibt es bei Törnbeginn einen Haufen Zeug zu verstauen.

Die meisten Segelbootkühlschränke, die ich in meinem Leben gesehen habe, sind Toplader. Das ist praktisch. Hätten wir auf dem Segelboot einen Kühlschrank wie zu Hause, würden je nach Schräglage alle Lebensmittel beim Öffnen der Kühlschranktür auf den Boden purzeln. Okay, das stimmt nicht ganz, es gibt auch Frontlader für Segelboote. Die sind jedoch sehr teuer und der Einbau ist auch nicht immer leicht. Bei uns auf der Sissi könnten wir keinen Frontlader einbauen, denn was auf dem Foto noch rechteckig aussieht, folgt auf der hinteren Seite der Form der Bordwand.

Toplader

Dann kommt der erste Abend an Bord. Noch sind wir keinen Meter gesegelt, noch haben wir das Schiff nicht losgemacht. Ein erster Griff in den Kühlschrank fördert ein Bier zutage. Nach dem zweiten Griff und dem Schließen des Kühlschrankdeckels hört man ein Poltern im Kühlschrank. Das dritte Bier ist nun unauffindbar unter einer Lawine aus Coladosen, Käseblöcken und vakumierten Steaks verschwunden. Auf der Suche nach dem dritten Bier fällt eine Dose Crème Fraiche kopfüber auf den Korken der für das morgige Schlemmermahl kalt gestellten Weinflasche, die Folie am Deckel wird beschädigt und die Crème Fraiche verteilt sich geräuschlos über die Coladosen und zwischen den Wurstpackungen. Derweil übernimmt der Camembert die geruchliche Hoheit über den gesamten Kühlschrank.

Jetzt wird der Kühlschrank in Panik ausgeräumt, aber es sind nun weder die Spuren der Crème Fraiche zu finden, noch das Bier, das man am Vorabend garantiert in den Kühlschrank geräumt hat. Dafür findet sich dann eine Dose mit der Aufschrift “Gemüsesauce, 13.4.2018”. Wo hat sich die denn die ganze Zeit versteckt?

Sissikühlschrank von innen

Wieviel Sorgfalt man auch immer bei der Beladung des Kühlschranks aufwendet – die Ordnung ist in dem Augenblick zerstört, in dem das erste Lebensmittel aus dem Kühlschrank entnommen wird. Entnimmt man nach dem Füllen kein Lebensmittel sondern segelt sofort los, gibt es garantiert eine Welle, die das Boot so sehr krängen lässt, dass sich das Innere des Kühlschranks unmittelbar neu sortiert und somit die reguläre Unordnung in einem Segelbootkühlschrank wieder herstellt.

Wo hatte ich noch gleich die Schweinelende für heute Abend vergraben?

Ankern

Wir liegen in Portimao vor Anker. Kaum zu glauben. Wir sind knapp zweieinhalbtausend Meilen gesegelt und haben unseren Anker sich bislang nicht in den Grund eingraben gelassen. Dabei ist Ankern die Königsdisziplin der Langfahrtsegler. Vor Anker wird die Bordkasse geschont, Ankern ist immer kostenlos. Die Marina kostet Geld.

Ankerlieger in Portimao

Ankern kann man an den schönsten Orten der Welt, die Marinas sehen überall irgendwie gleich aus. Das ist etwa so wie der Unterschied zwischen “wild campen” und einem Campingplatz.

Vor Anker liegt man ruhig. Die Ankerkette dämpft das Rucken des Schiffs im Schwell wunderbar. Liegt man bei Schwell im Hafen, knarzen und quietschen die Festmacher erbärmlich. Oft ruckt das Schiff heftig in die Leinen ein. In der Marina ist es manchmal unkomfortabel.

Ankert man, hat man es ruhig. Keine Nachbarn am Steg, die die Nacht zum Tag machen. Keine Touristen, die gaffend die Stege entlang laufen und in das Cockpit glotzen.

Warum wir bisher nicht geankert haben? Weil man dann das Dinghi aufblasen muss, um an Land zu kommen. Weil am Ankerplatz keine warme Dusche ist. Weil wir lange keinen Motor für unser Dinghi hatten. Weil es bequemer ist, zu Fuß zum Restaurant zu spazieren. Weil… Wir haben es halt nicht gemacht.

Ankerkette

Vorgestern war also ein großer Moment. Klackernd lief die Kette über die Ankerwinsch, der Anker klatschte ins Wasser. Dann haben wir ihn ordentlich eingefahren. Er hat im ersten Versucht auf perfektem Ankergrund gehalten.

Gestern hatten wir am Ankerplatz ordentlich Wind, der Windgenerator hat 15 Ampere geliefert, was er etwa ab fünf Beaufort tut. Der Anker hat gehalten.

Jetzt hat sich der Wind gedreht, unser Anker hält immer noch bombenfest. So gefällt mir das. Jetzt endlich können wir uns Langfahrtsegler nennen. Nur das Problem mit der Dusche konnten wir noch nicht abschließend zur Zufriedenheit lösen. Entweder nutzen wir die Borddusche von Sissi, die nur kaltes Wasser liefert. Oder wir nehmen das Dinghi uns fahren in die Marina rüber. Dort verkaufen sie uns sicher eine warme Dusche.

Kleine Kachelkunde

Zugegebenermaßen habe ich noch nie vom Studienfach “Kachelkunde” gehört, in Portugal konnte ich jedoch umfangreiche Studien über portugiesische Kachelkunst am Bau und die gemeine portugiesische Kachelfassade beginnen. Über dieses Thema könnte ich jetzt ein Buch schreiben. Wahrscheinlich würde jeder Leser über der Lektüre einschlafen, deswegen stelle ich mir lieber vor, wie es wäre, das eigene Haus mit einer portugiesischen Fassade auszustatten.

Schmuckkacheln

Zunächst einmal muss ich mir klar darüber werden, ob ich einen künstlerisch wertvollen Schmuckkachelstreifen an der Fassade möchte oder gar das ganze Haus mit solchem Kachelschmuck verziere. Solche Kacheln sieht man auf großen Flächen nur an Kirchenmauern. An Privathäusern hält es der Portugiese lieber dezenter.

Klassisches Muster

Vielleicht mache ich die Fassade mit einfachen Schmuckkacheln. Keine Motive, dafür aber eine schöne, abwaschbare Front zur Straße. Die weißen Kacheln sind an der Südseite des Gebäudes super, dann werden die Räume im Sommer nicht so warm. Und es gibt eine große Auswahl im Baumarkt.

Klassisches Muster

Nach längerem Betrachten ist mir das Muster zu unruhig. Ich schaue mir lieber noch ein paar andere Muster an, die das Auge weniger stressen.

Modernes Muster

Bei dieser Wand habe ich zuerst gedacht, sie wäre nicht ordentlich gekachelt. Hier kann sich der Anfänger ausleben und viel Eigenleistung bringen. Das Ergebnis wirkt dann aber auch so, als hätte der dreijährige Sohn des Nachbarn mitgeholfen.

Auch in anderen Farben erhältlich

In Deutschland würde ich nicht unbedingt nur weiße Kacheln empfehlen. Wenn wir das mit dem Klimaschutz einigermaßen hinbekommen, gehen vielleicht auch dunklere Farben. Nur das Rot ist mir zu intensiv.

Dezenter

Die dezenteren Farben und Formen sind aus der Ferne oft nicht mehr als gekachelte Fassade zu erkennen. Sicherlich gut für deutsche Baubehörden, doch der portugiesische Stil kommt meiner Meinung nach bei den dezenteren Kacheln nicht mehr so durch.

Außen an der Fassade und innen gehen diese hier auch im Bad

Mein Haus würde aussehen wie ein auf links gedrehtes Schwimmbad, wenn ich diese Kacheln in größerer Stückzahl an die Außenwände bringen.

Letztendlich habe ich mich am Ende für meinen Topfavoriten entschieden, eine grüne, gemusterte Kachel. Hiermit würde ich mein Haus kacheln, am besten ein Haus mit vielen Bäumen im Garten.

Favoritenkachel

Jetzt dürft ihr keinen Schreck bekommen, aus der Nähe betrachtet mag es grauenvoll aussehen. Ich kann mir aber vorstellen, wie das aussieht, wenn das ganze Haus damit gekachelt ist. Mir gefällt es.

Grün gekacheltes Haus

Der Kerl mit der Gitarre war zwar nicht schlecht, der darf aber in Lagos bleiben. Alle diese Kacheln habe ich in Lagos fotografiert, der Ort ist jedoch repräsentativ für Portugal.

Ende der kleinen Kachelkunde.

Der Countdown vor der Abfahrt

Wenn wir irgendwo fest gemacht haben, dann ist das Boot richtig fest. Das ist nicht wörtlich gemeint, jedes Boot braucht am Steg eine gewisse Bewegungsfreiheit. Sonst ist das nicht gut für die Leinen, die Klampen und die Nerven der Besatzung. Ich meine den Umbau der mobilen, segelnden Sissi zu einer Ferienwohnung im Hafen und wieder zurück. Das ist zwar inzwischen alles Routine, es strengt jedoch an und deswegen machen wir das nur, wenn es sich lohnt oder wenn wir den alten Ort gründlich satt haben. Manche Orte entwickeln darüber hinaus gewisse Klebekräfte, die einen zusätzlich festhalten.


Oft liegen wir lange an einem Ort. Wenn es dann endlich weiter gehen soll, findet in unseren Köpfen und auch in der Realität ein Countdown statt, der mindestens mal so genau durchexerziert wird, wie beim Start einer Rakete in den Weltraum. Meistens jedenfalls.

Borduhr

-86400 Sekunden
Einen Tag vor der geplanten Abfahrt prüfen wir das Wetter noch einmal. Eigentlich prüfen wir das Wetter ständig, vor der Abfahrt machen wir es aber noch viel öfter. Wir schauen, welche Vorräte noch ergänzt werden müssen und kaufen diese dann ein. Natürlich vergessen wir dabei immer wieder wichtige Dinge im Laden, das können wir irgendwie nicht verhindern. Selbst wenn wir den Einkauf gut planen und einen Einkaufszettel schreiben, vergessen wir den Zettel an Bord.

-43200 Sekunden
So zwölf Stunden vor der geplanten Abfahrt räumen wir auf. Selbst wenn Sissi erst seit zehn Minuten am Steg liegt, verteilen sich Gegenstände durch das Schiff, die alle wieder an ihrem Platz geräumt werden wollen. Liegen wir länger, wird es immer schlimmer. Wir sind nicht die einzigen, denen es so geht, dieses Problem haben alle. Sollten wir noch ein Brot brauchen, backen wir noch ein Brot. Manchmal kochen wir Essen auf Vorrat, manchmal planen wir Mahlzeiten, die wir auf See zubereiten wollen. Das kommt darauf an, ob wir nur einen kurzen Törn von weniger als 24 Stunden Dauer oder einen längeren Schlag von mehreren Tagen vor haben.

-7600 Sekunden
Zwei Stunden vor der geplanten Abfahrt fangen wir so langsam an, Sissi richtig seeklar zu machen. Wir bringen den Müll zum Müllcontainer. Oft duschen wir noch einmal. Geschirr wird noch weggespült und weggeräumt. Die Luken werden verschlossen, Wäsche eingesammelt und verräumt. Wir haben ein kritisches Seeventil, das muss geschlossen werden. Außerdem hängt da oft noch die Sonnenschutzplane über dem Baum, die will abgenommen, gefaltet und verstaut werden.

-3600 Sekunden
Eine Stunde vor der geplanten Abfahrt sammeln wir das Stromkabel für den Landstrom ein und verstauen es. Wir fangen an, die Leinen, die Sissi am Steg festhalten, so umzubauen, dass wir sie vom Boot aus mitnehmen können. Wir verabschieden uns von den Nachbarn. Ggf. wird noch ein Reff ins Großsegel eingebunden. Regelmäßig prüfen wir den Motor (Motoröl, Kühlmittel, Keilriemen) vor der Abfahrt.

-300 Sekunden
Ein paar Minuten vor der Abfahrt starten wir den Motor. Der darf schon etwas brummen, bevor wir Leistung von ihm fordern.

-60 Sekunden
Wir machen die Leinen los. Eine, noch eine, noch eine und noch eine. Lediglich eine Leine hält uns zum Schluss. Oft müssen wir schon jetzt einen Gang einlegen, das Getriebe einkuppeln, denn mit einer Leine ist die Situation nicht mehr stabil.

-10 Sekunden
Ein letzter Rundumblick, sind andere Boote im Weg? Können wir aus der Box heraus fahren?

-9, 8, 7, 6…. 3, 2, 1, 0 Sekunden
Die letzte Leine ist los, wir bewegen uns.

+60 Sekunden
Jetzt werde die Fender und Leinen verstaut. Derweil brummt der Diesel und schiebt uns raus aufs Meer.

+300 Sekunden
Wenn alle Fender und alle Seile verstaut sind, kommt die Gewissensfrage: Reicht der Wind? Dann ziehen wir die Segel hoch. Reicht der Wind noch nicht aus, brummt der Motor erst einmal weiter. Wir bemühen uns immer, nur dann aus dem Hafen zu fahren, wenn wir auch brauchbaren Wind erwarten.

+1800 Sekunden
Die Segel sind oben und der Motor wird gestoppt, das Schiff läuft auf dem elektrischen Autopiloten und die Windfahnensteuerung muss justiert werden. Ist das erledigt, schalten wir den elektrischen Autopiloten ab und fahren unter Windsteuerung.

+2143 Sekunden
Schon fertig! So schnell und einfach geht das. Dann segeln wir und können das theoretisch unendlich lange tun. Wir können jede Entfernung zurücklegen, weil unser Treibstoff nie ausgeht. So fühlt sich echte Freiheit an. Wir machen einen Sprung von ein bis vier Tagen Dauer und haben einen neuen Stellplatz für unser Wohnmobil.

Beim Anlegen läuft alles in umgekehrter Reihenfolge, nur holen wir uns keinen frischen Müll aus dem Container. Den produzieren wir selbst. Der Countdown zum Anlegen ist wesentlich kürzer. Je schneller wir fertig sind, desto schneller haben wir das verdiente Anlegerbier in der Hand.


Dann sind wir wieder fest. Für ein paar Tage. Oder für ein paar Tage mehr.

Sie sind unterwegs!

Heute sind Daphe und Gentoo in Richtung Madeira bzw. den Kanaren gestartet. Wir wünschen euch eine gute Reise und feinen Wind aus der richtigen Richtung. Die Windvorhersage sieht gut aus, wir würden dieses Wetterfenster wohl auch nutzen, wenn wir so in Eile wären. Als Teilnehmer der ARC müssen sie zur rechten Zeit in Las Palmas sein.

Leerer Liegeplatz

Damit sind wir mal wieder eines der langsamsten Boote. Die Fairytale ist uns davon gefahren und auf dem Weg ins Mittelmeer. Also werden wir Karma wahrscheinlich nicht mehr sehen. Die Milena Bonatti ist schon auf Gran Canaria. Wo sich die Tonic und die Cosa aufhalten, wissen wir nicht.

Wir sind nicht zum Ankern rausgefahren, weil heute die Roede Orm nach Lagos in die Marina kommt. Wir fahren morgen und freuen uns auf das Wiedersehen heute Abend.

Inzwischen frage ich mich nicht mehr, ob wir zu langsam sind. Wir sind genau so schnell, wie wir sein sollen und wollen. Wir fahren mit dem richtigen Tempo. Wir fahren mit unserer Geschwindigkeit und werden die Boote wieder treffen, die nicht ins Mittelmeer abgebogen sind. So viel ist sicher. Wir wissen nur noch nicht, wo und wann das sein wird.

Trübe Aussicht

Wir verschweigen nichts. Wir berichten live von unserer Segelreise. Wir setzen alles daran, Neid bei euch zu Hause in Deutschland zu erzeugen. Und jetzt das. Es gießt aus Eimern.

Regen in Lagos

Schon in Sines hatten wir ordentlichen Regen. Da kam er allerdings in der Nacht, hat uns ein wenig überrascht und für sehr viel Nässe im Schiff gesorgt. Jetzt haben wir in Lagos schon wieder Regen. Hat Wikipedia etwa recht? In Portugal soll von Oktober bis März die regenreichste Zeit sein. Das stimmt offenbar. Es regnet und das nicht zu knapp.

Wir sind ein wenig unmotiviert und haben heute Sissi noch nicht verlassen. Statt dessen haben wir aufgeräumt, gründlich geputzt und polieren jetzt das Blog bzw den Instagram-Account.

Flüssiger Sonnenschein

Gestern hörten wir zuerst das Eintracht-Spiel gegen Leverkusen im Radio. Beim 3:0 Heimsieg konnten wir oft genug unseren Torjubel in der Marina verteilen. Anschließend hatten wir, die Sissis, einen schönen Abend mit den Gentoos (Danny, Marc und Mathilda), den Daphnes (Uta und Michael) und der Zora (Susanne) auf der Gentoo. Eine schöne Runde. Das Cockpit der Gentoo war wegen Überfüllung fast schon geschlossen.

Der Abend brüllt fast nach einer Wiederholung, doch Wiederholungen gibt es im Leben nicht. Morgen starten die Gentoos Richtung Kanaren, die Daphnes wollen vorher noch nach Madeira und wir suchen uns eine schöne Ankerbucht. Außerdem soll der Regen morgen durch sein.

Regenbogen

Zora in Lagos

Wir haben die Einhandseglerin Susanne erstmals in Camarinas getroffen. Dort hatten wir nur einen kurzen Kennenlern-Kontakt, denn Jens und ich sind am Folgetag aus Camarinas weggesegelt.

Jetzt haben wir Susanne in Lagos wieder getroffen. Inzwischen ist viel passiert. Sowohl Susanne als auch wir haben unsere Erfahrungen an der spanischen und portugiesischen Atlantikküste gemacht.

Susanne hat sich nach gründlichem Überlegen dazu entschieden, ihre Reise nicht weiter auf einem Segelboot fortzusetzen, sondern möchte auf die Straße in einen Bulli wechseln. Außerdem soll das Schiff verkauft werden. Wer alleine von Holland nach Portugal segelt und dort diese Entscheidung trifft, macht das nicht ohne triftige Gründe.

SEGELBOOT ZU VERKAUFEN
Als Verkaufsförderung möchte ich an dieser Stelle die Anzeige verlinken. Das Boot ist eine sehr gut gepflegte Dehler Optima 101 und liegt in Lagos in der Marina. Es hat für ein bis zwei Personen die ideale Größe und ist komplett ausgestattet für Langfahrt.

Zora – zu verkaufen!

Susanne, wir hatten einen tollen gemeinsamen Abend. Wir wünschen viel Erfolg beim Verkauf des Bootes und bei der Fortsetzung der Reise auf vier Rädern.

Langsam, aber so richtig langsam

Nach einem schönen Tag und einer weiteren Duschorgie in Sines haben wir um 20 Uhr die Leinen losgemacht und sind in Richtung Lagos gestartet. Dort hatten wir eine Reservierung in der Marina für den Folgetag, die uns Marc von der Gentoo besorgt hat. Es war wohl der letzte Platz, der zu bekommen war. Danke, Marc!

Wie vorhergesagt setzte der Wind gegen 21 Uhr ein. Wir stoppten den Motor und segelten auf einem fast idealen Kurs die Küste entlang. Zunächst jedenfalls. Es war wenig Wind und wir liefen nur mit drei Knoten, doch immerhin konnten wir segeln.

Unser Weg nach Lagos

Wir segelten die ganze Nacht durch bis um 10 Uhr am folgenden Morgen. Das sieht man schön auf dem obigen Bild. Der Wind drehte zu unseren Ungunsten (war nicht so vorher gesagt) und nahm nicht an Stärke zu (was vorhergesagt war). Mal wieder war der Wind also ein unsteter Geselle. An der Stelle, wo die Zickzacklinie aufhört und die gerade Motorlinie nach Süden beginnt, hatten wir uns lediglich 20 Meilen von Sines entfernt, sind aber dafür 14 Stunden unterwegs gewesen. Das ist echt so richtig langsam.

Das Cabo Sao Vicente wollte und wollte nicht näher kommen. Also warfen wir unsere guten Vorsätze über den Haufen und starteten den Motor wieder. Der brachte uns dann in 10 Stunden die restlichen 55 Meilen nach Lagos. Ich möchte gar nicht an den guten Diesel denken, den wir hier verschleudert haben. Wir hätten auch noch zwei Tage lang die Brauerei in Sines besuchen können und dort auf besseren Wind warten. Haben wir aber nicht, wir sind in Lagos.

Leuchtturm am Cabo Sao Vicente

Kurz vor dem Sonnenuntergang passierten wir das Cabo Sao Vicente. Die Felsen sind beeindruckend und die Wassertiefe gibt es her, dass man hier ganz dicht heran fahren und fotografieren kann.

Cabo Sao Vicente

Ebenfalls beeindruckend war das Wasser, das durch die Gegend spritzt, wenn es in den Löchern und Höhlen an den Klippen einschlägt.

Natürlich haben wir es nicht mehr vor 19 Uhr bis nach Lagos geschafft, konnten also nicht in die Marina einfahren. Vor der Marina ist eine Fußgänger-Klappbrücke, die nur zu den Öffnungszeiten des Marinabüros bedient wird. Wir übernachteten also am Wartepontoon und haben selten so ruhig geschlafen. Am nächsten Morgen kamen wir dann in den Hafen hinein.

So langsam sind wir noch nie gesegelt.