Überfahrt nach Barbados Tag 9 – Wind, Windfahne und der erste Squall

Es könnte alles so schön ruhig sein, wenn da nicht die täglichen Reparaturen wären. Unser Windpilot will inzwischen zweimal am Tag Zuwendung durch den Schraubenschlüssel, es müssen immer wieder dieselben Schrauben nachgezogen werden. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Dennoch lassen wir es uns gut gehen, ich finde Zeit, in den Bugkorb zu klettern und ein Bild von Jens und Jakob im Cockpit anzufertigen. Was das Bild ganz schön zeigt ist, dass wir uns damit arrangiert haben, wenn sich unsere schwimmende Wohnung mal wieder deftig zur Seite neigt.

Am Abend sind Jakob und Jens gerade ins Bett gegangen, meine Wache beginnt. Nach wenigen Minuten sehe ich im Licht des Vollmondes eine riesige dunkle Wolke, die von hinten auf Sissi zugeflogen kommt. Ich schalte das Radar ein und ein riesiger oranger Fleck gibt mir recht. Dort kommt der erste Squall unserer Atlantiküberquerung heran gebraust. Ich reffe sofort die Genua, lasse nur noch einen Fetzen in der Größe eines Badehandtuchs stehen. Vorwarnzeit: Etwa fünf Minuten. Merke, bei einem Squall muss man sofort reffen.

Die Zeit reicht nicht mehr, mir noch Duschgel und ein Handtuch aus dem Bad zu holen, statt dessen verrammle ich den Niedergang und bleibe in T-Shirt und Unterhosen im Cockpit sitzen. Ich warte auf den Regenguss, den ein solcher Squall angeblich immer mit sich bringt. Angeblich. Tatsächlich teilt sich dieser erste Squall noch zwei Meilen hinter unserem Heck in zwei Zellen auf, von denen eine an Backbord und eine an Steuerbord an Sissi vorbei rast. Wir bleiben vorerst verschont. Der Wind geht dennoch auf 35 kn rauf, er bleibt auch nach dem Squall noch sehr böig.

Um Mitternacht wecke ich Jakob zu seiner Wache, da sind wir wieder mittten in einem Squall. Diesmal reicht die Regenmenge, um mir das Salz von der Haut zu spülen. Zu mehr leider auch nicht. Wieder klettert die Zahl auf dem Windmesser in ungeahnte Höhen, mal 35 kn, mal 40 kn. Das geht ab. Nach ein paar Minuten schiebt Jens die Luke auf und fragt, ob wir einen Squall haben. Der Windgenerator würde Resonanzen von den Ausmaßen eines Raketenstarts verursachen.

Am folgenden Morgen baue ich bei bestem Wetter gemeinsam mit Jens einen Teil der Windfahne ab, ersetze kurze Schrauben durch längere, die ich dann mit Muttern ordentlich kontern kann. Vielleicht ist das Problem jetzt ein und für alle Mal abgestellt. Wenn nicht, muss ich mir etwas Neues einfallen lassen. Es ist unglaublich, wie kreativ man auf einem Segelboot in der Mitte des Atlantik wird, wenn der nächste Baumarkt tausende Kilometer entfernt ist.

Wir müssen uns noch etwas einfallen lassen für den morgigen Tag. Heute oder morgen werden wir Bergfest feiern. Dann haben wir mehr Meilen im Kielwasser als vor dem Bug. Vielleicht opfern wir eine Dose heiligen Apfelwein für dieses göttliche Fest.

9. Etmal: 117 nm
Position um 12 Uhr: N15°43′ W40°49′
Noch 1104 Seemeilen bis nach Barbados, wir haben 982 Meilen hinter uns.

Bild aus dem Bugkorb

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