Brot

In Deutschland sind wir wirklich verwöhnt mit der Brotkultur. Ich meine damit nicht die Supermarktbäckereien, die die Teiglinge in den Ofen schieben und so tun, als könnte man dort frisches Brot erwerben, sondern die immer noch zahlreichen Handwerksbäcker, die viele leckere Sorten anbieten. Schon in Holland war es mit diesem Luxus vorbei, dort gibt es weiches, labberiges Brot, dass sich über Tage nicht verändert und eigentlich nur so aussieht, als wäre es Brot. Eben Teiglinge aus dem Supermarktofen.

Das ist auch in Schottland nicht anders und wir werden auch sonst nur wenig Gelegenheit haben, frisches Brot in der Qualität zu kaufen, die wir haben wollen. Also müssen wir selbst backen.

Frisches Brot, selbst gebacken.

Wenn uns das Brot ausgeht, nehme ich mein Standard-Rezept. Vor dem Start unserer Reise habe ich mit verschiedenen Brotrezepten experimentiert und mir eines aufgeschrieben, das immer gut funktioniert hat und bei dem ein leckeres Brot herausgekommen ist.

Zutaten:
500 g Mehl
350 ml Wasser
2 EL Öl
2 TL Salz
1 EL Zucker
1 Päckchen Trockenhefe

Beim Mehl kann man mit den Sorten variieren. Wir haben normales Weizenmehl (Typ 405) an Bord, außerdem noch Vollkornmehl. Die beiden Sorten mische ich gerne halb und halb, dann finde ich das Brot am leckersten. Je mehr Vollkornmehl man dazu gi bt, desto mehr Wasser möchte der Teig haben. Bei einem reinen Vollkornteig können es dann auch schon 450 ml Wasser sein.

Zubereitung:
Alle Zutaten werden miteinander gemischt und gut durchgeknetet. Der Teig muss noch ziemlich feucht und schlotzig sein. Er sollte an der Schüssel und an den Fingern kleben. Es darf auf keinen Fall ein “trockener” Teig werden, wie etwa bei einer Pizza.

Dann muss die Mischung mindestens zwei bis drei Stunden gehen. Ich stelle die Schüssel gerne in den Maschinenraum, wenn der Motor etwas gelaufen ist, damit wird die Hefe unterstützt.. Den letzten Teig habe ich ein paar Stunden im Maschinenraum vergessen, das Brot war hinterher besser, als alle Brote zuvor.

Anschließend wird der Backofen auf ca. 175°C vorgeheizt, was bei unserem Gasofen nicht so leicht zu treffen ist. Wenn der etwas heißer ist, ist es dem Brot auch egal. Das Brot kommt dann eine Stunde in den Ofen und ist fertig. Zu Hause im Elektroofen mit Unter- und Oberhitze haben 45 Minuten völlig gereicht.

Die erste Scheibe schneide ich gerne noch vom warmen Brot ab und probiere, wie es diesmal geworden ist. Wir haben das frische Brot auch schon mit Schotten geteilt, danach hatte ich eine Warteliste für neue Crewmitglieder, weil es ihnen so gut geschmeckt hat.

Probiert es einmal aus, Brot backen ist ganz leicht!

Nachtrag:
Unser Neffe Eike ist Bäckerlehrling. Er hat uns noch zwei Tipps gegeben, wie das Brot verbessert werden kann. Man sollte für eine schöne Kruste auf dem Brot noch eine Schale mit Wasser in den Ofen stellen.
Wenn man Körnerbrot backen möchte, sollte man die Körner über Nacht einweichen. Dann ziehen sie beim Backen nicht die Feuchtigkeit aus dem Teig. Statt dessen geben sie später die Feuchtigkeit wieder an den Teig ab und das Brot bleibt lange frisch.

So lange hat sich das Brot bisher bei uns noch nicht gehalten, dass es nicht mehr frisch geschmeckt hätte, denn es war vorher aufgegessen.

Shake, rattle and roll

Nach einem schönen und ausgeruhten Tag in Whitehills fuhren wir weiter nach Inverness, wo sich das östliche Ende des Caledonian Canals befindet. Die Strecke beläuft sich etwa auf 50 Seemeilen, also braucht man mit den üblicherweise für Kalkulationen verwendeten 5 Knoten Geschwindigkeit 10 Stunden Fahrzeit. Die Kanalschleusen werden im Sommer von 8 bis 17 Uhr bedient und um 8 Uhr war auch Hochwasser in Inverness. Kurz vor Inverness kommen mehrere Engstellen, in denen eine starke Tideströmung herrscht. Deswegen war klar, dass wir bis spätestens um 8 Uhr morgens in Inverness angekommen sein müssen.

Die Wettervorhersage sprach von Gegenwind bis zu sechs Windstärken, der aber Stunde um Stunde weniger werden sollte – bis hin zur totalen Flaute. Unser Plan war somit gegen 18 Uhr in Whitehills abzufahren. Dann ist die prognostizierte Ankunftszeit irgendwo um 4 Uhr am Morgen. Es waren also vier Stunden Luft in der Kalkulation.

Wir verabschiedeten uns von Hafenmeister Bernie, starteten den Motor und wussten, dass in dieser Nacht die Segel unten bleiben würden und Onkel Benz für den Vortrieb sorgen musste.

Whitehills von See aus gesehen nach unserer Abfahrt

Das Radio lief mit hoher Lautstärke und spielte zu Filmmusik von Blues Brothers. Wir sangen die meisten Lieder mit und freuten uns auf die Fahrt in den Sonnenuntergang. Doch das Wetter ist nicht immer unser Freund, die Wettervorhersage zwar präzise aber längst nicht stundengenau. Sissi begann, wild in den Wellen zu tanzen. Immer öfter bohrte sich der Bug in eine der entgegen kommenden Wellenberge.

Im Keller wummerte der Diesel, aus den Cockpitlautsprechern dröhnte Musik. Wir haben vor Jahren schon das Spiel “Alpen-DJ” erfunden. Damit sind wir immer wieder über die langweiligen Autobahnen durch die Alpen Richtung Kroatien zum Segeln gefahren. Das Spiel ist ganz einfach. Wir haben eine große Musiksammlung mit einer höheren fünfstelligen Zahl an Titeln. Man gibt einen Begriff ein , z.B. “Black” oder “Sailing” oder was auch immer. Zumeist gibt es eine Trefferliste mit mehreren Musiktiteln, die dann auf die Playliste genommen werden. Ein paar davon. Am meisten Spaß macht es, wenn einer den Begriff vorgibt und der andere dann einige Stücke auf die Liste nimmt. Wir finden immer wieder unerwartete Kleinode in unserer Sammlung.

Kreuzfahrtschiff macht Dreck

Alsbald begegnete uns ein Kreuzfahrer. Die markante Abgasfahne sahen wir lange, bevor wir das Schiff mit unseren Augen sahen. In Zeiten, in denen man bei PKWs, Zentralheizungen und BBQ-Grills auf die Emissionen achtet, erscheint eine solche Dreckschleuder wie ein aus der Zeit gefallener Anachronismus.

Ich machte eine AIS-Abfrage, um herauszufinden, um welches Schiff es sich handelt.

AIS-Information zum Kreuzfahrer

Das Schiff war also die Crown Princess. Ein nur 13 Jahre altes Schiff, das offenbar nicht einmal über eine einfache Abgasreinigung verfügt. Wir schüttelten den Kopf, weil wir das nicht verstehen konnten.

Wir schüttelten jedoch nicht nur den Kopf, denn nebenbei wurden wir von Sissi auch selbst ganz ordentlich durchgeschüttelt. Der Wind hat sich nämlich nicht an die Wettervorhersage gehalten und wurde stärker,. Dabei sollte er doch abflauen. Es baute sich eine harte Welle auf, die die Reise ein wenig unkomfortabel machte. Da das Log immer noch 4 Knoten anzeigte, war uns das allerdings egal, schließlich hatten wir vier Stunden Luft in der Kalkulation und würden auch mit vier Knoten immer noch vor dem Kippen der Tide (und damit vor dem Einsetzen der Gegenströmung) durch die Engstellen vor Inverness kommen.

Tankschiff im Gegenverkehr

Wenige Stunden später hatten wir wieder Gegenverkehr. Diesmal war es ein Tankschiff. Das rußte nicht, jedenfalls nicht so sichtbar, wie es bei dem Kreuzfahrer war. Das ist irgendwie eine komische Welt.

Die Windstärke stieg derweil in den Böen auf 7 Bft, die Wellen wurden höher und Sissi bohrte immer wieder den Bug in die Wellen. In der Konsequenz reduzierten wir die Geschwindigkeit das machte die Fahrt zwar langsamer, dafür aber um einiges komfortabler. Nur würden wir so die Tide nicht schaffen. Ich schnappte mir den Reeds Nautical Almanach,, um einen Ausweichhafen zu finden. Die sind hier aber nicht so dicht verteilt. In die meisten können wir gar nicht hereinfahren. Die sind zu klein, zu flach oder können nur bei Hochwasser angfahren werden. Also blieben wir bei unserem Plan und knüppelten weiter unter Maschine gegen den Wind an.

Um Mitternacht ging ich zu Bett. Wer mit dem Gedanken spielt, sich für teures Geld einen Parabelflug mit dem Flugzeug zu leisten, um Schwerelosigkeit zu erleben, kann das Geld auch gerne zu uns tragen. Wir fahren dann mit Sissi gegen solche Wellen an. Die Koje hob und senkte sich im Wellentakt, immer wieder verlor ich den Kontakt zu r Matratze, weil diese unter mir einfach wegsackte. Ich durfte “Schwerelosigkeit” erleben und knallte dann wieder auf das Bett. An ruhigen Schlaf war nicht zu denken.

Nach einigen Stunden stand ich wieder auf, um Jens abzulösen. Wir sind kaum voran gekommen, haben teilweise nur 2 Seemeilen pro Stunde auf unser ZIel hin gut gemacht. Jens legte sich hin. Vorher überlegten wir, was wir machen, wenn wir die Tide verpassen. Da es keine ordentlichen Ausweichhäfen in dieser Ecke gibt, war klar, dass wir dann unter Motor auch noch gegen die Strömung fahren müssen. Noch mehr Geschüttel.

Nördlichster Punkt unseres Törns
Nebenbei bemerkt: Irgendwann in der Nacht erreichten wir den nördlichsten Punkt unserer gesamten Reise. Von hier aus wird es erst einmal nach Süden gehen, bis wir an Weihnachten in der Karibik sind.

Dann flaute der Wind aber innerhalb kurzer Zeit ab und ich konnte Gas geben. Normalerweise fahren wir unter Motor mit 1400 Umdrehungen pro Minute 5 Knoten, diesmal habe ich 2400 Umdrehungen eingestellt. Damit waren wir 7,5 Knoten schnell. Das hat zwar eine Menge Diesel gekostet wir kamen aber einigeraßen pünktlich an die enge Stelle. Vorher sahen wir noch einige Tanker auf Reede liegen die wohl darauf warteten endlich mit Öl beladen zu werden

Tanker auf Reede

An einer der Engstellen befindet sich ein Leuchtturm, gegenüber eine alte Festung. Die Festung konnte ich aufgrund des Sonnenstands nicht so ablichten, wie ich das gerne gewollt hätte, also hielt ich auf den Leuchtturm.

Chanonry Point

An dieser Stelle haben wir im vergangenen Jahr noch viele Delphine gesehen. Dieses Jahr war kein einziger Delphin zu sehen. Vom Leuchtturm aus ist es nicht mehr weit. Es war Zeit, mit dem Schleusenwärter zu funken und einen Platz in der Schleuse klar zu machen.

Wir bekamen eine Wartezeit von 50 Minuten mitgeteilt. Das Problem ist die Drehbrücke der Eisenbahn. Die kann nur aufgemacht werden, wenn kein Zug die Brücke anfährt.

Eisenbahn-Drehbrücke in Clachnaharry

In dem kleinen weißen Häuschen auf der rechten Bildseite sitzt ein Bahn-Mitarbeiter. Der kümmert sich um die Drehbrücke. Zwei Züge mussten wir abwarten, dann öffnete sich die Brücke. Wir konnten in die Seaport-Marina weiterfahren.

Sissi bekam eine neue Tankfüllung und ich habe mich erst einmal auf die Couch geworfen. Zwei Stunden unruhiger Schlaf innerhalb von 24 Stunden reichen nicht aus. Jens war genauso müde, hat das Geschüttel und Gerolle aber gut überstanden. Diesmal war er nicht seekrank und das ist gut so . Im Prinzip hat alles funktioniert, wie es geplant war. Es hat nur etwas länger gedauert.

Jetzt ist es 2 Uhr in der Früh am Folgetag und ich kann nicht schlafen. Nach sieben Tassen Kaffee, einigen Cola und einem zweistündigen Powernap am Mittag hat es mich gerade total überdreht. Egal – morgen ist Kanalfahrt angesagt, da wird es auf keinen Fall Sissi und die kleine Crew durchwürfeln. Es wird auch niemand Würfelhusten bekommen.

Geschüttelt, nicht gerührt

Dieser Bericht entsteht gerade live auf der Überfahrt von Peterhead nach Inverness. Es ist Dienstag, der 25. Juni und kurz vor 13 Uhr Ortszeit.

Wir sind seemännisch die letzten Vollspackos. Also in echt. Nach dem gestrigen Studium der Wetterkarten und Tideströmungen wollten wir unter Motor von Peterhead bis Fraserburgh fahren, um dann dort bei passender Windrichtung und -Stärke den Parasailer herauszuziehen. Aus diesem Grund haben wir es auch nicht für nötig befunden, die Genua betriebsfähig zu machen oder das Groß klar zum Setzen zu halten.

Jetzt haben wir den Salat. Selbstverständlich wäre der Wind in Richtung und Menge mit dem Parasailor machbar, dann wäre auch Ruhe im Schiff. Auch mit der Genua könnten wir den Wind nutzen und Ruhe in den Kahn bringen. Der Wind aus nördlichen Richtungen sorgt aber dafür, dass hier eine perverse Welle steht – die Mitfahrer vom letztjährigen Schottlandtörn werden das noch kennen. Wir können nicht vor zum Bug kriechen und die Genua gangbar machen, die Gefahr ist zu groß, dass einer über Bord geht. Also arbeitet Onkel Benz weiterhin unter großer Lärmentwicklung.

Befreit vom Frühstück

Wenn man (wie ich) gerade unter Deck sitzt, ist das so ein wenig wie das Gefühl, ein Würfel in einem Knobelbecher zu sein. Wir werden geschüttelt. Jens hat die letzten Stunden mit einem flauen Gefühl im Cockpit verbracht, dann war es nach einer Kursänderung plötzlich so weit. Sein Frühstück und er gehen fortan getrennte Wege. Hoffentlich bringt ihn der Schlaf in seiner Koje wieder hoch.

Und die Moral von der Geschichte? Ganz einfach: In Zukunft haben wir immer mindestens ein Segel klar, so dass wir Ruhe in den Kahn bringen können. Die Unterwegs-Häfen Fraserburgh, Whitehills u. A. können wir bei dieser Windrichtung und Welle wahrscheinlich nicht sicher anlaufen, der Reeds rät davon ab. Also Augen auf und durch! In spätestens 10 Stunden ist der Spuk vorbei.

Ende des Live-Berichts von unserer Überfahrt.

Nachtrag: Wir konnten Whitehills doch anlaufen. Ein Telefonat mit dem Hafenmeister hat Klarheit gebracht. Für alle, die an Jens’ Problemen teilhaben möchten, habe ich hier ein kleines Filmchen von der Situation. Hätten wir wenigstens einen Fetzen Segel setzen können, wäre alles halb so wild geworden.

Geschüttelt

Schräglagen

Sowohl beim Motorradfahren als auch beim Segeln gehört eine gesunde Schräglage dazu. Ohne Schräglage fühlt man sich unwohl und der Sport kann auch nicht funktionieren. Wir möchten euch Teil haben lassen an unseren Schräglagen. Wenn man an Bord ist, kommt einem das alles ganz natürlich vor…

Bei unserer Halbwind-Fahrt mit dem Parasailer ist folgendes Video entstanden:

Das Leben ist schief

Bitte dreht die Lautstärke nicht so laut, es könnten Gefühle verletzt werden. Ich konnte mir das aber nicht verkneifen.

Ausrüstung

In loser Folge werde ich über den einen oder anderen Ausrüstungsgegenstand schreiben. Heute waren es das AIS und der Parasailer. Diese Gegenstände bekommen eigene Unterseiten, damit ich über die Langzeit- bzw. Langfahrttauglichkeit auch noch in Zukunft etwas dazu schreiben kann.

Segeln ist langweilig

Mal wieder bin ich derjenige, der die erste Wache in der Nacht hat. Jens schläft unten und ich versuche, so lange wie möglich durchzuhalten, bevor ich ihn wecke. Wecken werde ich ihn frühestens um 2:30 Uhr, so habe ich es ihm versprochen.

Der AIS-Bildschirm ist leer, den letzten Fischer habe ich vor einer Stunde gesehen. Ich fühle mich echt versucht, in einer solchen Stunde vor dem Fernseher sitzen zu bleiben und mir einen Film nach dem anderen reinzuziehen. Das wäre aber nicht gut. Ich gucke also immer mal wieder raus in die Umgebung.

Dabei fällt mir beim spielen mit dem Handy auf, dass dieses einen Nacht-Foto-Modus hat. Den probiere ich einmal aus:

Nacht auf der Nordsee

Das Foto ist kurz nach Mondaufgang um 1:30 Uhr in der Nacht entstanden, auch hier im Norden eine dunkle Stunde. Ich bin verblüfft. Am Horizont sieht man die Lichter von einigen Bohrinseln. Die Belichtung hat mehrere Sekunden gedauert, anscheinend legt das Handy mehrere Bilder übereinander und macht daraus dann ein recht gutes Ergebnis. Das könnte meine “gute” Digitalkamera nicht leisten. Wow.

Stavoren

Liebe Leute. Diesen Beitrag verfasse ich an unserem Abfahrtstag (19.6.) und zwar mit ein wenig Wehmut. Einerseits haben wir gnadenlos verpennt. Wir wollten um 10 Uhr abfahren, inzwischen ist es kurz vor 12 Uhr. Auch noch eine schöne Uhrzeit, aber langsam wird es mit der Tide knapp. Wahrscheinlich kommen wir heute nur bis Den Oever, denn ab ca. 15 Uhr haben wir Gegenstrom in der Waddenzee.

Das Wetter motiviert wenig zur Abfahrt

Jens ist noch unter der Dusche, also versuche ich mich mal an ein paar Worten zu Stavoren. Zwei Jahre lang hatte Sissi hier ihren Hafen. Ich habe den damals ausgesucht, ohne vorher in Stavoren gewesen zu sein. Kriterien waren die Tankstelle im Ort, der Supermarkt, der Bahnhof und die Möglichkeit, ohne zu Schleusen auf das IJsselmeer rauszufahren. Das alles geschah in der Marina Stavoren Buitenhaven. Der Hafen hat alle Erwartungen erfüllt. Die Betreiberfirma könnte meines Erachtens nach ein wenig mehr auf die Kleinigkeiten achten – manchmal tropfen Wasserschläuche wochenlang oder Lampe am Steg sind ewig dunkel. Insgesamt war es aber gut.

Gemütlich ist aber anders. Jens und ich wohnen nun schon seit zwei Wochen auf der Sissi, die liegt an ihrem Platz und alle Nachbarboote sind leer. Die meisten Besitzer können eben nur am Wochenende mal rauskommen. Es ist wie in einer Ferienhaussiedlung in der absoluten Nebensaison. Gemütlicher ist der Hafen im Ort selbst, da hätte ich aber keinen Liegeplatz haben wollen (-> Schleuse).

Innerörtlicher Hafen in der Gracht

Auch hier liegen viele Ferienhausbewohner, zumeist auf großen Motorbooten. Diese bleiben oft wochenlang an Ort und Steller.

Stavoren hat neben dem Cafe Max noch zwei andere ordentliche Läden zu bieten – das Posthoorn und die Koebrug. Und die Fischbude am Bahnhof. Da gibt es den besten Kibbeling, den man in oder um Stavoren bekommen kann. Empfehlenswert.

Der Supermarkt ist zu Wasser und zu Land erreichbar.

Mitten in einem Neubaugebiet liegt der Supermarkt. Der hat auch im Winter geöffnet, was sehr nützlich war. Bei manchem Besuch im Winterlager war Stavoren so einsam, dass tagelang keines der Restaurants geöffnet war. Ohne die Segeltouristen wäre Stavoren komplett tot, so ist es nur saisonal tot.

Dafür konnte ich in der Zeit viele Kontakte zu den Einheimischen knüpfen. Gerade im Winter fällt das leicht, weil sich die wenigen Menschen in der einzigen offenen Kneipe treffen – zumeist das Cafe Max, manchmal auch das Posthoorn. Ihr wart immer alle sehr herzlich und freundlich.

Klappbrücke (aufgeklappt)

Und dann wären da noch die Klappbrücken über den Johann Friso Kanal. Oft, sehr oft habe ich auf einer der beiden Seiten gewartet und den Booten beim Ein- und Ausfahren in die Schleusenkammer zugesehen. Einmal habe ich einen Zug verpasst, weil die Brücke vor meiner Nase öffnete und dann erst einmal offen blieb – das Frachtschiff passte nur bei offener Brücke in die Schleusenkammer.

Sehr oft sind wir mit Sissi auch durch die Schleuse in den Ort gefahren, zumeist zur Tankstelle. Diese Klappbrücken sind jedenfalls ein zentraler Ort in Stavoren. Ich werde den Ort vermissen, bin aber froh, jetzt endlich hier weg zu kommen.

Jens ist von der Dusche zurück, der Regen wird weniger und die Uhrzeit schreitet immer mehr voran. Mit viel Wind können wir nicht rechnen, also planen wir erst einmal, aus dem IJsselmeer zu entkommen. Das ist doch schon viel für den ersten Tag.

Wir sind bereit.

Alle Arbeiten sind getan. Der Motor brummt wieder und verliert keinen Diesel mehr. Einige Kraftstoffleitungen waren marode, es war gar keine Undichtigkeit im Hochdruckbereich. Falls noch weitere Leitungen marode werden, hat uns der Mechaniker einen Meter Ersatz dagelassen.

Wind von heute, 15:00 Uhr MESZ

Leider herrscht auf der ganzen Nordsee Flaute. Wenn wir jetzt losfahren, brauchen wir 300 Liter Wind aus dem Tank und haben die Nordsee gerade einmal halb überquert. Die Situation ist nicht gut.

Morgen schaut es auch nicht besser aus.

24 Stunden später

Am Mittwoch gibt es wenig Wind in unserer Richtung, wir wollen fast nach Norden, um bei Peterhead in Schottland zu landen.

So wird es am Donnerstag sein

Auch am Donnerstag ist auf der Nordsee nicht mit Wind zu rechnen. Es läuft da ziemlich weit im Norden eine Störung durch, an der Rückseite herrscht aber Flaute.

Könnte segelbarer Wind werden am Freitag

Erst am Freitag zeigt sich vor den Niederlanden einigermaßen segelbarer Wind. Wir werden es beobachten, schauen, prüfen, überlegen und irgendwann starten. Der Kühlschrank ist immer noch voll. Einer Wettervorhersage traue ich höchstens drei Tage weit.

Also: Wir sind bereit.

Abfahrtstag

Der von uns ausgewählte Abfahrtstag (Sonntag, 16. Juni) war schon fast erreicht. Dennoch lagen wir weiterhin am Kran. Der Wind ermöglichte es am Mittwoch und Donnerstag nicht, den Mast zu legen und das Problem zu beseitigen. Erst am Freitag kam es nicht mehr zu Böen um Windstärke 8, so dass der Mast dann leicht gelegt werden konnte. Natürlich war das eigentliche Problem dann innerhalb von 10 Minuten beseitigt. Im Winter haben wir versucht, ein neues Antennenkabel in den Mast zu ziehen. Das ist aber gründlich schief gelaufen. In der Hektik des Maststellens nach dem Winterlager haben wir den Rest des Antennenkabels im Mast vergessen. Das hatte zur Folge, dass wir das Spifall nur mit allergrößtem Kraftaufwand bewegen konnten.

Blockade des Spifalls gelöst

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag bekamen wir außerdem Besuch von Burti, Jörg und Dirk – liebe Freunde, mit denen wir in der Vergangenheit viel Zeit auf Segelbooten verbracht haben. Sie kamen, um uns an der Hafenausfahrt zu verabschieden.

Stellen des Masts

Der Mast stand wieder auf dem Deck, so konnten wir frohen Mutes in unsere Box zurück fahren und den Rest des Nachmittags ein wenig über alle Themen dieser Welt schwätzen. Für den nächsten Tag stand dann nur noch der Einkauf auf der Todo-Liste. In Stavoren ist der Supermarkt auf drei Seiten von Wasser umgeben, so kann man einfach das Segelboot vor dem Supermarkt parken.

Vor dem Coop

Auf dem Weg zum Coop liegt die Tankstelle, dort haben wir gleich den Diesel bis zur Oberkante des Tanks eingefüllt. Dann parkten wir vor dem Supermarkt und schalteten den AIS-Sender aus. Einfach mal so. Nach dem Tanken roch es im Schiff leicht nach Diesel. Sorgen machten wir uns keine.

Auf dem Weg zurück in die Marina wurde der Dieselgeruch immer penetranter. Das war dann auch der Moment, in dem wir begannen, uns Sorgen zu machen. Nachdem Landemanöver in der eigenen Box öffneten wir den Motorraum und sahen die Katastrophe. Aus einem der fünf Zylinder läuft Diesel.

Der Übeltäter

An der Stelle, wo die Einspritzdüse in den Motor geschraubt ist, läuft ziemlich viel Diesel aus, sogar wenn der Motor abgeschaltet ist. Wir mussten den Diesel-Haupthahn zudrehen, um den Fluss zu stoppen. Nach dem Abkühlen der Maschine wurde auch der Dieselgeruch weniger.

Ein Mechaniker ist natürlich am Samstagnachmittag nicht zu bekommen. Deswegen sitzen wir jetzt mindestens mal bis Montag fest. Um 7:30 Uhr öffnet die Werkstatt – ich werde pünktlich sein.

Das AIS haben wir inzwischen wieder eingeschaltet und den Frust haben wir auch verarbeitet. Am Samstag kam von unserer Crew dann noch Christoph dazu, Sissi war mit einem Mal richtig voll und das Cockpit fast zu eng. Für den Abend hatten wir einen Tisch im Cafe Max bestellt.

Cafe Max

Ich mag das Cafe Max. Der Gastraum ist urig. Das Essen dort ist lecker, die Menschen freundlich und das Bier schmeckt auch. Ich kann auch den Nichtrauchern einen Besuch der Rookkamer empfehlen, dort hängt an der Wand eine alte Karte von der Zuiderzee und zeigt, wie das IJsselmeer vor dem Deichbau aussah. So feierten wir, als wäre es wirklich der letzte Abend in Stavoren gewesen.

Am heutigen Sonntag begleiteten Jens und ich die ganze Gang auf den Parkplatz und winkten bei der Abfahrt. Das hätte eigentlich anders herum sein sollen. Da kommt schon etwas Wehmut auf.

Rückweg vom Cafe Max zur Sissi (Bild geklaut bei Burti)

Katastrophen und Erfolge

Genau so dramatisch, wie ich den Titel dieses Beitrags formuliert habe, erlebten wir den vorgestrigen Tag. Dabei fing der Tag mit feinstem Sonnenschein an. Von den restlichen Arbeiten hatten wir uns vorgenommen, die Halterung der Windsteueranlage zu montieren.

Jens packt das erste Päckchen aus

Die Halterung machte uns die meisten Sorgen, weil sie am Heck des Schiff verschraubt wird, wir dazu Löcher in den Rumpf bohren müssen und keine Fehler machen dürfen. Um uns die Arbeit zu erleichtern, wollten wir Sissi in der Box umdrehen. Normalerweise liegt sie (wie 99% der anderen Schiffe auch) mit dem Bug zum Steg in der Box. Die Arbeit am Heck ist vom Steg aus leichter.

Jetzt beginnt die Überleitung zur Katastrophe. Nach dem Start des Motors verließen wir die Box zügig, weil der Wind ordentlich aufgefrischt hatte. Ich versuchte, das Schiff zu wenden und rückwärts wieder in die Box rein fahren. Nach wenigen Augenblicken merkte ich, dass das bei dem Wind gar nicht so einfach ist. Außerdem benahm sich das Ruder merkwürdig. Wir trieben inzwischen auf die Hafenmauer zu. Nur mit Mühe und Not konnten wir einen Dalben fangen und das Schiff befestigen. Das Ruder war vorwärts komplett ohne Funktion, rückwärts klappte es immer voll nach einer Seite – dementsprechend fuhr sich Sissi.

Der Übeltäter – mit aufgesteckter Notpinne

Erst schnauften wir nach der Landung durch, dann ging es auf die Suche nach dem Übeltäter. Der war schnell gefunden. Das Stahlseil, das die Ruderkette mit dem Ruderquadranten verbindet, ist von der Führungsrolle gesprungen. Dieses Jahr sind wir noch nicht so viel gefahren, im Winter war das Ruder zur Wartung. Es erscheint so, als wäre das Stahlseil nicht stark genug gespannt gewesen. Die Reparatur ging dann schnell von der Hand.

Es ist vollbracht!

Wir konnten nach der Reparatur des Ruders noch die Halterung für die Windfahne montieren, am nächsten Tag erledigten wir den Rest.

Außerdem gab es noch mehr Arbeiten zu tun. Wir sind dabei, das Cockpit zu streichen. Weiß, damit die Sonnenhitze es nicht mehr so heiß werden lassen kann.

Der alte Lack muss ab.

Die Schleiferei macht einen mordsmäßigen Dreck, aber das haben wir gut im Griff. Sehr zügig lief Jens auch die Wartung der Toilette von der Hand.

Wartung der Toilette

Jetzt ist die Liste der Restarbeiten sehr überschaubar geworden. Also habe ich ein wenig mehr Zeit für das Blog und kann über die Fortschritte berichten.

Den AIS-Stalkern, die uns beobachten, ist offenbar nicht entgangen, dass wir Sissi in einer anderen Ecke des Hafens liegen haben. Das ist gewollt und kein Grund zur Sorge. Morgen haben wir einen Termin am Mastenkran, wir konnten den Platz aber schon früher belegen. Das Internet ist hier viel besser. Von unserem Termin werde ich in Kürze erzählen. Das ist eine ganz andere Geschichte…