Abbruch!

Wir sind umgekehrt. Wir fahren wieder nach Aruba zurück. In ca. 14 Stunden werden wir eintreffen. Damit ist er aus, der Traum von den Azoren. Das Leben auf dem Boot hat erst einmal ein Ende gefunden. Die Hurrikansaison startet bald und bei Sissi ist ein gewisser Reparaturbedarf entstanden.

Nach der rauen Nacht ist uns aufgefallen, dass die Steuerbordreling irgendwie komisch aussieht. Jens hat den Schaden am Achterstag dann bei näherer Betrachtung gefunden. Damit können wir nicht weitersegeln. Wir laufen Gefahr, den Mast zu verlieren. Der Motor brummt. Bis die Reparatur durchgeführt ist, wird es zu spät für einen neuen Versuch sein. Unsere Frustration könnte kaum größer sein. Daran ändert auch das leckere Gulasch nichts, das hier auf dem Herd köchelt.

Ich werde in den nächsten Tagen wohl nicht sehr viel schreiben. Es muss viel geplant werden. Es muss viel geklärt werden. Das ist nicht das Ende des Törns. Zu Ende ist der Törn erst, wenn Sissi wieder auf dem Ijsselmeer schwimmt.

Riggschaden

Spritztour mit Workout

Am frühen Nachmittag fahren Jens und ich Sissi nach Barcadera zum Ausklarieren. Das ist inzwischen Routine geworden, das letzte Mal ist ja nur eine gute Woche her. Anschließend sind wir frei, wir setzen Segel und schon wieder segeln wir letztmalig entlang der Küste Arubas, an den Hotels vorbei und zum California Lighthouse. Dann ziehen wir die Schoten richtig fest, Sissi muss so dicht an den Wind, wie es die Segel eben zulassen. Nachdem wir den Schutz Arubas hinter uns haben, wühlen wir uns durch hohe Wellen. Der Wind bläst mit sechs bis sieben Windstärken.

Die Bedingungen sind rauer als am 1. Mai. Das macht sich nach wenigen Stunden bemerkbar, als Jens sich verabschiedet und mich bittet, ihm den Putzeimer zu reichen. Im ganzen Boot steht ein penetranter Bilgegeruch, der diesmal die Seekrankheit ausgelöst hat. Okay, ich muss kein Abendessen kochen. Ich ernähre mich von den Snacks, die im Boot reichlich herumliegen. Es wird Abend, es wird dunkel, es wird Nacht. Am Horizont schimmern immer noch die Lichter Arubas.

Mir fällt auf, dass die Bilge voll ist. Wir sind auf dem Backbordbug, wir haben den Frischwassertank vor ein paar Stunden aufgefüllt. Wenn man den Tank zu voll macht, laufen die überzähligen Liter in die Bilge. Kein Grund zur Sorge, wir haben Strom genug für die Bilgepumpe. Nach wenigen Minuten meldet sie mir schlürfendem Geräusch, dass das Wasser abgepumpt ist. Gut. Auch der Geruch verschwindet mit dem Wasser. Merke: Wenn die Bilge stinkt, hat es ihren Grund. Zu Hause wird eine Generalreinigung fällig.

Um 2 Uhr wecke ich Jens, ich habe eine 10-Stunden-Schicht hinter mir. Stunden habe ich mich mit der Einstellung des Windpiloten und des Segeltrimms beschäftigt. Seit Mitternacht ist es etwa perfekt. Seit Mitternacht habe ich nicht mehr in die Steuerung eingreifen müssen. Immer wenn ich mich hinten hinsetze, um den Windpiloten zu justieren, kommt eine ordentliche Ladung Wasser vom Bug her über das Deck geflogen. Echt spritzig!

Eine fast perfekte Übergabe. Jens ist nicht ganz fit, er ist aber auch nicht ganz unfit. Das reicht für die Wache. Ich krieche in meine Koje und finde ein paar Minuten Schlaf. Jens refft die Genua ein wenig, das Klickern der Winsch dringt nur geringfügig in mein Unterbewusstsein. Gefühlt sind nur wenige Minuten vergangen als das Geräusch der handbetriebenen Bilgepumpe in mein Gehirn dringt. Bitte?

Es ist 3 Uhr morgens. Jens teilt mir mit, dass das Wasser im Salon über den Bodenbrettern steht und dass die elektrische Bilgepumpe ausgefallen ist. Er pumpt, während ich aus dem Bett springe und die Ursachenforschung beginne. Außerdem überbrücke ich die müde Sicherung der elektrischen Pumpe in der Hoffnung, dass sie dann wieder ordentlich pumpt. Sie pumpt aber nicht. Jens ruft wieder nach dem Eimer, er ist nach wenigen Minuten an der Pumpe wieder fest in der Hand der Seekrankheit. Das Workout ist zum Kotzen.

Um 4 Uhr ist der Wasserstand in der Bilge um ca. 20 Zentimeter gefallen. Es handelt sich definitiv nicht um den Inhalt unseres Wassertanks, sondern um kristallklares Seewasser. Der Zufluss muss von Bedeutung sein. Ich kontrolliere alle Seeventile und die übrigen Öffnungen von Sissi, durch die Wasser eindringen könnte. Zwischendrin pumpe ich immer wieder, bis mir meine Arme fast abfallen. Das wird der Muskelkater meines Lebens. Ich entscheide, dass wir uns noch zwei Stunden Zeit für die Fehlersuche geben, ansonsten müssen wir wieder nach Aruba umkehren. Jens stöhnt sein Einverständnis.

Eine Stunde später konnte ich den Pegel um einen ganzen Meter senken. Zwischendrin ist mir eingefallen, dass in meiner frühen Vergangenheit als Bootsbesitzer ein bestimmtes Problem schon einmal aufgetreten ist: Wassereinbruch über das Seeventil der elektrischen Bilgepumpe, wenn wir auf dem Backbordbug segeln. Noch ein paar Minuten später ist die Bilge wieder trocken, der Pegel steigt auch nicht mehr rapide an. Wir müssen nicht umkehren. Die elektrische Pumpe nehme ich außer Betrieb, das Seeventil wird geschlossen. Im Notfall kann ich den Watermaker noch als elektrische Pumpe benutzen, der kann sogar ein paar Liter in der Stunde verarbeiten.
Gegen 7 Uhr morgens reicht es mir. Die Sonne ist aufgegangen. Ich bin nass geschwitzt, meine Oberarme brennen. Segeln ist definitiv Sport. Ich dusche und fülle damit wieder die Bilge nach. Dann lasse ich mich von Jens ablösen und finde ein paar Stunden Ruhe. Puh. Wir wären nach Aruba zurückgefahren und hätten Sissi an Land gestellt. Dann hätte ich mir für das kommende Jahr eine Lösung suchen müssen. Wir sind noch unterwegs, Sissi schwimmt, eigentlich geht es uns gut. Jetzt mache ich uns ein Gulasch.

1. Etmal: 77,7 Meilen

Adieu Aruba – wie oft habe ich das nun geschrieben?

Es ist mal wieder so weit. Wir sind bereit, Aruba zu verlassen. Wie oft habe ich das nun schon geschrieben? Jens und ich haben die Vorräte ergänzt. Wir sind bereit. Nur das Wetter ist nicht so schön, wie es beim letzten Versuch war. Es ist ziemlich viel Wind draußen unterwegs, wir werden wohl reichlich durchgeschüttelt werden.

Gestern Abend war Soraida noch einmal bei uns an Bord. Wir hatten ein deutsches Abendessen mit Bratwurst, Bratkartoffeln und Rosenkohl. Der neue Abschied macht das Leben für uns beide nicht leichter.

Das Leben läuft so normal hier…

Ich laufe ein letztes Mal zur Bushaltestelle und sehe Soraida noch einmal. Wir umarmen uns, ihre Kolleginnen und Kollegen machen wieder blöde Witze. Sollen sie doch, mir ist das egal.

Hinsichtlich Covid-19 verlassen wir einen sehr sicheren Platz. Eine Empfehlung von mir an jeden Urlaubshungrigen in Deutschland: Reist nach Aruba. Die Zahl der Infektionen ist unter 100, die sogenannte 7-Tage-Inzidenz ist irgendwo bei 15. Dazu freundliche Menschen und ordentliches Urlaubswetter.

Fernsehreporter vor dem Parlament

Die Neuwahlen werfen hier ihre Schatten voraus. Nächsten Monat wird eine neue Regierung gewählt. In den letzten Tagen konnten wir immer wieder den Lärm von Wahlkampfveranstaltungen genießen. Die korrupte Regierungspartei wird wahrscheinlich von der ebenso korrupten ehemaligen Regierungspartei abgelöst und dann warten alle auf den nächsten Skandal. Wir warten nicht, wir füllen den Wassertank von Sissi noch einmal auf.

Dorothy kommt nach Hause

Das Leben läuft ganz normal, Dorothy kommt von einer Angeltour in den Hafen zurück. Andere Fischer warten auf Kunden für ihre Bootstouren. Soraida wartet auf Fahrgäste. Und Jens und ich warten darauf, dass wir irgendwann auf den Azoren landen.

Die ersten 300 bis 400 Meilen sind kritisch, denn so lange ist Aruba der nächste Hafen. Wenn wir weiter gekommen sind, gibt es andere Landeplätze für Notfälle. Wir rufen noch einmal bei unserer Familie an, dann wird es ernst.

Shrimp wartet auf Futter

Also, wie so oft. Das Boot ist fit, wir sind fit, der Wind ist ebenfalls fit. Wie oft habe ich das geschrieben? Viel zu oft. Wir fahren gleich rüber nach Barcadera und klarieren aus.