Sonnenschein am Horizont

Es ist Donnerstag. Endlich. Die letzten beiden Tage waren sehr anstrengend. Anstrengend im Sinne von langweilig. Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Am Rosenmontag wird noch bis Mittag gearbeitet, dann legt sich der Karneval wie eine Decke über die Inseln. Überall gibt es Karnevalsumzüge und die Menschen feiern auf der Straße. Gearbeitet wird bis Donnerstag nicht mehr, nur noch in der Werft. Nicht von den offiziellen Firmen, ich sehe Fred in der ganzen Zeit nicht. Doch die Schleifmaschinen und Hochdruckreiniger verstummen nie, die Bootsbesitzer arbeiten an den eigenen Booten.

Sonnenschein am Morgen

Während ich meinen Morgenkaffee schlürfe, werde ich wie fast jeden Morgen Zeuge einer Ankunft der besonderen Art. Irgendwo draußen in der Bucht lebt ein Mann auf seinem Boot, der in der Werft in verschiedensten Jobs als Tagelöhner arbeitet. Das Besondere an seiner Ankunft ist, dass er an seinem Dinghi keinen Motor hat. Und dass er immer alles (!) mitnimmt, was er im Dinghi mit sich führt.

Das Dinghi wird komplett entladen.

Nebenbei kann ich sehen, dass der Rollladen vor Freds Werkstatt geöffnet ist, sein Auto steht auch vor der Tür. Also beeile ich mich mit meinem Kaffee, es kann immer schnell geschehen, dass Fred in sein Auto springt und davonfährt. Der alte Mann nimmt seine Sachen und ein Arbeiter ruft ihm schon zu, wo er heute arbeiten soll.

Ein neuer Arbeitstag kann beginnen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an das verschwundene Fahrrad. Das sichern wir inzwischen mit der Kette am Mast. Es an den Wanten anzuschließen würde ich mich nicht trauen, nicht dass irgendwer auf die Idee kommt, die Wanten seien leichter zu durchtrennen als die Kette.

Auf Dauer ist es zu umständlich, das Fahrrad immer wieder unter Deck zu tragen.

Doch der beste Diebstahlschutz ist der des alten Mannes. Auf jeden Fall muss ich noch schnell den letzten Schluck Kaffee trinken. Eine bevorzugte Sorte habe ich hier noch nicht gefunden. Es gibt zwar hunderte verschiedener Geschmacksrichtungen für Kapselkaffee, die Zahl der Sorten bei ungemahlenen Bohnen ist sehr überschaubar. Starbucks hat einige Regalmeter im Carrefour übernommen.

Was nicht da ist, kann nicht geklaut werden. Und dieses Dinghi klaut nun wirklich niemand.

Fred ist noch in seinem Büro. Ich frage ihn noch einmal genau, wo sich meine Pumpe befindet. Fred benennt den Bosch-Service, den mir auch Holger von Mercedes genannt hat. Holger wiederum steuert die Telefonnummer des Betriebs und den Namen des Chefs hierzu bei. Also fühle ich mich gerüstet, um anzurufen und nach meiner Pumpe zu fragen. Ich erreiche nur die Mailbox. Mein Anliegen per Mailbox vorzutragen erscheint mir unmöglich.

Destreland

Es ist Donnerstag, es ist kein Karneval mehr, also fahren die Busse. Eike und ich fahren zum großen Einkaufszentrum, weil wir sonst nichts zu tun haben. Zwischenzeitlich versuche ich immer wieder, den Bosch-Service zu erreichen, lande aber immer wieder auf der Mailbox. Das Destreland genannte Einkaufszentrum hat einen riesigen Carrefour, einen Baumarkt und Geschäfte für fast alles. Ausnahmsweise lassen wir den Baumarkt aus und gehen gleich zu den Lebensmitteln, denn Eike möchte heute noch eine Bolognese nach Bordrezept kochen. Ich sitze innerlich auf glühenden Kohlen, weil ich unbedingt mit dem Bosch-Service sprechen möchte.

Riesiger französischer Konsumtempel

Noch ein paar Mal nutze ich das Telefon, dann gebe ich auf. Während wir im Bus zurück sitzen, verkünde ich Eike meinen Plan. Ich werde mich irgendwie zu dem Bosch-Service durchschlagen und persönlich vorsprechen. Immerhin kann man mit dem Bus in dieses Gewerbegebiet fahren, allerdings fährt nur ein Bus in der Stunde. Es könnte also länger dauern. Schlussendlich finde ich aber einen freundlichen Werftarbeiter, der ein Auto hat und bereit ist, mich zu fahren. Und dann scheint irgendwie die Sonne am Horizont. Die Pumpe ist bei Bosch, sie ist fast fertig repariert und spätestens am Dienstag zurück an Bord. Holger freut sich für mich, bis spät in die Nacht tauschen wir noch Nachrichten aus. Ich glaube, er ist neugierig auf den Mercedes Motor im Boot.

Abfahrtsbereitschaft nach einem langen Arbeitstag wiederherstellen.

Kurz nach Sonnenuntergang fährt auch der alte Mann wieder mit seinem Dinghi nach Hause. Ich bin sehr neugierig, auf welchem Boot er lebt. Mit ein wenig Glück werde ich es erfahren, denn wenn wir endlich hier herauskommen, werden wir wohl die erste Nacht im gleichen Ankerfeld ankern. Ich bin erleichtert, dass sich der Verdacht gegen Fred nicht bestätigt hat. Er hat mich nicht angelogen, die Pumpe war tatsächlich so lange in Reparatur. Dennoch werde ich Holger den Motor wieder zusammensetzen lassen. Er kennt den Motor einfach in- und auswendig.

Abfahrbereit. Es geht nach Hause.

Das Abendessen war klasse. Eike hat das Rezept alleine gekocht und ganz viel Geschmack in die Bolognese bekommen. Ich musste nicht drei Stunden in der Küche schwitzen, sondern konnte den spülenden Teil des Jobs in zwanzig Minuten erledigen. Und ich liebe es, wenn mir leckeres Essen serviert wird.

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