Kreuzfahrer-Dreck und Dreckskreuzfahrer

Diesen Beitrag schrieb ich am 14.12. vor der Abfahrt in Santa Cruz. Er gehörte zu den Beiträgen, die während unserer Atlantiküberfahrt erscheinen sollten. Aus verschiedensten Gründen habe ich auf die Veröffentlichung bislang verzichtet, nach dem Erlebnis heute Nacht ist es mir jedoch ein Bedürfnis, meine Meinung zu Kreuzfahrtschiffen mitsamt ihrer Fracht zu äußern.

Dezember 2019, Santa Cruz, Teneriffa: Vorgestern haben Jens und ich die neue Genua hochgezogen. Es war gerade eine gute Gelegenheit, denn der Wind hatte gerade abgeflaut. Dann geht der Segelwechsel am einfachsten von der Hand, denn das Segel wird nicht wild in der Gegend herum zappeln. Ich stand an der Winsch, um das Segel hoch zu kurbeln, Jens am Vorstag zum Einfädeln das Segels in die Rollanlage. Plötzlich blieb mir die Luft etwas weg, ich fühlte mich, als würde ich direkt am Auspuff eines VW Diesel einen tiefen Luftzug nehmen.

Queen Victoria rußt

Die Queen Victoria liegt heute in Santa Cruz. An derselben Stelle liegt jeden Tag ein anderes Schiff. Alle lassen ihren Dieselgenerator im Hafen laufen. Alle hinterlassen diese fette Rußfahne, die man auf dem vom Vordeck der Sissi aufgenommenen Bild gut erkennen kann. Das ist die eine Seite der Kreuzfahrerei. Ich kann sehr gut verstehen, dass die Venezianer, die Hamburger und eigentlich alle Bewohner der von Kreuzfahrtschiffen überlaufenen Städte dieser Umweltverpestung Einhalt gebieten wollen.

Der Ruß wird vom Wind in den Salon der Sissi getrieben. Den Ruß atmen wir beim Arbeiten auf dem Schiff ein, wir bekommen ihn auch in der Freizeit ab. Er zieht bis in unsere Schlafkoje. Erst wenn sich der Kreuzfahrer mit einem Höllenlärm von seiner Schiffströte mitten in der Nacht verabschiedet, zieht langsam wieder frische Luft durch unser Boot.

Kreuzfahrer mit E-Bikes

Außerdem fallen mit jedem Kreuzfahrtschiff auch Horden von Menschen in den Ort ein. Sie stehen im Supermarkt vor uns normalen Bootstouristen in der Schlange und tragen oft die Lebensmittel und Getränke raus, die wir eigentlich hätten selbst kaufen wollen. Die Supermärkte hier sind klein, meist werden sie erst am folgenden Tag wieder beliefert und aufgefüllt.

AIDS Logo auf dem E-Bike

Ändern können wir es nicht. Wir müssen damit leben. Wenn sie mich dann mit ihren E-Bikes aber auf dem Weg vom Boot zur Dusche fast über den Haufen fahren, dann möchte ich sie am liebsten ins Hafenbecken schubsen. Danke, AIDA, dass du so viele E-Bikes mitgenommen und an deine Passagiere verliehen hast. Könnt ihr nicht wenigstens mit Reisebussen durch die Gegend kutschen, wie die anderen Kreuzfahrer auch? Die Busse machen zwar auch Lärm, dafür fahren sie nicht mitten durch die Marina.


31. Januar 2020, 01:50 Uhr, zwischen Barbados und St. Lucia: Ich liege auf der Couch und döse ein wenig vor mich hin. Meine Wache ist fast zu Ende, in einer guten Stunde werde ich Jens wecken. Bislang war die Wache ziemlich ereignislos – wie fast immer auf dem Atlantik.

Ein penetrantes Piepsen bringt mich aus meinem Dämmerzustand schnell wieder in den Wachzustand. Der AIS-Kollisionsalarm meldet sich. In einer knappen halben Stunde wird die Britannia uns über den Haufen fahren oder ganz nah passieren. Hä? Unser AIS sendet. Unser AIS empfängt. Die können sehen, dass wir ein Segelboot sind. Die können unseren Kurs sehen. Ich mache mir keine besonderen Gedanken, denn viele Kreuzfahrer fahren nach Barbados.

Ich sitze im Cockpit und betrachte den hellen Lichtschein, der sich immer mehr nähert. In den ganzen hellen Lampen kann ich die Positionslampen nicht ausmachen. Unser Windpilot steuert seinen normalen Zickzack. Mal werden wir 30 Meter, mal 300 Meter entfernt von der Britannia den nächsten Begegnungspunkt haben. Und zwar in 20 Minuten. Ich probiere den Nachtfotomodus meines Handys aus, da kann man sogar was erkennen.

Noch 20 Minuten bis zur Begegnung

Die Kurslinie des Kreuzfahrers auf dem AIS ändert sich keinen Zentimeter. Er hält auf uns zu. Ich entscheide mich erst einmal für unsere Kurshaltepflicht, die wir als Segler schließlich haben. Das muss auch der Kerl am Ruder der Britannia wissen. Allerdings unterstütze ich den Windpiloten in seinem Zickzack. Das Zick erlaube ich ihm, das Zack nicht. Eine Viertelstunde später steht fest, dass wir den Kreuzfahrer etwa in 100 bis 200 Metern Entfernung passieren werden. Auf dem Handy erscheint eine Begrüßungs-SMS für das Bordnetz der Britannia. Letztendlich war der kürzeste Abstand weniger groß als die Länge dieses Dampfers.

Unfallfrei passiert, die Britannia ist durch

Frachtschiffe haben bislang immer ihren Kurs für uns geändert, auch die 300 Meter langen Brocken. Fähren sind immer einen großen Bogen um uns gefahren. Nur die Kreuzfahrtschiffe sind eine Gefahr, die machen nach unserer Erfahrung nämlich gar nichts.

Die Dreckskerle fahren einfach stur ihren Kurs weiter. Wenn Passagiere vor den Häfen ausgebootet werden, fahren auch die Dinghis eine schnurgerade Linie, ob da ein Segler vorbei kommt oder nicht. Dies soll keine Verallgemeinerung oder ein Vorurteil sein, dies ist mein Urteil nach 6000 Seemeilen unserer Welttournee und ein Fazit aus mehreren Dutzend Begegnungen mit diesen leuchtenden Trümmern.


Jetzt habe ich meinen Dampf abgelassen. Wir haben noch 10 Meilen bis zur Rodney Bay vor uns, werden wohl bei Tageslicht einlaufen. Dann zwei Stunden duschen und anschließend ein riesiges Steak im Marinarestaurant. So stelle ich mir den Abend vor.

Video zu unserer Überfahrt ist fertig!

Nach der Arbeit an Sissi haben wir noch ein wenig Arbeit in das Blog gesteckt. In den heißen Mittagsstunden sitzt es sich im Schatten vor dem Computer gar nicht so schlecht. In diesem Video steckt der Versuch, einen möglichst realistischen Eindruck von einer mehrtägigen Segelreise zu vermitteln. Somit haben wir endlich mal ein Segelvideo gemacht.

4. Advent

Und wieder ist eine Woche vorbei. Würde ich schreiben, wenn ich diesen Beitrag zeitnah zum 4. Advent verfassen würde. Ich schreibe ihn jedoch schon am 3. Advent auf Vorrat.

Das Radio nervt seit Wochen schon mit Weihnachtsmusik. Dabei ist es egal, ob wir unseren Hessischen Rundfunk oder Rockantenne übers Internet hören, oder einen spanischen Radiosender über UKW dudeln lassen. Weihnachtslieder spielen sie alle, selbst auf den Schwermetall-Kanälen. Ab morgen ist das für uns vorbei.

Heute haben wir keine Lust zum Kochen, deswegen ziehen wir noch einmal durch Santa Cruz und suchen ein Restaurant. Während unserer Suche dringen plötzlich die Känge von Chorgesang in unsere Ohren, wir gehen noch um zwei Ecken und stehen plötzlich auf einer Art Weihnachtsmarkt, der sich dann aber als Weinfest entpuppt.

Weinfest

Viele Stände verschiedener Bodegas schenken Wein aus, doch unsere Mägen knurren viel zu sehr, als dass wir uns hier irgendwie aufhalten wollen würden. Wir ziehen weiter, kommen an anderen Ständen vorbei, bei denen Schinken verkauft wird. Das ist auch nicht das Richtige für unsere doch ziemlich vernehmbar knurrenden Mägen. Bis wir hier genug gegessen haben, sind wir verhungert.

Wir lassen es uns aber nicht nehmen, für einige Minuten dem Chorgesang zu lauschen und stellen fest, dass das wesentlich melodischer ist, als das Gejodel vom Vorabend.

Chorgesang

Gerade noch in Hörweite finden wir ein Restaurant, in dem uns eine leckere Paella kredenzt wird, schön mit Fisch, Meeresfrüchten, Garneelen und natürlich Reis in einer schmackhaften Sauce. Genau richtig, um das Ende unseres Aufenthalts in Spanien zu würdigen.

Zurück in der Marina sehen wir am Nachbarsteg ein Motorboot, auf dem richtig dekoriert worden ist. Dieses Motorboot gibt die Antwort auf die Frage, warum Segelboote so viel umweltfreundlicher sind. Segelboote brauchen kein eigenes Kohlekraftwerk, um ihre Beleuchtung zu speisen. Ha ha ha.

Santa Claus’ Motorboot

Wir denken an euch und das deutsche Winterwetter. Wir denken an überfüllte Weihnachtsmärkte im Regen. An Glühweinstände mit überteuerter Zuckerplörre. An das Geschiebe und Gedränge an den letzten Einkaufstagen vor Weihnachten. An kilometerlange Schlangen vor der Kasse im Supermarkt. Die Schlangen vor dem Parkhaus und die überfüllten Bahnsteige der U-Bahn. Den Last-Christmas-Terror aus millionen Lautsprecherboxen an den Ecken all überall. Wir denken, dass wir das alles nicht brauchen und auch nicht vermissen.

Sissi freut sich auf das Abenteuer Atlantik

Wir wünschen allen einen schönen 4. Advent. Geht doch einfach mal ins Wellenbad und lasst euch treiben, dann habt ihr ein ganz klein wenig von dem Gefühl, das wir schon seit einer Woche genießen dürfen. Im Wellenbad gibt es keinen Weihnachtsmann, keine Rentiere und allenfalls rote Bademützen. Eine Woche unterwegs sein, das bedeutet, dass wir normalerweise schon ein Drittel unseres Wegs nach Barbados hinter uns haben sollten.

Straßenbahn in Santa Cruz

Diesen Beitrag habe ich vorproduziert, damit während unserer Atlantiküberquerung noch das eine oder andere Bild erscheinen kann, welches nicht den langweiligen Ozean zeigt.

Endhaltestelle Intercambiador

An der unteren Endhaltestelle befindet sich ein großer Busbahnhof, von wo aus sowohl Stadtbusse als auch Überlandbusse fahren. Ich beginne meinen Spaziergang entlang der Strecke.

Straßenbahn in der Anfahrt zur Endhaltestelle Intercambiador

Die Straßenbahn fährt von der Küste quer durch die Stadt, immer höher und höher. Die Steilheit der Gleise ist beeindruckend. Das obige Bild ist kurz vor der oberen Endstation “La Trinidad” entstanden.

In der Innenstadt, kurz vor dem unteren Ende und nah bei unserer Marina, sind die beiden folgenden Aufnahmen entstanden.

Kurz vor der Haltestelle “Fundación”

Was mir sehr gut gefallen hat, ist die wirklich gut funktionierende Vorrangschaltung für die Züge an allen Ampeln. Wir haben nirgendwo warten müssen, statt dessen muss der Autoverkehr warten. So muss das sein. Aus Frankfurt kenne ich das anders da warten die Züge oft an den Ampeln, bis die Räder eckig werden.

Auf dem Weg zur Haltestelle “Teatro Guimerá”

Überall hat die Straßenbahn einen eigenen Gleiskörper. So ist sicher gestellt, dass sie nicht von falsch parkenden Autos blockiert wird.

Nach der Haltestelle Plaza Weyler
Ausfahrt Haltestelle La Paz

Teilweise sind die Gleise einbetoniert, teilweise wurde schönes Rasengleis gelegt. Der Bau dieser Straßenbahn zeigt den Willen, ein leistungfähiges Verkehrsmittel für die Stadt Santa Cruz zu installieren. Ich finde es gut gelungen.

Nach der Haltestelle Puente Zurita (und vor dem örtlichen Arbeitsamt)

Immer weiter und immer höher klettert die Straßenbahn. Ich auch. Allerdings zu Fuß. Vor dieser Aufnahme musste ich mich durch einen Pulk Menschen durcharbeiten, die vor einer Art Ladenlokal standen. Zuerst dachte ich, das wäre eine der vielen Spielhöllen. Es war aber das lokale Arbeitsamt.

Dorada Brauerei in der Anfahrt Haltestelle Conservatorio

In der Dorada Brauerei wird das meiner Meinung nach leckerste Bier der Kanaren hergestellt. Ich bevorzuge das Dorada Especial.

Kurz vor der Endstation La Trinidad im Gebirge

Nach meinem Spaziergang auf die Hügel von Santa Cruz bin ich mit der Tram wieder zurück gefahren.

Fahrerperspektive

Der Innenraum der Fahrzeuge ist modern und hell gestaltet. An den Griffstangen gibt es dort, wo sich in anderen Städten die Haltewunschtasten befinden, jeweils zwei USB-Ladesteckdosen für Handys.

Innenraum

Schwarzfahren lohnt sich nie, schon gar nicht hier in Santa Cruz. Die Tarife sind geringfügig höher, als ich es aus Deutschland gewohnt bin.

400€ fürs Schwarzfahren

Überlebenskampf im Hexenwald von Anaga

Es gibt Tage, an denen ich etwas unnötige Anstrengung brauche. Eine masochistische Stimme in mir verlangt danach, dass mein Körper Schmerzen leidet. Muskelkater kann so schön sein. Montag ist unser Abfahrtstag, also plane ich für Sonntag einen Wandertag im Anaga Nationalpark. Es soll der Sonntag sein, denn die Busse dorthin fahren Wochentags am Vormittag nur um 05:30 ab, und so sehr möchte ich mich dann doch nicht quälen. Im Fahrplan steht, dass die Abfahrt an “Sabados” um 07:30 ist. Immerhin zwei Stunden länger schlafen. Ich hätte mich schon lange um ein paar Spanisch Stunden bemühen sollen. Freitag Abend, vor dem Schlafengehen, schauen Jörg und ich nochmals in den Fahrplan, um eine Tour am Samstag zu planen. Andere Buslinien haben auch “Domingos” als Tage im Fahrplan stehen. Scheiße! Sabados sind Samstage. Ich muss die Wanderung gleich morgen starten, denn Sonntags fährt dieser Bus gar nicht.

Um 06:00 klingelt mein Wecker. Ich packe eine Flasche Wasser und ein paar andere Dinge in meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zum Intercambiador, der zentralen Busstation.

Intercamiador
Intercamiador

Brot ist leider aus. Ich kann mir ja unterwegs etwas kaufen. Denkste! Die Stadt ist zu dieser Zeit stockfinster. Keine Menschen auf der Straße und keine Geschäfte geöffnet. In der Busstation gibt es außer einem Kaffee auch nichts zum Frühstück. Dann kaufe ich mir halt in Chamorga, der Endhaltestelle, etwas. Vor dort starten viele Wanderungen, also können sich hungrige Wanderer dort sicherlich auch verpflegen.

Linie 947
Linie 947

Ich bin der einzige Fahrgast im Bus. Laut Fahrplan dauert die Fahrt ca. eine Stunde. 1,25€ finde ich dafür einen fairen Fahrpreis. Der Bus schlängelt sich durch die engen Straßen in die Berge. Die aufgehende Sonne färbt die tief hängenden Wolken rosarot. Spanische Fiesta Musik tönt aus dem Radio und der Fahrer quält den Bus mit manueller Schaltung langsam immer weiter die Berge hinauf. Nach etwa 2 Stunden werde ich dann in Chamorga abgesetzt.

Chamorga
Chamorga

Der Ort ist sehr übersichtlich. Nach 10 Minuten habe ich alles gesehen. Auch das Gebäude, das wohl irgendwann mal eine Bar oder Imbiss war. Kein Mensch weit und breit. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mit leerem Magen und ohne Verpflegung loszulaufen. Ein 10 Kilometer langer Wanderweg in Richtung Küste verspricht laut Infotafel einen Supermarkt im nächsten Ort. Prima.

Igueste de San Andrés sollte mein Ziel sein.

Nebel hängt in den Bergen. Die Wälder im Anaga sind so eine Art Regenwald. Es ist auch die feuchteste Region der Insel. Die Wege sind nass und glitschig.

Nebel und sattes Grün

Legenden über Hexen, die in den Wäldern und Höhlen der Berge ihr Unwesen treiben, werden erzählt. Ich kann mir das gut vorstellen. Die Landschaft wirkt märchenhaft verwunschen.

Zauberwald
Zauberwald

Ich lasse mir Zeit und genieße die frische Luft. Schnell kann ich mich auf dem glitschigen Untergrund ohnehin nicht bewegen. Der Anstieg nach La Cumbrilla ist steil und schon bald meldet sich mein Magen. Das Thunfischsteak vom Vorabend gibt mir Kraft und der nahe Supermarkt motiviert mich. Nach etwa einer Stunde sehe ein paar kleine Steinhäuser. Ich freue mich auf ein Baguette und leckeren Serrano Schinken.

Die schwarze Katze von der Hexe
Die schwarze Katze von der Hexe

Eine schwarze Katze begrüßt mich auf dem Weg in den Ort. Ist das die Katze von einer der Hexen? Aus einem der Häuser dringt leckerer Küchengeruch und eine Frau singt bei der Arbeit. Das ist Folter! Und dass Hexen hier ihr Unheil treiben, glaube ich langsam wirklich. Sie haben nämlich den Supermarkt weggehext. Der nächste Bus fährt erst in etwa 6 Stunden. Ich muss schnell weiter, sonst lande ich am Ende selbst in einem Kochtopf.

La Cumbrilla
La Cumbrilla

Es geht steil weiter. Am Wegesrand stehen Kakteen, die reife Kaktusfeigen tragen. Wird diese Wanderung zum Überlebenskampf, könnte ich die essen, um nicht zu verhungern. Ich hab’ die Dinger aber eigentlich lieber in Form von Tequila.

Palme
Palme

Der Weg wird immer steiler, steiniger und ist kaum noch zu erkennen. Nach ein paar Ausrutschern klettere ich auf allen Vieren weiter. Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Eine Markierung habe ich schon seit einer Weile nicht mehr gesehen. Mir kommt das spanisch vor und ich kehre um. Nach etwa 20 Minuten finde ich die letzte Markierung. Ich hätte tatsächlich abbiegen müssen. Das Ding war aber auch schwer zu erkennen. Waren sicher die Hexen, um mich in die Falle zu locken. Zumindest wird der Weg wieder etwas leichter. In Lehm gegrabene Treppenstufen erleichtern den Aufstieg. Meine Laune bessert sich und der Hunger ist vorerst vergessen.

Vom Hunger benebelt dämlich gequältes grinsen
Vom Hunger benebelt dämlich gequältes Grinsen

Auf dem Gipfel angekommen kreuzt der Weg eine Straße. Ich könnte mich ja auch an den Straßenrand setzen und per Anhalter zurück fahren. Die Leute auf den Inseln sind normalerweise sehr nett und die Chancen, dass jemand anhält, sind groß. Die kleine masochistische Stimme meldet sich allerdings wieder und zwingt mich weiter zu laufen. Der Pfad wird wieder kleiner und führt mich durch ein Tal in den nächsten verwunschenen Wald. An einer Gabelung vermisse ich die Wegmarkierung. Links oder Rechts? Falsch! Zurück. Ich habe mich schon wieder verlaufen. Und ich habe nicht mal ein Brot, um den Weg zu markieren. Oder Schinken, oder… Schnauze Magen!

Links oder rechts?
Links oder rechts?

Der richtige Abzweig war diesmal zum Glück nicht ganz so weit weg. Die weiß-gelbe Markierung zeigt mir den Weg.

weiß-gelb zeigt mir den Kurs
Weiß-gelb zeigt mir den Kurs

Es geht immer weiter hinauf und die Vegetation wird karger. Aus Bäumen werden kleine Büsche, aus Palmen werden Kakteen. Ich erreiche den höchsten Punkt der Tour und werde mit einem atemberaubenden Ausblick auf die Küste belohnt. Das war es wert.

Die Belohnung
Die Belohnung

Unten im Tal sehe ich Igueste. Da muss ich hin. Dort fährt der Bus alle zwei Stunden und an der Küste gibt es immer Restaurants. Das Ziel ist in Sicht. Vorbei an ein paar Ziegen steige ich über den Berg und beginne mit dem Abstieg.

Määähhhh!
Määähhhh!

Ich habe es geschafft. Ich bin dem Hexenwald entkommen. Hier gibt es keinen Nebel und keine düsteren Pfade. Auf dieser Seite der Berge wachsen fast nur noch Kakteen. Jeder meiner Schritte wird von einem Rascheln im Unterholz begleitet. Tausende kleine Eidechsen flitzen durch die Gegend und verstecken sich vor meinen großen Füßen.

Sommer, Sonne, Kaktus.
Sommer, Sonne, Kaktus.

Irgendwann erreiche ich wieder eine Straße. Es sind nur noch ein paar hundert Meter bis in den Ort. Meine Schritte beschleunigen sich. Ich kann es riechen. Was zum Essen. Wieder werde ich von Katzen begrüßt. Doch diesmal sind es weiße Katzen. Sissi war eine schwarze Katze und eigentlich bringen uns schwarze Katzen immer Glück. In einem verhexten Wald gelten wohl andere Gesetze. Jedenfalls finde ich kurz hinter den Katzen eine Tapas Bar und stopfe mir den Wanst voll.

Glückskatzen
Glückskatzen

Für die 10 Kilometer habe ich etwa 5 Stunden gebraucht. Bei diesem Schnitt rechne ich mir beste Chancen aus, sollte ich mich mal bei DHL bewerben.

Prost!
Prost!

Abschiedsessen und Ausklarieren

Unsere Zeit auf Teneriffa geht dem Ende zu. Deswegen haben wir uns mit den Crews der Roede Orm und der Grace zu einem gemeinsamen Abschiedsessen im Restaurant verabredet. Erfahrungsgemäß ist es besser, wenn man die Feierlichkeiten zum letzten Abend am vorletzten Abend laufen lässt. Dann startet man ausgeschlafen und ausgeruht in den Segeltag.

La Hierbita

Ich spaziere also am Nachmittag durch die Stadt und versuche, ein Restaurant wieder zu finden, das mir vor ein paar Tagen schon aufgefallen ist. Wenn man zur besten Essenszeit mit sieben Personen irgendwo einfällt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie einen wieder davon schicken.

Der Kellner, der meinen Reservierungswunsch in das dicke Buch einträgt, meint zu mir, dass es ein hässlicher Abend sei. Es sei viel los, weil ein Festival stattfindet. Tatsächlich bauen sie schon seit Tagen das Konzertgelände direkt neben der Marina auf.

Konzertgelände

Jens und ich machen uns langsam ausgehfertig und gehen noch einmal unter die Dusche. Beinahe wollen wir schon von Bord gehen, da klopft es an die Bordwand. Drei einigermaßen abgerissene Gestalten stehen dort und mein erster Gedanke ist, dass da schon wieder Anhalter über den Atlantik mitgenommen werden wollen.

Spanish Customs
Der erste der drei hält mir einen offiziellen Ausweis unter die Nase und wenige Minuten später sitzt der spanische Zoll bei uns im Cockpit. Wir werden ausgefragt über unsere Reiseroute, müssen alle möglichen Schiffsdokumente hervorzaubern und anschließend wird Sissi noch fotografiert. Gleich nach der Ankunft meint der Oberzöllner zu uns: “I apologize in the name of the Spanish Kingdom for the man that is going to sing!” Auf gut Deutsch: Der Zöllner hat sich für den Kerl entschuldigt, für den sie die Bühne aufgebaut haben. Noch hören wir nichts. Der Zöllner bemerkt außerdem, dass seine Großmutter ein großer Fan des Sängers sei.

Schlange am Einlass

Wir treffen uns also mit der Roede Orm und der Grace vor den Marinatoren. Dabei sehen wir zu, wie die Schlange am Einlass langsam vorrückt. Wir hoffen, dass wir beim Abendessen das Konzert verpassen.

Die Sitzreihen füllen sich.

Meine Nase hat mich nicht betrogen. Das Restaurant ist gut. Das Restaurant ist richtig gut. Wir schlemmen ordentlich. Als dumme Deutsche haben wir uns pro Person eine Vorspeise bestellt, davon eine Vorspeise drei Mal. Das war Blödsinn, denn die Spanier sind es gewohnt, ihre Vorspeisen am Tisch zu teilen. Ein Teller wäre auch genug gewesen, da hätten wir besser noch eine andere Vorspeise dazu bestellt. Auch der Hauptgang ist lecker, ein Dessert passt bei keinem mehr rein.

Drei Segelboote an einem Tisch

Mit prall gefülltem Magen rollen wir uns wieder zurück an Bord. Schon mehrere hundert Meter vor der Marina ist das Konzert zu hören. Es bringt nichts, dass einige der Protagonisten noch an verschiedenen Geldautomaten Zeit schinden, wir hören das Konzert auch an den Geldautomaten.

Konzert läuft

Also setzen wir uns noch gemeinsam ins Cockpit der Sissi und feiern weiter, denn man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Bei dem Gejodel aus dem Konzert ist an Schlaf nicht zu denken. Ach ja, wir haben den Hauptdarsteller auf Youtube gefunden:

Der Zöllner tat recht daran, sich zu entschuldigen.

Am Mittag des folgenden Tages gehe ich zur Hafenpolizei. Ich habe alle Papiere von Sissi und der Crew dabei.

Das Ausklarieren ist in 10 Minuten erledigt, viel länger hat es gedauert, den Polizisten vor dem Gebäude zu erklären, was ich von ihnen haben möchte.

Nun haben wir mit Sissi offiziell die Europäische Union verlassen und müssen innerhalb der nächsten 24 Stunden (oder so ähnlich) den Hafen verlassen. Nichts anderes haben wir vor. Adios Espana. Tschüß Europa. Karibik, wir sind fast schon unterwegs.

3. Advent

Und schon wieder ist eine Woche vergangen. Wir haben die Insel gewechselt und sind auf Teneriffa. Dort liegen wir in der Hauptstadt Santa Cruz – nicht ohne Grund. Hier kann ich ein letztes Mal vor der Karibik ein paar Straßenbahnbilder aufnehmen, die Versorgungslage ist gut und wir können ausklarieren, uns also Ausreisestempel in die Pässe machen lassen. Der dritte Advent wird auch der letzte Sonntag sein, den wir in diesem Jahr an Land verbringen. Morgen wollen wir in die Karibik starten.

Santa in der Kugel

In Santa Cruz hat man für die Weihnachtsdekoration in die Vollen gegriffen. Die paar Lämpchen, die wir in Playa Blanca auf Lanzarote aufnehmen können, sind nur eine Kleinigkeit gegenüber der Deko hier.

Christbaumkugeln

Auf Teneriffa gibt es echte Bäume, also mussten die Stadtmütter und -Väter keine künstlichen Tannen montieren lassen.

Fußgängerzone nach Ladenschluss

Es sind nicht mehr viele Fußgänger in der Fußgängerzone unterwegs, da unterscheidet sich Santa Cruz nicht von Frankfurt. Dafür hängt aber ein großer Lichterteppich darüber. Weihnachtsenten, Weihnachtsflamingos und Weihnachtspapageien leuchten im Wettstreit mit Weihnachtsdelphinen.

Zentraler Platz

Der zentrale Platz gegenüber dem Hafen ist mit Weihnachtsfesselballons dekoriert, dazu in Rot die schönen Weihnachtspalmen.

Kirche gegenüber der Marina

Die Kirche gegenüber der Marina wird weihnachtlich beleuchtet. Insgesamt also ein schöner Rahmen für den dritten Advent.

Wir wünschen allen weiterhin eine fröhliche Rest-Adventszeit. Feiert schön, wir fahren morgen ab. Die Spannung steigt, die Vorfreude allerdings auch. Weihnachten und Silvester werden wir auf dem Atlantik verbringen, wenn unsere Pläne aufgehen.

Santa Cruz – ich werde schwach…

Der erste Eindruck nach Verlassen der Marina ist heftig. Neben der Marina ist der Hafen, in welchem Fähren und Kreuzfahrtschiffe festmachen.

Hafenanlage vor Gebirgszug

Mein erster Gedanke über Santa Cruz war, dass diese Stadt unglaublich hässlich ist. Sie ist besonders hässlich, wenn sich hunderte Kreuzfahrt-Touristen durch die Innenstadt schieben. Gestern war es besonders krass, zwei deutsche Schiffe lagen hier im Hafen. Ein Paar aus Sachsen hat mich auf der Straße mit schwer sächsisch gefärbten Englisch-Brocken beworfen. “we – camera – click – picture – us”, dabei zeigten sie mir den Auslöser ihrer Kamera. Als ich versuchte, das mit breitestem Hessisch zu kontern “Isch verschdeh’ kein Wortt!”, haben sie sich erbost umgedreht und sich gegenseitig fotografiert. Na gut, nicht mein Problem.

Innenstadt von Santa Cruz

Spaziert man dann mit offenen Augen durch die Stadt, breitet sie sich mit ihrem ganzen Charme aus. Ich musste zweimal hinsehen, dann hat sich mir die Schönheit im Chaos erschlossen. Neben den Wohnsilos, die an die Berghänge geklebt wurden, finden sich immer wieder kleine Gassen mit Restaurants und Läden. Die Restaurants riechen fast ausnahmslos gut, ich würde da sofort essen gehen.

Gässchen mit Restaurant an der Ecke

Für die Versorgung finden sich überall Lebensmittelläden, China-Shops (da gibt es wirklich alles!), Baumärkte und und und… DIe Baumärkte haben etwa Garagengröße und wenn sie das gewünschte Teil nicht vorrätig haben, schicken sie einen zum nächsten Baumarkt. Bei den Chinesen ist es übrigens nicht anders, die haben aber immer fast alles da.

Blick über Santa Cruz auf den Hafen

Das wichtigste Verkehrsmittel in Santa Cruz ist die Straßenbahn, dazu fahren hunderte Buslinien und viele, viele Autos verstopfen die steilen Straßen. Wir waren lange nicht in einer Großstadt. In Santa Cruz sitzt außerdem die Dorada Brauerei, die das meiner Meinung nach beste Bier der kanarischen Inseln herstellt. Unbedingt das “Dorada Especial” (schwarze Dosen) kaufen, da ist richtig Geschmack drin. Die roten Dosen sind besser zu meiden.

Straßenbahn vor der Dorada Brauerei

Es werden auch Brauereiführungen angeboten, die habe ich mir aber erspart. Der Prozess der Herstellung des Gerstensafts ist mir hinlänglich bekannt.

Den Straßenkehrer musste ich aufnehmen. In Frankfurt liest man immer wieder mal in der Zeitung, dass sich die Straßenkehrer ihre Reisigbesen selbst binden (müssen), mit denen dann die Straße poliert wird. In Santa Cruz nimmt man einfach Palmwedel, die müssen nicht gebunden werden und erfüllen denselben Zweck.

Die Straße wird mit einem Palmwedel gefeudelt

Beim Stromern durch die Innenstadt stößt man dann immer mal wieder auf einen kleinen Platz mit großen Bäumen und einem historischen Gebäude. Oder es findet sich noch eine Gasse, in der Restaurants ihre Tische vor die Tür gestellt haben.

Das alles im Dezember. Winterliche Stimmung mag bei mir nicht mehr aufkommen. Auch die Telefonate in die Heimat sind nur schwer nachzuvollziehen, wenn von Schneeregen, Temperaturen um den Gefrierpunkt und dunklen Tagen berichtet wird. Wir tragen hier T-Shirts, kurze Hosen und laufen in Sandalen herum. Dabei sind es tagsüber angenehme 22°C, in der Nacht kaum weniger.

Kleiner Platz mit schönen Bäumen

Wie ich mich da so durch die Innenstadt treiben lasse, sehe ich plötzlich ein Gebäude, das aus der Masse heraus sticht. Das muss ich mir genauer ansehen. Was ist das? Warum ist da so viel los? Ich komme näher und sehe, es handelt sich um einen Markt.

Mercado de nuestra senora de africa

In Frankfurt bin ich regelmäßig auf Märkten unterwegs und kaufe dort fast alle meine Lebensmittel. Das war auf unserer Reise oft nicht möglich, die Märkte schließen in Portugal sehr früh und wir schlafen lange. In Großbritannien haben wir keine Märkte gesehen und z.B. auf Lanzarote gab es keine brauchbaren Märkte.

Obere Ebene

Es sieht auf dem Bild zwar nicht so aus, aber auf der oberen Ebene des Marktes tummeln sich sehr viele Touristen. Es werden Blumen und Handwerkskunst verkauft. Und Nippes. Und Weihnachtskram. Spannender finde ich die untere Ebene.

Untere Ebene des Marktes

Im Untergeschoss finde ich eine lange Reihe von Fischhändlern, Metzgereien, Obstständen, Gemüseläden, Käseverkäufern, und und und. Es erinnert mich sofort an die Kleinmarkthalle in Frankfurt. Es kommen Heimatgefühle auf.

Obststand

Ich werde schwach. Eine Fischhändlerin hält mir einen Thunfisch entgegen, sie darf sofort zwei schöne Thunfischsteaks für Jens und mich herunter schneiden. Der sieht soooo gut aus.

Wegbeschreibung

Wenige Minuten später fallen einige Mini-Paprika aus Teneriffa in meinen Rucksack, gefolgt von einer riesigen Süßkartoffel aus Lanzarote. Hier kann man richtig lokal einkaufen, so macht es Spaß. Ich schicke Jens, der mich bei meinem Straßenbahn-Fotospaziergang nicht begleiten wollte, eine Nachricht, dass das Abendessen gejagt ist.

Wir werden auf diesem Markt noch die frischen Waren besorgen, die wir für unsere Atlantiküberfahrt kaufen wollen.

Das Abendessen war ein voller Erfolg. Wir haben mal wieder geschlemmt, wie die Götter in Frankreich. Das Beste ist, dass der Markt nicht einmal einen Kilometer von der Marina entfernt ist. Ich sehe uns schon, wie wir unseren prall gefüllten Hackenporsche zurück zu Sissi fahren. Mir knurrt beim Schreiben dieser Zeilen schon wieder der Magen.

Santa Cruz ist nicht hässlich. Santa Cruz ist anders. Es erschließt sich einem nicht sofort, doch wenn es einen erwischt hat, macht es einfach nur Laune.

Vilaflor

Auf Teneriffa findet der größte Teil des ÖPNV mit Bussen statt. Es gibt Expressbusse, die über die Autobahnen die größeren Ortschaften miteinander verbinden, außerdem gibt es lokale Busse, sogenannte Guaguas. Die Busse fahren im dichten Takt und beinahe rund um die Uhr, man kann alle Flecken auf Teneriffa damit erreichen. So steht es sinngemäß auf einschlägigen Internetseiten über diese schöne Insel.

Betrieben werden die Busse von Titsa. Auf deren Webseite gibt es auch irgendwie Online-Fahrpläne. Ich bin normalerweise nicht überfordert mit fremden Bus-Systemen, Tarifen und Fahrplänen, doch hier musste ich das Handtuch werfen. Eigentlich wollten Jens und ich zum Teide, dem höchsten Berg auf den Kanaren. Die Konsultation verschiedenster Webseiten erbrachte als Ergebnis, dass es genau zwei Busse am Vormittag gibt, die zur Talstation der Seilbahn auf den Teide fahren. Und es gibt zwei Busse am Nachmittag. Das passt nicht so ganz zum dichten Takt. Wenn wir um 6:30 Uhr aufgestanden wären, hätten wir einen dieser zwei Busse erreichen können. Das ist indiskutabel. Diese Uhrzeit gibt es auf der Sissi nur, wenn wir unterwegs sind und unseren 24/7-Betrieb machen.

Wir verzichteten trotzdem darauf, einen Mietwagen zu nehmen, und spazierten statt dessen zum Intercambiador, dem zentralen Busbahnhof in Santa Cruz. Er befindet sich nur einen knappen Kilometer von der Marina entfernt. Dort starten sowohl lokale Busse als auch die Fernbusse über die Insel. Wir gehen an den Auskunftsschalter und erfragen eine Verbindung nach Vilaflor, einer Ortschaft ca. 20 km vom Teide entfernt. Wir hatten die Hoffnung, von dort aus den Teide sehen und fotografieren zu können.

Im Expressbus

Die freundliche Dame am Schalter erklärt uns, dass wir zunächst den Expressbus nach San Isidro nehmen müssen, dort in den lokalen Bus nach El Medano umsteigen sollen und in El Medano einen Bus nach Vilaflor erreichen würden. Das ist einfach. Der Expressbus fährt auch schon in einer Viertelstunde. Spitze, so haben wir uns das vorgestellt.

Auf der Autobahn gibt der Busfahrer richtig Gas und überholt, was zu überholen ist. Das Foto zeigt den Bus auf der bevorzugten linken Spur. Das 40 km entfernte San Isidro ist nur eine Haltestelle weit entfernt.

WLAN im Bus

Der Bus ist nicht überfüllt und es gibt sogar WLAN. Das ist nicht besonders schnell, aber es genügt für ein paar Aufrufe von Internetseiten, den Versand von Nachrichten und den Abruf von Wetterdaten für unsere Atlantiküberquerung.

Während unser Bus noch in die Bushaltestelle San Isidro einfährt, sehen wir zeitgleich den Bus nach El Medano zur Haltestelle rollen. Eine perfekte Umsteigebeziehung. Aus Deutschland kennen wir das nicht in dieser Qualität. Auch der lokale Bus nach El Medano ist pünktlich und hat WLAN. In El Medano ist es allerdings vorbei mit der Herrlichkeit. Wir finden an der Endhaltestelle den Fahrplanaushang für den Bus nach Vilaflor nicht.

Eine kurze Nachfrage beim Busfahrer, der uns nach El Medano gebracht hat, ergibt, dass dort gar kein Bus nach Vilaflor fährt. Wir sollen wieder bei ihm einsteigen, er bringt uns nach Granadilla. Dort könnten wir nach Vilaflor umsteigen. Okay, denken wir, dann machen wir es halt so. Der Bus fährt also wieder nach San Isidro zurück, danach weiter nach Granadilla.

Busbahnhof in Granadilla

Granadilla ist ein etwas verschlafener Ort am Fuße der Berge. Wir haben etwa eine halbe Stunde Aufenthalt und finden tatsächlich den übersichtlichen Fahrplan für die Busse nach Vilaflor. Es gibt ziemlich genau fünf Verbindugen am Tag. Immerhin hat der Aushangfahrplan mehr Verbindugen anzubieten als Google. Google kennt nur zwei.

Wartende in Granadilla

Unser Bus steht schon da, der Fahrer ist noch nicht zu sehen. Er kommt pünktlich zur Abfahrtszeit zu seinem Bus gelaufen, öffnet die Tür und die wenigen Fahrgäste können einsteigen. Die Tarife geben es übrigens nicht her, eine durchgehende Fahrkarte von Santa Cruz nach Vilaflor zu kaufen, bei jedem Umstieg löst man eine neue Karte.

Busfahrt von Granadilla nach Vilaflor – hier ist die Straße noch breit

Dann beginnt eine wilde Fahrt über schmale Straßen ins Gebirge. Dieser Bus hat kein WLAN mehr, wir hätten auch keine Zeit mehr gehabt, auf den Handys zu daddeln, denn die Landschaft wird wunderschön. Immer höher und höher windet sich das asphaltierte Band ins Gebirge. Immerhin ist der höchste Berg über 3000 Meter hoch.

Blick aus dem Bus bis zum Meer – auf Teneriffa gibt es Bäume (im Gegensatz zu Lanzarote)

Knapp zweieinhalb Stunden nach unserer Abfahrt in Santa Cruz erreichen wir Vilaflor. Wir steigen aus und spazieren die Hauptstraße entlang. Es fühlt sich an, als wären wir in einer anderen Welt. In Santa Cruz ist alles verbaut und voll. Es herrscht Trubel auf den Straßen und der Verkehr tost. Vilaflor fühlt sich an, als hätten wir die Insel gewechselt.

Hauptstraße von Vilaflor

Kleine Restaurants, Bars und Hotels säumen die Hauptstraße. Viele Fahrradfahrer nutzen den Ort zur Rast. Die Sonne scheint vom Himmel, doch mir ist kalt. Der Ort liegt ziemlich hoch. Warum habe ich den Pulli auf der Sissi liegen gelassen? In der Ortsmitte finden wir den Dorfplatz, der sogar recht modern gestaltet ist. Wir fotografieren wie die Wilden.

Jens hat am zentralen Dorfplatz gerade ein Foto geschossen

Oberhalb des Dorfplatzes ist eine kleine Kirche. Im Gegensatz zu vielen anderen Kirchen ist sie nicht verschlossen. Das ist selten.

Kirche in Vilaflor

Wir betreten den Raum der stillen Andacht um zu sehen, wie dieses Gotteshaus gestaltet ist. Die Kirche übertrifft unsere Erwartungen. Wiewohl in Spanien die Kirchen oft opulent ausgestattet sind mit Figuren, Fenstern und sonstigem Schmuck, hätten wir einen so schönen Innenraum in diesem kleinen Ort nicht erwartet.

Kirche von Vilaflor (Innenraum)

Tatsächlich sind sogar unter der Woche Menschen zur Andacht im Gebäude. So muss dieses eine Foto reichen, dann verlassen wir die Kirche wieder.

Jörg in Vilaflor

Dann erwischt mich Jens noch mit der Kamera. Zum Glück stehe ich etwas im Schatten, so dass ich das Bild guten Gewissens mit ins Blog aufnehmen kann. Anschließend gehen wir zum Bus zurück, denn wir haben nur noch 20 Minuten bis zur Abfahrt des letzten Busses. Irgendwie hatten wir aus dem Gedächtnis verloren, dass es fünf Abfahrten am Tag gibt. Google behauptet hartnäckig, dass der letzte Bus um 13:22 Uhr fährt.

Jens spaziert in Vilaflor

Wir sind um 13:10 Uhr an der Haltestelle und lesen noch einmal den Fahrplan. Es gibt eine weitere Abfahrt um 15:00 Uhr. Spontan planen wir um. Jens möchte noch ein paar Kilometer die Straße entlang bis zu den schönsten Serpentinen laufen ich möchte einfach noch etwas im Ort herumlungern. Als Jens schon weg ist, fährt zunächst der Bus um 13:18 Uhr (Fahrplan, nicht Google) durch. Dann kommt ein Engländer mit Wanderausrüstung und wartet auf den Bus um 13:22 Uhr (Google, nicht Fahrplan). Ich erkläre ihm, dass sein Bus gerade abgefahren ist und dass Google lügt. Das findet er nicht toll, ändern kann er es aber auch nicht. Jetzt muss er sehen, wie er seine Fähre um 18 Uhr in Santa Cruz bekommt.

Eine Stunde später sitzen Jens und ich in der Bar neben der Bushaltestelle. Wir trinken ein Bier auf den gelungenen Tag. Anschließend geht die Reise wieder zurück.

Auf dem Rückweg nach Santa Cruz – da unten werden wir in wenigen Tagen segeln!

Wir erreichen pünktlich unser Ziel, finden eine Burger Bar mit leckeren Fleischklopsen und gutem Internet. Dort hören wir die erste Halbzeit des Spiels unserer Eintracht gegen Guimaraez. Die zweite Halbzeit hören wir an Bord, anschließend feiern wir den Einzug in die nächste Runde des Europapokals standesgemäß mit einem echten Apfelwein. Ein gelungener Tag, auch wenn wir den Teide nicht gesehen haben.

Angekommen auf Teneriffa

Nach ziemlich genau 26 Stunden Fahrt oder 136 Meilen sind wir auf Teneriffa angekommen. In den letzten Stunden vor der Ankunft hat der Wind leider ziemlich abgenommen, sonst hätten wir die Strecke in weniger als 24 Stunden geschafft. Aber wir sind hier, im letzten Hafen vor der Karibik. Wenn alles nach Plan läuft.

Sonnenaufgang zwischen Lanzarote und Teneriffa

Der Wind kam die ganze Zeit aus achterlichen Richtungen, die Wellen auch. Das hat (wie üblich) die Auswirkung gehabt, dass Jens sein Abendessen mit Neptun geteilt hat. Eigentlich hat er alles an Neptun verfüttert. Ich hätte mir das schöne Steak lieber selbst reinziehen sollen. Mit gutem Willen hätte ich dafür noch Platz gefunden. Während er seine Seekrankheit ausschlief, habe ich ihm noch eine Tomaten-Tütensuppe mit Reis in eine Thermoskanne gefüllt. Die ist dann drin geblieben.

Teneriffa in Sicht

Beim Landeanflug war der Kontakt zur Marina über VHF Kanal 9 unproblematisch, ein Marinero hat uns am Steg erwartet und beim Anlegen geholfen. Unsere neuen Nachbarn sind freundliche Franzosen, bei denen ich mal wieder meine Kenntnisse in ihrer Landessprache üben kann.

Das WIFI ist hier kostenpflichtig. Dafür ist es allerdings auch rattenschnell. Es kostet etwa 2€ am Tag und das ist es auch wert. Wir haben innerhalb kurzer Zeit schon Seekarten aktualisieren können, auch das Hessische Radio spielt wieder ohne Aussetzer. Da freuen wir uns doch schon auf das Eintracht-Spiel am Donnerstag.

Andenken aus der Marina Rubicon: In der Marina Rubicon muss man sich Adapter für das Landstromkabel gegen 50€ Pfand ausleihen, die dort verbauten Steckdosen reichen für 32A und haben die großen Stecker. Die Adapter sind nicht wasserdicht. Deswegen ist unser Landstromstecker im Laufe der Zeit voll Wasser gelaufen. Das hat hier in Santa Cruz erst einmal den FI-Schalter herausgehauen. Natürlich haben wir auf diese Weise auch den freundlichen Franzosen den Strom geklaut. Danke, Marina Rubicon!

Laut Google ist der nächste Supermarkt nur 300 Meter entfernt, auch in die Innenstadt ist es nicht weit. Wir werden das ausprobieren.