Abbruch. Von Aruba nach Aruba!

Meiner Meinung nach ist der dritte Tag einer mehrtägigen oder mehrwöchigen Seereise der schlimmste. Noch ist man nicht an das Leben an Bord gewöhnt und an die Bewegungen des Boots bei Nacht, wenn man schlafen möchte. Noch fallen die Schritte an Bord schwer, die Beine sind noch nicht an die See gewöhnt. Am dritten Tag ist man deswegen meist sehr müde, die meisten Tätigkeiten fallen schwer. Ich tue mich sehr schwer, eine Entscheidung zu treffen.

Barbara ist seit mehr als 40 Stunden schwer seekrank, eine Besserung ist nicht in Sicht. Wir haben alles versucht, von Reisetabletten über Bananen und Kekse, Schonkost und und und… Doch was wir auch versuchen, es bleibt nicht drin. Das ist kein guter Anfang für einen knapp vierwöchigen Törn. Es droht Dehydrierung, schwach ist sie sowieso. Unser Wasser an Bord ist nicht geeignet, dem Körper Mineralien zu geben, denn der Watermaker liefert ausschließlich reines Wasser. Nüsse, Knabberkram und die Nahrung, die sonst dem Körper gibt, was er braucht, wollen nicht an ihr Ziel.

Was haben wir für Alternativen? Einen Hafen in der Dominikanischen Republik oder in Puerto Rico anzulaufen wäre eine Option. Das Problem ist, dass die alle noch sehr weit weg sind. Letztendlich gibt es nur eine Möglichkeit. Wir drehen um und fahren zurück nach Aruba. Dort können wir in weniger als zwei Tagen ankommen. Alle anderen Ziele, die für Jens und mich vielleicht günstiger wären, fallen somit aus. Also fahren wir eine Halse und lenken Sissi wieder in die Richtung, aus der wir gekommen sind.

Sofort kommt Ruhe ins Boot. Ein Kurs vor dem Wind ist immer komfortabler und ruhiger als ein Kurs am Wind. Sissi gleitet nahezu geräuschlos durch die Wellen. Wenn nicht hin und wieder eine heftige Welle käme, die uns ordentlich rollen lässt, würde es sich für mich anfühlen, als seien wir im Hafen. Ein Blick in Barbaras Gesicht sagt mir, dass Sissi vielleicht doch nicht so ruhig liegt, wie ich es mir vorstelle. Die Entscheidung war goldrichtig. Wir ziehen die Genua noch ein Stück heraus und fahren maximale Geschwindigkeit. Der Navigationscomputer berechnet eine Ankunftszeit noch am Dienstag.

In der Nacht frischt der Wind etwas auf. Wir kommen teilweise auf eine Geschwindigkeit von über 7 kn. Natürlich hilft die Strömung da ein wenig mit, dennoch ist es eine wunderbare Segelei. Das Boot liegt so ruhig, dass ich Jens bei der Wachablösung fast gar nicht wecken kann. Erst bei meinem dritten Versuch berappelt er sich und kommt aus seiner Koje.

Am Morgen wecken mich zunächst die Stimmen von Barbara und Jens. Sie spricht. Sie spricht mehr als nur ein paar Worte. Das halte ich für ein gutes Zeichen. Immerhin, sie fühlt sich etwas besser. Nein, auch auf dem Vorwindkurs hat der Nachtschlaf nicht geholfen, die Seekrankheit aus dem Hirn zu fegen. Die Entscheidung umzukehren war goldrichtig. Gegen Mitternacht erwarten wir, den Hafen Barcadera wieder zu erreichen. Gegen Mitternacht wird das Geschaukel enden. Während ich diese Zeilen schreibe, führt jede größere Welle zu einem Stöhnen seitens Barbara. Es sind zum Glück keine 12 Stunden mehr.

3. Etmal: 130 nm

 

Von Aruba zu den Azoren?

Es ist Tag 2 unserer Reise. Wir rechnen unsere Tage immer von Mittag bis Mittag Bordzeit, wenn wir unser Etmal bestimmen. Regelmäßige Leser des Blogs wissen schon, dass es sich hierbei um die von Mittag bis Mittag zurückgelegte Strecke handelt. Ich lese das Etmal also am Bordcomputer ab und trage es ins Logbuch ein. Der Wind ist nahezu perfekt. Wir segeln den härtest möglichen Kurs am Wind, das ist gleichzeitig der härteste Kurs für Sissi und ihre Crew. Da der Wind nur drei bis vier Windstärken hat und sich die Welle in Grenzen hält, fahren wir viel komfortabler, als es auf dem Rückweg von Kuba nach Aruba war. Die Luken sind wasserdicht, die haben wir prima repariert. Unsere Batterien platzen vor Strom, der Wassertank ist so voll, dass wir den überschüssigen Strom nicht einmal im Watermaker verheizen können. Die Zubereitung des vakumierten Gemüses ist wirklich einfach, wir sind sehr glücklich mit dieser Strategie. Doch wir sind nicht glücklich.

Erst versuchen wir den ganzen Nachmittag, Barbara wieder auf die Beine zu bekommen. Seekrankheit ist böse. Es ist ja nicht nur so, dass man sich lediglich übel fühlt. Die Nahrungsaufnahme ist ein Problem, die Aufnahme von Flüssigkeit noch mehr. Immer wieder erinnern wir sie daran, dass sie trinken muss. Leider ist es weiterhin so, dass der Eimer ein ständiger Begleiter von Barbara ist. Das einzige verfügbare Mittel gegen Reisekrankheit sind Tabletten, die sich im Magen auflösen. Leider bleiben sie nicht lange genug im Magen drin. Ich fange an, mich mit den Anlaufhäfen in der Dominikanischen Republik und in Puerto Rico zu beschäftigen. Dementsprechend schicke ich auch eine Anfrage an Stefan von der Roede Orm, der uns in Wetterfragen und auch sonst unterstützt.

Jens meldet sich vom Abendessen ab. Ihm geht es ebenfalls nicht richtig gut. Damit hat er für seine Verhältnisse 24 Stunden Verspätung. Normalerweise ist er am ersten Tag krank und dann nie wieder. Mit zwei Kranken an Bord fühle ich mich nicht mehr so richtig wohl. Wir fahren in die Nacht. Den tollen Sternenhimmel kann ich nicht richtig genießen, ich mache mir Sorgen.

Als ich die Mails um Mitternacht abrufe, kommt eine Antwort von Stefan mit der Frage, warum wir nicht nach Aruba zurück fahren. Er hat ja recht. Aruba ist der nächstgelegene Hafen, auch wenn wir dafür knapp 200 Meilen zurück fahren müssen. Die Tatsache sticht mir in den Bauch wie ein Messer. Der Gedanke ist valide und im Prinzip der einzig richtige Gedanke. Ich sitze unter dem Sternenhimmel und denke daran, wie klebrig Aruba wirklich ist. Ich hoffe, dass ich Barbara morgen früh munter im Cockpit sitzen sehe und dass ihre Krankheit ausgestanden ist.

Morgens um 10:30 Uhr werde ich wach. Barbara liegt in ihrem Bett. Jens geht es gut, er hat seine Wache überlebt. Wir besprechen die Situation. Wenn es bis zum Abend nicht besser wird, kehren wir um. Auf dem Rückweg nach Aruba wird sich die Seekrankheit wahrscheinlich in wenigen Stunden legen, weil wir dann nicht mehr am Wind, sondern viel komfortabler vor dem Wind fahren. Außerdem spielt uns die Strömung in die Hände, wir werden zurück wesentlich schneller unterwegs sein. Ich will das nicht. Natürlich freue ich mich darauf, Soraida wieder zu sehen. Sich dann aber innerhalb weniger Tag wieder verabschieden zu müssen, wird eine harte Nummer werden. Also hoffen wir, dass wir Barbara im Laufe des Nachmittags wieder fit bekommen können.

2. Etmal: 85,9 nm

Von Aruba zu den Azoren – Tag 1

Am 1. Mai machen wir Sissi am Vormittag klar zur Abreise. Ich drucke die Crewliste aus, weil ich erwarte, sie gleich beim Ausklarieren benutzen zu dürfen. Es macht keine Laune, die ganzen Namen, Daten und vor allem die Passnummern von Hand in ein Formular einzutragen. Allerdings macht mir Aruba da einen Strich durch die Rechnung, denn die Beamten wollen ihre eigenen Formulare ausgefüllt sehen. Also darf ich bei der Immigration und beim Zoll in zwei ähnlich aussehende Formulare die gleichen Daten eintragen. Irgendwer wird das Gekrakel schon entziffern können. Gegen 15 Uhr verlassen wir den Hafen Barcadera und setzen nach wenigen Minuten unsere Segel, nehmen die Windfahne in Betrieb und sind im Reisemodus. Die nächsten Stunden fahren wir die Küste von Aruba entlang und verlassen dann gemütlich die territorialen Gewässer. Der Wind ist nicht zu stark und auch die Wellen versprechen einen ruhigen ersten Tag.

Nach Sonnenuntergang bin ich alleine unter dem Sternenhimmel, der von Minute zu Minute schöner wird. Die See ist einigermaßen ruhig, der Wind erlaubt uns einen direkten Kurs auf unser erstes Zwischenziel, die Mona Passage zwischen Puerto Rico und Hispaniola. Wir fahren zwar im Schnitt nur mit 4 kn, doch das ist bei dem Wind und angesichts der Gegenströmung ein gutes Tempo. Am Horizont hinter uns ist ein riesiger heller Fleck zu sehen. Selbst die nur schwach leuchtenden Straßenlaternen auf Aruba sorgen für eine ordentliche Lichtverschmutzung am Nachthimmel. Meine Gedanken fliegen zurück zu diesem kleinen, sandigen und staubigen Felsen, der im letzten Jahr so etwas wie eine zweite Heimat von mir geworden ist. Ich denke an Soraida, von der ich mich am Morgen für die kommenden Monate verabschieden musste. Sie fehlt mir, wie gerne hätte ich sie hier an Bord. Doch jetzt müssen wir uns die nächste Zeit in Geduld üben.

Als Barbara um Mitternacht ins Cockpit kommt, um ihre erste Nachtschicht zu übernehmen, bin ich noch guter Dinge. Bislang sind wir ohne Probleme durch die Nacht gekommen. Doch zwei Minuten später hängt sie über der Leereling und entleert erst einmal ihren Magen. Wir stellen gemeinsam fest, dass sie den Tag über zu wenig getrunken und gegessen hat. Jetzt haben wir den Salat. Die erste Reisetablette geht gleich einmal auch über die Reling, die zweite landet wenig später unverdaut in der Pütz. Erst nach einer Bananengabe und etwas Wasser bleibt die dritte Tablette auch drin. Barbara kann sich ein wenig an der frischen Luft im Cockpit entspannen, ich bleibe wach und übernehme die erste Hälfte ihrer Schicht, Jens dann später die zweite Hälfte.

Der Seegang ist gering und ich fliege nicht durch meine Koje. Statt dessen finde ich in der Nacht sehr viel Schlaf und wache am kommenden Morgen erst gegen 10 Uhr auf. Ich finde Jens im Cockpit und Barbara in ihrer Koje. Es sieht auf den ersten Blick so aus, als wäre die Seekrankheit vom Wind weggeblasen worden. Leider freue ich mich zu früh, denn es geht ihr nach dem Aufwachen nicht besser. Also ist die Hauptaufgabe des heutigen Tages, Barbara wieder fit zu bekommen. Wir arbeiten daran.

1. Etmal: 85,3 nm (in 21 Stunden)