Koningsdag

Sissi ist reif für eine Probefahrt. Nach all unseren Reparaturen und nachdem Jens sie wunderschön in den Farben Schwarz und Rot bemalt hat, müssen wir sie auf Herz und Nieren testen. Soraida kommt mit auf die Probefahrt, schließlich soll sie Sissi auch einmal als Segelboot und nicht nur als schwimmende Wohnung kennenlernen.

Koningsdag. Sissi erstrahlt in Schwarz, Weiß und Rot.

Wir haben den perfekten Wind – meistens. Wir haben die perfekte Welle, nämlich praktisch keine im Lee von Aruba. So erreicht Sissi fantastische Geschwindigkeiten und wir können alle Systeme an Bord unter realen Bedingungen testen. Alles funktioniert wie es soll. Wir sind glücklich. Lediglich die beiden achteren Unterwanten muss ich noch ein wenig nachspannen. Der Rigger hat mir vor ein paar Wochen schon gesagt, dass ich ein Probesegeln machen soll und dabei die Wanten gegebenenfalls etwas straffen muss.

Es ist schön, wieder auf dem Wasser zu sein

Nach sechseinhalb Stunden Probesegeln kommen wir wieder in den Hafen. Es ist Zeit für frische Pastecci und Fischkroketten, die Soraida mitgebracht hat. Sie sind lebensrettend, wir haben alle Hunger.

Wir freuen uns alle über den schönen Tag und dass Sissi in so gutem Zustand ist. Das bringt uns dem Abfahrtstag näher. Ich bin gleichzeitig traurig und fröhlich.

Willkommen an Bord, Barbara

Heute ist Freitag, der Tag des deutschen Bieres. Deswegen will ich im Superfood ein paar Dosen deutsches Bier einkaufen, doch anscheinend zelebriert man in Aruba diesen Tag ebenfalls. Wo sonst immer deutsches Bier im Regal steht, ist heute alles leergefegt. Das ist schade.

One Happy Art Island

Seit Montag haben wir ein neues Crewmitglied an Bord, Barbara. Barbara und ich kennen uns schon seit Jahrzehnten. Als frisch gebackene SKS-Besitzerin lässt sie sich die Chance nicht entgehen, für uns die Nachtschicht zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass wir auf unserer Atlantiküberquerung genug Schlaf bekommen. Als sie am Montag an Bord angekommen ist, fiel sie nach zehn Minuten in tiefen Schlaf. Die Reise von Frankfurt über Amsterdam nach Aruba war anstrengend.

Blühender Divi Divi Baum

Gleich am Dienstag starten wir das Touristenprogramm. Wir fahren mit dem Mietwagen, den wir für eine Woche haben, erst einmal kreuz und quer über die Insel. Dabei passieren wir auf der Straße nach San Nicolas einen blühenden Divi Divi Baum. Die sieht man gar nicht so häufig, die Blüten sehen sehr schön aus.

Die Blüten. Der Baum ist schon fast verblüht

Bis zum Sonntag wird das Besichtigungsprogramm noch weiter gehen. Wir nehmen uns jeden Tag zwei oder drei Programmpunkte vor. Das gibt uns auch die Möglichkeit, den einen oder anderen Programmpunkt zu wiederholen, wenn etwas schief gegangen ist – zum Beispiel mit den Fotos. Das ist eine ganz lustige Geschichte…

Barbara, Jörg und Jens – die neue Crew der Sissi

In Deutschland sind derzeit ja viele Geschäfte geschlossen, auch die Fachgeschäfte, in denen man eine Kamera kaufen könnte. Deswegen ist Barbara nur mit ihrem Telefon ausgerüstet nach Aruba geflogen. Wir haben ihr den Vorschlag gemacht, die Kamera doch hier zu kaufen, schließlich ist jetzt viel Platz in ihrem Gepäck. Sie musste eine ganz ordentliche Menge Ersatzteile nach Aruba tragen. Nach einem kurzen Spaziergang in Oranjestad konnte Barbara ihre neue Kamera erwerben.

Barbara fotografiert Street Art

Was gibt es besseres, um mit der neuen Kamera eine Probefahrt zu unternehmen, als die schönen Bilder, die auf die Wände so vieler Häuser in San Nicolas gemalt worden sind, alle zu fotografieren. Es gibt verschiedene Lichtsituationen, manchmal sind die Blickwinkel nicht so einfach und schließlich die ganz profane Bedienung des neuen Geräts.

Auch als “Engel”

Jetzt kenne ich ihre neue Kamera sehr gut. Irgendwie ist es möglich, bei der Benutzung mit der Nase irgendwelche Kamerafunktionen zu aktivieren und wichtige Einstellungen zur Belichtung zu verändern. Irgendwann stellt Barbara fest, dass viele Aufnahmen überbelichtet sind. Ein paar Minuten später schießt die Kamera dann plötzlich Bilderserien, die sich als Belichtungsreihen entpuppen. Noch ein paar Minuten später finde ich endlich heraus, wie man die Funktion wieder ausschalten kann. Spaßig. Meine zehn Jahre alte Nikon sieht da manchmal ziemlich alt aus. Das Objektiv kann allerdings noch mithalten.

Barbara spaziert an Mangel Halto Beach

Den Ausflug nach San Nicolas beenden wir am Strand von Mangel Halto. Das ist ein sehr schöner Strand, an den sich nur wenige Touristen, dafür um so mehr Einheimische aufhalten. Zum Glück bleibt die Kamera im Auto, denn die Strömung in Mangel Halto ist so stark, dass sie einmal Barbara die Füße wegzieht. Das endet mit sehr nassen Klamotten. Natürlich wird dieser Moment nicht dokumentiert.

Die See tost am natürlichen Pool

Absichtlich gehen wir natürlich auch ins Wasser. Einer meiner Favoriten ist der natürliche Pool an den Ruinen der Goldmine. Wie immer ist die See außerhalb des Pools rau. Und wie immer lässt es sich im Pool gut aushalten.

Hier kann man es aushalten.

Die anderen Besucher verschwinden nach wenigen Minuten. Die meisten haben einfach nicht genug Zeit, weil sie Teil einer geführten Tour sind oder den Mietwagen gleich zurückgeben müssen. Das ermöglicht uns, uns komplett zu entspannen und schöne eineinhalb Stunden zu verbringen. Denn wenn Segler eines haben, dann ist es Zeit.

Nach dem erfrischenden Bad

Der Segler hat Zeit und der Segler hat sie nicht. Meine gemeinsame Zeit mit Soraida geht ihrem vorläufigen Ende entgegen. Das stimmt Soraida traurig und mich macht es ebenfalls nicht fröhlicher. Auf der einen Seite wächst die Aufbruchsstimmung, die Freude auf die Segeltage und darauf, dass wir der Heimat jeden Tag ein wenig näher kommen werden. Andererseits werden wir beide sentimental, wenn wir an die bevorstehende längere Trennung denken. Bis wir uns wiedersehen können, wird bestimmt ein halbes Jahr vergehen.

Von unserem Besuch am Pool hat Jens dieses kleine Video zusammengeschnitten.

Glückliche Menschen auf einer glücklichen Insel

Wie beginne ich diesen Beitrag am besten? Am besten fange ich mit meinen neuen Gewohnheiten an. Nach dem Morgenkaffee gehe ich zumeist an die Bushaltestelle und fahre ein paar Runden mit Soraida mit, bis sie Feierabend macht. Auf jeder Runde kommen wir am Impfzentrum in Santa Cruz vorbei und sehen die langen Schlangen derer, die auf ihre Impfung warten. An der nächstgelegenen Bushaltestelle warten dann fast immer Fahrgäste, die gleich beim Einsteigen stolz erzählen, dass sie ihre Impfung jetzt bekommen haben. Was mir besonders auffällt, dass diese Menschen alle mit einem Lächeln unter ihrer Maske in den Bus einsteigen, dass sie sich besonders fröhlich unterhalten. Manchmal laufen Menschen auch einfach nur am Bus vorbei und zeigen stolz auf das Pflaster an ihrem Oberarm. Inzwischen sind etwa 30 Prozent der hiesigen Bevölkerung geimpft.

Bushaltestelle in Santa Cruz. Der Hund ist nicht geimpft.

Vor knapp zwei Wochen war ich unterwegs auf der Suche nach einem neuen Keilriemen und konnte diesen bei Napa bestellen. Obwohl ich die Zusage hatte, dass die Lieferung bis Ende kommender Woche erfolgt, habe ich noch zusätzlich einen in Deutschland bestellt, den Barbara mitbringen wird. Ich bin schon zu lange in Aruba, als dass ich auf Terminzusagen hier auch nur einen Euro wetten würde. Es ist Freitag und damit ist es das Ende der Woche, als ich mit Soraida an Napa vorbeifahre. Vor der Tür steht tatsächlich ein Lieferwagen mit Teilen, ich gehe rein und frage nach. Sie müssen die Lieferung noch überprüfen und rufen mich an, wenn meine beiden Keilriemen mitgekommen sind.

Der Lieferwagen steht vor der Tür. Ist der Keilriemen mit dabei?

Ich bin schnell wieder auf der Straße und nach wenigen Minuten sammelt mich Soraida wieder ein. Die Spannung steigt. Gewinnt Deutschland oder Aruba? Der Liefertermin für den Keilriemen aus Deutschland ist Montag, 17:30 Uhr, wenn KLM aus Amsterdam landet.

Während ich eine weitere Runde im Bus mitfahre, bringt sich auf dem Parkplatz ein Gabelstapler in Position und lädt den Lieferwagen ab.

Die Lieferung wird abgeladen.

Soraida macht Feierabend. Ich spaziere noch ein wenig die Main Street entlang, dann schlendere ich zum Boot. Kaum habe ich Jens den Stand der Dinge mitgeteilt, klingelt mein Aruba-Telefon. Napa ist am Apparat. Die beiden bestellten Keilriemen seien in der Lieferung drin gewesen. Nach kurzem Nachdenken spaziere ich zur Bushaltestelle und lasse mich zu Napa fahren. Jetzt sind die Dinger da, jetzt kann ich einen davon auch einbauen.

Der neue Keilriemen. Hergestellt in Mexiko.

Ich gehöre jetzt auch zu den glücklichen Menschen in Aruba. Zwar habe ich keine Impfung bekommen, dafür aber ein wichtiges Ersatzteil. Ich stehe an der Bushaltestelle und starre ein wenig in den Himmel. Es fühlt sich für mich unwirklich an, dass ich nach so langer Zeit Aruba für eine ganze Weile verlassen werde. Alles hier fühlt sich so vertraut an, derweil ist Frankfurt sehr weit von mir entfernt. Segeln, einige Wochen auf dem Wasser verbringen, auch das fühlt sich fremd an. Es wird hoffentlich nicht lange dauern, bis ich mich daran wieder gewöhnt haben werde. Wie wird es sich anfühlen, Aruba weit entfernt im Kielwasser zu haben?

Strommast karibischen Typs

Der neue Keilriemen ist jedenfalls nach wenigen Minuten eingebaut. Nach dem Motorstart sieht es viel besser aus, es sieht so aus wie es aussehen muss. Mir fällt noch eine kleine Undichtigkeit im äußeren Kühlwasserkreislauf auf, also ziehe ich alle Schlauchschellen noch einmal nach. Dann ist auch diese Undichtigkeit beseitigt und der Motor ist bereit für die Rückfahrt.

Die Zeit läuft schneller und schneller

Alles ist relativ im Leben. Noch vor wenigen Wochen habe ich darüber lamentiert, dass uns verschiedene Defekte in Aruba festhalten, dass uns die Einreisebestimmungen anderer Länder an der Weiterreise hindern und dass die Zeit lang wird. In weniger als einer Woche wird Barbara hier eintreffen und die Crew ist komplett. Wir haben einen Mietwagen für eine Woche, werden Barbara Aruba zeigen, einen Großeinkauf machen und die Segel setzen. Das fällt mir schwerer denn je.

Ein seltener Anblick. Eines Morgens sind alle Fischerboote unterwegs. Der komplette Steg ist leer. Die Wetterlage verspricht einen guten Fang.

Regelmäßigen Lesern dieses Blogs wird aufgefallen sein, dass die Zahl der Beiträge drastisch gesunken ist. Das ist nur zu einem kleinen Teil darauf zurückzuführen, dass sich hier kaum Neuigkeiten ereignen, zum größeren Teil liegt es daran, dass die Neuigkeiten nicht für das Blog geeignet sind.

Spielende Kinder in der Mainstreet in Oranjestad

Am Dienstag nach Ostern mache ich mich auf den Weg, einen neuen Keilriemen zu besorgen. Soraida kennt alle Autoteile-Läden und fährt mich von einem zum nächsten. Leider genügt das nicht. Ich war ja sehr froh, als ich beim Kauf von Sissi den Mercedes-Automotor mitgekauft habe. Das Modell wurde auf der ganzen Welt millionenfach verkauft. So hatte ich die Hoffnung, dass ich auch überall auf der Welt Ersatzteile für diesen Motor bekommen kann, es gibt schließlich auf unserem Planeten viel mehr Autos als Boote.

Morgenster

Der erste Stopp ist bei Morgenster. Der Laden ist übrigens nach seiner Adresse benannt, denn die Straße an der er liegt heißt ebenfalls Morgenster. Ich habe den alten Keilriemen mit, der Angestellte schaut in seinem Computer und verschwindet dann im Lager. Ich bin optimistisch. Nach einer halben Ewigkeit kommt der junge Mann wieder zurück und meint, dass er eigentlich einen haben müsste, den aber nicht finden konnte. Okay, so gibt es die Dinger wohl in Aruba. Auf zum nächsten Laden, gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite.

Unlimited AutoPartsCenter

Dieses Geschäft wird wie so viele andere auch von Chinesen betrieben. Hier gibt es keinen Computer. Der Chef ruft seine Frau und zeigt ihr den Keilriemen. Sie weiß sofort, dass sie dieses Modell nicht hat. Es dauert keine zwei Minuten. Ich warte auf Soraida, die mich nach wenigen Minuten wieder aufsammelt.

jR Autocenter

Im jR Autocenter benutzt der Angestellte auch keinen Computer. Er notiert sich die Nummer auf dem Keilriemen und misst ihn sicherheitshalber noch einmal nach. Das fängt doch schon einmal gut an, es kommt nicht gleich ein bedauerndes “nein”. Dennoch ist die Wartezeit bis zum “nein” recht kurz. Soraida sammelt mich wieder ein und setzt mich gleich beim nächsten Laden wieder ab.

NAPA Auto & Truck Parts

Bei NAPA kann ich den Keilriemen wenigstens bestellen. Er soll bis zum Ende der kommenden Woche kommen.

Zur Sicherheit bitte ich Barbara, noch einen in Deutschland zu besorgen. Der gute alte Mercedes 190 hat es nicht in einer so großen Stückzahl nach Aruba geschafft, dass jetzt noch eine nennenswerte Anzahl auf der Insel wäre. Aruba ist geprägt von japanischen Autos, Europäer sind die große Ausnahme. Wenn die Niederlande eine Automobilindustrie hätten, wäre es wohl anders, doch die Autotransporter, die hier regelmäßig ihre Waren entladen, haben zumeist die japanische Flagge im Wind wehen. Keilriemen für Volvo Penta oder Yanmar Motoren gibt es übrigens bei Budget Marine in großer Auswahl.

Ziegen in der Mitte der Schnellstraße

So habe ich in den letzten Tagen und Wochen viel Zeit im Bus verbracht und konnte das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Unterwegs gibt es manchmal kuriose Anblicke, wie diese Gruppe Ziegen, die einen Kreisverkehr überquert haben und nun auf der Schnellstraße laufen.

Vorbereitung eines Trauerzuges

Oder diese Beerdigung: Hier sammeln sich die Mitglieder des Drag Clubs, haben ihre Rennautos auf Anhängern mitgebracht, um einem ihrer Clubmitglieder die letzte Ehre zu erweisen. Das geht nicht ohne eine gewisse Geräuschentwicklung vor sich, denn die Motoren der Drag-Racer sind in Betrieb und werden immer mal wieder hochgedreht.

Flor de Oriente

Bei Jens und mir hat sich ein kleines Ritual eingebürgert. Etwa einmal in der Woche gehen wir in das Flor de Oriente, ein holländisches Restaurant in Oranjestad. Dort wird sehr lecker aus frischen Zutaten gekocht und es gibt nicht nur das übliche Fast-Food, das sonst auf Aruba sehr verbreitet ist. Der Geschmack der Speisen ist hier mehr an den europäischen Geschmack als an den amerikanischen Geschmack ausgerichtet.

Restaurantkaterchen im Flor de Oriente

Außerdem können wir im Flor immer mal wieder die niedlichen kleinen Kätzchen streicheln. Sie sind noch sehr jung, dafür haben sie ein superweiches Fell. Wenn sie sich nicht gerade von einem umfallenden Stuhl erschrecken lassen, kann man sie sogar auf den Schoß nehmen und streicheln. Manchmal kommt es auch zu einer Begegnung der besonderen Art.

Scientologen von der Freewinds

Die Freewinds war schon des öfteren Thema des Blogs. Bei unserem letzten Besuch im Flor kommen plötzlich diese drei Gestalten die Straße entlang gelaufen. Innerlich denke ich, dass mich das gerade sehr nervt. Wenn ich die sonst bei ihrer “Arbeit” sehe, desinfizieren sie zumeist die Tische in den Restaurants, dann gehen sie zum nächsten Restaurant weiter. Ich will nicht, dass sie unseren Tisch desinfizieren, ich bin am essen. Doch so weit kommt es nicht. Die drei stellen sich mit Laser-Entfernungsmessern auf und vermessen mal eben die Terrasse des Restaurants. Die Besitzerin schaut dabei zu. Sie wurde nicht um Erlaubnis gefragt, sie unterbindet das Treiben aber auch nicht. Der Abstand der Tische zueinander wird ebenfalls vermessen. Rein technisch ist das hier kein Problem, denn die Tische stehen noch weiter auseinander, als von den Regeln gefordert. Es fühlt sich aber komisch an.

Abendessen – frisch gekocht und vakumiert

Um mit Soraida einmal ein gemeinsames ungestörtes Wochenende verbringen zu können, habe ich über einen Esel-Bekannten ein Apartment bekommen können. Das Abendessen bereite ich an Bord vor und verpacke es so, dass es nur noch im Wasserbad aufgewärmt werden muss. Ich besorge uns eine Tarnkappe, denn der Bus ist auf der Insel bekannt wie ein bunter Hund.

Tarnkappe.

Mit diesem kleinen, unauffälligen Mietwagen können wir uns unerkannt in Aruba bewegen. Für Soraida fühlt sich der Beifahrersitz etwas ungewohnt an. Doch die entgegenkommenden Busfahrer reagieren nicht auf ihre Grüße, die sie anscheinend vollautomatisch versendet. Wir sind unsichtbar.

Es wird ein wunderschönes Wochenende. Es ist toll, ein Wochenende mit einem Menschen zu verbringen, den man liebt.

Sandpiste bei Spanish Lagoon

Ich bin also zu meinem Vergnügen unterwegs. Und was macht Jens in dieser Zeit? Er fühlt sich wohl. Und er kümmert sich darum, dass unser Cockpit wieder einen schönen neuen Anstrich bekommt. Ansonsten fährt er mit den Bordfahrrad über die ganze Insel oder schnürt seine Laufschuhe für abendliche körperliche Ertüchtigung.

Vier Schichten Farbe und vier Schichten Lack sollten für längere Zeit genug sein. Der letzte Anstrich hat nur zwei Jahre gehalten und bestand aus zwei Schichten Farbe und zwei Schichten Lack.

Frisch gestrichen – der Cockpitfußboden. Danke Jens.

In der letzten Nacht habe ich nicht gut geschlafen. Ein dickes amerikanisches Fischerboot hat am Nachmittag tausende Liter Diesel getankt und dann die ganze Nacht mit laufendem Motor neben uns geparkt. Die Klimaanlage muss laufen. Ich mag das nicht.

Rücksichtslose Nachbarn

Ostersegeln

Die Wettervorhersage passt perfekt. Am Ostersonntag soll der Wind um ca. fünf Knoten abflauen. Außerdem hat Soraida zwei Tage frei, deswegen verabreden wir uns zu einem gemütlichen Tagestörn. Am Samstag machen Jens und ich Sissi klar zum Segeln. Es ist viel weniger Arbeit als von uns erwartet. Wir waren in den letzten Wochen ziemlich ordentlich, die Werkzeuge und anderen Kram haben wir immer wieder brav dahin zurückgelegt, wo wir die Sachen hergenommen haben. So profitieren wir immer noch von der Ordnung, die wir eigentlich für die Überfahrt nach Guadeloupe hergestellt hatten.

Am Sonntag stehen wir früh auf. Jens kümmert sich um die Plane, die unserem Cockpit den Schatten spendet. Ich will nur kurz den Motor checken. Ölstand, Kühlwasser, Keilriemen – eben der übliche Check, bevor wir den Hafen verlassen. Der geübte Leser dieses Blogs weiß, dass jetzt ein Unglück geschehen wird, welches uns am Verlassen des Hafens hindert.

Kürzlich hatten wir diesen kleinen Wasserschaden. Aus den unter Druck stehenden Wasserleitungen sprühte ein feiner Wasserstrahl lustig gegen den Motor. Wie lange das schon so war, kann ich nicht sagen. Beim letzten Motorcheck vor gut einem Monat, als wir in Varadero den Mast abgenommen haben, ist mir das Problem nicht aufgefallen. Wahrscheinlich hat es aber schon vorher bestanden, ich war nicht gründlich genug. Auf einigen der Riemenscheiben blüht jedenfalls der Rost.

Rost. Kann man nirgendwo brauchen.

Schei*e. Das muss jetzt mal so gesagt werden, denn der Rost hat seine Spuren im Keilriemen hinterlassen. Hier müssen wir erst einmal Arbeit hineinstecken. Wir brauchen einen neuen Keilriemen und die Riemenscheiben müssen entrostet werden, sonst ist dieser sofort wieder zerstört.

Beschädigungen. Nicht vollständig. Es gibt noch mehr kaputte Stellen.

Zum Glück haben wir Ersatz an Bord, denn die Autoteilehändler haben über die Osterfeiertage geschlossen. Schnell schreibe ich eine Nachricht an Soraida, dass wir eine Stunde später starten. Das Handbuch muss her.

Motor Reparaturhandbuch

Ich habe den Keilriemen noch nicht wechseln müssen, deswegen fehlt mir die nötige Ahnung. Der Vorgang selbst ist sehr, sehr einfach und schnell erledigt. Eine Schraube lösen, den Spanner vorsichtig entlasten und dann den alten Keilriemen abnehmen. Wir haben übrigens die Ausführung mit Servolenkung. Was normalerweise die Servolenkung antreibt, bewegt unseren Impeller.

Dann entroste ich mit einer Zahnbürste und Rostentferner die Riemenscheiben, bis sie wieder schön glatt sind und den nächsten Keilriemen nicht mehr zerstören können. Anschließend kommt der neue Riemen an die Stelle des alten, mit dem Spanner wird er nun unter Spannung gesetzt und anschließend startet Jens den Motor. Es wird spannend. War die Reparatur erfolgreich? Können wir jetzt raus fahren? Der Motor kommt in sofort im ersten Startversuch in Gang.

Der kurze Film gibt die Antwort sehr deutlich, wir können nicht losfahren. Der Keilriemen ist einfach zu locker. Er lässt sich bei stehendem Motor eine Handbreit bewegen. Das ist zu viel.

Kommen wir einmal zum schmutzigen Geheimnis des Harald B. aus Aurich, von dem ich Sissi erworben habe. Er hat mir beim Verkauf des Bootes auch die vielen Ersatzteile gezeigt, die er noch an Bord hat. Von Luft-, Öl- und Dieselfilter über Bilgepumpe bis hin zu dem bewussten Keilriemen. Das Geheimnis ist, dass viele der “neuen” Ersatzteile gar nicht neu sind, sondern ihr Leben schon hinter sich gelassen haben. Warum hat er das gemacht? Natürlich darf ich die Schuld nicht einzig und allein auf Harald schieben, ich habe nicht in die Herstellerverpackungen hineingesehen. Meine Unterlassung.

Hinsichtlich der gebrauchten Ersatzteile besteht inzwischen keine Gefahr mehr, denn wir haben sie bis zum heutigen Tag alle verbraucht. Die “neue” elektrische Bilgepumpe hat nach ihrem Einbau sofort den Dienst mit Rauchzeichen quittiert. Dank Charly von der Chapo konnte ich im vergangenen Jahr schnell eine weitere Pumpe bekommen, die jetzt auch zuverlässig ihren Dienst verrichtet. Der “neue” Luftfilter für den Motor war zwar schon gebraucht, sah aber besser aus als der, der seinen Dienst von Holland bis Aruba verrichtet hat. Barbara wird uns aus Deutschland noch einen mitbringen, denn in Aruba war ich bislang vergeblich auf der Suche. Der “neue” Keilriemen kommt gleich in die Tonne. Ich bin zuversichtlich, in Aruba zwei Exemplare kaufen zu können, Soraida kennt alle Autoteile-Händler. Ansonsten müssen wir auf Barbara warten. Die “neue” Ankerlaterne hat beim ersten Ausprobieren einen knallenden Kurzschluss verursacht und flog in den Müll. Der “neue” Impeller war porös und die Flügel ließen sich leicht abbrechen.

Frohe Ostern!

Ich verbringe den Tag mit Soraida im Cockpit. Wir genießen die Snacks, die sie mitgebracht hat. Im Lauf der Zeit vergeht mein Zorn auf mich selbst. Auch wenn Ostern in Deutschland beinahe schon vorbei ist – frohe Ostern aus der Karibik!

Regierung zurückgetreten

Die Nachrichten aus Deutschland über die Rücktritte mehr oder minder korrupter Politiker lesen wir in Aruba mit Interesse. In diesem Blog möchte ich auf eine Nachricht hinweisen, die es nicht in die Tagesschau geschafft hat:

Und täglich weht sie nun auf der anderen Straßenseite, die Flagge des Gouverners

Jemand hier in Aruba hat mir gesagt, dass es nichts Gutes bedeutet, wenn die Flagge des Gouverneurs vor dem Parlamentsgebäude flattert. Seit Dienstag habe ich sie an jedem Tag gesehen. Am vergangenen Dienstag ist die Regierung zurückgetreten, Neuwahlen müssen jetzt innerhalb von drei Monaten angesetzt werden.

Seit ein paar Wochen wird von der Staatsanwaltschaft gegen die Regierungspartei POR ermittelt. Es sollen Gemeinschaftsgelder veruntreut worden sein. Ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt. Den Nachrichten werde ich jedenfalls weiter folgen.

Parlamentsgebäude

Das alles ist natürlich Gesprächsstoff. Thema an der Bushaltestelle, Thema unter den Fahrgästen, Thema in Bars – zumindest dort, wo nicht vorwiegend Touristen verkehren. Mein Beitrag zu solchen Diskussionen kommt dann meist aus meiner deutschen Perspektive. Viele Arubaner glauben, dass ihre Regierung die Korruption für sich gepachtet hat. Stimmt aber nicht, das ist meiner Meinung nach leider ein weltweites Geschäftsmodell.

Ich glaube, ich sehe das dunkle T-Shirt aus diesem Souvenirshop in den letzten Tagen öfter auf der Straße. Eine Neuauflage ist das T-Shirt nicht. Kann es sein, dass es sich erst kürzlich in den Vordergrund gedrängelt hat? Vielleicht hat der Händler für den Fall eines neuen Skandals immer eine Kiste im Lager.

Souvenirshop

Entspannung

Wir haben einen Plan. Endlich. Den Atlantik kann uns niemand sperren. Deswegen planen wir die Rückreise nach Europa nun von Aruba aus. Derzeit ist Bermuda offen, dort könnten wir einen Zwischenstopp einlegen, genau wie auf den Azoren. Das alles hängt wie immer vom Wind ab. Mitte bis Ende April bekommen wir Verstärkung aus Frankfurt, Barbara wird uns auf der Atlantiküberquerung begleiten. Das wird es Jens und mir ermöglichen, ein paar Stunden länger zu schlafen. Bis dahin führen wir noch ein paar Arbeiten am Boot durch, es handelt sich zumeist um Malerarbeiten.

Malerarbeiten

Es ist schön mit anzusehen, wie das Boot fast jeden Tag etwas schöner wird. Nur an die Deckenverkleidung des Salons traue ich mich nicht heran, das ist alles zu krumm und will in Europa erneuert werden. Alles zu seiner Zeit. Dabei machen wir uns beide nicht kaputt. Manchmal fährt Jens an den Strand oder ich fahre zu den Eseln, manchmal arbeiten wir am Boot und manchmal kümmern wir uns um unseren Urlaub. Ja, es fühlt sich nun manchmal an wie Urlaub.

Swa erteilt eine Lektion in Entspannungstechniken

Soraida sehe ich inzwischen beinahe jeden Tag. So viel dazu. Es fühlt sich gut an, es fühlt sich richtig an. Ich freue mich auf die Zukunft. Wir wollen am Ostersonntag segeln gehen. Jens erzählt mir, dass seine Freunde nicht mehr glauben, ich würde die Insel irgendwann verlassen. Er würde wohl mit dem Flieger heimkommen müssen. Muss er nicht.

Ich vermisse den Winter, den Wechsel der Jahreszeiten. Aruba bietet den ewigen Sommer. Zwei Winter habe ich schon verpasst. Für alle anderen Probleme kann man sich Lösungen ausdenken.

Socks’ Entspannungstechnik

Während hier also nicht besonders viel passiert, erhalten wir erfreuliche Nachrichten von unserer Familie. Unsere Eltern und unsere Schwester haben alle ihre erste Impfung erhalten. Angesichts der aktuellen Situation in Deutschland beruhigt uns das sehr.

Doch auch hier in Aruba steigen die Zahlen rasant. Das war zuletzt nach dem 18. März, einem nationalen Feiertag (“Aruba Flag Day”). Jetzt stehen die Osterfeiertage vor der Tür und die Regierung hat die Maßnahmen verschärft. Es gilt eine Ausgangssperre von 22 Uhr bis 5 Uhr für alle. Restaurants und Bars müssen um 21 Uhr schließen. Ab 19 Uhr darf man nicht mehr an den Strand gehen. Auf der Straße darf man nur noch zu zweit unterwegs sein und im Boot sind maximal vier Personen erlaubt. Insbesondere Verstöße gegen die Ausgangssperre werden mit hohen Geldstrafen geahndet. Ob aufgrund der Maßnahmen oder wegen des schönen Wetters, in den vergangenen Tagen ist die tägliche Zahl der Neuinfektionen jedenfalls wieder einigermaßen zurückgegangen. Zeitweise gab es über 100 neue Fälle am Tag, seit ein paar Tagen sind wir wieder unter 50.

Der Gouverneur ist im Parlament zu Besuch

Das hier hat nichts mit dem Aruba Flag Day zu tun. Manchmal sieht man diese Flagge vor dem Parlamentsgebäude, es ist die Flagge des Gouverneurs. Sie besteht aus der Flagge der Niederlande und der Arubas. Anneke hat sie mir vor einer Weile beschrieben. Sie sieht sie häufig, weil sie in derselben Straße wie der Gouverneur wohnt. Wenn er zu Hause ist, weht sie vor seiner Haustür. Sie wird immer da hochgezogen, wo sich der Gouverneur gerade befindet.

Eagle Beach

Auf dem Weg zum Supermarkt komme ich mal wieder an Eagle Beach vorbei. Ich war lange nicht dort, weil in den letzten Wochen Jens immer mit dem Fahrrad einkaufen war. Ich nehme lieber den Bus, dann muss ich nicht auf dem Rückweg gegen den Wind fahren. Eigentlich kommt mir die Insel sehr voll vor, doch am Strand zeigt sich, dass die Infrastruktur der Insel noch sehr viel mehr Touristen aushält. Ich sehe es auch daran, dass noch längst nicht alle wieder zur Arbeit gehen. Edward zum Beispiel wartet immer noch darauf, dass sein Arbeitgeber ihn wieder einbestellt. Glücklicherweise gibt es für solche Menschen immer noch Geld von der Regierung.

Unverbauter Seeblick

Dieses Bild ist selten. Die beiden Hochhäuser – äh – Kreuzfahrtschiffe sind unterwegs. Natürlich werden sie wieder kommen, doch für einen oder zwei Tage ist der Seeblick unverbaut.

Ich setze mich an den Computer und bestelle im Internet Dinge, die wir in Aruba nicht bekommen oder die hier zu teuer sind. Sie werden alle den Weg in Barbaras Gepäck finden. Das Übergepäck ist billiger, schneller und zuverlässiger als der Transport per Post. Für das Satellitentelefon müssen wir wieder auf die Datenflatrate umstellen, damit wir nicht arm werden. Ansonsten ist fast alles in trockenen Tüchern. Zeit für Entspannung.

Entspannung bei einem leckeren Abendessen auf Soraidas Terrasse. Fluffiger Reis mit Gemüse, tollen Gewürzen und perfekt marinierten Hühnerteilen.

Man kann es nur falsch machen

Hast du dir in letzter Zeit eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, welche Folgen deine Handlungen in der Zukunft haben werden? Gar in gutem Glauben gehandelt, etwas richtig zu machen und bist dabei richtig in die Schei*e getreten? Ich hatte gestern ein Aha-Erlebnis.

Sissi ist ziemlich abfahrbereit. Wir müssen zwar noch tanken, ein Kinderspiel, schließlich liegen wir keine 10 Meter von der Tankstelle entfernt. Wir müssen das Boot zum Tanken nicht einmal bewegen, der Schlauch ist lang genug. Nichts, was uns auf Aruba festhalten würde.

Bushaltestelle in Oranjestad. Ein Umschlagplatz für Informationen.

Die Bushaltestelle ist nicht nur ein Ort, an dem man auf den Bus wartet. Sie ist außerdem ein exzellenter Umschlagplatz für Informationen, Klatsch und Tratsch und man kann einen guten Kaffee bekommen. So stehe ich herum und trinke einen Kaffee, als ich von einer Busfahrerin angesprochen werde. Ob ich mich denn schon für die Impfung registriert hätte. Nein, sage ich, wir Touristen bekommen keine Impfung. Den Impfplan für Aruba habe ich mir nämlich genau angesehen. Derzeit werden die Menschen geimpft, die älter als 60 sind oder die zu Gruppen gehören, die gefährdet sind, weil sie etwa im Krankenhaus arbeiten. Dazu gehöre ich nicht.

Doch die Busfahrerin teilt mir mit, was sie im Radio gehört hat. Nämlich dass in Aruba jetzt jeder geimpft wird, sogar die, die illegal im Land sind. Man muss sich nur registrieren, dann bekommt man eine Email mit dem Impftermin. Wow, denke ich. Wir wollen Aruba zwar verlassen, doch mit einer Impfung würde es sich viel leichter reisen lassen. Am Abend diskutiere ich das mit Jens. Wir sind uns einig, dass wir uns gerne impfen lassen wollen.

Also lasse ich mich von Soraida zu der Behörde fahren, bei der man sich für die Impfung anmeldet. Ich erwische den optimalen Moment, eine Viertelstunde vor der Mittagspause. Es gibt keine Schlange mehr vor mir, ich kann direkt an den Schalter gehen. Ich erkläre der Sachbearbeiterin (oder wie das hierzulande heißt) mein Anliegen. Sie fragt mich nach meinem Pass und schaut sich die hübschen Stempel an. Grundsätzlich könne ich eine Impfung in Aruba bekommen, aber…

Soraida fährt, aber mein Stammplatz vorne rechts ist besetzt.

…ich hatte durchaus recht mit der Vermutung, dass sie Touristen nicht impfen. Jetzt komme ich zurück zu meinem einleitenden Satz. Wären wir nicht nach Kuba gefahren und hätten wir nicht unseren Status durch Ausreise und erneute Einreise nach Aruba legalisiert, wäre zumindest ich weiterhin illegal im Land. Dann könnte ich innerhalb weniger Tage einen Termin haben. Ich solle Ende Juni wiederkommen, wenn mein Status wieder zu “illegal” wechselt. Dann könne ich die Impfung bekommen. Ende Juni bin ich aber auf der anderen Seite des Atlantik. In Aruba werden alle geimpft, außer denen, die sich legal als Touristen im Land aufhalten.

Nebenbei versuche ich, bei den zuständigen Behörden eine Erlaubnis zur Einreise nach Guadeloupe zu bekommen. Dort gibt es viel bessere und günstigere Möglichkeiten, unseren Mast zu reparieren, als es in Aruba der Fall ist. Auf die Email von vorgestern haben sie mir noch nicht geantwortet, die war allerdings in Englisch geschrieben. Ich Schlumpf habe darüber nicht nachgedacht. Heute habe ich eine weitere Email hinterher geschickt. In französischer Sprache, das kann ich doch. Das ist nur viel anstrengender, die Vokabeln wollen mir nicht immer gleich einfallen. Ich grabe im Hirn und es fällt das englische Wort raus.

Als kleiner Hamster habe ich inzwischen fast alle Teile für eine Motorinspektion eingesammelt. Nur der Luftfilter und ein paar Liter Öl fehlen mir noch. Das Öl ist ein ganz gewöhnliches mineralisches 20W-50er Öl, in Aruba konnte ich es bislang nicht finden. Dabei tingele ich von Autoteile-Shop zu Autoteile-Shop. Soraida lässt mich heute bei dem Laden raus, in dem sie immer die Teile für ihren Bus kauft. Die haben meinen Luftfilter sogar im Computer, einer sei noch auf Lager. Der hat sich aber irgendwo versteckt, nach 15-minütiger Suche kommt der Verkäufer mit leeren Händen zu mir zurück.

Wieder warten auf den Bus.

Zusammenfassend muss ich sagen, dass mein Wille zur Abreise nie größer war und die Möglichkeiten nie geringer. Eine Atlantiküberquerung kann man aber auch von Aruba aus machen. Es ist wie im März vergangenen Jahres. Nach und nach schließen sich die Grenzen.

Nachtrag: Nach nur drei Stunden kam die Absage aus Guadeloupe. Benutzt man die richtige Sprache, bekommt man auch eine Antwort.

Fluch der Karibik

Die Rückübersetzung des Beitragstitels ins englische durch Google ist witzig.

Wir waren auf dem Weg in das gelobte Land, nach Atlantis und sind in Aruba gelandet, das ja etwa in derselben Weltgegend liegt. Wir kamen Ende Januar und wollten nur wenige Wochen unsere Wunden lecken und zusätzlich die leckenden Fenster abdichten. Auf diesem Boot lastet der Fluch der Karibik.

Sissi schaut ganz erstaunt. Was passiert denn hier an Bord?

Episode 1: Der Propeller. Wir sind zuversichtlich. Noch ist die Chapo ebenfalls in Aruba und Charly hilft uns bei der Behandlung unseres Propellers, indem er seine Tauchausrüstung klar macht und die Demontage mitsamt fälliger Montage am folgenden Tag durchführt. Wir sind glücklich, sind wir doch unserem Ziel, so schnell wie möglich weiter zu kommen, ein Stück näher gekommen.

Der Vorrat an Kaffee muss dringend aufgestockt werden. Nach längerer Suche konnte ich eine Marke finden, die unseren Ansprüchen einigermaßen gerecht wird.

Episode 2: Die Dachluken. Sie wollen und wollen nicht dicht werden. Die Schrauben sind zum Teil ausgeleiert. Das alte Dichtungsband bröselt vor sich hin. Nach tagelangen Versuchen schaffen wir es dann endlich, die Luken dicht zu bekommen. Wir sind glücklich, haben wir doch einen dicken, fetten Punkt von unserer Todo-Liste streichen können. Wir kündigen unsere baldige Abreise an. Gemeinsam mit Freunden kommt schon einmal so etwas wie Letzter-gemeinsamer-Abend-Stimmung auf. Wir sind optimistisch, die verbleibenden Restarbeiten in kurzer Zeit erledigen zu können.

Anneke hat das Eis aus der Tiefkühltruhe herausgebrochen. Einige Esel schlecken gerne an den Eisbrocken. Solange ich in Aruba bin, ist für mich ein wöchentlicher Besuch bei den Eseln fast schon Pflicht.

Episode 3: Ölkatastrophe. Nach eineinhalb Wochen Behandlungszeit sehen wir die Farbe unseres Teppichs wieder. Der Fußboden klebt nicht mehr. Wir erfreuen uns am wieder schönen Anblick.

Episode 4: Die Umlenkrolle an der Mastspitze. Als wir von Kuba nach Aruba gesegelt sind, hatten wir einige Probleme, unser Großsegel wieder herunter nehmen zu können. Diese Probleme sind dann in unserem Gedächtnis verloren gegangen, weil wir anschließend ohne Antrieb nur unter Segeln und mit Hilfe eines Schleppers in den Einklarierungshafen kommen konnten (siehe auch Episode 1).

Es bildet sich einigermaßen Frustration heraus. Die Zeit beginnt sich zu dehnen. Um vielleicht doch noch um das Abnehmen des Masts herum zu kommen, warten wir auf den Rigger und seine Meinung. Natürlich muss der Mast runter. Wir warten. Warten auf einen Termin.

Unser Teddybär von den Tobermory Lifeboats schaut gemeinsam mit dem Backbord- und dem Steuerbordesel auf das, was wir so tun. Das ist manchmal auch sehr, sehr wenig.

Epsiode 5: Mast kranen und Kreditkarte bluten lassen. Für schlappe 800 US$ kommt ein Autokran in die Marina Varadero und steht uns für knapp vier Stunden zur Verfügung. In dieser Zeit versprühen wir Arbeitseifer ohne Ende, nach drei Stunden steht der Mast wieder auf dem Deck und ist provisorisch festgemacht. Die Reparatur der Umlenkrollen hat keine zehn Minuten gedauert. Das endgültige Trimmen des Masts soll der Rigger für uns erledigen.

Wir sind glücklich, denn ohne das Großsegel wäre eine Weiterfahrt unmöglich geworden. Wir kündigen unsere baldige Abreise an.

Rippsche mit Kraut und Kartoffelpüree. Frankfurter Nationalgericht. Noch haben wir ein paar Dosen Kraut an Bord. An das Kassler kommt man in Aruba sehr gut heran. Wenn die Seele leidet, kann man sie über den Magen ein wenig besänftigen.

Episode 6: Zahnschmerzen. Gibt es eigentlich den absolut besten Moment in der Woche, um Zahnschmerzen zu bekommen? Gibt es! Es ist der Freitagnmachmittag, wenn die Zahnarztpraxen alle schon geschlossen haben. Das garantiert ein fröhliches Wochenende und Top-Motivation, eventuell anfallende Arbeiten zu erledigen. Kochen macht auch keine Spaß. Essen erst recht nicht. Nach der Diagnose kommt erst einmal das Warten. Das Warten auf einen Behandlungstermin. Die zweistündige Behandlung. Das Warten auf Besserung. Eine weitere Behandlung. Und das Warten auf Besserung. Diese Episode ist immer noch nicht abgeschlossen. Ich wollte eigentlich vorgestern noch einmal in die Praxis gehen, doch die Zahnärztin hat Brückentag gemacht.

Ein toller Joke. Vorgestern war Freitag und der Donnerstag war Nationalfeiertag.

Diese Touristen posieren mit dem von ihnen geangelten Fisch. Das Leben kann süß sein in der Karibik. Das Wetter ist immer schön, überall befinden sich Menschen, die gerade einen glücklichen Urlaub verbringen.

Episode 7: Der Fuß. Auf dem Rückweg von einem Besuch bei Budget Marine vertrete ich mir den Fuß ziemlich gründlich. Heute, zwei Wochen nach dem Vorfall, kann ich wieder schmerzfrei gehen. Es ist aber noch nicht gänzlich vorbei. Mit diesem Fuß bin ich auf der Rückfahrt von Kuba schon einmal deftig umgeknickt. Auf jeden Fall ist jeder Tag Wartezeit vor der möglichen Abfahrt nun Gold für den Fuß. Wenn ich ihn so lange wie möglich schone, ist er so schnell wie möglich besser. Ich schone ihn ziemlich gut.

Der Fluch der Karibik, die Trägheit, sie gewinnt mehr und mehr Macht über mich. Oder über uns. Warum sollen wir unsere Abfahrt vorbereiten? Wir geben keine Abfahrtstermine mehr bekannt. Woher sollen wir wissen, wann es weiter geht? Den Fuß spüre ich zwar noch, ich habe aber beschlossen, dass er unsere Abreise nicht behindert.

Trägheit. Bei den Katzen ist es ganz natürlich. Bei den Menschen wird sie um so größer, je mehr frustrierende Erlebnisse zu verarbeiten sind. Zumindest bei den Menschen, die an Bord der Sissi leben.

Episode 8: Der Springbrunnen. Unser Motor ist klatschnass. Aus dem Motorraum läuft ein Rinnsal. What the fuck? Wo kommt das her. Eine erste Untersuchung mit den Augen und der Taschenlampe bringt kein Licht ins Dunkel. Ich wische alles trocken und gebe der Angelegenheit einen Tag. Am nächsten Tag ist es wieder nass. Es ist Süßwasser. Wo kommt das denn her? Aus dem Kühlwasserkreislauf ist es nicht, sämtliche Leitungen sind trocken und es tropft nirgendwo an den Verbindungsstellen. Wir finden ein T-Stück, das in der Seite ein Stecknadel großes Löchlein hat, aus dem eine muntere Fontäne sprudelt. Diese Episode läuft jetzt erst seit drei Stunden.

Jens will in den Baumarkt fahren, um ein Ersatzteil oder Reparaturmaterial zu besorgen. Der Baumarkt macht aber am Sonntag um 14 Uhr zu, das ist in etwa die Uhrzeit, zu der ich diese Worte schreibe.

Der Fluch der Karibik hält uns in den karibischen Niederlanden fest. Ich fühle mich ein wenig wie der fliegende Holländer – nur umgekehrt. Meinem Boot ist es verwehrt zu segeln.

Eine Hackfleischsauce mit frischem Lauchgemüse wird gerade geboren. Dazu wird es Nudeln geben. Ein einfaches Gericht, doch es ist immer wieder lecker. Pasta macht glücklich. Erst recht mit frisch geriebenem Parmesankäse. Schließlich heißt das Sprichwort “Liebe geht durch den Magen”.

Jedes Ding hat seinen Grund. Jede Handlung hat ihre Folgen. Unterlassungen können sich auch auswirken. Aufgrund einer Verkettung von unglücklichen Umständen, verschleppten Tätigkeiten, Trägheit und einer Menge Pech sind wir noch in Aruba. Mir gefällt es im Moment sehr. Auch Episode 9 hat erst vor kurzem begonnen. Hätten Episoden drei bis fünf nicht stattgefunden, wäre es auch mit der neunten nichts geworden.

Gestern Abend habe ich eine wirklich tolle, liebe Frau an Bord zu Besuch gehabt und für sie Abendessen gekocht. Unser zweites Date. Anschließend waren wir am Strand. Nicht irgendwo, wir sind bis zum California Lighthouse gefahren. Beendet wurde es von der Polizei, denn wir durften wegen der Corona-Regeln nicht gemeinsam auf einem Stein sitzen. Mehr schreibe ich nicht, doch Jens hat mich schon gefragt, ob meine Beziehung Auswirkungen auf unsere Abfahrt hätte.

Ich mache keine Aussagen mehr zu einer möglichen Abreise. Ich mache mich doch nicht lächerlich. Es macht aber Spaß, wie zwei Teenager am Strand zu sitzen.

Gestern hat außerdem unsere Eintracht gegen Union Berlin mit 5:2 gewonnen. Die Dame, die gestern an Bord war, unterstützt Bayern München.

Feuerfisch Imbiss

Vor ein paar Wochen stellte mir Klaus in einer Mail die Frage, ob bei uns die Luft raus sei. Klaus kenne ich gar nicht persönlich, wir schreiben uns aber schon seit eineinhalb Jahren regelmäßig. Er ist ein viel erfahrenerer Segler als ich es bin, sitzt aber derzeit in Deutschland fest und sein Boot ist in Holland. Und ich sitze auf meinem Boot, das sich im Moment aber nur ein paar Zentimeter bewegt, soweit es die Leinen eben gestatten.

Gestern war ich wieder bei der Zahnärztin. Der Zahn, den sie vergangene Woche wieder aufgebaut hat, bereitet mir immer noch Schmerzen und siehe da, sie kann mit dem Bohrer noch ein paar Ecken und Kanten der Füllung wegnehme, wo sich der Zahn im Unterkiefer und der im Oberkiefer aneinander gerieben haben. Sie ist zuversichtlich, dass ich in Kürze schmerzfrei bin. Noch kann ich allerdings auf der Seite noch nicht kauen. Apropos kauen. Am vergangenen Samstag sind wir auswärts essen gegangen für einen guten Zweck.

Feuerfisch als Graffito in San Nicolas

In Aruba ist Speerfischen verboten, allerdings gibt es Ausnahmen. Eine Ausnahme ist die Jagd auf den Feuerfisch, der als invasive Art aus Asien in die Karibik kam und hier keine natürlichen Feinde hat. Es wird einiges unternommen, um diesen Räubern beizukommen. Sie fressen nämlich andere Fische und haben keine natürlichen Feinde in der Karibik. Deswegen hat man in Honduras versucht, die Haie an den Geschmack der Feuerfische zu gewöhnen. Richtig erfolgreich war das nicht. Einen weiteren natürlichen Feind haben die Feuerfische außerdem noch in der Karibik, den Menschen. Freiwillige schwimmen mit ihren Speeren los, um die Population in den Gewässern von Aruba wenigstens etwas auszudünnen. Die Beute wird dann an den Lionfish Snack geliefert, der jeden Samstagnachmittag öffnet (bei uns heißt er Feuerfisch, im Englischen ist es der Löwenfisch).

Lionfish Snack Aruba

Dickie und Edward holen uns am frühen Nachmittag ab. Beide kennen den Imbiss nicht, dabei befindet er sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Edwards Wohnung bzw. des Arbeitsplatzes seiner Frau. Wie meinte Edward zurecht – man muss sich auch in der eigenen Gegend umsehen und schauen, wenn es neue Geschäfte oder Restaurants gibt. Stimmt!

Informationsplakat

Ein großes Plakat erklärt dem Kunden, warum es für die Natur gut ist, den Feuerfisch zu essen. Ich bestelle mir eine Portion Kibbeling, das sind mit einem Backteig ummantelte, frittierte Filetstücke. Jens bestellt einen Mix aus Kibbeling und Wings, Flügeln. Die sind aus den seitlichen Flossen gemacht und sehen auf dem Teller auch sehr gut aus. Allerdings haben sie Gräten, die Kibbeling-Stücke nicht.

Mischung aus Kibbeling und Wings

Seit ich Holland vor knapp zwei Jahren verlassen habe, konnte ich keinen ordentlichen Kibbeling mehr finden. Zwar verkauft der Fischladen im Superfood hier ebenfalls Kibbeling, doch Jens hat diesen nach einem Test für sehr, sehr schlecht befunden. Es wird ein tiefgefrorenes Industrieprodukt verkauft, dabei gibt es in Aruba so guten Fisch. Das Essen aus dem Lionfish-Snack ist von vorne bis hinten hausgemacht.

Jens und Dickie – einer wartet noch, einer hat schon sein Essen

Neben uns warten noch zwei amerikanische Touristen auf ihr Essen, deswegen dauert alles ein wenig. Auf viel Kundschaft gleichzeitig ist der Imbiss nicht eingestellt. Und nebenbei kommen immer wieder telefonische Bestellungen rein, der Imbiss scheint beliebt zu sein. Als endlich mein Essen auch seinen Weg zu mir findet, ist mir klar warum. Das Fleisch des Feuerfischs hat einen feinen Geschmack, eine schöne Konsistenz und damit ist der Kibbeling einfach nur lecker.

Kibbeling, ich habe zuerst gegessen und dann das Bild gemacht

Nach der Mahlzeit machen wir das, was dem Arubaner die liebste Freizeitbeschäftigung ist. Wir fahren einfach mit dem Auto noch eine Runde über die Insel, besuchen Baby Beach und entspannen uns zu den Reggae-Klängen aus dem Autoradio. Nach einem traumhaft kitschigen Sonnenuntergang lassen wir den Abend am Steg ausklingen.

Das bringt uns alles zwar nicht weiter, es bringt uns der nächsten Insel keinen Meter näher. Aber es tut gut, die tägliche Routine zu durchbrechen, andere Menschen zu treffen und einfach nur Spaß zu haben. Ich empfinde es im Moment gerade sehr schwer, mich selbst zu motivieren. Wir hatten gerade ein schönes Wetterfenster, um in die Ostkaribik weiterzusegeln. Das ist nun geschlossen. In der kommenden Woche gibt es sogar ein zweitägiges Flautenloch, sagt mir mein Wetterorakel. Dann würden wir Diesel verbrennen oder in der karibischen See herum torkeln.

Wettervorhersage

Das bedeutet, dass ich keinerlei Prognose mehr über einen möglichen Abfahrtstermin wage. Wenn ich von einer Weiterfahrt rede, werde ich inzwischen ausgelacht. Die Einheimischen machen mir sogar Angebote für Immobilien, was ich nicht mehr lustig finde. Das Gute im Schlechten ist, dass mein Fußgelenk inzwischen wieder fast normale Maße angenommen hat und ich mich auf dem Vorschiff nicht mehr unsicher fühlen würde.

Brötchenteig

Aruba ist klebrig aber Aruba ist nicht das Ende. Wir werden diese Insel verlassen, das ist sicher. Wann das der Fall sein wird, ist noch nicht endgültig geklärt. Jeder hat Hochs und Tiefs in seinem Leben, ich befinde mich gerade in einem Tief. Deswegen freue ich mich, dass Jens heute versucht, frische Brötchen zu backen. Ich bin auf das Ergebnis gespannt und darauf, ob ich sie auf der linken Seite auch kauen kann.