Überfahrt nach Barbados Tag 3 – Magie, keine Zauberei

Es soll keiner sagen, dass es auf See an Höhepunkten und Sensationen mangelt. Wir konnten auf unserer Seereise bisher unzählige Vogelviecher beobachten, sahen Delphine, Wale, Schildkröten und inzwischen auch fliegende Fische. Am dritten Seetag jedoch fand der erste Höhepunkt einer zukünftig nicht enden wollenden Reihe von Höhepunkten auf unserer Transatlantik-Tour statt. Und damit meine ich nicht das leckere Gulasch zum Abendessen, bei dem ich mit den in Mindelo erworbenen Scharfmachern etwas unvorsichtig umgegangen bin.

Die Mahlzeiten sind zwar die wichtigsten Fixpunkte des Tages, die Süßwasserdusche ist jedoch ein extremer Höhepunkt. Auf anderen Segelbooten gibt es sie gar nicht, da ist Süßwasser nur für den Kaffee und zum Zähneputzen verfügbar. Um Strom zu sparen, gönnen wir uns “nur” alle zwei Tage eine Süßwasserdusche, dazwischen muss eine Katzenwäsche mit dem Waschlappen reichen. Hatte ich schon erwähnt, dass der Watermaker eine spitzenmäßige Investition war? Heute gab es die erste Transatlantikdusche und sie war toll. Einzig die Schiffsbewegungen waren bei nur gut 3 Windstärken unerquicklich.

Jetzt habe ich Nachtdienst und es ist gerade wahnsinnig schön. Am Himmel steht die Halbmondsichel, manchmal ist sie zwischen den Wolken zu sehen, oft jedoch nur zu erahnen. Der Wind hat etwas aufgefrischt und kommt genau von hinten. Satte vier Windstärken, Tendenz Richtung fünf. Ein Traum. Die Wellen kommen auch genau von hinten, es sind lange, weite, angenehme Wellen. So surfen wir minutenlang die Wellen auf und ab. Dabei liegt das Schiff ganz ruhig im Wasser und macht kaum Geräusche. Nur das Zischen der Wellen ist zu hören, im Hintergrund surrt noch der Windgenerator. Magisch. Minutenlang. Wir fahren dabei mit 6 kn. Toll. Minutenlang. Dann läuft eine Welle quer. Aus ist es mit der Magie, Sissi schüttelt sich und alles klirrt, scheppert, knarzt, klappert und knallt. Eine knappe Minute kehrt dann wieder Ruhe ein, mit der Ruhe schleicht sich die Magie zurück ins Cockpit. Das ist keine Zauberei, hier glitzert der Atlantik magisch im fahlen Mondlicht.

Am folgenden Morgen werde ich durch ein Geräusch wach, das neu ist. Neue Geräusche machen mir immer Sorgen. Ich rufe zu Jens, er möge mal die Windfahne checken, dann bekomme ich als Antwort, dass die Schraube, die wir schon mehrfach ersetzt bzw. festgezogen haben, sich schon wieder auf Abwege macht. Das Hauptproblem ist, dass wir keine Unterlegscheiben mehr für M12er Schrauben haben. Ich schlumpfe uns eine Unterlegscheibe aus einem Kabelschuh für M12. Dann ergänze ich das mit einer halben Tube Schraubenkleber (eine Welle hat mich zu fest auf die Tube drücken lassen) und ziehe die Schraube wieder ordentlich fest. Wenn der Hersteller nur ein Drehmoment angegeben hätte, so muss es halt aus dem Handgelenk kommen.

Die Sonne scheint, der Himmel ist leicht diesig, der Wind bläst nur mit Windstärke 3. Also kommen wir nur langsam voran, doch auch heute konnten wir das Etmal von gestern wieder überbieten. Wenn das so weitergeht, werden wir in der letzten Woche nach Barbados rasen.

3. Etmal: 106 nm
Position um 12 Uhr: N15°48′ W29°27′
Noch 1757 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 301 Meilen hinter uns.

Frühstück auf dem Atlantik

Überfahrt nach Barbados Tag 2 – Zwiebelbrot und Müdigkeit

Unser erster vollständiger Seetag beginnt verschlafen, wie es auf der ganzen Welt bei den Menschen am 1. Januar eines jeden Jahres üblich ist. Allerdings sind wir nicht verschlafen, weil wir uns die Lichter mit Alkohol ausgeschossen hätten, sondern weil die erste Nacht auf See zumeist grausam ist. Der Atlantik lässt Sissi rollen, wir rollen in den Betten und haben uns noch nicht wieder daran gewöhnt. Deswegen haben wir alle nicht genug Schlaf bekommen.

Entsprechend langsam läuft alles an. Wir müssen ein neues Brot machen, das Zwiebelbrot ist aufgegessen. Wir machen zur Zeit ein neues Brot an jedem Tag. Wir machen jeden Tag ein neues Zwiebelbrot. Das muss aufhören, sonst haben wir weder genug Zwiebeln noch genug Mehl, um uns über den Atlantik zu backen. Aber ich setze noch einmal einen Teig an und dabei setze ich einen oben drauf. Ich leere eine Packung Schinkenspeck (ganz klein gewürfelt) in den Brotteig. Ein Brot mit Zwiebeln und Speck. Mein nächstes Brotprojekt wird dann ein Marmeladenbrot. Oder ich backe ein Leberwurstbrot.

Anschließend machen wir ein Chili con carne. Wir müssen essen, wir sind alle hungrig. Der Geruch der bratenden Zwiebeln für das Zwiebelspeckbrot macht uns wahnsinnigen Appetit. Ich hätte gerne einen Deich aus Reis um mein Chili herum gehabt, aber Jens rührt den Reis brutal in den Chilitopf rein. Er ist zu faul zum Anrichten. Dafür wird er bei der nächsten Lasagne büßen. Dann rühre ich ihm Nudeln in die Bolognesesauce und nenne es “Lasagne für faule”.

Die zweite Nacht auf See ist besser. Wir sind einerseits wieder mehr an das Schaukeln gewöhnt, andererseits hat das Schaukeln auch schwer nachgelassen. Die ganze Zeit haben wir versucht, vor einer Flaute in Richtung Südwest zu entkommen, beim Herunterladen der neuen Vorhersage können wir aber sehen, dass sich die Flaute in Luft aufgelöst hat. Um so besser. Die Halse ist schnell gemacht und jetzt laufen wir mehr oder minder direkt in Richtung West, direkt nach Barbados. Wir erklären Jakob die Handhabung des Radargeräts, damit er in der Nacht auf seiner Wache auch nach Squalls schauen kann.

Wir sehen nichts und niemanden. Hier sind keine anderen Schiffe unterwegs. Nur der endlos weite Atlantik ist vor der Tür unseres schwimmenden Wohnmobils mit dem besten Ausblick.

2. Etmal: 103 nm
Position um 12 Uhr: N15°42 W27°40
Noch 1860 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 195 Meilen hinter uns.

Atlantischer Ausblick

Überfahrt nach Barbados Tag 1 – Happy New Year!!!

Der letzte Tag des Jahres ist auch zugleich unser letzter Tag in Mindelo. Wir wollen gegen Mittag starten. Zuvor muss noch Diesel getankt werden. Marc von der Gentoo schreibt mir eine Warnung, nicht die Tankstelle in der Marina zu benutzen. Es hätten drei Boote der ARC dort getankt und Probleme mit dem Diesel bekommen. Das Risiko wollen wir nicht eingehen, wir tragen 130 Liter Diesel von der nächsten Straßentankstelle an Bord. Der Marina-Tankwart lacht uns aus, denn der Diesel kostet an der Straße 1 Eurocent mehr. Ich lasse mich lieber auslachen, als später mit Dieselpest irgendwo hängen zu bleiben.

Dann verlassen wir die Marina. Vollkommen unspektakulär, wir fahren einfach raus. Es steht niemand am Steg, um uns zu verabschieden. Wer auch? Alle anderen sind schon unterwegs. Wir werden sie auf Barbados bzw. Martinique wieder sehen. Ich mache uns einen Schweinebraten mit frischen Paprika und kanarischen Kartoffeln, die langsam gegessen werden wollen. Wir haben sie schnell gegessen. Die Sauce zum Schweinebraten dicke ich mit ein wenig Mehl an, damit sie nicht sofort vom Teller gesprungen kommt. Es funktioniert. Trotz des Rollens bleibt die Sauce auf dem Teller. Wir bauen Kartoffeldeiche.

Um Mitternacht löst mich normalerweise Jakob bei der Wache ab. Diesmal schalte ich um Mitternacht zusätzlich das Nebelhorn ein, läute die Schiffsglocke und drehe das Radio auf große Lautstärke. Wir machen unsere eigene Silvesterparty. Weil das alles so viel Spaß macht, beschließe ich, gleich mal die Zeitzone zu ändern, in der wir uns befinden. Die Kapverden ragen sowieso unangemessen weit in die nächste Zeitzone rein. Wir sind jetzt auf UTC -2 und damit drei Stunden hinter Deutschland. Außerdem haben wir noch einen Jahreswechsel vor uns, den wir um Mitternacht dann prompt feiern – mit Nebelhorn, Schiffsglocke und lauter Musik. Leider ist der Himmel bedeckt, wir können keine Sterne sehen.

Gegen zwei Uhr gehen Jens und ich dann ins Bett. Jens hat seine Wache noch vor sich, ich meine hinter mir. Alles wie immer, alles Routine. Sissi knarzt, das Wasser rumpelt im Tank und in den Schränken scheppert das Geschirr. Es läuft!

Ach ja, noch etwas: Auch diesmal hat Jens sein Abendessen nicht mit Neptun geteilt. So langsam gewöhnt er sich an das Leben auf See.

1. Etmal: 92 nm
Position um 12 Uhr: N15°58 W26°04
Noch 1954 Seemeilen bis nach Barbados.

Adieu Mindelo

Atlantik Tag 7 – Fish and chips and Muskelschmerzen

Die Windvorhersage für die kommenden Tage ist nicht wirklich berauschend. Wir versuchen, auf unserem Weg nach Mindelo so viel Strecke unter Segel zu machen, wie es möglich ist, bevor der Wind stark nachlassen wird. Der Nachmittag verläuft ohne weitere Schäden am Material, wir entspannen uns. Und wir beginnen zu spinnen. Als ob Mindelo nicht noch knapp 200 Meilen von uns entfernt liegen würde, sprechen wir über Landausflüge, Sightseeing und die Mahlzeiten, die wir einkaufen wollen. Trotz der eher rolligen See gelingt es uns allen, eine kalte Dusche zu nehmen. Erfrischend!

Jens angelt ein schönes Stück Fleisch aus dem Kühlschrank. Das wird zu Gulasch geschnitten. Dazu verarbeitet er all das Gemüse, das sich noch verarbeiten lässt. Jetzt sind wir ohne frische Ware. Die Sachen waren nach einer Woche auf See teilweise in grenzwertigem Zustand. Wir mussten insgesamt jedoch nur sehr wenig wegwerfen. Im Abendprogramm zeige ich die Rohfassung eines kleinen Films, den ich derzeit über unsere Passage nach Sao Vicente am schneiden bin. Danach schauen wir noch einen Film aus der bordeignen Videothek.

Jakob und ich baumen noch die Genua aus, bevor er sich ins Bett legt. Der Wind lässt langsam nach, fünf Stunden früher, als die Vorhersage versprochen hat. Während ich mit dem Baum hantiere, fällt mein Blick auf das Vordeck. Kaum zu glauben, wir haben einen Fisch gefangen! Unser erster fliegender Fisch liegt dort und wartet darauf, mit dem Stinken anfangen zu können. Die fliegenden Fische verwesen sehr schnell, besonders wenn die Sonne scheint. Ab sofort müssen wir Sissi regelmäßig auf fliegende Fische kontrollieren. Als ob wir nicht schon genug zu kontrollieren hätten. Ich hole mir eine Tüte Chips.

Während ich in den Schlaf gerollt werde, bemerke ich jeden Muskel an meinen Armen, an meinem Oberkörper, selbst in den Fingern. Es schmerzt. Seit einer Woche bin ich damit beschäftigt, mich immer irgendwo festzuhalten. Oder ich drehe eine Winschkurbel. Oder ich halte mich irgendwo fest, während ich eine Winschkurbel drehe. Das strengt an. Jahrzehnte der Vernachlässigung meiner Muskeln als Mausschubser an meinem Schreibtisch machen sich bemerkbar. Jens und Jakob haben diese Probleme nicht. Jens ist viel in Kletterhallen unterwegs gewesen, Jakob ist einfach nur jung. In dieser Situation fühle ich mich richtig, richtig alt.

Der folgende Tag begrüßt uns mit Sonnenschein. Wir haben keine neuen Defekte an Bord. Einen solchen 23. Dezember hatte ich noch nie in meinem Leben. Im Schiff sind es angenehme 24°C, draußen bläst eine erfrischende Brise. Wir sehen immer wieder mal einen Schwarm fliegender Fische vorbei ziehen und am Horizont das Segel eines anderen Segelboots. Das Leben ist schön.

7. Etmal: 117 nm
Position um 12 Uhr: N17°50′ W23°55′
Noch 79 Seemeilen nach Sao Vicente (Mindelo). Noch 2081 Seemeilen bis nach Barbados. Die gesamte zurückgelegte Strecke sind nun 827 Meilen.

Aua, aua. Muskelkater und blaue Flecken. Das hat mir vorher keiner gesagt.

Nur noch 80 Meilen bis Mindelo

Atlantik Tag 6 – Auf und ab und hin und her

Auf und ab. Zum Segeln braucht man Wind und Wind macht Wellen. Das ist trivial. Wir befinden uns nicht auf dem Ijsselmeer oder der Ostsee, wir befahren den Atlantik. Auf dem Ijsselmeer oder der Ostsee ist es einfach. Wenn der Wind da ist, sind auch die Wellen da. Wenn kein Wind da ist, beruhigt sich das Wasser schnell und die Wellen sind wieder weg. Das hat etwas mit der Wassertiefe zu tun und mit der Strecke, die der Wind über das Wasser blasen kann. Wenn das Wasser ein paar tausend Meter tief ist und der Wind in jeder Richtung mehrere hundert oder gar tausend Meilen Anlauf hat, dann sind die Wellen nicht sofort weg. Sie werden schwächer, bleiben aber da. Das nennt man Dünung – oder alte Dünung. Ein Sturm bei Island kann dafür sorgen, dass hier, 300 Meilen nördlich der Kapverden, immer noch mehrere Meter hohe Wellen stehen. Jetzt kommt aber noch der hiesige Wind dazu, der auch Wellen verursacht. Die sind nicht so hoch, kommen aber aus einer anderen Richtung.

Auf und ab. Wir fahren also auf der alten Dünung auf und ab, dabei schubsen uns die neuen Wellen des hiesigen Windes auch nochmal auf und ab. Immer wieder auf und ab. Manchmal laufen sie quer unter Sissi durch, dann geht es hin und her. Es schaukelt. Auf und ab und hin und her. Immer wieder. Jede Minute, jede Stunde, den ganzen Tag. Sissi tanzt in den Wellen.

Auf und ab. Wir leben damit in unserer schwimmenden Wohnung mit Meerblick. Essen, Trinken, Kochen, Backen, Spülen, Putzen, Duschen, Schlafen, Handwerken und gelegentlich nach anderen Schiffen schauen, die Segelstellung kontrollieren und den Kurs überwachen. Aber in der Hauptsache eben das, was Menschen in ihrer Wohnung an Land auch machen. Die Wohnung an Land schüttelt sich allerdings nicht so sehr, dass der Mensch vom Herd auf die Wohnzimmercouch geworfen wird. Wir haben uns das so ausgesucht. Auf und ab und hin und her. Sissi schunkelt karnevalesk.

Jens, Jakob und ich haben entschieden, dass wir etwa von Heiligabend bis Silvester einen Zwischenstopp auf Sao Vicente in Mindelo machen wollen. Die Großwetterlage sieht so aus, dass es ab Heiligabend kaum noch Wind hier in der Gegend geben wird. Auf der einen Seite ist es schade, denn wir wären gerne früher in der Karibik gewesen. Auf der anderen Seite sehen wir die Chancen. Vielleicht bekommen wir doch ein neues Spifall. Und keiner von uns war bisher auf den Kapverden, also können wir noch etwas Sightseeing einschieben. Dann wäre da noch die Versorgung mit frischem Fleisch, Obst und Gemüse. Hier wäre durchaus noch die Möglichkeit, an der einen oder anderen Stelle unsere Vorräte wieder aufzustocken. Sissi tanzt den Wiener Walzer.

Wir sehen eine Schildkröte in Richtung Kapverden schwimmen. Was macht die denn so weit draußen? Wo kommt sie her? Ein paar Stunden später sehen wir noch eine Schildkröte, die ist in derselben Richtung unterwegs. Auch ein paar Delphine können wir sehen, sie springen ca. 200 Meter hinter Sissi aus dem Wasser. Es geht hin und her, auf und ab. Sissi tanzt den Tango.

Bis dahin gleiten wir über die Wellen. Immer auf und ab. Und wir werden von den Wellen hin und hergeschubst. Die Stimmung an Bord ist entspannt. Wir fühlen uns wohl. Wir bemerken nur noch die größeren Störungen im Wellenbild, die normalen Wellen spüren wir gar nicht mehr. Das wird an Land lustig werden, besonders bei der ersten Dusche. Die geht dann nämlich auf und ab und hin und her. Zur Nachtruhe tanzt Sissi den Pogo. Jens und ich keilen uns mit Hilfe der Sitzkissen aus dem Salon in unseren Betten ein.

Auf und Ab. Hin und her. Am Morgen findet die fast schon obligatorische Reparatur statt. Die Windfahne steuert nicht mehr richtig, Sissi sucht ihren Kurs nach Lust und Laune. Diesmal ist an der Windfahne eine Schraube gebrochen. Wahrscheinlich eine Spätfolge der verloreren Schraube auf dem Weg nach Lanzarote. Mit Hilfe von Gehirnschmalz, dem Dremel und den Schrauben, die wir im Optimus Baumarkt in Arrecife gekauft haben, können wir das Problem beheben. Wir sind weiterhin zügig unterwegs. Die Wellen ändern sich nicht. Sissi tanzt Rock’n’Roll.000

6. Etmal: 127 nm
Position um 12 Uhr: N19°24′ W22°44′
Noch 192 Seemeilen nach Sao Vicente (Mindelo). Noch 2149 Seemeilen bis nach Barbados. Die gesamte zurückgelegte Strecke sind nun 710 Meilen.

4. Advent auf dem Atlantik

Atlantik Tag 5 – Hell, Dunkel, Halse, Schraube und die Furlex

Ein Tag auf dem Atlantik hat eine helle und eine dunkle Hälfte. Ohne Fernsehen, ohne Radio und ohne Internet, ohne Straßenbeleuchtung in der Nacht, ohne Verkehrslärm, ohne Nachrichten und ohne Zeitung. Bordroutine hat sich eingestellt, wie immer auf den langen Seepassagen. Nur ist diese Seepassage jetzt schon länger, als die längste, die wir bisher hatten – nicht in Meilen, aber in Tagen. Dabei stehen wir erst am Anfang, der größte Teil der Strecke liegt noch vor uns.

Eine helle und eine dunkle Hälfte auf unserem Raumschiff, das durch die endlosen Weiten des Ozeans gleitet. Die helle Hälfte beginnt mit Kaffee, selbst gebackenem Brot und dem täglichen Gespräch zwischen Jens und mir über das Wetter. Nicht die Diskussion über das Wetter, wie wir sie zu Hause kennen. Nicht das Gemecker über zu hohe oder zu niedrige Temperaturen, über zu viel oder zu wenig Regen, sondern die Diskussion über den Wind und die beste Wahl unserer Route. In der Konsequenz sind wir heute eine Halse gefahren, fahren jetzt einen etwas westlicheren Kurs, der immer noch genug Südkomponente hat, um Mindelo gegebenenfalls erreichen zu können. Vielleicht können wir diesen Zwischenstopp auslassen. Das hängt vom Wetter ab.

Die helle Hälfte. Halse geht so: Zuerst klettere ich auf das Vorschiff und demontiere den Baum, mit dem wir die Genua ausgebaumt haben. Dann klettere ich wieder zurück ins Cockpit. Jens ändert den Kurs, den die Windfahne steuert, um ca. 60 Grad. Langsam ändert Sissi die Richtung. Ich werfe die Backbordschot los, Jens zieht die Steuerbordschot an. Jakob filmt das. Ich will einen Film über den Atlantik schneiden. So viele Halsen wird es nicht geben. Zuletzt gehe ich wieder nach vorne und montiere den Baum neu. Fertig. Es dauert etwa eine Viertelstunde von Anfang bis Ende.

Die helle Hälfte. Jens entdeckt, dass wir mal wieder eine Schraube am Windgenerator verloren haben. Die letzte hatte ich doch sorgsam eingeklebt. Also klettere ich rauf und klebe eine neue Schraube rein. Diesmal mit einem anderen Klebstoff, der hoffentlich besser hält. Das ist jetzt schon die dritte Schraube an dieser Stelle, die wir verloren haben. Diese Aktion filmen wir nicht. In vier Metern Höhe über dem Ozean auf dem Radar sitzend will ich nicht gefilmt werden.

Zuletzt findet ein weiterer Höhepunkt des Tages statt – wir duschen. Das Wasser ist noch ordentlich kalt, Badewannentemperatur hat der Atlantik nicht. Egal, es fühlt sich gut an. Die letzte Aktion in der hellen Hälfte ist die Zubereitung des Abendessens, das heute von Jakob gekocht wird. Die See ist ruhig genug, einen Anfänger an den Herd lassen zu können. Es gibt Gulasch aus der Dose mit frischem Lauch, der unbedingt weg muss. Dazu Reis. Eine einfache, leckere Mahlzeit. Beim Verzehr beginnt die dunkle Hälfte des Tages.

Eine helle und eine dunkle Hälfte. Die erste Wache in der dunklen Hälfte ist meine. Das war sie schon immer, auch bevor Jakob zu uns an Bord kam. Jakob hat die mittlere Wache von Mitternacht bis vier Uhr morgens. Dann kommt Jens dran. Dank unseres Anhalters haben wir beide je zwei Stunden Schlaf mehr. Das tut gut. In dieser Hinsicht hat es sich ausgezahlt, einen dritten Mann an Bord genommen zu haben. Ich lege eine Platte von Leonard Cohen auf, setze mich ins Cockpit und begeistere mich wie fast an jedem Abend über den tollen Sternenhimmel. Die dunkle Hälfte ist hier richtig dunkel.

Wir erwarten noch mindestens 20 helle und 20 dunkle Hälften, bei unserem Bummeltempo rechnen wir nicht damit, früher in Barbados anzukommen. Das Bummeltempo ist schneller, als wir mit der Maschine fahren können. Ein Radfahrer würde bei diesem Tempo fast schon umfallen vor Langsamkeit. Diese Zeilen entstehen während der dunklen Hälfte in meiner Wache, während der Kommunikationstablet versucht, eine neue Wettervorhersage herunterzuladen, die ich morgen mit Jens diskutieren werde. In der hellen Hälfte des Tages.

Die dunkle Hälfte. Ich werde im Bett hin- und hergeschleudert. Der Wind hat aufgefrischt. Eigentlich müssten wir reffen. Jens hat entschieden, dass er in der Nacht lieber keine Arbeiten auf dem Vordeck machen möchte, also lässt er mich schlafen und kämpft mit der Windfahne. Wir haben zu viel Tuch draußen, immer wieder luven wir an, immer wieder rolle ich von links nach recehts und zurück. Ich bin zu müde, um ich aus dem Bett zu quälen und gemeinsam mit Jens zu reffen.

Die helle Hälfte. Wir können es nicht mehr vor uns herschieben, wir müssen reffen. Jens demontiert den Baum, Jakob bedient die Winsch, das Segel wird etwas kleiner. Dann fängt Jakob an, auf seine Zähne zu beißen. Seine Kraft reicht nicht mehr aus. Weiter reffen geht nicht mehr. Die Furlex ist blockiert. Zum Glück nicht oben an der Mastspitze, sondern unten an der Seiltrommel. Wieder ist Arbeit angesagt, ich muss auf das Vordeck. Ein Überläufer verhindert, dass wir das Segel weiter reffen können. Denksportaufgabe: Wie bekommen wir den Überläufer aus der Reffleine, die unter Zug steht? Nach dem Lösen dieses Problem demontiere ich die komplette Verkleidung der Seiltrommel, dann entlasten wir die Reffleine und ich kann die Leine entheddern. Scheißgefummel. Wenn ich den Konstrukteur dieser Furlex in die Finger bekomme, wickele ich ihn mit der Reffleine um das Vorstag, dann dresche ich mit einer großen Latte auf ihn ein, bis er grün und blau ist. Die Demontage ist n
och
leicht, die Montage eine wahre Drecksarbeit. Anschließend machen wir zwei Dosen Chili auf und backen ein Brot.

Die helle Hälfte. Wir haben das Wetter diskutiert und eine Entscheidung getroffen, wohin wir weiter fahren werden. Im morgigen Beitrag werde ich die Entscheidung bekannt geben. Wer raten möchte, sei aufgerufen, die einschlägigen Wetterseiten zu besuchen. Windy.com oder Windfinder.com können da entscheidende Hinweise geben. Noch eine dunkle und eine helle Hälfte.

5. Etmal: 137 nm
Position um 12 Uhr: N21°16′ W21°47′
Noch 315 Seemeilen nach Sao Vicente (Mindelo). Noch 2217 Seemeilen bis nach Barbados. Die gesamte zurückgelegte Strecke sind nun 583 Meilen.

Eigentlich wollte ich mich beim Segeln entspannen und nicht so viel arbeiten. Pustekuchen.

Ich muss die Furlex klarieren

Atlantik Tag 4 – Zweiundvierzig

Mitten im Atlantik fanden wir ihn, einsam neben Sissi treibend und Teil einer quasi in der Marina Santa Cruz gestrandetem Gemeinschaft der Anhalter. Anhalter gibt es in Santa Cruz wie Sand am Meer. Sie streunern über die Stege, finden mit Kennerblick die Langfahrer-Boote und fragen, fragen, fragen… Sie irren gewisserweise auch planlos über die Stege, jede neue Segeljacht zum unmöglichsten aller Zeitpunkte belagernd – direkt nach dem Anlegen. Wenn eine Crew alles mögliche braucht, ein Anlegerbier, eine Dusche und mindestens zwölf Stunden ruhigen Schlaf am Stück. Aber nicht die Frage, ob die Jacht weiter in die Karibik fährt und noch Crew braucht.

So überfiel er auch uns. Auf seiner Suche nach einer Mitfahrgelegenheit über den großen Teich. “Weißt Du, wo Dein Handtuch ist?” So hätte ich fragen sollen. Habe ich aber nicht. Wahrscheinlich warten die Menschen in Tamsweg (Österreich) schon seit Tagen auf einen Beitrag dieser Art, denn wir haben seit Santa Cruz ein drittes Crewmitglied.

Wer das mit dem Handtuch und der 42 nicht versteht, möge jetzt bitte in die Bibliothek laufen oder beim Buchhändler seines Vertrauens das Werk “Per Anhalter durch die Galaxis” von Douglas Adams erwerben. Es lohnt sich.

Jens und ich haben lange überlegt, ob wir die Passage wie gewohnt zu zweit machen machen wollen, oder einen Anhalter mitnehmen sollen. “Nein, wir brauchen kein weiteres Crewmitglied, wir sind komplett”, haben wir gesagt. Dann haben wir uns das alles ein paar Tage durch den Kopf gehen lassen. Einerseits bringt eine weitere Person den Bordalltag ganz schön durcheinander. Andererseits kann eine dritte Person auch Wache gehen und wir bekommen mehr Schlaf. Letzteres hat den Ausschlag gegeben.

Wir haben ihn zu uns an Bord gebeten und getestet. Können wir uns mit ihm unterhalten? Nerven wir uns schon nach fünf Minuten an? Hat er eine Ahnung, was ihn in den kommenden Wochen erwarten wird? Hat er die nötigen Papiere bei sich? Uns hat tatsächlich mal ein Italiener mit abgelaufenem Reisepass gefragt, ob das in der Karibik ein Problem sein würde. Hat er Allergien? Hat er Essgewohnheiten, die den unsrigen diametral entgegengesetzt sind? Ist er willig, auch Arbeiten an Bord zu übernehmen? Welche Arbeiten kann er überhaupt übernehmen? Seine Segelerfahrung belief sich zu diesem Zeitpunkt auf eine Überfahrt mit einem Katamaran von Gibraltar zu den Kanaren. Der Abend war angenehm. Nachdem er wieder gegangen ist, haben wir uns erst einmal Schlafen gelegt. Diskutiert haben wir das am folgenden Tag und sind einstimmig zu dem Entschluss genommen, dass wir es mit Jakob Pfeifer, 21 Jahre alt, probieren werden. Falls es nicht funktioniert, werden wir ihn auf den Kapverden wi
eder
rauswerfen.

Deswegen ist er auch noch nicht im Blog in Erscheinung getreten. Ich wollte ihn erst in unsere Geschichte schreiben, wenn wir die ersten Tage hinter uns und Jakob besser kennen gelernt haben. Inzwischen wissen wir, dass es hier an Bord gut läuft, auch mit dem neuen Crewmitglied. Also wurde es höchste Zeit, das mal in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ansonsten läuft hier alles wie immer. Der Wind weht, Sissi rollt, der Wassertank grollt. Seit dem Parasailor-Unfall zieht uns die Genua wieder vorwärts, wir haben sie ausgebaumt. Das macht das Leben leichter. In der vergangenen Nacht hat der Wind zugelegt, wir sind jetzt nicht mehr mit drei bis vier Knoten, sondern mit mindestens fünf bis sechs Knoten unterwegs.

Feine Rinderfilets vom Markt mit Süßkartoffeln und einer leckeren Tomaten-Paprika-Sauce (mit Mojo verfeinert) gab es gestern zum Abendessen. Spät am Abend sahen wir für ein paar Stunden auf dem AIS aufgrund von Überreichweiten ein Dutzend Schiffe, alle mindestens 100 Meilen von uns entfernt. Und wir sahen einen phantastischen Sternenhimmel.

Das Iridium-Lotto haben wir nun im Griff, wir können jetzt bequem die 14-Tage-Vorhersage für den kompletten Atlantik in nur drei bis vier Stunden herunterladen. Geht doch!

Leider scheint die Flaute schneller zu sein als Sissi. Wenn sich an der Vorhersage nichts mehr ändert, sind wir an Heiligabend in Mindelo auf Sao Vicente und müssen dort bis Silvester eine Woche Flaute aussitzen. Wenn wir in dieser Zeit ein neues Spifall bekämen, würde es sich wenigstens lohnen. Mal sehen. Abwarten und Kaffee trinken. Bis Heiligabend sind es noch ein paar Tage und das Wetter kann sich immer ändern. Morgen werden wir wahrscheinlich halsen und einen etwas westlicheren Kurs einschlagen.

4. Etmal: 114 nm
Position um 12 Uhr: N22°18′ W19°44′
Noch 366 Seemeilen bis zu den Kapverden, genauer gesagt 430 Seemeilen nach Sao Vicente (Mindelo). Ab sofort gebe ich die Meilen bis Sao Vicente an, weil wir dorthin fahren würden. Es sind nur noch 2335 Seemeilen bis nach Barbados. Die gesamte zurückgelegte Strecke sind nun 446 Meilen.

Das Bild zu diesem Beitrag hat Stefan von der Roede Orm ein paar Minuten vor unserer Abfahrt aufgenommen.

Crew der Sissi kurz vor der Abfahrt

Atlantik Tag 3 – Iridium-Lotterie und Schwachwindsegeln bis zum großen Knall

Mehrmals am Tag spielen wir Iridium-Lotto. Wir haben ein IridiumGO! Satellitentelefon und dieses läuft mit einem Telefonvertrag, der derzeit auf eine Daten-Flatrate gestellt ist. Also können wir so oft und so viel über das Telefon Emails senden, auch das eine oder andere Bild bei den Blogbeiträgen ist möglich. Die werden allerdings bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, wenn ich der Pixelsammlung im Gesendet-Ordner glauben darf. Ich habe die Einstellungen geändert, dann werden die Bilder hoffentlich nicht mehr so verstümmelt. Mal sehen. Andere Segler haben uns erzählt, sie hätten für ihr Iridium-Telefon 600 Prepaid-Freiminuten gekauft, also 10 Stunden. Damit kommt man keinesfalls über den Atlantik. Damit kommt man nicht einmal bis zu den Kapverden, selbst wenn man nur das Wetter abruft.

Das Telefon zeigt die Signalstärke mit 0 bis 5 Balken an. Nur bei 4 oder 5 Balken kann man überhaupt Daten übertragen. Also fangen wir morgens an, die neue Wettervorhersage runterzuladen. Die Übertragung bricht regelmäßig zusammen und will dann wieder manuell von vorne gestartet werden. Manchmal steht fünf Minuten lang die Signalstärke fünf da, die Download-Versuche brechen trotzdem ab. Nach vielleicht 10 oder 15 Versuchen (wenn es gut läuft) ziehen wir den Hauptgewinn in der Iridium-Lotterie und haben eine neue Wettervorhersage.

Anschließend übertragen wir die Mails. Im Gegensatz zum Wetterprogramm versucht sich das Mailprogramm immer wieder an der Datenübertragung. Wir haben 99 Versuche eingestellt. Meist ist so eine Mail wie dieser Blogbeitrag mit einem kleinen Bild nach 50 bis 60 Versuchen übertragen. Prepaid-Minuten würden einfach durch den Weltraum rauschen. Ich bin froh, auf den Telefonfritzen gehört zu haben und die Flatrate zu besitzen. In der Karibik werden wir dieses Feature wieder ausschalten, wenn wir von Wlan-Hotspot zu Wlan-Hotspot segeln.

Gegen 14 Uhr ist dann der Wind wieder da. Zuerst zaghaft, wir sehen ein paar Knoten mehr Wind auf dem Windinstrument. Dann etwas kräftiger, wir holen die Genua raus. Der Motor läuft noch mit, die zusätzliche Genua bringt einen halben Knoten mehr Speed. Dann können wir die Drehzahl des Motors reduzieren, er unterstützt die Genua nur noch ein wenig, damit sie im rolligen Wasser nicht so knallt. Um 15 Uhr stellen wir ihn endlich ab. Die Situation stabilisiert sich, so dass wir um 16 Uhr auf Parasailor umbauen.

Anschließend gibt es Abendessen. Verschiedene Gemüse, die sonst bald umkommen würden, in einem Nudelauflauf mit Käse überbacken. Ich liebe unseren Ofen, insbesondere die Gratinierfunktion. Die Franzosen wissen, wie man Küchengeräte baut. Ja, es geht schon nach zwei Tagen das erste Gemüse kaputt. Wir sehen jetzt regelmäßig danach und werden es nach Verderblichkeit verarbeiten.

Der Parasailor zieht uns nun in die Nacht. Aus den acht bis zehn Knoten Wind holen wir immerhin fünf bis sechs Knoten Geschwindigkeit. Viel besser aber ist, dass dieses Segel komplett die Rollbewegungen von Sissi wegdämpft. Wir kommen uns vor, als würden wir am Steg liegen. In mancher Marina haben wir unruhiger gelegen. Zugegebenermaßen hat sich der Atlantik insgesamt auch sehr beruhigt. Mit dem Sternenhimmel ist heute nicht viel her, der Himmel ist ziemlich bewölkt.

Als ich ins Bett gehe, frischt der Wind ein wenig auf. Ich justiere die Windfahne nach, wir galoppieren nun mit sieben Knoten über die Wellen. Sissi fährt ruhig, liegt weiterhin im Wasser wie am Steg. Ich kuschele mich in die Decke und finde schnell meinen Schlaf. Dann finde ich mich neben der Matratze wieder. Eine Windböe hat Sissi anlufen lassen, wir haben mehr Schräglage. Schön, denke ich, wir haben noch mehr Wind bekommen, und drehe mich auf die andere Seite. Zweimal werde ich noch von der Matratze gekegelt, dann höre ich plötzlich einen gellenden Ruf: “Jööööööörg!!!!”

Jens ruft mich, der Parasailor liegt neben Sissi im Wasser. Das Spifall ist gebrochen. Wir brauchen eine Dreiviertelstunde, um das nasse Tuch zu bergen und Sissi wieder auf Genuabetrieb umzubauen. Danach brauche ich ein Bier, ich muss das Adrenalin loswerden. So kann ich nicht mehr ins Bett.

Was haben wir für Optionen? Die haben sich nicht geändert. Sissi ist genau so seetüchtig wie vorher. Nur langsamer. Wir können zu den Kapverden fahren, dort gibt es aber keine Werft, die uns ein neues Spifall einziehen könnte. Wir könnten es selbst einziehen, aber auf den Kapverden ist laut Hafenhandbuch die Versorgungssituation nicht gut. Wahrscheinlich haben sie dort die nötigen Seile nicht vorrätig. Das nächste Spifall gibt es wohl erst in der Karibik. Abwarten, was der Atlantik uns noch zu bieten hat.

Am nächsten Vormittag überholt uns die SY Toboggan (MMSI 316038262) aus Kanada. Wir haben einen kurzen Schwatz über Funk. Die Kanadier sind auf dem Weg zu den Kapverden und werden Tage vor uns dort ankommen. Außerdem haben sie am Vormittag einen Mahi Mahi geangelt. Dafür haben wir noch leckere Steaks im Kühlschrank.

3. Etmal: 97 nm
Position um 12 Uhr: N23°54′ W18°49′
Noch 471 Seemeilen bis zu den Kapverden bzw. 2404 Seemeilen bis nach Barbados. Die gesamte zurückgelegte Strecke sind nun 332 Meilen.

Ich hätte nie gedacht, dass Iridium so scheiXXe ist. Für die nächste Welttournee kaufe ich Internett beim Herrn Musk.

Der Parasailor ist traurig

Atlantik Tag 2 – Schwachwind, schwächer, Flautenschieber

Am frühen Nachmittag beginnt die Genua zu schlagen. Der Wind reicht nicht mehr, um sie im Atlantikschwell ordentlich stehen zu lassen. Knatter, knatter, rrrrummms. Knatter, knatter, rrrrummms. Sissi erzittert unter den Schlägen. Bei 30 Knoten Wind lässt es sich besser segeln, als bei 13 Knoten. Wir überlegen uns Maßnahmen. Eine Maßnahme wäre der Motor. Eine andere Maßnahme der Parasailor. Nach nur einer Stunde Arbeit auf dem Vordeck und in den Katakomben des Schiffs ist das große Tuch klar zum Setzen.

Denkste! Beim Hochziehen des Trichters erweisen sich die Backbordschoten und die Steuerbordschoten als überkreuzt. So wird das nichts. Also nochmal runter mit dem Trichter, die Schoten entkreuzen und wieder rauf. Prima. Diesmal haben wir nur zwei Versuche gebraucht. Wir segeln ein paar Stunden weiter mit dem Parasailor, dann fällt er ins Wasser. Es ist einfach kein Wind mehr da.

Also runter mit dem großen Tuch. Die Schoten wieder umbauen auf Genuabetrieb. Den Motor anwerfen und weiter. Hoffentlich kommen wir rechtzeitig in die Passatzone, so dass wir nicht auf den Kapverden tanken müssen.

Ich belohne mich für die schweißtreibende Arbeit mit einer Dusche. Wir sind doch so weit südlich, da muss das Wasser aus dem Tank doch warm sein. Denkste! Brrrr… fühlt sich aber saugut an. Und natürlich frische Klamotten, in denen kein Salz klebt. Und wie es sich gehört auf einem Segelboot – es duschen alle oder keiner. Die kleinen Freuden des Alltags.

Zum Abendessen gibt es Schweinekotletts mit kanarischen Kartoffeln, kanarischen Paprika und Mojosauce. Davor eine Hummersuppe, man gönnt sich ja sonst nichts. Jens verkriecht sich in seine Koje, ich habe wie immer die erste Wache.

Es passiert hier nichts. Absolut gar nichts. Seit 20 Stunden sind weder andere Schiffe zu sehen, noch sieht man welche auf dem AIS. Außerdem herrscht Funkstille. Der Himmel ist sternenklar. Ich verstoße mal wieder gegen alle guten Regeln der Seefahrt und schalte die gesamte Beleuchtung aus. Dazu werfe ich Konzert Nr. 1 für Klavier und Orchester von Tschaikovski auf den Plattenspieler und stelle die Musik etwas lauter. Das ist schön. Untendrunter prügelt uns der Diesel durch die Flaute. Ich versuche, das zu vergessen. Die Musik tritt in den Vordergrund, die Sterne leuchten.

Als Jens die Wache übernimmt, brummt der Diesel immer noch. Auch bei meinem Aufwachen am Morgen. Im Laufe des Vormittags kommt langsam etwas Wind auf. Noch nicht segelbar, aber aus der richtigen Richtung. Noch unter 10 Knoten, aber ständig stärker werdend. Jens hat die ganze Nacht die Schiffsposition und die Wetterdaten miteinander verglichen und meint, wir hätten gegen Mittag wieder Segelwind.

Es ist Mittag in Deutschland. Wir haben keinen Segelwind. Es ist Mittag auf den Kanaren. Wir haben immer noch keinen Segelwind. Nun ist es Mittag bei uns auf der Sissi (Kapverden-Zeit, zwei Stunden hinter Deutschland). Der Motor brummt.

2. Etmal: 114 nm
Position um 12 Uhr: N25°16′ W18°04′
Noch 570 Seemeilen bis zu den Kapverden bzw. 2450 Seemeilen bis nach Barbados. Die gesamte zurückgelegte Strecke sind nun 235 Meilen.

Bald wird es irgendwo Mittag sein, und wir können segeln. Ich bin zuversichtlich.

Der Parasailor ist gesetzt

Fundgrube Internet

Irgendwo in den Tiefen des Internet habe ich einen Text zur Optimierung der Windfahnensteuerung bei schwachem Wind gelesen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo das war. Deswegen möchte ich für dieses Patent kein Copyright anmelden, möchte aber die Nachahmung empfehlen.

Wir haben gerade schwachen Wind ohne Ende, der uns mit sieben bis neun Knoten um die Ohren pfeift. Das reicht gerade noch aus, um mit dem Parasailor drei bis vier Knoten Speed zu machen. Bei diesem geringen Wind tut sich die Windfahne schwer, schnell auf Drehungen des Schiffs anzusprechen. Mit der kleinen Plastiktüte hat sich das Ansprechverhalten wesentlich verbessert.

Was uns jetzt nur noch fehlt, sind ein paar Knoten mehr schwacher Wind.