Auf zu neuen Ufern! Auf zur Isle of Man!

Ich bin mit dem Blog fast zwei Länder im Rückstand, deswegen kommt jetzt ein längerer Beitrag. Diesen Beitrag schreibe ich in Douglas, der Hauptstadt der Isle of Man, am Vorabend unserer Abreise von dort. Im Backofen backt noch ein neues Brot. So lange das nicht fertig ist, kann ich an diesem Beitrag schreiben.

Nach einem nur 24-stündigen Aufenthalt flüchteten wir quasi aus Belfast. Obwohl wir aus Frankfurt am Main kommen, hat uns die lediglich halb so große Stadt komplett umgehauen. So viele Menschen, so viele Autos, so viel Lärm und so viel Dreck in der Luft. Wenn man wochenlang nur reinste Seeluft und den Duft der Highlands atmen darf, ist das Gewusel und der Trubel einer Großstadt die wahre Hölle.

Also füllten wir ganz schnell die Bestände an frischen Waren im Kühlschrank auf, duschten noch einmal in der sehr, sehr guten Marinadusche und legten uns ein paar Stunden aufs Ohr. Gegen Mitternacht war es dann soweit, wir starteten den Motor und verließen die Marina. Bei der Ausfahrt aus der Marina kam uns im Hafen die Ben-My-Cree entgegen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass es eine Fähre von der Isle of Man war, es war lediglich ein Riesenpott, der auf uns zu kam und dann noch im Hafenbecken drehte.

Nach dem Verlassen des betonnten Kanals stellte sich alsbald ein ordentlicher Segelwind ein, so dass wir den Motor abschalten konnten. Das war für mich die Zeit, ein ausgiebiges Nickerchen zu nehmen, Jens hatte die erste Wache. Die Wellen waren sehr unangenehm und haben uns immer schräg von hinten geschoben, das bei vielleicht zwei Metern Wellenhöhe. So richtig kann ich das nicht abschätzen, es können auch drei oder vier Meter gewesen sein, ich will aber nicht prahlen.

Der Tidestrom half uns ein wenig bei der Geschwindigkeit, doch als ich Jens dann irgendwann am Morgen ablöste, waren wir nicht besonders weit voran gekommen. Das war nicht so gut, denn wir wollten die Nordspitze der Isle of Man noch erreichen, bevor der Strom kippt. Dort ist dann nämlich eine unangenehme und starke Gegenströmung.

Point of Ayre Lighthouse
Point of Ayre Lighthouse

Dann verließ uns auch noch der Wind. Trotz schneller, durch den Strom unterstützter Motorfahrt erreichten wir die Nordspitze etwa eine Stunde zu spät. Onkel Benz wühlte mit seinen 94 Pferdestärken das Wasser auf, dennoch fuhren wir kaum noch mehr als zwei bis drei Knoten über Grund. Die Gegenströmung hatte etwa drei bis vier Knoten und unangenehme Wellen und kreisförmige Ströme verlangten sogar von mir, den Autopiloten auszuschalten und das Schiff von Hand zu steuern. Jens hatte seinen Spaß dabei, in dieser Situation den Leuchtturm an der Nordspitze zu fotografieren.

Nach einer knappen Stunde war der Spuk zum Glück vorbei, Sissi fuhr wieder mit dem Autopiloten und auch der Gegenstrom war auf ein vernünftiges Maß geschrumpft. Nur noch ein bis eineinhalb Knoten strömten uns entgegen. Doch welcher Strom soll zwei Frankfurter auf dem Weg in den nächsten Pub aufhalten?

Noch ein Leuchtturm auf der Isle auf Man

Den nächsten Leuchtturm konnte ich damit selbst fotografieren. Nebenbei versuchten wir noch, ein mehr Informationen über den kommenden Hafen aus dem Internet zu saugen, als der Reeds Nautical Almanach zur Verfügung stellt.

Das Internet verweigerte aber die Mitarbeit. Das Datenvolumen, das wir in Peterhead gekauft haben, ist nur innerhalb des United Kingdom funktionsfähig. Die Isle of Man gehört aber nicht dazu, sie ist Besitz der Krone – wie zum Beispiel auch die Kanalinseln. Dafür meldeten die Handys, dass wir normale EU-Konditionen haben, also kostenloses Roaming. Wir reaktivierten eine alte Datenkarte aus Deutschland und siehe da, das Internet wollte wieder mit uns sprechen.

Einfahrt zur Marina von Douglas

Zum Beispiel kamen wir auf diese Weise an die Information, dass wir nicht in die Marina einlaufen können. Jedenfalls nicht vor 21 Uhr. Wir mussten an den Wartepontoon fahren, an dem nach Angaben des Reeds bis zu 18 Boote Platz finden. Mit viel gutem Willen passen da drei Segelboote hintereinander dran. Da ein größeres englisches Boot schon am Pontoon lag und einige Fischer ihre kleinen Motorboote am anderen Ende festgemacht hatten, musste Jens Sissi in eine ca. 14 Meter lange Parklücke steuern. Zur Erinnerung: Sissi ist vom Anker bis zur Windfahnensteuerung etwa 13 Meter lang. Es klappte hervorragend, der Hafenmeister lobte Jens für das Anlegemanöver. Dann mussten Formulare ausgefüllt werden und wir durften noch gut sechs Stunden darauf warten, dass in der Einfahrt zur Marina genug Wasser ist.

Päckchenbildung am Wartepontoon

In der Zwischenzeit sammelten sich mehr und mehr Segelboote am Wartepontoon. Wenn es nicht hintereinander geht, legt man die Boote halt nebeneinander. Bei uns machte die Steel Pulse fest, ein schönes Segelboot aus Bangor, Nordirland. Es entspann sich ein lockeres Gespräch – wir waren uns sicher, mit den beiden nicht zum letzten Mal gesprochen zu haben.

Endlich ging dann um 21:15 Uhr die Brücke auf, wir konnten in den Hafen fahren. Dort machten wir am Pontoon fest und fielen nach der langen Nacht ziemlich schnell in unsere Betten.

Douglas Marina bei Nacht

Am nächsten Tag ging es dann los, die Insel zu erkunden. Dafür kauften wir uns eine Dreitageskarte für den ÖPNV. Für lediglich 34 Pfund kann man drei Tage lang alle, wirklich alle Öffis auf der Insel benutzen. Die Dampfeisenbahn, die elektrische Eisenbahn, die Bergbahn, die Pferdebahn und natürlich alle Busse. Das ist praktisch und rechnet sich schnell. Und die Öffis sind nicht nur ein Feigenblatt, mit den Bussen kommt man alle Viertelstunde praktisch überall auf der Insel hin. Leider war die Pferdebahn wegen Bauarbeiten außer Betrieb, ich bin noch nie mit einer 1-PS-Straßenbahn unterwegs gewesen.

In der Manx Electric Railway

Die im 19. Jahrhundert eröffnete elektrische Eisenbahn fährt noch mit alten Fahrzeugen aus der Gründerzeit und ist damit sehr gut anzusehen. Die alten Wagen mit ihren Holzaufbauten verwinden sich deutlich, wenn die Züge über die ausgeleierten Gleise schaukeln. Es knarzt und knackt im Gebälk, dafür trötet der Fahrer mit seiner Presslufthupe an jeder Kreuzung noch sein Liedchen dazu.

Wagen 32 in Fairy Cottage

Es gibt geschlossene und offene Triebwagen, die mitgeführten Anhänger waren allesamt offene Sommerwagen.

Laxey Station

Laxey ist so etwas wie eine “zentrale” Umsteigestation. Hier kann man von der normalen Eisenbahn (rechts im Bild) auf die Bergbahn, die Snaefell Mountain Tramway, umsteigen (links im Bild) und auf den höchsten Berg der Insel fahren. Das haben wir natürlich gemacht.

Auf 2000 Fuß Höhe – die Bergstation

Kaum zu glauben, das sich bislang von der Isle of Man nur das Motorradrennen kannte. Ich habe ein paar Videos der Bahnen gemacht und noch einige Fotos auf Lager. Die Videos wollen noch geschnitten werden, dafür brauche ich einen oder zwei Seetage. und hinterher anständiges Internet für den Upload.

Jetzt kommt es erst einmal zu einem Download, das Brot muss aus dem Ofen. Danach gehen wir ins Bett, denn morgen müssen wir zeitig aufstehen. Wir brauche noch Vorräte aus dem Supermarkt, dann dürfen wir die Brückenöffnung nicht verpassen. Den Hafen können wir nämlich nur innerhalb des Zeitfensters von zwei Stunden vor Hochwasser bis zwei Stunden nach Hochwasser verlassen. Sonst sitzen wir bis zur nächsten Tide fest.

Leinen los!

Und Sissi bewegt sich doch noch. Wir haben es geschafft, uns von der Insel Islay zu lösen. Das war jedoch nicht leicht, wir hätten gut und gerne noch länger bleiben können. Islay gehört zu den schönsten Orten, wie wir bislang gesehen haben.

Zuerst haben wir den Liegeplatz für drei Nächte bezahlt, weil wir am vierten Tag mit Wind gerechnet haben. Dann bezahlten wir noch zwei Nächte, denn die Windvorhersage war mau. Dann kam noch eine Nacht dazu, der Hafenmeister, Ian Montgomery, begann zu lachen.

Er erzählte mir, dass er Freitags immer Besuch von einer Frau bekäme, die ihm frisch geräucherten Lachs bringt. Ob wir gegen Mittag noch da wären, wollte er wissen. Aufgrund der Tide wollten wir gegen Mittag abfahren, das passte also irgendwie. Ich meinte, er solle die Fischverkäuferin zu uns schicken, frischen Fisch lehnen wir nie ab.

Abschiedsgruß von Islay
Um die Mittagszeit, wir hatten schon die meisten Leinen verstaut und Sissi seeklar gemacht, kam Ian mit dem Auto an den Steg gefahren und trug ein kleines Päckchen in seinen Händen. Er drückte es mir in die Hand, lehnte eine Bezahlung ab und meinte, das sei ein Geschenk von ihm an uns. Lag es daran, dass wir ihn mit frischem, selbst gebackenem Schokoladenkuchen bestochen haben? Lag es daran, dass wir immer nett und freundlich zu ihm waren? Oder lag es daran, dass er sich darüber gefreut hat, dass wir endlich, endlich die Marina verlassen? Ich schiebe es mal auf den Schokoladenkuchen… So hatten wir plötzlich zwei große Portionen Räucherlachs, den wir sofort auf unser eigenes Brot warfen. Lecker! Geruchlich hat der Lachs auch sofort die Herrschaft über den Kühlschrank übernommen – das riecht deutlich besser, als wenn der französische Rohmilchcamembert regiert.

Wir verlassen Port Ellen

Bei allerschönstem Wetter, es regnete nämlich nicht, steuerten wir Sissi gen Süden. Der Wind hat sich an die Vorhersage gehalten und blies mit drei bis vier Windstärken aus Nordwest, die Genua war prall gefüllt und das schottische Lokalradio spielte Countrymusik. Die Schotten stehen auf Countrymusik.

Bald wurden wir vom Tidestrom erfasst, die GPS-Logge zeigte irgendwann Geschwindigkeiten von knapp 8 Knoten, drei davon gingen auf die Tide. Eine herrliche, angenehme Ruhe stellte sich ein. Wir waren beide froh, endlich wieder unterwegs zu sein. Islay ist eine wirklich klebrige Insel.

Nach etwa 60 gesegelten Seemeilen verließ uns der Wind bei der Einfahrt in die Bucht von Belfast. So kurbelten wir den Motor an und hielten Kurs auf den wichtigsten, größten und belebtesten Hafen Nordirlands. Wir schnupperten die uns umgebende Luft und statt nach Seetang, Algen, Meerwasser oder der Mälzerei von Port Ellen roch es nach Staub, Industrie und Straßenverkehr. Wir konnten in der Dunkelheit die Autobahn sehen, der Verkehr trat trotz unseres laufenden Motors akustisch in den Vordergrund.

Die spinnen, die Iren
Belfast hat einen riesigen Hafen mit einer Unzahl von Schiffsbewegungen jeden Tag. Ganz am Ende des Hafenbeckens, befindet sich die Marina. Mit dem Segelboot da hinein zu fahren ist etwa, als wäre man mit dem Fahrrad zu einer Autobahnraststätte unterwegs. Alle anderen Schiffe sind größer, schneller und viel, viel schwerer. Der Hafenlotse kam uns mit 25 kn entgegen und lotste einen Frachter ins Hafenbecken. Selbstverständlich überholte uns der Frachter an der engsten Stelle. Über Funk wurde ein Riesenbohei darum gemacht, letztendlich hätte aber die Titanic noch zwischen den Frachter und Sissi gepasst.

Am Ende waren wir morgens um zwei Uhr wohlbehalten in der Marina, mitten in einem Neubaugebiet – dem Titanic Quarter. Dort wurde vor über 100 Jahren die Titanic auf Kiel gelegt. Heute strömen die Touristen durch die ehemaligen Docks.

Sissi im Titanic Quarter – Belfast Marina

Müde und abgekämpft gönnten wir uns noch ein Anlegerbier und freuten uns darüber, das nächste Land besuchen zu können.

Islay klebt. Aber richtig.

Irgendwie kommen wir hier nicht weg. Die Insel Islay hat einen enormen Klebeeffekt. Es fühlt sich an, als müsste man jeden Tag noch einen Tag länger bleiben. Heute haben wir uns aufgrund des weiterhin fehlenden Windes für einen Spaziergang zum Leuchtturm entschieden. Das Wetter war fantastisch, der komische gelbe Stern am Himmel war zu sehen.

Leithammel mit Untergebenen

Morgen fahren wir bestimmt ab. Der Wind kommt in der richtigen Stärke aus der richtigen Richtung. Da können wir ganz bestimmt nicht bleiben.

Die Wiederkäuer mit ihrem Leithammel kauten recht entspannt vor unseren Kameras herum, auch sonst konnten wir viel Natur sehen. Die ganze Insel ist voll Natur und ich würde am liebsten in jede Ecke laufen.

Hier klebt man jedenfalls nicht nur im Pub fest, sondern an der ganzen Insel. Wow! Ist mir bei den vorherigen Besuchen mit Charterbooten nie so aufgefallen. Damals hatten wir nie genug Zeit.

Lobster

Unser Abendessen ist gestern von uns selbst getötet worden. Es gab frischen Lobster, denn ich direkt beim Fischer geholt habe. Für zwei Tiere mussten wir gerade einmal 15 Pfund aus der Bordkasse opfern. Im Fischrestaurant verkaufen sie den halben Lobster für knapp 30 Pfund. Dabei habe ich (glücklicherweise) nur die kleinen Tiere geholt. Zum Glück, denn unser größter Topf hätte kein größeres Tier fassen können.

Fischerboot in Port Ellen

Die Zubereitung ist einfach, der Hummer muss nur ein paar Minuten ins kochende Wasser geworfen werden. Wir konnten es einigermaßen problemlos übers Herz bringen. Außerdem haben wir Angelausrüstung dabei und wollen Fische fangen, die wir anschließend auch töten müssen. Und letztendlich hat jedes Steak auch mal auf der Weide gelebt.

Lobster – vor der Zubereitung

Während wir auf die richtige Essenzeit gewartet haben, warteten die beiden Lobster auch. Wenigstens haben wir sie nicht zu lange warten lassen. Sie waren schon auf dem Fischerboot gemeinsam mit Dutzenden Art- und Leidensgenossen aus ihrem Element gerissen. Auf jeden Fall ist frischer Lobster ein Bio-Essen, denn er wächst garantiert in freier Wildbahn artgerecht auf.

Lobster – während der Zubereitung

Ganz wichtig ist, dass man den Lobster mit dem Kopf zuerst in das sprudelnd kochende Wasser bringt. Dann stirbt er sofort. Anschließend wird er etwa 15 Minuten gekocht, dabei färbt sich der Panzer rot. Wenn man die Viecher zu lange kocht, wird das Fleisch zäh. Natürlich variiert die Kochzeit mit der Größe des Hummers. Die Größe, die in unseren Topf passt, braucht (nach unseren gestrigen Erfahrungen) ihre Viertelstunde. Dann sind sie perfekt.

Halbierter, fertig zubereiteter Lobster

Als Sauce haben wir ein Viertelpfund Salzbutter geschmolzen und mit viel Knoblauch versehen. Dazu kam noch ein ordentlicher Schuss Weißwein. Der fertige, zerteilte Lobster wurde noch einmal in die Pfanne geworfen und mit eben dieser Sauce übergossen. Danach kam er auf den Teller.

Lobster auf dem Teller – verzehrfertig mitsamt Bordwerkzeug zum Öffnen

Den Panzer haben wir mit der Schere ganz gut aufbekommen, das war kein größeres Problem. Allerdings konnten wir damit nicht die Scheren öffnen, in denen das leckerste Fleisch steckt. Hier musste der Seitenschneider ran, eine Hummerzange fehlt noch in unserer Küche. Insgesamt macht der Verzehr eine Riesensauerei, ich habe hinterher noch Teile des Panzers in unserer Navigationsecke gefunden.

Was übrig bleibt…

Übrig bleibt natürlich ganz viel Panzer. Und jede Menge Geschirr zum spülen. Und das Gefühl, eine ganz besondere Mahlzeit genossen zu haben. Ich würde am liebsten noch einen Tag auf Islay bleiben, um weitere Lobster frisch vom Fischerboot zu holen. Unser spezieller Fischer ist allerdings heute nicht rausgefahren.

Nachtisch

Der (streng rationierte) Apfelwein war nach dem Abspülen das richtige Getränk, um den Abend zu beschließen.

Von der Konsistenz des Fleisches her waren unsere Lobster viel besser, als die aus dem spezialisierten Fischrestaurant in Oban. Die in Oban waren definitiv zu lange im Wasser, das Fleisch war zäh gegenüber unseren beiden Tieren. Es ist wirklich besser, sie selbst zu machen und man spart eine Menge Geld dabei.

Juniedabaaag?

Oder auf gut Englisch: “Do you need a bag?” Die Frage bekommen wir im Supermarkt an der Kasse immer wieder gestellt. Brauchen wir natürlich nicht, denn wir sind gut ausgestattet und kommen ohne die blöden Plastiktüten aus.

Baaag

Der Schotte spricht die Worte etwas härter aus, auf Islay klingen sie dann noch etwas härter, als auf dem Mainland. Bei meinem ersten Besuch auf Islay stand ich an der Kasse und wusste mit den Worten “Wannabaaag?” gar nichts anzufangen. Die Kassiererin hat mir dann die Plastiktüte gezeigt und mich mit Zeichensprache gefragt. Natürlich habe ich die Vokabel inzwischen gelernt.

Selbstverständlich laufe ich gerne mit diesen schönen Taschen durch Port Ellen und grüße hiermit alle Ex-Kollegen!

Jetzt sitzen wir fest. Auf Islay.

Irgendwo muss in einer Bibliothek das Buch “Zen oder die Kunst ohne Wind zu segeln” stehen. Leider nicht in meiner. Ein anderes deutsches Boot ist heute in Port Ellen reingekommen, wo wir seit gestern liegen. Die konnten segeln, so haben sie jedenfalls erzählt.

Das Wetter hier auf Islay ist toll. Die Sonne lacht vom Himmel, es weht kaum ein Lüftchen und nach Regen sieht es auch nicht aus. Genial daran ist, dass die Wetterlage sich wohl die ganze kommende Woche nicht ändern wird. Deswegen sitzen wir fest, denn wir wollen keinen Diesel verfeuern, nur weil der Wind ein wenig schwächelt.

Port Ellen Marina

Zugegebenermaßen gibt es schlimmere Schicksale, als auf Islay fest zu sitzen. Wir haben heute einen Spaziergang in die Laphroaig-Distillery gemacht und uns durch die Räumlichkeiten führen lassen. Wegen mir hätten wir die Führung auslassen und gleich den Whisky probieren können. Ich habe die Tour schon zweimal gemacht. Für Jens war es das erste Mal. Da man bei Laphroaig alles fotografieren darf (bis auf den Tourguide), hatte ich aber das Vergnügen, die eine oder andere schöne Impression mitnehmen zu können.

In den nächsten Tagen soll es vielleicht regnen, vielleicht auch nicht. Das ist eine klassische schottische Wettervorhersage. Und wenn es regnet, dann ist der Zustand nicht von Dauer.

Sehen wir die Sache positiv: Wir haben noch sieben Destillerien nicht besucht. Wenn wir jeden Tag ein bis zwei besuchen, haben wir den Rest der Woche zu tun. Der Busfahrplan ist einigermaßen übersichtlich. Außerdem gibt es eine Brauerei hier, die ich noch nicht kenne. Ich gebe das Geld lieber für Marinagebühren als für Diesel aus. Die Duschen hier sind hervorragend.

Wer uns also auf dem AIS nicht oder noch in Port Ellen findet, der hat keinen Fehler gemacht. Wir warten hier, bis der Wind passt. In einem Internetforum konnte ich mal folgende weise Worte lesen:

Der Segler mit Zeit hat immer den richtigen Wind.

Bad news, good news

Seit vorgestern liegt Sissi in Oban in der Transit-Marina (North Pier Pontoons). Die Übernachtung kostet dort für uns knapp 40 Pfund, dafür ist die Lage aber hervorragend.

Sissi in der Oban Transit Marina

Wir konnten unsere Vorräte ergänzen, das Schiff reinigen und uns auch. So weit, so gut. Für den heutigen Tag war vorgesehen, dass wir einen Schlag von ca. 50 Meilen nach Port Ellen (Islay) machen. Die vorgesehene Abfahrtszeit war aufgrund der Tide um die Mittagszeit, wir schliefen also aus und ich machte uns den Morgenkaffee.

Irgendwie schmeckte der Kaffee komisch. In meiner Müdigkeit konnte ich das nicht so recht einsortieren. Jens kostete und spuckte den Kaffee aus. Salzwasser-Kaffee. Das ist bad news.

PANIK!!!

Wie kommt Salzwasser in unseren Frischwassertank? Gestern Abend hat die Wasserpumpe genervt, sie ist jede Minute für einen kurzen Augenblick angesprungen. Also habe ich sie abgeschaltet und damit auch den Druck aus unserem Wassersystem genommen. Wir vermuten, dass über eine Verbindungsleitung, die für das Spülen des Watermakers nach Gebrauch zuständig ist, Salzwasser in den Tank gelaufen ist, weil die Druckpumpe den Druck im System nicht gehalten hat. Bäh. Wer den Salzkaffee kosten möchte, nehme fünf Esslöffel Salz für eine normale Kanne Kaffee. Bäh.

Also haben wir den Tank entleert, ich fand ein paar undichte Schlauchverbindungen am Watermaker-System und habe diese nachgezogen. Anschließend haben wir den Tank mehrfach mit Frischwasser gespült und neu gefüllt.

Losfahren mochten wir nicht. Der Hafenmeister hat uns einen Mechaniker empfohlen, der jedoch erst gegen 17 Uhr Zeit für uns hatte.

Atlantic Marine Oban – Ian MacAra

Ian MacAra kam zu uns, schaute in das Schlauchgewirr und stellte einige kluge Fragen. Anschließend diskutierten wir das Für und Wider einer Öffnung des Systems. Wir haben uns dagegen entschieden, im Augenblick ist wieder alles dicht und das Wasser nicht salzig. Obwohl er eine halbe Stunde bei uns an Bord war, hat er keine Rechnung gestellt (“ich habe doch nichts gemacht”) und ich musste ihm eine Büchse Apfelwein fast aufdrängen.

Wir fahren morgen nach Islay und werden guten Segelwind haben. Das ist good news.

Raum und Zeit

Welchen Wochentag haben wir heute? Wie lange sind wir schon unterwegs? Ist die Wurst schon lange abgelaufen, die unten links im Kühlschrank liegt?

Fragen, die ich mir zu Hause nie stellen musste. Knapp einen Monat leben Jens und ich jetzt schon auf Sissi, es kommt mir manchmal vor, als wären wir gestern erst losgefahren. In anderen Momenten scheint es, als seien wir schon eine halbe Ewigkeit gemeinsam auf dem Wasser unterwegs. Auf längeren Seepassagen, wie etwa bei der Überquerung der Nordsee, kommt noch erschwerend der veränderte Tag- und Nachtrhythmus hinzu, denn wir schlafen bei jeder Gelegenheit, die sich bietet.

Datum und Uhrzeit werden nur dann wichtig, wenn der Tidekalender konsultiert werden muss. Die Tide hält sich unerbittlich an ihren Fahrplan und ist zuverlässiger als die Schweizer Eisenbahn. Verpassen wir die Tide, können wir erst 12 Stunden später fahren oder verbrennen eine Unmenge Diesel, damit wir gegen die Strömung motoren können.

Insgesamt ist es spannend, wie sich unsere Einstellung gegenüber den äußeren Gegebenheiten ändert. Wenn zu Hause die Bahn nicht fuhr, weil der Blitz in ein Stellwerk eingeschlagen hat, überlegte ich mir immer, wie ich so schnell wie möglich aus dem Schlamassel heraus komme. Heute liege ich oberhalb von Neptunes Staircase und kann nicht herunter, weil unten eine Eisenbahnbrücke vom Blitz getroffen wurde und erst repariert werden muss. Ob wir morgen herunter kommen, ist nicht sicher. Mir ist es aber egal, denn ich muss mir keinen Stress machen und es macht mir niemand Stress.

Jens meinte heute zu mir, dass er in diesem Urlaub noch kein Fish & Chips gegessen hätte. Die Bezeichnung “Urlaub” finde ich für unsere Tour unangemessen, aber wie soll man das sonst nennen? Egal wie wir es nennen, wir werden einfach dieser Tage mal ein weniger fettiges Restaurant aufsuchen und Fish & Chips essen. Wo ist das Probem? Wir müssen nicht nach ein paar Wochen wieder zu Hause sein und danach zur Arbeit gehen, sondern sind ganz woanders und schauen uns dort Land und Leute an.

Auf die Leute muss man zugehen. Die Schotten sprechen einen Deutschen nicht einfach so an, das kann schon daran liegen, dass sie möglicherweise mit sprachlichen Schwierigkeiten rechnen (die gibt es) oder woran auch immer. Wenn wir aber auf sie zu gehen, kommt meist eine freundliche, gute Begegnung dabei heraus. Dafür sind wir doch unterwegs, wir wollen Land und Leute kennenlernen. Überall.

Wie sehr mir Zeit und Raum entfleucht sind, habe ich heute im Coop in Corpach bemerkt. Ich war auf der Suche nach einem Mittel, das das Jucken der Midgee-Bisse lindert. Sie hatten zwar ein Anti-Midgee-Mittel, sie hatten jedoch kein Mittel gegen den Juckreiz. Also fragte ich nach einer Apotheke. Der Verkäufer erklärte mir den Weg und meinte im Nachgang, dass die aber am Sonntag geschlossen hat. Wie bitte? Natürlich! Heute ist Sonntag!

Wie wird das wohl weiter gehen? Im Logbuch unserer Reise stehen zwar für jeden Tag Datum und Uhrzeit, aber das schreibt sich leicht hin und ist dann schnell vergessen. Allein die Gewohnheit gebietet, dass um Mitternacht ein neuer Tag anfängt. Mitternacht ist aber oft eine Zeit, zu der wir unterwegs sind. Wir schlafen dafür am nächsten Tag. Wenn wir nach Mitternacht im Hafen einlaufen, ausschlafen, anschließend die Hafengebühren bezahlen und dann die Gegend erkunden, bekommen wir noch eine zweite Nacht gratis, denn wir zahlen nur für Kalendertage. Das ist lustig, dann werden aus einem Tag plötzlich zwei Tage. Es fühlt sich auf jeden Fall so an. In der zweiten Nacht schläft es sich genau so gut wie in der ersten.

Ich bin gespannt, was dieser Törn aus mir noch macht. Jens geht es ähnlich.

Midges (Culicoides Impunctatus)

So schön Schottland ist, es gibt auch weniger schöne Seiten. Wenn die Sonne nicht scheint, es nicht regnet und der Wind nicht weht, kommen die Midges aus ihren Löchern oder wo sie sonst wohnen.

Wir saßen zwei oder drei Stunden im Biergarten eines Pubs in Fort Augustus am Caledonian Canal und haben uns mit drei Schotten unterhalten, die wir unterwegs kennen gelernt haben. Von jenem Abend gibt es keine Fotos, wir waren ziemlich damit beschäftigt, uns zu unterhalten, dabei Biere zu trinken und die schottische Sprache zu verstehen.

Es war warm und deswegen trug ich bedauerlicherweise kurze Hosen. Das war ein Kardinalfehler. Am nächsten Tag sahen meine Unterschenkel folgendermaßen aus:

Mein Bein ist Opfer von Midgees

Es empfiehlt sich, lange Kleidung zu tragen. Man sollte auch darauf achten, dass zwischen dem Ende der Hose und den Schuhen noch lange Socken sitzen, denn sonst beißen die Mistviecher einfach dort, wo sie an die Haut herankommen. Eine langärmelige Jacke komplettiert die Highland-Klamotten. Ggf. noch Halstuch und Kapuze nutzen.

Die Schotten nehmen als Gegenmittel am liebsten Skin so soft. Schotten haben mir das mit den Worten “the only thing that works” angepriesen. Ich habe es vor Jahren während eines Motorradurlaubs ausprobiert, es funktioniert hervorragend. Nachdem ich es gekauft und eingesetzt hatte, bekam ich keine neuen Bisse mehr. Das Zeug steht in normalen Läden auch nicht bei den Kosmetika, sondern bei den Mückenschutzmitteln.
Ein anderes Mittel, was sie anpreisen, ist Smidge. Das habe ich noch nicht ausprobiert. Das Zeug, was sie einem in Deutschland verkaufen, funktioniert nicht.

Schottland ist wunderschön, aber diese Mistviecher braucht kein Mensch. Letztes Jahr war ein heißer, trockener Sommer, da gab es kein Problem mit Midges. Aber dieses Jahr ist wieder normales schottisches Wetter (vier Jahreszeiten an einem Tag) und die Midges fliegen in Schwärmen.

Optimaler Schutz – so zeigt man den fucking Midges den Stinkefinger

Nachtrag:
In der Apotheke haben sie mir erklärt, dass Avon die Rezeptur von Skin so soft geändert hat. Deswegen soll es angeblich nicht mehr wirken. Die Schotten erzählen anderes. Ich habe jedenfalls Smidge gekauft und hoffe, dass das Zeug auch wirkt.

Brot

In Deutschland sind wir wirklich verwöhnt mit der Brotkultur. Ich meine damit nicht die Supermarktbäckereien, die die Teiglinge in den Ofen schieben und so tun, als könnte man dort frisches Brot erwerben, sondern die immer noch zahlreichen Handwerksbäcker, die viele leckere Sorten anbieten. Schon in Holland war es mit diesem Luxus vorbei, dort gibt es weiches, labberiges Brot, dass sich über Tage nicht verändert und eigentlich nur so aussieht, als wäre es Brot. Eben Teiglinge aus dem Supermarktofen.

Das ist auch in Schottland nicht anders und wir werden auch sonst nur wenig Gelegenheit haben, frisches Brot in der Qualität zu kaufen, die wir haben wollen. Also müssen wir selbst backen.

Frisches Brot, selbst gebacken.

Wenn uns das Brot ausgeht, nehme ich mein Standard-Rezept. Vor dem Start unserer Reise habe ich mit verschiedenen Brotrezepten experimentiert und mir eines aufgeschrieben, das immer gut funktioniert hat und bei dem ein leckeres Brot herausgekommen ist.

Zutaten:
500 g Mehl
350 ml Wasser
2 EL Öl
2 TL Salz
1 EL Zucker
1 Päckchen Trockenhefe

Beim Mehl kann man mit den Sorten variieren. Wir haben normales Weizenmehl (Typ 405) an Bord, außerdem noch Vollkornmehl. Die beiden Sorten mische ich gerne halb und halb, dann finde ich das Brot am leckersten. Je mehr Vollkornmehl man dazu gi bt, desto mehr Wasser möchte der Teig haben. Bei einem reinen Vollkornteig können es dann auch schon 450 ml Wasser sein.

Zubereitung:
Alle Zutaten werden miteinander gemischt und gut durchgeknetet. Der Teig muss noch ziemlich feucht und schlotzig sein. Er sollte an der Schüssel und an den Fingern kleben. Es darf auf keinen Fall ein “trockener” Teig werden, wie etwa bei einer Pizza.

Dann muss die Mischung mindestens zwei bis drei Stunden gehen. Ich stelle die Schüssel gerne in den Maschinenraum, wenn der Motor etwas gelaufen ist, damit wird die Hefe unterstützt.. Den letzten Teig habe ich ein paar Stunden im Maschinenraum vergessen, das Brot war hinterher besser, als alle Brote zuvor.

Anschließend wird der Backofen auf ca. 175°C vorgeheizt, was bei unserem Gasofen nicht so leicht zu treffen ist. Wenn der etwas heißer ist, ist es dem Brot auch egal. Das Brot kommt dann eine Stunde in den Ofen und ist fertig. Zu Hause im Elektroofen mit Unter- und Oberhitze haben 45 Minuten völlig gereicht.

Die erste Scheibe schneide ich gerne noch vom warmen Brot ab und probiere, wie es diesmal geworden ist. Wir haben das frische Brot auch schon mit Schotten geteilt, danach hatte ich eine Warteliste für neue Crewmitglieder, weil es ihnen so gut geschmeckt hat.

Probiert es einmal aus, Brot backen ist ganz leicht!

Nachtrag:
Unser Neffe Eike ist Bäckerlehrling. Er hat uns noch zwei Tipps gegeben, wie das Brot verbessert werden kann. Man sollte für eine schöne Kruste auf dem Brot noch eine Schale mit Wasser in den Ofen stellen.
Wenn man Körnerbrot backen möchte, sollte man die Körner über Nacht einweichen. Dann ziehen sie beim Backen nicht die Feuchtigkeit aus dem Teig. Statt dessen geben sie später die Feuchtigkeit wieder an den Teig ab und das Brot bleibt lange frisch.

So lange hat sich das Brot bisher bei uns noch nicht gehalten, dass es nicht mehr frisch geschmeckt hätte, denn es war vorher aufgegessen.