Ein Paket kommt an.

Heute gab es Post für uns. Wir konnten ein Paket in Empfang nehmen, das wir dringend erwartet haben. Leider war es nicht das Paket mit dem Watermaker, dafür ist der Inhalt ebenfalls absolut lebenswichtig für uns. Wir haben Post aus Frankfurt Bonames bekommen.

Der Absender. Jens Haase aus Bonames.

Wir möchten natürlich auch ein wenig mit dem Trend gehen, sich selbst beim Auspacken eines Pakets zu filmen. Das ist bei diesem besonderen Paket natürlich allererste Pflicht. Wir freuen uns schon darauf, den Inhalt zu verspeisen.

Post aus Frankfurt Bonames

An dieser Stelle noch einmal ganz herzlichen Dank an Jens Haase, der uns noch vor der Abfahrt angedroht hat, uns unterwegs zu verpflegen. Jede einzelne leckere Dose werden wir genießen!

Warten in Wales

Seit Vorgestern sind wir in Milford Haven in Wales. Milford ist eine kleine, hübsche Hafenstadt mit einer riesigen Marina. Wenn man in die Marina einfährt, meldet man sich über Funk an und bekommt nach kurzer Zeit einen Liegeplatz zugewiesen. Sehr schön, sehr gut organisiert und die Marina ist ausgezeichnet geschützt in einem alten Fischereihafen.

Milford Marina mit offenen Schleusentoren – Suchspiel: Wo ist Sissi?

Diesmal warten wir nicht auf den passenden Wind. Wir warten auf zwei Pakete, die wir schon vor einer Weile hierher haben schicken lassen. Im Marinabüro liegen ganz viele Pakete für Segler, die die Marina als Poststation nutzen. Das ist der Hauptgrund, warum wir Sissi nach Milford gelenkt haben. Da wir die Wartezeit anständig nutzen, haben wir Sissi mal wieder eine Rundum-Wartung verpasst. Während ich die Toilette frisch gefettet und den Innenraum gereinigt habe, saß Jens an Deck und hat einige Risse in der Genua geflickt.

DIe Genua muss genäht werden.

Dann wäre da noch unser Watermaker. Auf der Nordsee haben wir festgestellt, dass er Salzwasser in den Maschinenraum gießt. Wir haben dann über den Händler, bei dem wir den Watermaker erworben haben, eine Ersatzlieferung erreichen können. So weit, so gut. Der Hersteller in Italien hat das Ersatzteil auch rechtzeitig von DHL abholen lassen, deswegen war unser Plan, das Ersatzteil hier auf uns warten zu lassen. Nur haben wir die Rechnung ohne den Paketdienst gemacht. Der Engländer würde sowas wie “I’m not fully satiesfied” sagen, der Schotte oder Ire würde irgendwas mit “fucking” herausbringen.

DHL “Express”

Es ist mir unklar, wie DHL in Italien eine für Großbritannien bestimmte Lieferung nach Athen schicken konnte. Es ist mir aber genau so unklar, warum DHL in Athen diese Lieferung nicht einfach nach Großbritannien geschickt hat, sondern wieder zurück nach Bologna. Heute früh stellten wir erfreut fest, dass das Ersatzteil inzwischen in Bristol angekommen ist, nur noch zweieinhalb Autostunden von Milford Haven entfernt. Vielleicht mieten wir uns morgen ein Auto und holen das Teil selbst ab… Bislang gibt es jedenfalls noch kein angekündigtes Lieferdatum.

Außer den Reparaturen machen wir noch die Dinge, die wir gerne tun. Essen! Für heute Abend sind beim Fischer zwei feine Lobster bestellt. Die kosten hier zwar etwas mehr als auf Islay (15 Pfund für die mittlere Größe), dafür sind sie aber genau so frisch. Da freuen wir uns schon drauf.

Morgen wollen wir frischen Fisch hier beim örtlichen Fischhändler kaufen. Ein Stegnachbar hat uns erklärt, dass es unglaublich schwer ist, in Großbritannien frischen Fisch zu kaufen. 99% des Fangs würden in den Süden geschickt und kämen als rechteckige, in Plastik verpackte Pakete zurück. Die britischen Hausfrauen hätten verlernt, komplette Fische zuzubereiten. Deswegen konnten wir uns auch seit Schottland nicht mehr mit frischem Fisch versorgen.

Delphine begleiten Sissi ein Stück des Wegs

Ebenfalls frischen Fisch mögen die Reisebegleiter, die wir auf dem Weg nach Milford hatten. Blöderweise habe ich gerade geschlafen, aber Jens konnte ein Video von den Delphinen drehen, die uns über eine Viertelstunde begleitet haben.

Leiterchen und ein neuer Fernseher zum Auswärtssieg

Es ist überhaupt nicht lustig. Es schwimmt hier jede Menge Mist im Wasser herum. Alte Fußbälle, Müllsäcke und leere Flaschen schwimmen in der Marina herum. Was wir heute gesehen haben, krönt das Ganze.

Jens und ich warteten auf den Beginn der Übertragung des Spiels der SGE gegen Flora Tallinn. Der Grill lief auf Hochtouren, innen brutzelten die Leiterchen, die wir gestern beim Metzger geholt haben. Der Duft des gegrillten Fleischs mit der leckeren, selbst gemachten Marinade zog durch das Innere des Schiffs. Auf dem Tisch standen zwei Gerippte, gefüllt mit dem leckeren, streng rationierten Äppler aus der Heimat.

Fang des Tages…

Plötzlich sahen wir einen großen Gegenstand in der Hafeneinfahrt treiben. Der Gegenstand kam näher und entpuppte sich als Fernseher. Jens schnappte sich den Bootshaken, um die Glotze zu angeln. Das war letztendlich aber nicht nötig, denn der Fernseher trieb an einen der Stege, als wolle er in der Marina festmachen.

Der neue Fernseher – ein Sanyo

Den neuen Fernseher müssen wir nur noch gründlich mit Süßwasser spülen und danach trocknen, dann können wir darauf den Auswärtssieg unserer Eintracht ansehen. Zuerst kommen jedoch die Leiterchen dran, die wir vor dem Anpfiff genossen haben. Damit die Vitamine nicht zu kurz kommen, wurden ein paar Maiskolben in gesalzener Butter angebraten und dazu gelegt. Lecker!

Anschließend wurde der PC angekurbelt und Eintracht TV geschaut. Der Stream hat sich zwar verknotet, trotzdem konnten wir uns am 1:2 Auswärtssieg erfreuen. Selbstverständlich haben wir Sissi entsprechend geflaggt.

Der Eintracht-Schal flattert neben der irischen Gastlandflagge

Das war heute ein wohl gelungener Heimatabend. Prost Eintracht!

Unfall in Arklow

Jens hatte einen bösen Unfall mit der Schiffschraube. Oder so ähnlich… Jetzt erkenne ich ihn kaum wieder. Zuerst dachte ich, wir hätten einen blinden Passagier an Bord. Das Gesicht unter dem Bart habe ich zuletzt vor Jahren gesehen.

Zu nah an der Schraube getaucht – der Bart ist ab.

Derzeit warten wir noch in Arklow auf den passenden Wind, um nach Wales rüber zu fahren. Der soll morgen kommen, wie uns verschiedene Wetterdienste voraussagen. Also werden wir die Zeit nutzen, gestern haben wir beim Metzger leckere Leiterchen eingekauft und mariniert. Die werden heute gegrillt, da freuen wir uns drauf.

Auf jeden Fall sind wir glücklich, dass wir den weiten Weg über Schottland genommen haben und nicht durch den englischen Kanal gefahren sind. Aus Deutschland hören wir ständig von Temperaturen um die 40°C, genau so ist es in Frankreich. Hier in Irland stöhnen die Leute über die Hitzewelle, es sind aber nur 22°C.

Hitze in ganz Europa – außer in Irland

Außerdem beginnt heute die neue Fußball-Saison, unsere Eintracht hat ihr erstes Qualifikationsspiel für die Europaleague. Also werden wir das Abonnement von Eintracht-TV in Anspruch nehmen und uns das Spiel reinziehen. Da wir das erst nach dem Abpfiff tun können, werden wir die Telefone ausschalten, damit uns niemand das Ergebnis im Vorhinein mitteilen kann. Ich hoffe, das Ergebnis wird auch nicht auf der Homepage von Eintracht-TV angezeigt. Forza SGE!!!

Duschen, dank dem Diesel

In Wicklow war es schwülwarm und weitestgehend windstill. Außerdem entsprachen die dort nicht vorhandenen Duschen keinesfalls unseren Vorstellungen. Wenn wir schon für die Übernachtung bezahlen müssen, dann wollen wir auch Duschen haben.

Also beschlossen wir, die Tide zu nutzen und die 10 Meilen nach Arklow mit dem Motor zurückzulegen.

AIS Bild mit fünf Leuchttürmen bzw. Tonnen und einem schnellen Frachtschiff

Südlich von Wicklow befinden sich einige Steine unter Wasser, außerdem ist einige Meilen vor der Küste noch eine längere Sandbank. Mit der richtigen Ausrüstung ist es heutzutage bei jedem Wetter möglich, die entsprechenden Seezeichen zu sehen. Unser AIS stellt jedenfalls die Tonnen wunderschön dar. Außerdem sieht man ein schnelles Frachtschiff, das außerhalb der Sandbank unterwegs ist.

Auch in der Einfahrt von Dublin waren die wichtigen Tonnen alle mit AIS ausgestattet. Die Iren sind hier sehr konsequent. In Schottland gab es auch gelegentlich AIS-Tonnen, sie sind dort jedoch wesentlich seltener.

Nach gut zwei Stunden war die Reise schon wieder beendet. Wir liefen in die Marina in Arklow ein und konnten bald die erfrischende Dusche genießen.

Brandaktuell – Bericht aus der Bordküche

In Dublin haben wir uns bei einem Family Butcher ein Kilo Gulasch vakumieren lassen. In Wicklow geht Jens an die Zubereitung. Er bringt den Topf auf große Hitze, fügt das Öl zum Anbraten hinzu, öffnet die Vakuumverpackung und wirft das Fleisch in den Topf. Dann höre ich nur einen Ruf “Scheeeiiiiiiiße!!!!!”. In der Verpackung hat sich noch eine zweite Plastiktüte befunden, die der Metzger zum Abwiegen des Fleischs verwendet hat. Die schmeckt angebraten natürlich besonders lecker.

Zweiter Versuch – ohne leckeres Polyäthylen

Jens konnte unter Einsatz seines Lebens das gute Fleisch retten, musste den Topf ordentlich schrubben und nun riecht der zweite Versuch echt lecker. Ich freue mich auf das Gulasch. Ein kleines Gulasch-Quiz für die Wartezeit habe ich im Postillon gefunden.

Action

Fahrtensegler sind faules Pack. Sie liegen meist im Hafen herum und entspannen sich. Fahren sie dann doch einmal los, wollen sie möglichst wenig dabei arbeiten. Die entspannendsten Kurse sind Vorwindkurse bei moderater Welle. Da kommen die Segel am Morgen hoch und werden am übernächsten Tag an einem völlig anderen Ort wieder herunter genommen.

Sieben Wenden auf dem Weg nach Wicklow

Das Gegenteil sind Amwindkurse. Der Wind kracht von vorne auf das Boot, es muss sich in die Wellen stürzen und alle paar Minuten müssen die Segler arbeiten, weil der Kurs eine Wende will. Anstrengend.

Am Wind fahren ist anstrengend.

Nach nur sechs Stunden am Wind waren wir fertig und mussten uns in Wicklow aufs Ohr hauen. Wir sind das nicht (mehr) gewöhnt. Wir sind so schnell ins Bett gefallen, dass wir nicht einmal mehr großartig vom Anlegerbier wollten.

Nacht

Es ist Mitternacht. Wir sind auf dem Weg von Douglas nach Dublin. Jens hat mich vor ein paar Minuten geweckt, ich habe die zweite Wache. Der Wind bläst mit vier bis fünf Windstärken und Sissi läuft unter Vollzeug, es sind also beide Segel in voller Größe gesetzt. Wie so oft beim Segeln kommt der Wind aus der Richtung, in die wir fahren wollen, also müssen wir aufkreuzen. Das verlängert den Weg, ist aber um viele Größenordnungen besser als Motorfahrt.

Douglas haben wir gegen Mittag verlassen, damit sind wir schon zwölf Stunden unterwegs und haben etwa die Hälfte der Strecke hinter uns. Der Mond ist vor kurzem aufgegangen und taucht die irische See in sein blasses Licht. Das Tauwerk knarzt, hin und wieder flattern die Segel. Sonst höre ich nur das Zischen des Rumpfs durch das dunkle Wasser. Die Wellen sind sehr angenehm und Sissi schaukelt leicht. Alleine sind wir nicht, in der Ferne kann ich Lichter von Frachtschiffen und Fischerbooten sehen. Trotzdem sind wir am einsamsten Ort der Welt – 30 Meilen von Irland und 30 Meilen von der Isle of Man entfernt, zwar mitten in Europa, doch unser Kosmos ist auf die 12 Meter Schiffslänge von Sissi begrenzt.

Ich schalte das Radio ein. Wir sind zu weit von der Küste entfernt, um einen Sender empfangen zu können. Aus unserer Musikbibliothek wähle ich ein paar Platten von Udo Lindenberg aus, die mir die Nacht verkürzen sollen. Zwischendurch schaue ich immer wieder nach anderen Schiffen, der Segelstellung und dem Wind. Wir machen eine gute Fahrt von knapp sechs Knoten über Grund, dabei hilft der Tidestrom ein wenig mit. Trotz der frühen Stunde fühle ich mich frisch und ausgeruht, dabei habe ich kaum geschlafen.

Meine Gedanken schweifen wild in der Weltgeschichte herum. Wie wird die Fahrt über die Biskaya sein, wie wird die Überquerung des Atlantik? Was erwartet uns in den nächsten Tagen und Wochen? Kurz darauf lande ich wieder in der Gegenwart, das AIS vermeldet einen Fischer auf Kollisionskurs. Kurz überlege ich, ihn über Funk anzusprechen, dann ändert er wieder seinen Kurs. Seit Schottland haben wir keinen Fisch mehr gegessen, ich bekomme Lust auf Fisch. Um die Angel auszuwerfen, sind wir viel zu schnell. Bei unserer Geschwindigkeit beißt kein Fisch mehr an.

Udo Lindenberg singt über den Horizont, hinter dem es weiter geht. Dort wollen wir hin! Schon um drei Uhr zeigt sich die erste Morgendämmerung, kurze Zeit später schläft der Wind ein. Ich rolle die Genua ein, ziehe das Großsegel dicht und wir treiben nur noch in den Wellen. Der Wind hält sich ausnahmsweise an die Wettervorhersage, es regnet nicht und das Mondlicht ist noch über dem Meer zu erahnen. Ich koche eine Kanne Kaffee, warte auf den vorhergesagten Winddreher. In der Flaute herumdümpeln geht aufs Gemüt. Die Fallen schlagen, Sissi macht unangenehme Bewegungen, es fühlt sich einfach nicht gut an. Ich will der Versuchung widerstehen, wie auf einem Chartertörn den Motor anzuwerfen. Das können wir auf dem weiten Atlantik auch nicht.

Nach einer Dreiviertelstunde setzt der Wind wieder ein, diesmal aus einer günstigen Richtung. Wir können direkt auf Dublin zuhalten. Ich rolle die Genua wieder aus, wir gewinnen an Geschwindigkeit. Das Kielwasser gluckert wieder, der Rumpf zischt durch die Wellen. Wir sind auf Halbwindkurs, schneller kann man mit einem Segelboot nicht unterwegs sein. Auf dem Kartenplotter kann ich sehen, wie die Meilen zum Ziel zusammen schnurren. Wir fahren inzwischen mit über sieben Knoten auf Dublin zu.

Gegen halb Acht am Morgen wecke ich Jens, inzwischen bin ich müde und möchte auch ein paar Stunden schlafen. Jens freut sich über den Kaffee und dass ich ihm genug davon übrig gelassen habe. Zwei Möwen lieferten sich in unserem Cockpit einen kleinen Kampf und haben auf unsere Solarzellen geschissen und gekotzt. Das sieht ein wenig eklig aus, wir müssen es unbedingt wegmachen. Leichter Regen hat eingesetzt. Wir haben nur noch ein paar Meilen bis zur Einfahrt in die Dublin Bay vor uns.

Ich liebe diese Nachtfahrten, sie haben einen ganz besonderen Zauber. Besonders dann, wenn der Motor nicht läuft und das Wetter so schön ist. Es gibt keine schönere Art der Fortbewegung, als auf einem Segelboot bei Nacht.

Auf zu neuen Ufern! Auf zur Isle of Man!

Ich bin mit dem Blog fast zwei Länder im Rückstand, deswegen kommt jetzt ein längerer Beitrag. Diesen Beitrag schreibe ich in Douglas, der Hauptstadt der Isle of Man, am Vorabend unserer Abreise von dort. Im Backofen backt noch ein neues Brot. So lange das nicht fertig ist, kann ich an diesem Beitrag schreiben.

Nach einem nur 24-stündigen Aufenthalt flüchteten wir quasi aus Belfast. Obwohl wir aus Frankfurt am Main kommen, hat uns die lediglich halb so große Stadt komplett umgehauen. So viele Menschen, so viele Autos, so viel Lärm und so viel Dreck in der Luft. Wenn man wochenlang nur reinste Seeluft und den Duft der Highlands atmen darf, ist das Gewusel und der Trubel einer Großstadt die wahre Hölle.

Also füllten wir ganz schnell die Bestände an frischen Waren im Kühlschrank auf, duschten noch einmal in der sehr, sehr guten Marinadusche und legten uns ein paar Stunden aufs Ohr. Gegen Mitternacht war es dann soweit, wir starteten den Motor und verließen die Marina. Bei der Ausfahrt aus der Marina kam uns im Hafen die Ben-My-Cree entgegen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass es eine Fähre von der Isle of Man war, es war lediglich ein Riesenpott, der auf uns zu kam und dann noch im Hafenbecken drehte.

Nach dem Verlassen des betonnten Kanals stellte sich alsbald ein ordentlicher Segelwind ein, so dass wir den Motor abschalten konnten. Das war für mich die Zeit, ein ausgiebiges Nickerchen zu nehmen, Jens hatte die erste Wache. Die Wellen waren sehr unangenehm und haben uns immer schräg von hinten geschoben, das bei vielleicht zwei Metern Wellenhöhe. So richtig kann ich das nicht abschätzen, es können auch drei oder vier Meter gewesen sein, ich will aber nicht prahlen.

Der Tidestrom half uns ein wenig bei der Geschwindigkeit, doch als ich Jens dann irgendwann am Morgen ablöste, waren wir nicht besonders weit voran gekommen. Das war nicht so gut, denn wir wollten die Nordspitze der Isle of Man noch erreichen, bevor der Strom kippt. Dort ist dann nämlich eine unangenehme und starke Gegenströmung.

Point of Ayre Lighthouse
Point of Ayre Lighthouse

Dann verließ uns auch noch der Wind. Trotz schneller, durch den Strom unterstützter Motorfahrt erreichten wir die Nordspitze etwa eine Stunde zu spät. Onkel Benz wühlte mit seinen 94 Pferdestärken das Wasser auf, dennoch fuhren wir kaum noch mehr als zwei bis drei Knoten über Grund. Die Gegenströmung hatte etwa drei bis vier Knoten und unangenehme Wellen und kreisförmige Ströme verlangten sogar von mir, den Autopiloten auszuschalten und das Schiff von Hand zu steuern. Jens hatte seinen Spaß dabei, in dieser Situation den Leuchtturm an der Nordspitze zu fotografieren.

Nach einer knappen Stunde war der Spuk zum Glück vorbei, Sissi fuhr wieder mit dem Autopiloten und auch der Gegenstrom war auf ein vernünftiges Maß geschrumpft. Nur noch ein bis eineinhalb Knoten strömten uns entgegen. Doch welcher Strom soll zwei Frankfurter auf dem Weg in den nächsten Pub aufhalten?

Noch ein Leuchtturm auf der Isle auf Man

Den nächsten Leuchtturm konnte ich damit selbst fotografieren. Nebenbei versuchten wir noch, ein mehr Informationen über den kommenden Hafen aus dem Internet zu saugen, als der Reeds Nautical Almanach zur Verfügung stellt.

Das Internet verweigerte aber die Mitarbeit. Das Datenvolumen, das wir in Peterhead gekauft haben, ist nur innerhalb des United Kingdom funktionsfähig. Die Isle of Man gehört aber nicht dazu, sie ist Besitz der Krone – wie zum Beispiel auch die Kanalinseln. Dafür meldeten die Handys, dass wir normale EU-Konditionen haben, also kostenloses Roaming. Wir reaktivierten eine alte Datenkarte aus Deutschland und siehe da, das Internet wollte wieder mit uns sprechen.

Einfahrt zur Marina von Douglas

Zum Beispiel kamen wir auf diese Weise an die Information, dass wir nicht in die Marina einlaufen können. Jedenfalls nicht vor 21 Uhr. Wir mussten an den Wartepontoon fahren, an dem nach Angaben des Reeds bis zu 18 Boote Platz finden. Mit viel gutem Willen passen da drei Segelboote hintereinander dran. Da ein größeres englisches Boot schon am Pontoon lag und einige Fischer ihre kleinen Motorboote am anderen Ende festgemacht hatten, musste Jens Sissi in eine ca. 14 Meter lange Parklücke steuern. Zur Erinnerung: Sissi ist vom Anker bis zur Windfahnensteuerung etwa 13 Meter lang. Es klappte hervorragend, der Hafenmeister lobte Jens für das Anlegemanöver. Dann mussten Formulare ausgefüllt werden und wir durften noch gut sechs Stunden darauf warten, dass in der Einfahrt zur Marina genug Wasser ist.

Päckchenbildung am Wartepontoon

In der Zwischenzeit sammelten sich mehr und mehr Segelboote am Wartepontoon. Wenn es nicht hintereinander geht, legt man die Boote halt nebeneinander. Bei uns machte die Steel Pulse fest, ein schönes Segelboot aus Bangor, Nordirland. Es entspann sich ein lockeres Gespräch – wir waren uns sicher, mit den beiden nicht zum letzten Mal gesprochen zu haben.

Endlich ging dann um 21:15 Uhr die Brücke auf, wir konnten in den Hafen fahren. Dort machten wir am Pontoon fest und fielen nach der langen Nacht ziemlich schnell in unsere Betten.

Douglas Marina bei Nacht

Am nächsten Tag ging es dann los, die Insel zu erkunden. Dafür kauften wir uns eine Dreitageskarte für den ÖPNV. Für lediglich 34 Pfund kann man drei Tage lang alle, wirklich alle Öffis auf der Insel benutzen. Die Dampfeisenbahn, die elektrische Eisenbahn, die Bergbahn, die Pferdebahn und natürlich alle Busse. Das ist praktisch und rechnet sich schnell. Und die Öffis sind nicht nur ein Feigenblatt, mit den Bussen kommt man alle Viertelstunde praktisch überall auf der Insel hin. Leider war die Pferdebahn wegen Bauarbeiten außer Betrieb, ich bin noch nie mit einer 1-PS-Straßenbahn unterwegs gewesen.

In der Manx Electric Railway

Die im 19. Jahrhundert eröffnete elektrische Eisenbahn fährt noch mit alten Fahrzeugen aus der Gründerzeit und ist damit sehr gut anzusehen. Die alten Wagen mit ihren Holzaufbauten verwinden sich deutlich, wenn die Züge über die ausgeleierten Gleise schaukeln. Es knarzt und knackt im Gebälk, dafür trötet der Fahrer mit seiner Presslufthupe an jeder Kreuzung noch sein Liedchen dazu.

Wagen 32 in Fairy Cottage

Es gibt geschlossene und offene Triebwagen, die mitgeführten Anhänger waren allesamt offene Sommerwagen.

Laxey Station

Laxey ist so etwas wie eine “zentrale” Umsteigestation. Hier kann man von der normalen Eisenbahn (rechts im Bild) auf die Bergbahn, die Snaefell Mountain Tramway, umsteigen (links im Bild) und auf den höchsten Berg der Insel fahren. Das haben wir natürlich gemacht.

Auf 2000 Fuß Höhe – die Bergstation

Kaum zu glauben, das sich bislang von der Isle of Man nur das Motorradrennen kannte. Ich habe ein paar Videos der Bahnen gemacht und noch einige Fotos auf Lager. Die Videos wollen noch geschnitten werden, dafür brauche ich einen oder zwei Seetage. und hinterher anständiges Internet für den Upload.

Jetzt kommt es erst einmal zu einem Download, das Brot muss aus dem Ofen. Danach gehen wir ins Bett, denn morgen müssen wir zeitig aufstehen. Wir brauche noch Vorräte aus dem Supermarkt, dann dürfen wir die Brückenöffnung nicht verpassen. Den Hafen können wir nämlich nur innerhalb des Zeitfensters von zwei Stunden vor Hochwasser bis zwei Stunden nach Hochwasser verlassen. Sonst sitzen wir bis zur nächsten Tide fest.

Leinen los!

Und Sissi bewegt sich doch noch. Wir haben es geschafft, uns von der Insel Islay zu lösen. Das war jedoch nicht leicht, wir hätten gut und gerne noch länger bleiben können. Islay gehört zu den schönsten Orten, wie wir bislang gesehen haben.

Zuerst haben wir den Liegeplatz für drei Nächte bezahlt, weil wir am vierten Tag mit Wind gerechnet haben. Dann bezahlten wir noch zwei Nächte, denn die Windvorhersage war mau. Dann kam noch eine Nacht dazu, der Hafenmeister, Ian Montgomery, begann zu lachen.

Er erzählte mir, dass er Freitags immer Besuch von einer Frau bekäme, die ihm frisch geräucherten Lachs bringt. Ob wir gegen Mittag noch da wären, wollte er wissen. Aufgrund der Tide wollten wir gegen Mittag abfahren, das passte also irgendwie. Ich meinte, er solle die Fischverkäuferin zu uns schicken, frischen Fisch lehnen wir nie ab.

Abschiedsgruß von Islay
Um die Mittagszeit, wir hatten schon die meisten Leinen verstaut und Sissi seeklar gemacht, kam Ian mit dem Auto an den Steg gefahren und trug ein kleines Päckchen in seinen Händen. Er drückte es mir in die Hand, lehnte eine Bezahlung ab und meinte, das sei ein Geschenk von ihm an uns. Lag es daran, dass wir ihn mit frischem, selbst gebackenem Schokoladenkuchen bestochen haben? Lag es daran, dass wir immer nett und freundlich zu ihm waren? Oder lag es daran, dass er sich darüber gefreut hat, dass wir endlich, endlich die Marina verlassen? Ich schiebe es mal auf den Schokoladenkuchen… So hatten wir plötzlich zwei große Portionen Räucherlachs, den wir sofort auf unser eigenes Brot warfen. Lecker! Geruchlich hat der Lachs auch sofort die Herrschaft über den Kühlschrank übernommen – das riecht deutlich besser, als wenn der französische Rohmilchcamembert regiert.

Wir verlassen Port Ellen

Bei allerschönstem Wetter, es regnete nämlich nicht, steuerten wir Sissi gen Süden. Der Wind hat sich an die Vorhersage gehalten und blies mit drei bis vier Windstärken aus Nordwest, die Genua war prall gefüllt und das schottische Lokalradio spielte Countrymusik. Die Schotten stehen auf Countrymusik.

Bald wurden wir vom Tidestrom erfasst, die GPS-Logge zeigte irgendwann Geschwindigkeiten von knapp 8 Knoten, drei davon gingen auf die Tide. Eine herrliche, angenehme Ruhe stellte sich ein. Wir waren beide froh, endlich wieder unterwegs zu sein. Islay ist eine wirklich klebrige Insel.

Nach etwa 60 gesegelten Seemeilen verließ uns der Wind bei der Einfahrt in die Bucht von Belfast. So kurbelten wir den Motor an und hielten Kurs auf den wichtigsten, größten und belebtesten Hafen Nordirlands. Wir schnupperten die uns umgebende Luft und statt nach Seetang, Algen, Meerwasser oder der Mälzerei von Port Ellen roch es nach Staub, Industrie und Straßenverkehr. Wir konnten in der Dunkelheit die Autobahn sehen, der Verkehr trat trotz unseres laufenden Motors akustisch in den Vordergrund.

Die spinnen, die Iren
Belfast hat einen riesigen Hafen mit einer Unzahl von Schiffsbewegungen jeden Tag. Ganz am Ende des Hafenbeckens, befindet sich die Marina. Mit dem Segelboot da hinein zu fahren ist etwa, als wäre man mit dem Fahrrad zu einer Autobahnraststätte unterwegs. Alle anderen Schiffe sind größer, schneller und viel, viel schwerer. Der Hafenlotse kam uns mit 25 kn entgegen und lotste einen Frachter ins Hafenbecken. Selbstverständlich überholte uns der Frachter an der engsten Stelle. Über Funk wurde ein Riesenbohei darum gemacht, letztendlich hätte aber die Titanic noch zwischen den Frachter und Sissi gepasst.

Am Ende waren wir morgens um zwei Uhr wohlbehalten in der Marina, mitten in einem Neubaugebiet – dem Titanic Quarter. Dort wurde vor über 100 Jahren die Titanic auf Kiel gelegt. Heute strömen die Touristen durch die ehemaligen Docks.

Sissi im Titanic Quarter – Belfast Marina

Müde und abgekämpft gönnten wir uns noch ein Anlegerbier und freuten uns darüber, das nächste Land besuchen zu können.